Tausende beim „Safe Abortion Day“

Demo vor dem Brandenburger Tor für das Recht auf freie, sichere und legale Abtreibung. Foto: Christian Spicker/imago images
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Wer gestern durch die Flensburger Fußgängerzone lief, konnte sie nicht übersehen: Die zwei Meter große Gebärmutter aus lila Bauschaum, die die „Feministische Aktion Flensburg“ mitten auf den Marktplatz gestellt hatte. Außerdem hatten die Aktivistinnen das Kopfsteinpflaster besprüht: „If it’s not your body, it’s not your decision!“ stand dort. Und ein riesiger weißer Kleiderbügel erinnerte daran, wie verzweifelte Frauen in Ländern mit Abtreibungsverbot selbst versuchen, die ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Auch in Deutschland starben bis in die 1970er Jahre viele Frauen an verpfuschten Abtreibungen. „Nie wieder!“ lautete die Botschaft in der Mitte des Kleiderbügels auf dem Pflaster.

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Die Aktion in Flensburg war eine von 120 Aktionen in 50 Städten zum internationalen „Safe Abortion Day“. In der ganzen Welt zeigen an diesem Tag Frauen Flagge für das Recht auf Abtreibung unter sicheren Bedingungen. Zum deutschen Aktionstag aufgerufen hatte das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, ein Zusammenschluss von rund 40 Organisationen von Pro Familia über Terre des Femmes bis zum Arbeitskreis Frauengesundheit. Motto: „Schwangerschaftsabbruch ist Grundversorgung!“

Ein sicherer Schwangerschaftsabbruch
gehört zur Grundversorgung!

Diese Grundversorgung jedoch ist auch in Deutschland zusehends in Gefahr. Immer weniger ÄrztInnen bieten Abtreibungen an, eingeschüchtert von Gesetzen wie dem §219a und den Bedrohungen durch fanatisierte „Lebensschützer“. Durch Corona hat sich die Situation noch weiter verschärft: Der Zugang zu Arztpraxen ist erschwert; aufgrund der Infektionsschutzbestimmungen müssen die Praxen, die Abtreibungen durchführen, die Zahl der Patientinnen reduzieren; Fahrten in andere Städte sind aufgrund des Infektionsrisikos noch schwieriger als sonst.

Deshalb war der Protest in Deutschland an diesem „Safe Abortion Day“ 2020 noch größer als im letzten Jahr. In Frankfurt fuhr ein Safe-Abortion-Day-Fahrradcorso am Main entlang. In Potsdam hatten Aktivistinnen Draht-Kleiderbügel mit bunten Zetteln präpariert und an Bänke und Tore gehängt. „Wusstest du, dass in Deutschland Schwangerschaftsabbruch kein regulärer Bestandteil der gynäkologischen Ausbildung ist?“ stand dort. Oder: „Wusstest du, dass christliche Fundamentalisten regelmäßig Ärzt*innen wegen angeblicher ‚Abtreibungswerbung anzeigen, weil sie auf ihrer Website Schwangerschaftsabbruch als Leistung angeben?“

In München gab es einen Eklat: Dort wollte sich die Stadt am „Safe Abortion Day“ beteiligen und das Rathaus lila anleuchten. Doch nach Protesten der CSU-Ratsfraktion und aus katholischen Kirchenkreisen wies die Regierung Oberbayern die Stadt an, die Aktion zu unterlassen. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) erklärte, gegen das Verbot rechtlich vorgehen zu wollen. Es wolle sich dafür einsetzen, "dass schwangere Frauen diese für sie unglaublich schwierige Entscheidung mit fundierter fachlicher Beratung treffen können und wenn sie sich dafür entscheiden, auch medizinisch bestmöglich versorgt sind".

Das Münchner Rathaus in Lila?
CSU und Katholiken legten Veto ein!

Das ist gerade in Bayern nicht der Fall. So gibt es zum Beispiel in Niederbayern mit seinen 1,2 Millionen EinwohnerInnen nur noch einen einzigen Arzt, der Abtreibungen durchführt. Der zweite, Michael Spandau, hatte seine Praxis in Passau ohnehin schon weit über sein Rentenalter hinaus betrieben, weil er keinen Nachfolger fand. Jetzt hat er seine Praxis geschlossen: Der 71-Jährige gehört zur Corona-Risikogruppe. Ungewollt schwangere Frauen müssen jetzt ins 120 Kilometer entfernte Landshut fahren, wo der letzte Arzt in Niederbayern Abbrüche macht.

„Die Situation wird immer dramatischer“, erklärt das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung. Tausende Frauen haben deshalb am „Safe Abortion Day“ dafür protestiert, dass die Politik ihre gesetzlich vorgeschriebene Aufgabe wahrnimmt und dafür sorgt, dass die Grundversorgung ungewollt schwangerer Frauen tatsächlich gesichert ist – und keine mehr zum Kleiderbügel greifen muss.

