Prostitution: Elend belastet Anwohner
Berlin. Mehrere Dutzend AnwohnerInnen des Kurfürstenkiezes in Berlin versammelten sich am Donnerstag vor der Zwölf-Apostel-Kirche. Kinder hielten Schilder hoch: „Zu Hause ist, wo wir uns sicher fühlen.“ Auf einem anderen steht: „Kinder brauchen Zukunft.“
Die Botschaft der Anwohner ist klar. Das Elend auf der Straße ist unzumutbar geworden. „Kinder können wir hier nicht mehr allein auf die Straße oder zur Schule gehen lassen“, sagt ein Vater.
Die Bürgerinitiative forderte: ein Sperrgebiet gegen Straßenprostitution, ein Ende der Zuhälterei und ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität. Dazu haben sie eine Petition beim Bürgermeister eingereicht, verteilen einen Flyer für die Passanten. Doch vor Ort ist die Stimmung zunächst verhalten. Kaum jemand will als Sprecher auftreten oder mit Namen zitiert werden. Ein Vater beantwortet Fragen nur unter der Bedingung, anonym zu bleiben.
Kurz vor Beginn verteilen die Organisatoren dann eine Pressemitteilung. Aus dem Motto „Unser Kiez, unser Zuhause“ wird „Gemeinsam Verantwortung übernehmen und den Kiez stärken“. Die politischen Forderungen verschwinden. Stattdessen wolle man gemeinsam über Lösungen nachdenken. Eine CDU-Abgeordnete des Berliner Senats gibt zunächst ein Interview und zieht es später wieder zurück.
„Die Leute haben Angst“, erklärt eine Anwohnerin. Man wolle keine Probleme mit Zuhältern und Dealern bekommen und äußere sich deswegen sehr vorsichtig in der Öffentlichkeit. Zeitgleich wird klar: Die Anwohner reagieren auch auf einen Gegenprotest, der hundert Meter weiter von queeren Aktivisten angeführt wird. Dort wirft man den Anwohnern vor, hilfsbedürftige Frauen aus dem Kiez zu drängen.
Der Straßenstrich beginnt nur wenige Meter von der Kirche entfernt. Seit Jahrzehnten gehört die Kurfürstenstraße zu den bekanntesten Orten der Straßenprostitution in Berlin. Der Strich ist bekannt für sehr junge Frauen. Die Mehrheit stammt aus Osteuropa und wird von Zuhältern kontrolliert. Viele sind drogenabhängig. Menschenhandel, Zwangsprostitution, Obdachlosigkeit und Drogenhandel prägen das Viertel seit Jahrzehnten. Nach Angaben der Anwohner hat sich die Lage inzwischen verschärft.
Die Berichte ähneln sich. Brände, Einbrüche, Diebstähle, Angriffe durch Drogenabhängige, Verrichtungen in Tiefgaragen und Hauseingängen, Spritzen und Kondome neben Spielplätzen und auf Schulwegen. Ein Bewohner macht die erhöhte Potenz von Crack und Fentanyl für die Eskalation verantwortlich. Ein Großteil der Frauen betreibe Beschaffungsprostitution, heißt es weiter. „Die Droge dominiert so sehr, dass man alles macht“, erklärt ein Vater.
Ein Anwohner: „So schlimm wie in diesem Sommer ist es hier noch nie gewesen“
Die Initiative habe mit einer WhatsApp-Gruppe begonnen, in der sich Nachbarn über Vorfälle austauschten und sich gegenseitig warnten. Daraus entstand die Idee für die Kundgebung. Den Frauen müsse natürlich geholfen werden, sagt ein Anwohner. „Aber wir wollen wieder sicher in unserem Kiez leben.“
Ein homosexueller Bewohner lebt seit 23 Jahren im Viertel. „So schlimm wie in diesem Frühjahr und Sommer ist es hier noch nie gewesen“, erzählt er. Neben den Prostituierten liefen auch verwahrloste Männer auf der Straße herum. Manche seien so aggressiv, dass es zu Übergriffen komme. „Es gibt Menschen, die gehen auf Leute los mit roher Gewalt, weil die es einfach satthaben. Wir können das Problem nicht länger ausbaden.“
Nur wenige Meter entfernt formiert sich der Gegenprotest. Dazu aufgerufen haben Hydra e.V. und Trans*Sexworks. Auf der Ankündigung steht: „Schwule, Fixer, Nutten, Knackis – gegen die Verdrängung und Kriminalisierung von Sexarbeit, Obdachlosigkeit und Drogen.“ Beide Organisationen sind pro Prostitution und werden vom Berliner Senat gefördert.
Trans* Sexworks geriet bereits in die Kritik, nachdem die Initiative Flyer verteilt hatte, mit denen man ukrainische Frauen, die vor dem Ukrainekrieg nach Deutschland geflüchtet sind, in die Prostitution vermitteln wollte. Hydra, ausgestattet mit Millionenbeträgen, propagiert den Einstieg von Frauen in die Prostitution. Hydra und Trans* Sexworks bezeichnen Prostitution als normale „Sexarbeit“, die von den Frauen freiwillig ausgeübt werde. Den Anwohnern werfen sie „Diskriminierung“ und die „Vertreibung Hilfsbedürftiger“ vor.
Von Freiwilligkeit könne keine Rede sein, erzählt Gerhard Schönborn, der hier in der Kurfürstenstraße seit Jahren mit dem Café Neustart die Frauen betreut. Viele Frauen seien schwer drogenabhängig und häufig nicht mehr zurechnungsfähig. „Sie kämpfen ums Überleben“, sagt er. Schönborn kritisiert, dass Vereine wie Hydra das Elend der Frauen totschweigen. „Dort fällt kein Wort über die Zuhälter, die Dealer – dass hier die Frauen zugrunde gehen. Die Anwohner sehen, dass die Frauen ausgebeutet werden – und das muss auch gesagt werden.“
Nach Schönborns Erfahrung nutzen Freier gezielt die Sucht und Armut der Frauen aus, um sie auszubeuten. So tauschten sich die Männer im Netz darüber aus, welche Frauen sie besuchten, wie sie aussehen und wie man ihre Grenzen überschreite, um sexuelle Fantasien auszuleben. Für ihn ist klar: „Die Freier sind die Täter, die diese Frauen ausbeuten – nicht diejenigen, die auf diese Zustände aufmerksam machen.“
JUDITH BASAD

