In der aktuellen EMMA

Sag mir, wo die Blumen sind ...

Artikel teilen

Die Blumen und Feldränder, die wir heute vielerorts vermissen, sind ursprünglich in Mitteleuropa überhaupt nur der Landwirtschaft zu verdanken. Nach dem Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 11.000 Jahren, zogen AckerbäuerInnen und ViehzüchterInnen aus Vorderasien in die dichten Buchenwälder Mitteleuropas. Sie fällten Bäume, legten Felder und Gärten an, ließen ihr Vieh im Wald weiden und schufen so neue Biotope. Sie brachten neue Pflanzen mit: Weizen, Gerste, Erbsen und Linsen und – versteckt im ungereinigten Saatgut – viele andere wilde Gräser und Kräuter. Mit ihrem Saatgut gelangten auch die winzigen anthrazitfarbenen Samenkörner des Klatschmohns zu uns, dessen feuerrot leuchtenden Blüten die Getreidefelder unserer Vorfahren prägten.

Es sind Einwanderer aus dem Osten, die unser Bild von der urdeutschen Landschaft prägen – Klatschmohn, Echte Kamille, Ackerfrauenmantel, Storchschnabel, Taubnessel, Senf und sogar die Kleine Brennnessel. Später haben die Römer neue Pflanzen in den Norden gebracht, teils als Gemüse wie Kresse oder Portulak, teils unbeabsichtigt über ungereinigtes Saatgut wie die hübsche Acker-Lichtnelke.

Heute wissen wir, dass diese Vielfalt nicht nur nett anzusehen ist, sondern dass wir sie auch zum Überleben brauchen. Biodiversität ist systemrelevant. Ohne biologische Vielfalt können wir nicht überleben, weil wir auf die Ökosystemleistungen einer großen Vielfalt von Arten angewiesen sind:

 

Insekten bestäuben Blüten, ohne die es keine Früchte gäbe. Blattläuse produzieren Nahrung für viele Insekten, die wiederum Singvögeln als Nahrung dienen. Springschwänze verarbeiten abgefallene Pflanzenteile und Mistkäfer zersetzen Kothaufen, gemeinsam mit vielen anderen Organismen machen sie daraus neue Pflanzennahrung. Milliarden Mikroorganismen filtern im Boden schmutziges Wasser, aus dem wir Trinkwasser gewinnen.

Diese Ökosystemleistungen scheinen uns so selbstverständlich, so natürlich eben, dass wir uns gar nicht klar machen, dass ein ganzes Netz von unterschiedlichen Lebewesen daran beteiligt ist und dass wir gut daran täten, dieses Netz nicht aus Unkenntnis zu zerreißen.

Doch genau das passiert gerade: Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, warnt der Weltbiodiversitätsrat IPBES, der die weltweite Forschung zur biologischen Vielfalt bündelt. Unter der Überschrift „human well-being at risk“ hat der Rat im März 2018 einen dringlichen Appell veröffentlicht: Das Wohlergehen der Menschheit ist gefährdet. Überall auf der Welt sinkt die Biodiversität. Und im April 2019 veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat seinen globalen Zustandsbericht mit Empfehlungen für die Politik. Darin wurde die bedrohliche Zahl von einer Million Arten genannt, die schon heute vom Aussterben bedroht seien, wenn wir nicht sofort etwas dagegen unternehmen. Das bedeutet: Wir befinden uns mitten im sechsten großen Artensterben der Erdgeschichte. Das letzte liegt 66 Millionen Jahre zurück, als ein Meteoriteneinschlag das Leben der Dinosaurier beendete. Wir müssen also jetzt handeln, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.

Es sind Biologinnen wie Lynn Margulis oder Donna Haraway, die dem Weltbild von „Command und Control“ etwas entgegengesetzt haben: nämlich ein Verständnis des Lebens, das nicht auf Konkurrenz, sondern auf Miteinander beruht. Dass das Leben nicht als Survival of the Fittest erklärt, sondern als Symbiose und Ko-Evolution, zum Beispiel von Rindern und Weideland. „Artenübergreifende Praktiken des MiteinanderWerdens“, so nennt das Donna Haraway.

Es gibt viele WissenschaftlerInnen, die sich für eine andere Landwirtschaft in diesem Sinn engagieren: Die Lüneburger Professorin Vicky Temperton etwa, die wie keine andere von der Widerstandsfähigkeit des Grünlands in Zeiten des Klimawandels schwärmen kann. Oder die Bioland- Beraterin Veronika Heiringhoff Campos, die von Hof zu Hof fährt und LandwirtInnen für Naturschutz begeistert, oder Karin Stein-Bachinger, die am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg forscht und mit über hundert landwirtschaftlichen Betrieben beim Artenschutz zusammenarbeitet.

