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Vergesst das Kuchenbacken!

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Frau Schulze Bockeloh, war bei der Wahl Ihr Geschlecht das Zünglein an der Waage?
Schon vor der Wahl sagte mir jemand: Bauernpräsident in Westfalen-Lippe? Dafür musst du ein Mann, Tierhalter, katholisch und in der richtigen Partei sein. Ich bin eine Frau, evangelisch, betreibe Ackerbau und welche Partei die richtige ist, darüber bin ich mir nicht so sicher. Dafür war das Ergebnis also gar nicht so schlecht.

Was hätten Sie als erstes angepackt?
Die Öffentlichkeitsarbeit! Die Landwirtschaft steht in der Kritik. Wegen der Pflanzenschutzmittel, der Massentierhaltung und des Klimawandels. Wir merken den Wandel als erste, an den trockenen Böden zum Beispiel. Die Umsetzung der Forderung nach mehr Umwelt-, Tier- und Artenschutz kann man nur mit uns LandwirtInnen hinbekommen.

Können Frauen das besser?
Frauen haben einen anderen Blickwinkel. Sie sind oft dialogbereiter und konsensorientierter als Männer. Und Landwirtinnen haben oft inno
vative Ideen, gerade bei Themen wie Tierwohl und Ökologie. Sie sind offener für Neues.

Was muss passieren?
Wenn Bauern und Verbraucher nicht zusammenfinden, dann muss die Politik es regeln. Die Menschen wollen mehr Tierwohl und mehr Umweltschutz. Und sie sind auch in Teilen dazu bereit, mehr dafür zu zahlen. Doch das wird nicht reichen, um die Landwirtschaft umzukrempeln. Die Borchert-Kommission macht diese Situation sehr gut deutlich und liefert die derzeit besten Vorschläge für eine gutdurchdachte Reform der Landwirtschaft. Produkte würden dadurch nur im Cent- Bereich teurer. Wir Frauen müssen uns gerade jetzt agrarpolitisch mehr einsetzen.

Und warum machen die Frauen das nicht?
Agrarpolitik wird im deutschen Bauernverband gemacht. Wer dort hochkommen will, braucht Gremienerfahrung, gute politische Kontakte und vor allem Zeit. Der Weg führt über Orts-, Kreis- und Landesverbände. Die meisten Frauen sind Ende 40, wenn sie aufsteigen. Aber: Frauen „packen an“, wie wir in Westfalen sagen. So wie es früher oft war: Eine Frau heiratet auf einen Hof ein, arbeitet rund um die Uhr im Haus und im Betrieb – darauf haben die Frauen heute keine Lust mehr. Je gleichberechtigter ein Hof geführt wird, desto erfolg reicher wirtschaftet er.

Und wie geht es für Sie persönlich nun weiter?
Ich arbeite weiterhin im Verband und daran, Frauen hochzuholen. Oft wird mir von jungen Frauen gesagt: „Ja, was wollen Sie denn im Verband für uns Frauen tun? Kuchen backen?“ Dann sage ich: „Frauen, verabschiedet euch vom Kuchenbacken. Euer Kuchen ist bestimmt lecker, aber er wird euch nicht weiterbringen! Frauen haben eine Schlüsselrolle in der Landwirtschaft. Wir müssen Entscheiderinnen werden. Da mache ich gern die Alice Schwarzer der Landwirtschaft!

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