Petra Köpping: Die Ehrenbergfrau

Köpping: „Ich sah die Bergleute neben mir. Denen standen die Tränen in den Augen.“ Image/Xcitepress
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Sieht so eine „Ehrenbergfrau“ aus? Petra Köpping zeigt ein breites Lachen, ihr rotes schulterlanges Haar berührt den Kragen der lachsfarbenen Seidenbluse. Die Abgeordnete sitzt im noblen Restaurant des Sächsischen Landtages in Dresden. Frau Köpping ist sorgfältig geschminkt, auf der Nase trägt sie eine schicke Brille. Ihre Erscheinung macht weiß Gott nicht den Eindruck, als verstünde Köpping, 59, etwas vom Bergbau. Aber das tut sie. Gezwungenermaßen.

Petra Köpping war Mitte 30, Bürgermeisterin von Großpösna bei Leipzig, als sie der „feierlichen Sprengung“ der dortigen Bergbaugeräte beizuwohnen hatte. Es war Anfang der 90er-Jahre, ehemalige Kombinate wurden geschlossen, Betriebe wurden von der Treuhand für eine symbolische Mark an Westdeutsche verschenkt. Und im einstigen VEB Tagebau Espenhain wurden eben die Geräte zerstört. So waren die Zeiten: der desolate Osten als wilder Westen.

Die Bergarbeiter hatten Petra Köpping damals zu ihrer „Ehrenbergfrau“ gekürt; ein schöner, fast lyrischer Titel war das. Aber eigentlich war es die Bitte um Schutz durch ihre Bürgermeisterin. Den Schutz konnte Köpping ihren Leuten nicht geben. Wie sie musste sie zusehen, wie die Maschinen und Anlagen gesprengt wurden.

„Ich sah die Bergleute neben mir“, erinnert Köpping sich noch heute an diesen Tag, „denen standen die Tränen in den Augen. Tränen der Trauer und Perspektiv- losigkeit. Ich weiß, viele haben das nie verarbeitet. Viele sind immer arbeitslos geblieben.“

Petra Köpping hat viel begriffen in dieser Zeit, die heute „Wende“ genannt wird. Zum Beispiel, dass es nicht reicht, den hinzukommenden BürgerInnen eines Landes eine demokratische Verfassung, den Sozialstaat und schicke neue Straßen zu geben. Um sich auch angenommen, tatsächlich von Bedeutung zu fühlen in einem neuen Land, braucht es auch noch etwas Weiteres: wertschätzendes Interesse.

Köpping war die erste, die sich nach der Verkündung der mutmaßlichen Besetzung des neuen GroKo-Kabinetts zu Wort meldete. „Ich bin entsetzt, dass es keinen ostdeutschen Minister im Kabinett geben soll“, sagte sie am 8. Februar dem Spiegel. Sicher, die erhöhte Grundrente sei günstig für die Menschen im Osten, aber es gehe doch auch um Wertschätzung.

Den Bergleuten von Großpösna mangelt es daran bis heute. Ihre Wende erlebten sie als Bruch. „Anders als im westdeutschen Bergbau wurde im Osten nicht ­etwas Neues aufgebaut, sondern in einer Art Turbokapitalismus der Nachwendezeit alles einfach abgeräumt. Es wurde keine Trauerarbeit geleistet.“

Für eben diese Trauerarbeit, für das Reden über Gewesenes und Erlebtes, über Brüche und Neuanfänge ist Petra Köpping heute zuständig. Sie ist Sachsens „Staatsministerin für Gleichstellung und Integration“. Dazu ernannt wurde die Staatswissenschaftlerin 2014 auf dem Ticket der SPD. Als Partner der ultrakonservativen sächsischen CDU hatten die Sozialdemokraten den Posten in den Koalitionsvertrag hinein verhandelt. Köpping sollte sich um so genannte Genderthemen kümmern, um die Inte­gration von Migrantinnen und Migranten, um das soziale Miteinander im Freistaat. Als dann Ende 2014 die selbst ernannten Pegida-Patrioten anfingen, immer montags über den Dresdner Altmarkt zu ziehen und für sich lauthals in Anspruch nahmen, „das Volk“ zu sein, ging Petra Köpping die zehn Minuten vom Landtag hinüber. Sie stellte sich an den Rand. „Kommt doch mal her, redet doch mal mit mir“, hat sie zu den Demonstranten gesagt. Manche kamen. Und redeten.

