Prinz Harry hat geweint

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Der Prinz weinte. Während die Fotografen aus aller Welt ein Foto nach dem anderen schossen, liefen Harry die Tränen über die Wangen und er ließ sie laufen. Prinz Harry war im Sommer 2014 zur Fußball-WM nach Brasilien gereist und hatte dort auch eine Organisation besucht, die sich um vernachlässigte Kinder kümmert. Da hatte er diese beiden Mädchen getroffen, die ihm erzählten, dass ihre Eltern gestorben waren, als sie noch sehr klein waren. Und der Prinz weinte. Damals konnte er noch nicht offen darüber sprechen, dass ihn nicht nur das Schicksal der beiden Mädchen so berührt hatte, sondern auch sein eigenes.

Drei Jahre später, im April 2017, brach Harry ein weiteres Tabu. Der 32-Jährige gab ein halbstündiges Interview, in dem er berichtete, wie sehr er unter dem Tod seiner Mutter gelitten habe – und dennoch nie darüber gesprochen hatte. Harry war zwölf, als Diana 1997 unter den bekannten dramatischen Umständen bei einem Autounfall ums Leben kam. Zwanzig Jahre lang habe er „alle Gefühle unterdrückt“, erzählte ihr jüngster Sohn nun dem Telegraph. „Meine Strategie war, den Kopf in den Sand zu stecken und mich zu weigern, an meine Mutter zu denken. Denn was würde das schon helfen?“

Mit 28 aber habe er gespürt, dass er etwas tun müsse. Er sei immer wieder „kurz vorm totalen Zusammenbruch“ gewesen, und außerdem „kurz davor, jemanden zu schlagen“. Wir erinnern uns an die Schlagzeilen der letzten Jahre vom „Rüpel-Prinzen“, der auf wüsten Partys in Nazi-Uniform oder nackt auf einem Billardtisch abgelichtet wurde.

"Jetzt weiß ich, wie wertvoll
es ist, über Probleme zu sprechen."

Und jetzt spricht Harry in aller Öffentlichkeit darüber, wie er sich Hilfe gesucht und endlich über den so lang verdrängten Schmerz gesprochen hatte. „Jetzt“, offenbarte der Prinz, „weiß ich, wie wertvoll es ist, über deine Probleme zu sprechen. Das einzige, was passiert, wenn man es nicht tut, ist: Es wird schlimmer. Und zwar nicht nur für dich selbst, sondern auch für alle anderen um dich herum, denn für die wirst du zum Problem.“

Diese Sätze würde Jack Urwin wohl auf der Stelle unterschreiben. Der erst 25-jährige Journalismus-Student hat sogar ein ganzes Buch über das Problem der verdrängten Männergefühle geschrieben. Es heißt „Boys Don’t Cry“ und ist ein Appell an seine Geschlechtsgenossen. Er lautet, kurz gesagt: Sprecht! Endlich! Über! Eure! Gefühle!

Jack hat auch nicht gesprochen, über zehn Jahre lang hat er seinen Schmerz eingekapselt, so dass er ihn nicht mehr spürte. Dachte er. Bis er ihn umso heftiger einholte.

Jack war neun, als sein Vater in der englischen Industriestadt Loughborough an einem Herzinfarkt starb. „Wie geht’s dir, Dad?“ hatte der Junge den Vater gefragt, nachdem der schon seit ein paar Tagen wegen einer Grippe nicht zur Arbeit gegangen war. „Besser“, sagte der. Dann ging er ins Badezimmer und brach zusammen.

Als der Krankenwagen kommt, wird Jack mit seinen beiden Geschwistern zu den Nachbarn geschickt. Als sie wieder ins Haus dürfen, liegt der Vater tot auf dem Küchenboden, auf seiner Brust schnurrt Kater Whisper. Vater Urwin ist nur 51 Jahre alt geworden.

Entscheidendes Element der toxischen Männlichkeit: Verdrängung

Bei der Obduktion entdecken die Ärzte Narbengewebe, das zeigte, dass er schon einmal einen Herzinfarkt gehabt hatte. Kurz darauf findet die Mutter in Manteltaschen und Aktenkoffern nicht verschreibungspflichtige Herzmedikamente. Jacks Vater hatte also gewusst, wie es um ihn stand. Aber er hatte mit niemandem aus der Familie darüber geredet. Und „Brustschmerzen, die tödlich sein könnten, waren für ihn offenbar auch kein Grund, zum Arzt zu gehen“, stellt der Sohn bitter fest. Was seinen Vater getötet hat, sagt Jack Urwin, ist nicht der Herzinfarkt. Denn der hätte sich wahrscheinlich verhindern lassen, hätte nicht noch etwas anderes sein tödliches Gift verströmt: Urwin nennt es „toxische Männlichkeit“.

Das entscheidende Element der toxi­schen Männlichkeit ist die Verdrängung von Gefühlen. Stattdessen: Gegröhle, Gesaufe, Gewalt. Doch die Emotionen brechen sich irgendwann Bahn. Die zwei häufigsten Todesursachen britischer Männer unter 35 sind Selbstmorde und Autounfälle.