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Kampfansage: Fearless Ruth

Kampfansage mit Ginsbergs Kragen: Das "Fearless Girl" in New York. Foto: imago images
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Der weiße Kragen über der schwarzen Robe war ihr Markenzeichen: Richterin Ruth Bader Ginsburg, die Vorkämpferin für Frauenrechte, die am 18. September mit 87 Jahren an Krebs gestorben ist. Nun trägt das „Fearless Girl“ an der New Yorker Wall Street ihren Kragen. Es ist eine Ehrung – und eine Kampfansage zugleich.

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Das furchtlose Mädchen aus Bronze mit wehendem Kleid und Pferdeschwanz, die Hände in die Hüften gestützt, blickt den heranstürmenden Bullen, einer Statue und Symbol für aggressiven Kapitalismus, kampfbereit entgegen. Eigentlich wollte die Künstlerin Kristen Visbal mit dem Mädchen auf den Mangel an weiblichen Führungskräften auf dem Finanzmarkt aufmerksam machen, als die Statue 2017 am Weltfrauentag enthüllt wurde. Doch mittlerweile ist das „furchtlose Mädchen“ zu einem Symbol für Frauen weltweit geworden, die sich mutig den Ungerechtigkeiten dieser Welt stellen und ihnen den Kampf ansagen. Das hat auch Ruth Bader Ginsburg zeitlebens getan. Der Satz „I dissent.“ – ich widerspreche, wird der Satz ihres Lebens. Sie widersprach oft – immer dann, wenn Frauenrechte mit Füßen getreten wurden.

Ich verlange von unseren Brüdern, dass sie ihre Füße von unserem Nacken nehmen!

Die jüdische Pelzhändler-Tochter aus Brooklyn war in den 1950ern eine von nur neun Jura-Studentinnen in Harvard. In den 1970er Jahren kippte sie als Rechtsanwältin ein frauendiskriminierendes Gesetz nach dem anderen. 1993 ernannte Bill Clinton die kämpferische Juristin zur Obersten Richterin am Supreme Court, als zweite Frau in der Geschichte. Sie wurde mit 96 zu drei Stimmen bestätigt. Eine größere Mehrheit hat noch nie jemand bekommen.

Am Obersten Gerichtshof kämpfte sie erfolgreich für die Legalität von Schwangerschaftsabbrüchen, gegen die Todesstrafe, für die Gleichbehandlung Homosexueller und für die als Obamacare bekannte Gesundheitsversorgung. Mit Zitaten wie: „Ich verlange keine Bevorzugung meines Geschlechts. Alles, was ich von unseren Brüdern verlange, ist, dass sie ihre Füße von unserem Nacken nehmen,“ wurde sie Teil der Popkultur und erhielt den Titel "Notorious R.B.G." in Anspielung auf den Rapper Notorious B.I.G.

Mit ihrem Mann Martin war sie 56 Jahre verheiratet. „Er war der erste Mann, der sich auch für mein Gehirn interessierte", sagte sie über ihn. Er stellte später seine eigene Karriere als Steueranwalt zurück und engagierte sich in der Erziehung und Betreuung der beiden Kinder für die damalige Zeit ungewöhnlich stark. Die Frage, ob sich das Juristenpaar oft gegenseitig Ratschläge gibt, verneinte Martin Ginsburg selbstironisch: „Sie gibt mir keine Ratschläge beim Kochen. Und ich gebe ihr keine Ratschläge für die Rechtsprechung.“ 2010 starb „Marty“ an Krebs. Seine Abschiedsnotiz: „Liebste Ruth. Du bist der einzige Mensch, den ich in meinem Leben geliebt habe. Was für eine Freude war es zu sehen, wie du an die Spitze des Rechts vorgedrungen bist.“

Mit Ginsbergs Tod steht das höchste Gericht der USA vor einer Zäsur

Am Tag ihres Todes trug New York, ihre Heimatstadt, Blau. Die Brooklyn Bridge, der Tower of Freedom, der Central Park und viele andere monumentale Bauten wurden in Ginsbergs Lieblingsfarbe angestrahlt. Ginsburg, die um ihr nahendes Lebensende wusste, wollte es unbedingt bis zur Wahl schaffen. Denn mit ihrem Tod steht das höchste Gericht der USA vor einer Zäsur. Die Republikaner sehen die große Chance, die konservative Ausrichtung des Gerichts zu zementieren – auf Kosten der Frauenrechte. Das in den USA hochumstrittene Recht auf Abtreibung könnte fallen. Der Kampf um Ginsbergs Nachfolge hat bereits begonnen - ein "Fearless Girl" ist nicht in Sicht.

Zu ihrer Amtseinführung 1993 im Rose Garden des Weißen Hauses sagte Ruth Bader Ginsberg in Gedenken an ihre verstorbene Mutter: „Ich bete, dass ich all das bin, das sie gewesen wäre, wenn sie in einem Zeitalter gelebt hätte, in dem Frauen nach dem Höchsten streben können und Töchter genauso wertvoll sind wie Söhne.“

In ihrer Profession hat sie zweifelsohne das Höchste erreicht. Die USA brauchen furchtlose Mädchen wie Ruth Bader Ginsburg dringender denn je. Die ganze Welt braucht sie.

Tipp: Das ZDF zeigt in der Mediathek die Doku "RBG - ein Leben für die Gerechtigkeit"

 

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