Sie habe gemerkt, erinnert sie sich heute, dass „die Reden, die da gehalten wurden, und die persönlichen Probleme weit auseinandergingen“. Vieles, wenn nicht das meiste, habe bis heute mit Ängsten zu tun. Das Unbekannte, die Flüchtlinge, sie bedeuten für Ostdeutsche auch: Es ändert sich etwas. Schon wieder.

Man konnte das im Bundestagswahlkampf beobachten. Es waren Männer, vor allem Männer, die sich in jenem Sommer brüllend bei Merkels Auftritten postierten. „Hau ab! Hau ab!“ schrien sie. „Volksverräter!“ Und: „Wir sind das Volk!“. Ein befremdliches Schauspiel bot sich da. Menschen, die 1989 unbedingt den Westen gewollt und einiges dafür riskiert hatten, die viel hinnehmen mussten, denen aber auch viel Unterstützung zugekommen war, wandten sich nun lautstark gegen die politische Vertreterin eben dieses Landes. Gegen Merkel, eine Frau aus dem Osten. Also eigentlich gegen eine von ihnen.

Ihre Gesichter waren verzerrt, mitunter fiel es bei genauem Hinsehen schwer, in ihren Mienen zwischen Hass und Flehen zu unterscheiden. Was ist los mit diesen Leuten?, fragen sich seither viele. Warum sind die Ostdeutschen so wütend? Und wieso wissen sie die Freiheit des Westens nicht zu schätzen, sondern tun sich vor allem leid? Wieso wählen so viele ehemalige BürgerInnen der DDR, dem Land des verordneten Antifaschismus, inzwischen rechts? Woher rührt ihr Gefühl der Unverbundenheit mit diesem Land und dessen politischer Klasse? Einem Land, das sie wiederum bereit sind, misstrauisch und notfalls mit Gewalt gegen alles Neue, Fremde zu verteidigen?

Dem Osten, versucht Petra Köpping nun eine Erklärung, sei nach der Wende eine ganze Generation abhandengekommen. Die gut Ausgebildeten, allen voran die Frauen, seien weggegangen. Zur Ausbildung, zum Studium, weg aus dem ­Osten, wo die Männer vergeblich hofften auf eine höhere Macht, die ihnen aufhilft. So hatten sie es ja gelernt: der Staat als wahlweise strafender und fürsorglicher Kümmerer. Ein Staat, dem niemand egal war, im Guten wie im Schlechten. Eine Diktatur. „Da schreien jetzt auch Männer, die gern eine Familie hätten und den kleinen Frieden zu Hause“, sagt Köpping. „Das sind oft Leute, die bis heute nicht in der neuen Zeit angekommen sind.“ Unter ihnen viele, denen vor langer Zeit ihre sozialen Bezugsgruppen abhandengekommen sind. „Arbeiten, im Team sein – so was formt“, sagt Köpping. „Die vergessen dann ihre Kinderstube.“

Stattdessen hätten die meisten nur noch brüchige Erwerbsbiografien vorzuweisen. In Köppings Bürgersprechstunde kommen heute viele von ihnen. Sie schimpfen über Flüchtlinge, über die ganze große Scheiße. Dann unterbricht sie und sagt: „Sie wissen, wer ich bin. Stellen Sie sich doch einfach mal vor, ­damit ich auch etwas über Sie weiß.“ Es folgt dann häufig eine bewegende Nachwendegeschichte.

Diplomingenieure, die es nach der Wende nur noch zum Paketboten gebracht haben. Russischlehrerinnen, die keiner mehr wollte. Hochschulprofessoren, die Freunden und Verwandten Versicherungen anzudrehen versucht hatten. Leute, die sich abgestrampelt haben. Aber es hat eben nicht gereicht. „Die Leute fühlen sich oft schuldig: Warum konnte ich es nicht schaffen?“

Köpping weiß selbst, wie sich so was anfühlt. Bald nach der Wende verlor die geschiedene Mutter von drei Kindern ihren Posten als Bürgermeisterin. Sie war längst aus der SED ausgetreten, politisch auf der Suche. Bis sie 1994 doch wieder Bürgermeisterin und anschließend bis 2001 Landrätin im Leipziger Land wurde, arbeitete sie als Außendienstmitarbeiterin für die DAK. Da hat sie viel gesehen. Landrätin wurde sie dann auf dem Ticket der SPD, deren Mitglied jedoch erst 2002. Petra Köpping ist eher keine, die nach Nützlichkeit entscheidet. Das macht sie angreifbar, weil immer auch Gefühle im Spiel sind. Aber es macht sie auch glaubwürdig.