Sie alle berichten von der großen Freude der Bäuerinnen und Bauern über ihre Erfolge in den Biodiversitätsprojekten – ganz gleich, ob es Rosenbüsche am Schweinestall sind oder Blaukehlchen auf Kuhweiden. Denn das ist die große Chance in der globalen Biodiversitätskrise: Schon kleine Projekte können etwas bewirken – Schutz und Lebensraum für gefährdete Arten natürlich. Und sie können ein anderes Verständnis von Natur vermitteln – jenseits des Rohstofflagers, das zur ökonomischen Ausbeutung bereitsteht. Wir müssen uns Ökosysteme wie ein Netz des Lebens vorstellen, in dem alles mit allem zusammenhängt, etwa wie ein Spinnennetz, das sehr flexibel ist und viel aushalten, aber auch zerreißen kann. Dieses Netz des Lebens müssen wir schützen – wir hängen selbst darin.

Aber dieses Verständnis haben Agrarwissenschaftler und Landwirte lange ignoriert. Das Ergebnis sind Felder, auf denen mit Totalherbiziden alles Lebendige totgespritzt wird, und riesige Hallen, die desinfiziert werden, bevor Tausende Schweine darin ihr Leben verbringen, ohne je ihre Nase in die Erde stecken zu können. Die Art und Weise, wie heute in Europa Fleisch, Milch, Eier, Getreide und Gemüse erzeugt wird, hat sich in den letzten Jahrzehnten fundamental verändert. Die moderne Landwirtschaft folgt den Prinzipien der Industrie: Intensivierung, Technisierung, Spezialisierung und Standardisierung. Leistungssteigerung durch Effizienz, das ist der Auftrag. LandwirtInnen ernten heute Mengen, von denen ihre bäuerlichen Vorfahren nur träumen konnten.

Doch dieser Erfolg hat einen hohen Preis: Er geht auf Kosten der Vielfalt, der natürlichen Ressourcen und oft auch der Unabhängigkeit der Bauernhöfe. Der Druck des Weltmarkts mit seinen fast immer zu niedrigen Erzeugerpreisen zwingt die LandwirtInnen, mehr Masse für immer weniger Geld zu produzieren. Mit viel, oft geliehenem, Kapital investieren sie in Fütterungs- und Melkroboter, in digitale Ackertechnik und Agrarchemie. Dieses System zwängt Muttersauen in Kastenstände und Masthühnchen in lichtlose Hallen. In diesem System gilt Weidehaltung für Milchkühe als „leistungsmindernd“ und Suhlen für Schweine als „Seuchenrisiko“. Und dieses System verdrängt überall in Europa die kleinen Bauernhöfe.

Wachsen oder Weichen, so wird dieser Prozess leicht zynisch genannt. Die Globalisierung der Landwirtschaft hat die biologische Vielfalt unserer Landschaften stark dezimiert. Wenige Jahrzehnte der Industrialisierung haben gereicht, um die vielfältigen Kulturlandschaften Mitteleuropas zu gefährden oder gleich ganz zu zerstören. Heiden und Hecken, Moore und magere Standorte, Blühwiesen, artenreiche Weiden, all das ist verschwunden.

Wo Mais und Weizen auf riesigen Feldern wachsen und immer mehr Tiere im Stall eingesperrt bleiben, ist kein Platz für Vielfalt. Auch wenn es im Detail noch Unklarheiten gibt, sind die Gründe für das Schwinden der Biodiversität gut erforscht: Arten sterben vor allem, weil sie ihre Lebensräume verlieren – durch Landnutzungsänderungen aller Arten: durch Versiegelung für den Haus- und Straßenbau, durch Abholzung für Palmöl- und Soja-Plantagen, durch Monokulturen, die eine vielfältige Kulturlandschaft in eine Agrarwüste verwandeln.

Viele Landwirtinnen und Landwirte weisen den Vorwurf, sie seien schuld am Insektensterben, empört zurück. Und sie haben Recht: Es ist nicht eine Berufsgruppe für eine solche Entwicklung verantwortlich, sondern die Art, wie wir wirtschaften und konsumieren – und das Weltbild, das uns dabei leitet. Es ist die Idee von Fortschritt durch Technik, bei der Natur als kostenlose Ressource gilt, von der sich die Menschen bedienen dürfen, um ihren
 Wohlstand zu mehren. Im Gegenteil: Dieses Denken treibt Wissenschaftler an, die vom „Geo-Engineering“
 träumen, um den Klimawandel zu stoppen. Oder von „Genscheren“, um das Artensterben zu stoppen. Oder von disruptiver Postlandwirtschaft, um die Welt zu ernähren. Danach sollten unsere Lebensmittel nicht mehr auf dem Feld wachsen, sondern im Labor oder in Agrarhochhäusern mit geschlossenen Kreisläufen, aber ohne Erde. Wollen wir so ernährt werden,  wollen wir so leben?
 

 

 

 

Ausgabe bestellen
Anzeige
'
 
Zur Startseite