EMMA vor 49 Jahren: Im Frauenhaus
„Moment, wir müssen erst mal ein bisschen aufräumen …“ Mit geübten Hausfrauengriffen werden leergetrunkene Kaffeetassen gestapelt, Teddys und Spielzeugautos werden gerafft. Acht Uhr morgens im Zimmer 14 im Haus für geschlagene Frauen: sechs Frauen, neun Kinder, sechs Doppelbetten, drei Kinderliegen, zwei Tische und acht Stühle. Mit mir um den Tisch sitzen alle sechs Frauen. Einige von ihnen sind schon seit Wochen hier, andere erst seit Tagen. Die letzte, Gertraud Bongards(alle Namen geändert),;22, ist gestern mit ihrem Kind dazugekommen. Die Frauen haben mich zum Frühstück eingeladen.
„Wenn Du von der Presse bist, kennst Du doch sicher auch meine Geschichte? Die schreiben immer Schicksale – nur helfen tun sie einem nicht.“ – „Die Telefonnummer von hier hab ich von der Auskunft. Ich frag mich nur, was die Frauen vorher gemacht haben, als es das Haus noch nicht gab.“ – „Ich bin hundertmal wieder zurückgegangen, weil ich nicht wusste, wohin.“ – „Ich hab immer nur davor gezittert, dass er nach Hause kommt.“ – „Guck mal meine Narben an … Dreimal hat er mich krankenhausreif geschlagen.“ – „Die Nachbarn? Ach die. Die machen doch nur Tür und Fenster zu. Die wollen mit sowas nichts zu tun haben.“ – „Und alle wollen sie, dass wir zu ihnen zurückkommen – aber das ist keine Liebe, das ist nur Eitelkeit.“ – „Und immer hast du die Hoffnung, er ändert sich.“
Rechts von mir Gudrun Held, 36 Jahre alt, Mutter von vier Kindern und Hausfrau. Nebenher ging sie putzen. „Ich musste. Er feierte ja laufend krank.“ Am liebsten schlug er sie mit der Hundeleine. Wollte sie nicht mit ihm schlafen, hielt er ihr die Pistole auf die Brust. Nach der Scheidung hat sie ihn wieder geheiratet – er hatte versprochen, sich zu bessern. Zwei ihrer Kinder sind verhaltensgestört. Der achtjährige Sohn Stefan hat neulich gesagt: „Wenn ich könnte, würde ich Vater umbringen!“ Frau Held hat ein zweites Mal die Scheidung eingereicht.
Gegenüber Ilona Klein, 27 Jahre alt, drei Kinder. Ihr Mann setzte sie nach der Prügelei meist vor die Tür. Auch nachts. Oft irrte sie tage- und nächtelang durch die Straßen. Einmal hat er das Kind aus dem Fenster gehalten und gedroht: „Ich schmeiß den Balg raus.“ Kommentar der alarmierten Polizei: „Was wollen Sie denn? Das Kind lebt doch noch.“ Den Tipp mit dem Frauenhaus hat sie von einer Sozialarbeiterin – Frau Klein hat die Scheidung eingereicht.