Im Herbst 2016 hat Petra Köpping am Reformationstag eine aufsehenerregende Rede gehalten. Sie hat darin zu ergründen versucht, warum die Rechtspopulisten im Osten immer stärker werden. Bis zum 12-Prozent-Ergebnis der AfD bei der Bundestagswahl war es noch ein Jahr hin. Köppings Fazit: Solange das gesamte Deutschland sich nicht respektvoll mit den Umbrüchen der Nachwendezeit auseinandersetzt, wird es keinen gesellschaftlichen Frieden geben. Und Auseinandersetzung – das hieße nicht nur zuhören, sondern auch, Fehler wiedergutzumachen, Unrecht zu heilen.

Vor allem durch den eilig zusammengeschriebenen Einigungsvertrag sei vieles falsch gelaufen und nie korrigiert oder zumindest eingeräumt worden. „Es gibt unzählige Beispiele, wie damals Menschen über den Tisch gezogen wurden, weil sie – oftmals zutiefst blauäugig – die neuen ­Regeln nicht überblicken konnten“, hat Köpping in ihrer Rede ausgeführt. Da sei ein „Stachel der Demütigung“. Viele Leute hätten sich damals gefragt: Und das soll Demokratie sein?

„Die Ostdeutschen waren auf diesen Kapitalismus null vorbereitet. So sei er halt ‚der Westen‘, dachten viele. Konservative Hardliner aus Bayern und Baden-Württemberg frohlockten hingegen, endlich ohne Gewerkschaften, gesellschaftliche Beteiligung und ‚Sozial-Klimbim‘ ihre nationalliberale Agenda durchzusetzen“, fuhr Köpping fort. Diese Politik habe dann auch noch lange Jahre satte demokratische Mehrheiten bekommen.

Die Rede hat Petra Köpping bekannt gemacht. Medien berichteten großflächig. Sie bekommt seither massenhaft Post von Ost- und Westdeutschen. Sie reist durchs Land, trifft sich mit Wendeverlierern, erzählt auf Podien und in Talkshows von den Brüchen der Ostdeutschen.

18 Berufsgruppen kämpfen bis heute vergeblich um ihre Rentenansprüche, die ihnen durch den mit heißer Nadel gestrickten Einigungsvertrag verloren gehen. Unter ihnen sind LehrerInnen, TänzerInnen, Bergleute, Eisenbahner. Und die in der DDR geschiedenen Frauen. Monat für Monat fehlt denen Geld, das ihre westdeutschen KollegInnen bekommen. Und Monat für Monat nährt das ihre ­Unzufriedenheit. Sie ahnen, nein, sie wissen: Die Politik spielt auf Zeit. Allein von den einst 800.000 klagenden Frauen, die in der DDR geschieden wurden und deshalb eine niedrigere Rente bekommen, ­leben heute nur noch 300.000.

Es sind Geschichten wie diese, all die Erzählungen von Sinnlosigkeit, Chaos und Demütigung, die bis heute in die ostdeutschen Familien einsickern. Sie wirken toxisch. „Junge Leute hören heute von ihren Eltern: Das wäre mir zu DDR-Zeiten nicht passiert“, sagt Petra Köpping. „Wenn wir das nicht aufarbeiten, wird vergessen, dass die DDR eine Diktatur war.“

Sie macht nun geduldig aufmerksam auf rechtliche Benachteiligungen, die durch den Einigungsvertrag entstanden sind. Und sucht Verbündete in der Politik, um sie wiedergutzumachen. Es geht ihr um jene Menschen, Wählerinnen und Wähler, die meinen, diesem Land weniger als gar nichts zu schulden. Ihr Frust, das Jahrzehnte andauernde Nichtgehörtwerden sind die Gründe, warum Pegida oder die AfD im Osten so stark werden konnten.

