In der aktuellen EMMA

Cristoforetti: Die Astronautin

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Wenn sie im Kino Weltraum-Filme guckt, muss sie laut lachen. Vor allem an Stellen, an denen sonst keiner lacht. Dafür hat Samantha Cristoforetti einen guten Grund: Sie weiß, wie es dort oben wirklich ist – und Space-Filme haben mit der Realität oft wenig zu tun. 200 Tage war die 43-jährige Italienerin im Weltall, auf der ISS.

Während es Deutschland noch immer nicht geschafft hat, wenigstens mal eine Frau in den Orbit zu befördern (EMMA 4/19), arbeiten andere Nationen schon lange erfolgreich am Gender-Space-Gap. Die amerikanische Weltraumagentur Nasa hat sogar nun mit Kathy Lueders erstmals eine Frau an die Spitze der Direktion für die bemannte Raumfahrt befördert.

„Dass die Raumfahrt nichts für mich ist, weil ich eine Frau bin, kam mir nie in den Sinn“, erzählt Samantha. Die  HeldInnen ihrer Jugend waren Star-Trek-Kommandeurinnen. Und dann war da die Russin Walentina Tereschkowa, die 1963 mit 26 als erste Frau drei Tage im All verbracht hat. Es folgten etliche Amerikanerinnen, angefangen mit Sally Ride, 1983.

2009 setzte sich schließlich Samantha Cristoforetti bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) als einzige Frau gegen 8.400 MitbewerberInnen durch. Gemeinsam mit fünf weiteren Kandidaten, darunter der Deutsche Alexander Gerst, startete sie die Ausbildung für den Weltraum.

Flugingenieurin Cristoforetti mit Kollegen auf der ISS.
Flugingenieurin Cristoforetti mit Kollegen auf der ISS.

Am 23. November 2014 ging die Italienerin an Bord des Raumschiffs Sojus TMA-15M. Dass sie als einzige Frau unter Männern im Weltall war, spielte für die Astronautin keine große Rolle. „Das sehen eher die Menschen auf der Erde so. Wir sind als Astronauten so von unserem Forschungsauftrag durchdrungen, dass nicht viel Raum für Geschlechtsunterschiede ist. Wir sind dort alle gleich gut qualifiziert und empfinden es als wahnsinniges Geschenk, dieses Abenteuer machen zu dürfen.“ Ihr Lieblingsort auf der ISS ist die Cupola, der verglaste Beobachtungsraum, mit der wohl schönsten Aussicht auf unsere Welt.

Dass Cristoforetti gleich bei ihrer ersten Mission so lange oben blieb, verdankte sie einer Panne: Im Mai 2015 hatte ein russischer Weltraumfrachter mit Nachschub für die ISS die Umlaufbahn verfehlt und war beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglüht. Das „Pech“ verschaffte ihr einen Monat länger für den Traum ihres Lebens. Auf den „Traum meines Lebens“ hatte sie lange hingearbeitet. Ihr Studium führte sie nach München, Toulouse und Moskau. Sie hat einen Master in Ingenieur- und Raumfahrtwissenschaften, ist Kampfpilotin der italienischen Luftwaffe und spricht fünf Sprachen. Darunter fließend Deutsch und Russisch. „In Russland öffnet das natürlich viele Türen, verschafft es sofort Respekt“, sagt sie. Und auch in den internationalen Teams sind Sprachkenntnisse natürlich von Vorteil.

Samantha war bereits international aufgewachsen. Ihre Eltern waren Hoteliers in den Alpen. Schon dort wollte die 1977 geborene Mailänderin hoch hinaus und stieg in die Berge. Seit zehn Jahren lebt sie in Köln, wo die höchste Spitze die vom Dom ist, und arbeitet beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC). In Köln kam 2016 ihre Tochter zur Welt. Ihr Mann war Astronautentrainer, er hat Samantha, Alexander Gerst und weitere Astronauten auf die Mission vorbereitet. In drei Jahren könnte es wieder so weit sein, strahlt die All-Hungrige. In der Zwischenzeit arbeitet sie als „Crew representative“ an der Planung für eine neue Raumstation in der Umlaufbahn des Mondes. Unter Federführung der NASA soll es auf dem Mond bis 2024 wieder Landungen geben. Und vielleicht wird sie die erste Frau auf dem Mond sein?

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