Auch der kleine Jack verdrängte wie ein Weltmeister. Er wurde zum Klassenclown. Ein paar Monate nach dem Tod seines ­Vaters wird er in der Schule als „witzigster Schüler“ ausgezeichnet. „Meine Trauer in etwas umzulenken, was andere zum Lachen brachte, war viel besser, als mehrmals am Tag weinend zusammenzubrechen – was ich eigentlich viel lieber gemacht und was mir sicher gut getan hätte.“ Mit 13 kippt Jack in eine Depression. Er ritzt sich die Oberarme, da, wo es unter dem T-Shirt niemand sieht. Die Beziehung zu seiner Freundin geht in die Brüche, weil er nicht spricht.

Jack erkennt: „Gott, ich mache denselben Scheiß wie mein Vater!“ Und er begreift: Auch sein Vater – ein kluger Mann, Chemiker und Mensa-Mitglied – hatte das Gift der Gefühlsverdrängung von seinem Vater übernommen. Jacks Großvater war aus dem Zweiten Weltkrieg als psychisches Wrack wiedergekommen und „zu nicht mehr viel in der Lage außer zu trinken“. Der Enkel stellt fest: „Es ist ein vererbtes Leiden: Männer werden von Männern aufgezogen, die emotional nicht kommunizieren können; die Symptome, die wir heute als PTBS – Posttraumatische Belastungsstörung – kennen, sind zum Synonym für Männlichkeit geworden. Wenn man mal darüber nachdenkt, ist das alles total beschissen.“

Als Jack begreift, dass er dabei ist, die toxische Schweigespirale fortzusetzen, schreibt er seine Gedanken auf, der Text erscheint beim Online-Magazin Vice. Sein Titel: „A Stiff Upper Lip Is Killing British Men“. Die steife Oberlippe – das typisch britische Symbol für Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung – bringt britische Männer um. Jack Urwins Artikel schlägt ein wie eine Bombe. Noch am Tag der Veröffentlichung wird er Zigtausend Mal geteilt. Und noch am selben Abend bekommt der 22-jährige Journalismus-Student auf Twitter eine Nachricht von Laurie Penny. Die britische Feministin schreibt: „Dein Artikel ist fantastisch, daraus musst du ein Buch machen!“ Das tut Jack Urwin.

"Mein Vater wurde Opfer seiner Hyper-Maskulinität"

Aufgehängt an seiner persönlichen Geschichte, zeigt er in „Boys Don’t Cry“ die Auswüchse „toxischer Männlichkeit“ auf: von an Kommunikationslosigkeit gescheiterten Beziehungen über Homophobie bis Häusliche Gewalt und Rape Culture.

Der 25-Jährige weiß, dass seine Gedanken nicht nagelneu sind, sondern seit Jahrzehnten Teil des feministischen Kanons. Aber gerade sein ganz persönlicher und erfrischend unakademischer Zugriff macht den Charme seiner Konstruktion-von-Männlichkeit-für-­An­fän­ger-Analyse aus. Und die Tatsache, dass es ihm ernst ist, verdammt ernst. Schließlich ist sein Vater „Opfer seiner eigenen Hypermaskulinität geworden“, sagt sein Sohn, der es selber fast geworden wäre und es jetzt besser machen will. Und er will, dass es auch andere Männer besser machen. „Solange wir uns nicht mit unserer Unfähigkeit uns zu öffnen befassen, sterben wir früh und unnötig und zerstören die Beziehungen, die wir haben, solange wir auf der Welt sind,“ sagt Jack Urwin und endet mit einem ­Appell: „An alle Männer, die das hier lesen: Ich fordere euch auf, eure Prioritäten zu überdenken. Ihr erkennt hoffentlich, wie sinnlos es ist, so viel zu riskieren, um sich männlicher zu fühlen – wenn nicht um euret­willen, dann für eure Partner*innen, Familien und Freund*innen. Ihr dürft Augenblicke der ‚Schwäche‘ – wie unsere Kultur sie vielleicht nennt – haben, ja, ihr solltet euch darüber freuen, denn die ­Erfahrung zeigt, dass man oft stärker denn je daraus hervorgeht.“

Diese Worte würde wiederum Prinz Harry wohl auf der Stelle unterschreiben. Gemeinsam mit seinem Bruder William und dessen Frau Kate unterstützt er die Dachorganisation „Heads Together“. Die Organisation will Menschen ermutigen, über ihre psychischen Probleme zu sprechen.

Gespräch über psychische Nöte - Zeitenwende bei der Royal Family?

Harrys älterer Bruder sprach im April 2017 in einem Skype-Interview mit Lady Gaga ebenfalls darüber, wie wichtig es sei, seine seelischen Nöte nicht in sich zu ­vergraben. Lady Gaga hatte schon im vergangenen Jahr offenbart, nach einer Vergewaltigung als 19-Jährige noch heute unter Depressionen und Angstzuständen zu leiden. Der Kensington-Palast veröffentlichte das Gespräch.

Damit scheint in der Royal Family eine Zeitenwende eingeläutet. Nach dem Gespräch erklärte William, wie gefährlich die „Stiff Upper Lip“ für die psychische Gesundheit sein könne. „Meine Kinder“, sagte der Prinz, „dürfen ihre Gefühle offen zeigen.“ Das lässt hoffen für die kleine Charlotte und vor allem für den dreijährigen George. Und hoffentlich auch für viele andere Jungen und Männer – nicht nur britische. 

Chantal Louis

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Jack Urwin: "Boys don't cry" (Edition Nautilus, 16,90€) Ü: Elvira Willems. Jack Urwin arbeitet heute in Toronto. Er wird im Netz öfter als „Mangina“ beschimpft – eine ­Mischung aus „man“ und „vagina“.
 

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