Jeder könnte das wissen, wenn es denn interessieren würde. Aber Jammerossis, quengelige Leute mit seltsamen Dialekten – die werden im Zweifel lieber ausgelacht. Und der Ossi-Versteherin Petra Köpping werden die immerselben Fragen gestellt. Was nicht stimme mit ihren Leuten. Wa­rum die nicht zufrieden seien mit den topsanierten Städten und den schicken Straßen. Was die auszusetzen hätten an der Demokratie – die hätten sie doch schließlich gewollt 1989.

Es sind Fragen von Leuten, die die Wiedervereinigung – Petra Köpping sagt lieber „friedliche Revolution“ – bis heute als Tauschhandel sehen. Gesinnung gegen Wohlstand. Als eine Art verspäteten, sauteuren Marshallplan für den Osten. Unsere Steuergelder gegen eure Anpassung, so in etwa. Aber heute sind diese Leute ­weder dankbar noch zufrieden, im Gegenteil. Sie spucken auf den Boden, wenn ihnen auf der Straße Flüchtlinge begegnen. Sie bilden Bürgerwehren, wählen AfD und marschieren bei Pegida-Demos mit. Sie sind misstrauisch gegen alles Staatliche, gegen Medien und Politiker. Gegen die ganz besonders.

In Dresden halten sie Galgen für Sigmar „Pack“ Gabriel und „Mutti“ Angela Merkel in den Himmel. Der ihnen so verhasste Rechtsstaat lässt sie gewähren. Die Staatsanwaltschaft Dresden konnte in der selbst gebastelten Tötungsfantasie keine „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Gewalttaten“ erkennen. Wenn also Angela Merkel in ihre Stadt kommt, gehen sie da hin und schreien ihr auf perfekt sanierten Marktplätzen ihren Hass ins Gesicht. Freie Meinungsäußerung, eh klar.

Warum denn dieser Merkel-Hass, Frau Köpping? „Angela Merkel verkörpert die blanke Enttäuschung“, sagt die Staats­ministerin. Ihre Hände liegen flach auf der weißen Restauranttischdecke. Als Merkel 2005 Kanzlerin geworden sei, hätten viele gedacht: Eine Frau, eine aus dem Osten, besser ging’s ja nicht. „Aber sie hat viele enttäuscht.“ Merkel verweigert bis heute, Ossi-Fantasien und -Vorurteile gleich welcher Art zu bedienen. Sie ist Weltpolitikerin, Sicherheitspolitikerin, Flüchtlingsversteherin. Alles, aber keine Ostdeutsche. Das Gebrüll sei, sagt Köpping, „auch ein Schrei nach Liebe, nach Respekt, Anerkennung“.

Es sind Ungerechtigkeiten wie niedrigere Renten oder die nach wie vor unterschiedlich hohen Mindestlöhne, die die Leute drücken wie Kiesel im Schuh. Da mögen Volkswirte noch so kompetent erklären, dass das Leben im Osten billiger ist – das Gefühl der Ungleichwertigkeit bleibt. Es bohrt und nagt. Und am Ende verhalten sich Menschen, die zweitklassig behandelt werden, exakt entsprechend den an sie gestellten Erwartungen.

Eigentlich, findet Köpping, gehe es den Ostdeutschen um Anerkennung. „Niemand hat die Lebensgeschichte gewürdigt. Niemand hat zugehört.“ Durch die Politik der Treuhand und den als arrogant empfundenen Abbau der desolaten DDR-Industrie sei ab 1990 eine „entwurzelte Arbeiterschaft“ entstanden, der keine Gelegenheit gegeben wurde, Trauerarbeit zu leisten. Fakt sei, dass Biografien entwertet wurden. Und dass Ostdeutsche bis heute als Vorlage für Witzchen und das Aufpolieren von auch nicht jederzeit glänzenden westdeutschen Biografien hergenommen werden.

Besonders gut beobachtet werden kann die misstrauische Abständigkeit bei DDR-sozialisierten Frauen. Bis heute leuchtet verständlicherweise vielen nicht ein, was so schlecht gewesen sein soll an Vollbeschäftigung, flächendeckender Kinderbetreuung, Ganztagsschulen und bezahltem Babyjahr. Da mögen manche westdeutschen Schwestern noch so nachdrücklich zu erklären versuchen, wie ­diskriminiert sie durch die Dreifachbe­lastung als Mutter, Partnerin und Verdienerin gewesen seien. Sie hingegen können sich noch sehr gut daran erinnern, wie ihre Jobs nach der Wende an männliche Kollegen gingen.

