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Tsitsi Dangarembga: Friedenspreis!

© Mateusz Zaboklicki
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Tsitsi Dangarembgas Romane sind beklemmend und befreiend zugleich. Die „koloniale Neurose“, die der französische Psychiater Frantz Fanon in „Die Verdammten dieser Erde“ an Männern analysiert hat –, ergründet Dangarembga an Körper und Psyche der Frauen. In „Nervous Conditions“, so der Titel ihres ersten, 1988 erschienenen Romans, gibt sie der Psychosomatik einer afrikanischen Großfamilie im Rhodesien der 1970er Jahre literarische Gestalt. Alle, auch die Männer, leiden an „bad nerves“; doch es sind die Frauen, die an den Rand des Wahnsinns getrieben werden, deren Körper unter der Gewalt von Kolonialismus und Patriarchat zu zerbrechen drohen. Doch die Körper verweigern sich auch, leisten Widerstand.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei heranwachsende Mädchen. Tambudzai kommt vom Lande, ist an Armut und Schmutz gewöhnt. Als sie an die Missionsschule ihres Onkels kommt, ist sie überwältigt. „Das Fehlen jeglichen Schmutzes bewies, dass mein neues Heim überirdisch war.“ Ihre Kusine Nyasha, die ihre Kindheit in England verbracht hat, ist unangepasst und aufmüpfig. Sie trägt Miniröcke, benutzt Tampons, beides „un-afrikanisch“. Sie revoltiert gegen ihren Vater, den „good African“, der das kolonial-patriarchale System aufrechterhält. Als er sie schlägt, flüchtet sie sich in körperliche Verweigerung und Selbstaggression, wird magersüchtig.

Dangarembga bricht Tabus. Sie führt Anorexia Nervosa in die afrikanische Literatur ein. Als Nyasha zu einem weißen Psychiater gebracht wird, behauptet dieser, „Nyasha könne nicht krank sein, denn Afrikaner litten nicht an den Symptomen, die wir beschrieben hatten. Sie mache sich nur wichtig.“

Mit „Nervous Conditions“ gewinnt Dangarembga 1989 den Commonwealth-Literatur-Preis für die Region Afrika – und gilt forthin als eine der radikalsten weiblichen Stimmen des Kontinents.

Kurz darauf wendet sie sich einem anderen Medium zu, dem Film. „Wir rühmen uns in Simbabwe einer Alphabetisierungsrate von 80 Prozent. Aber selbst, wenn du ein Formular ausfüllen kannst, heißt das nicht, dass du auch ein literarisches Werk lesen kannst“, erklärt sie. „Im Film, so denke ich, kannst du die Geschichten, die erzählt werden müssen, viel besser erzählen.“

1990 geht Tsitsi Dangarembga nach Berlin und absolviert ein Studium an der Film- und Fernsehakademie. 1992 gründet sie ihre eigene Produktionsfirma „Nyerai Films“. Ein Spielfilm über AIDS-Waisen („Everyone’s Child, 1996) und eine Vielzahl von Kurz- und Dokumentarfilmen gehören zu ihrem Oeuvre. In „Kare Kare Zvako“ („Es war einmal“, 2004) schockiert sie das Publikum. Der weibliche Körper wird hier zum Schlachtfeld im wörtlichen Sinn: Ein Mann zerhackt seine Frau, kocht die einzelnen Teile über dem Feuer und verzehrt sie. Die wunderschöne Singstimme der Frau jedoch widersetzt sich der Einverleibung durch den Mann und triumphiert am Ende: „Wie könnte ich denn nicht wiederkehren? Niemand kann mich aufhalten!“

2000 kehrt Dangarembga nach Simbabwe zurück. Sie gründet die „Organisation Simbabwischer Filmemacherinnen“ und das Internationale Frauenfilmfestival von Harare. Gleichzeitig arbeitet sie weiter an ihrer Romantrilogie. 2018 erscheint der dritte Teil, „This Mournable Body“. Tambudzai, nun in mittlerem Alter, befindet sich in einem Zustand extremen Verfalls, innerlich und äußerlich. Der Roman erreicht die Short List des Booker Preises von 2020.

Im Januar 2021 erhielt Tsitsi Dangarembga den „Pen Preis für Meinungsfreiheit“ und im Juni den Pen Pinter Preis für ihr Gesamtwerk und „ihr Vermögen, selbst in Zeiten von Umbruch und Verwerfungen die Wahrheit zu erkennen und zu artikulieren.“ Diese Ehrung entspricht Dangarembgas Selbstverständnis. Auch wenn sie letztes Jahr für ihre Teilnahme an einer Demonstration in Harare verhaftet wurde, versteht sie ihre Rolle nicht als politische Aktivistin. Für sie steht ihr künstlerisches Werk im Vordergrund, mit dem sie der Welt einen Spiegel vorhält. Dafür erhält sie im Oktober zu Recht auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

FLORA VEITH-WILD

Weiterlesen: Tsitsi Dangarembga auf Deutsch: „Überleben“ und „Aufbrechen“ (beide Orlanda).

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