Vor allem dort fegte die deutsche Wiedervereinigung die ostdeutschen Frauen vom Markt. Hatten sie bis 1989 40 Prozent des Familieneinkommens erarbeitet, waren 1991 40 Prozent aller neuen Stellenangebote ausdrücklich für Männer ausgeschrieben, nur elf für Frauen. Die Zumutungen des Westens waren „Teilzeitjobs“ für Frauen, „Beratungspflicht“ vor Schwangerschaftsabbrüchen und ­„Elterninitiativ-Kitas“, wo Kinder in licht­losen Erdgeschosswohnungen mehr gehalten als betreut wurden.

„In fast allen Führungspositionen sind nach der Wende Männer eingesetzt worden“, sagt Petra Köpping. „Frauen wurden nach Hause geschickt, die neuen Chefs hatten eine völlig neue Einstellung zur arbeitenden Frau.“ Die hätten sich gewundert, dass Frauen mit Kindern nicht Teilzeit arbeiten, dass die Ansprüche stellten, sich zu qualifizieren. Als Köpping in den 90ern als Außendienst­lerin arbeitete, hat ihr West-Chef gesagt: „Das geht aber nicht, mit drei Kindern voll zu arbeiten.“ Es ging. Natürlich ging es. War ja auch vorher gegangen.

Bei anderen ostdeutschen Frauen setzten sich die Anpassungsleistungen bis ins Körperliche fort. „Frauen schrieben in ihre Bewerbung: Ich habe mich sterilisieren lassen und kriege keine Kinder mehr“, erzählt Petra Köpping. „Das ist gravierend, dass Frauen sich das angetan haben.“

Tatsächlich hat der Spiegel 1992 recherchiert, dass sich in Ostdeutschland mehr und mehr Frauen gegen weitere Kinder entschieden hatten, um nur ja ihre Arbeit behalten zu können. Nicht selten legten arbeitsuchende Frauen die Bescheinigung über den Eingriff ihrer ­Bewerbung bei. Dass es nach bundesdeutschem Recht unzulässig war, im Einstellungsgespräch nach einer Schwangerschaft oder einem bestehenden Kinderwunsch zu fragen, hatte sich bis in den Osten nicht herumgesprochen. Arbeitnehmerinnen in den „fünf neuen Ländern“ täten „so ziemlich alles, um einen Arbeitsplatz zu bekommen oder zu behalten“, erklärte damals ein DGB-Sprecher gegenüber dem Spiegel. Die Redakteure ermittelten, dass sich die Zahl der Sterilisierungen ­Anfang der 90er-Jahre signifikant erhöht hatte. Ließen sich zu DDR-Zeiten im ganzen Land jährlich zwischen 200 und 400 Frauen sterilisieren, waren es 1991 ­allein in der Magdeburger Frauenklinik 1.200.

Das sind Geschichten, die niemand gerne hört. Weil sie traurig sind. Wenn das Politische das Privateste bestimmt, wenn also Frauen auf Kinder verzichten, um sich den Erwartungen des harten ­Arbeitsmarktes anzupassen, läuft etwas grundfalsch. Kaum jemand spricht heute noch darüber. Aber all das ist passiert, und es ist immer noch da. Es geht nicht weg.

Das letzte Wort soll die „Ehrenbergfrau“ Petra Köpping haben. Sie sagt: „Mir geht es darum, die Gesellschaft wieder ­zusammenzukriegen.“ Viele, vor allem im Westen, wüssten eigentlich gar nichts über jene Ostdeutschen, deren Leben sich damals in allen Bereichen verändert hat. Alte Geschichten eben.

„Die Wiedervereinigung war aber mehr als nur eine Frage von Geld. Ich spüre eine unheimliche Verdrossenheit. Politik kann nicht nur davon leben, dass man sein Anliegen formuliert, sondern sie muss diese Probleme auch angehen und etwas ändern.“ Sagt Petra Köpping ganz freundlich. Und lächelt.

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