Daneben Renate Herzberger, 48 Jahre alt, seit zehn Jahren verheiratet, kein Kind, von Beruf Kassiererin. Auch sie wurde oft ausgesperrt. In der fremden Stadt – sie war wegen ihm nach Berlin gezogen – wusste sie nicht, wohin. Kam sie dann zurück, wurde sie noch mehr zusammengeschlagen. Ihr Körper und ihr Gesicht sind mit Narben bedeckt. Zuletzt hatte sie einen Schädelbruch. Ein um Rat gefragter Anwalt antwortete: „Solange Sie nicht den Kopf unterm Arm tragen, ist sowieso nichts zu machen. Außerdem ist Alkoholismus eine Krankheit und ihr Mann kriegt bestimmt verminderte Zurechnungsfähigkeit.“ Die Scheidung hat sie nicht eingereicht. Warum? „Angst. Der würde mich totschlagen.“
Und Regine Weiss, 27 Jahre alt, von Beruf kaufmännische Angestellte, Mutter eines Kindes und seither Hausfrau. Sie ist seit drei Tagen hier. Gestern hat sie zusammen mit zwei anderen Frauen ihr Kind aus der Wohnung geholt. Am mutigsten war bei dieser Aktion Käte. Käte Mielke, 22, Mutter eines Kindes, früher Arzthelferin, heute Animiermädchen. „Meinen Namen brauchst du nicht zu ändern“, sagte sie entschlossen. „Ich stehe zu allem, was ich zu sagen habe.“ Wenn ihr Mann betrunken war, pflegte er sie in den Bauch zu treten, die Treppe runterzuschmeißen, zu würgen und mit einer Pistole zu bedrohen. Seit ihrer Eierstockoperation nennt er sie „taube Nuss“. Außerdem: „Du bist ja nicht mal ne richtige Frau. Du kriegst ja keinen Orgasmus.“
Käte fiel in Depressionen und landete in der Psychiatrie. Das war am 5. Dezember vergangenen Jahres. Am 20. Dezember wurde sie wieder entlassen – und ging direkt ins Frauenhaus. „Jetzt versucht er mit allen Mitteln, mich zurückzuholen. So reagieren fast alle Männer der Frauen hier im Haus. Er schreibt mir Liebesbriefe, bombardiert mich mit Anrufen. Neulich stand er sogar vor der Tür und ließ mir ausrichten: ‚Komm zurück, Schatz. Ich schlag dich nicht mehr.‘“
Renate fängt an zu kichern: „Stellt euch mal das umgekehrte Bild vor: Kätes Mann wäre im Männerhaus und sie steht vor der Tür und säuselt: ‚Kannst ruhig wiederkommen, Schatz, ich schlag dich nicht mehr …‘“ – Käte: „Da wird einem erst klar, in was für einer grotesken Situation wir Frauen sind!“ Ilona: „Alle Tricks haben die drauf. Neulich kam einer als Postbote. Und vor ein paar Wochen ist einer im ersten Stock eingestiegen – aber die Frauen waren schlau: Die haben ihn im Zimmer eingeschlossen und die Polizei geholt.“
Regine: „Und gestern war Bombenalarm. Nachts um elf hat uns einer am Telefon gedroht. Seine Frau war bis vor kurzem hier und ist dann zurückgegangen. Jetzt mosert sie wohl so rum und wehrt sich so gut, dass er sauer ist. Die Polizei hatte innerhalb einer halben Stunde seine Adresse rausgefunden …“
Renate: „Die meisten rufen hier an und drohen mit Selbstmord. Bei den Ämtern erzählen sie, wir wären Trinkerinnen und gehörten in die Heilanstalt – aber sie würden uns trotzdem gern wieder aufnehmen.“ Gudrun: „Und die Ämter glauben denen mehr als uns. Alle reden sie auf uns ein, wir sollten zurückgehen. Am meisten die Männer … Wenn wir dir die Fotos von unseren Männern zeigen würden – du würdest staunen. Das sind die Liebsten und Bravsten auf der Welt. Die können kein Wässerchen trüben.“ Käte: „Oft beschimpfen sie uns auch. Ihr Schlampen! Ihr Huren! Ihr lesbischen Kühe! Das sind so die Lieblingsausdrücke …“
Am 1. November vergangenen Jahres wurde das Berliner Haus für geschlagene Frauen offiziell eröffnet. Es ist das erste in Deutschland. Schon jetzt gibt es zwei weitere: in Köln und in Bremen. Und in mehreren Städten Fraueninitiativen für weitere Häuser. Schon Wochen vor der Eröffnung des Berliner Hauses kamen die ersten Frauen. Sie kampierten inmitten des Renovierungsgerümpels. Bis Ende Januar wurden 193 Frauen und etwa 300 Kinder aufgenommen. An dem Tag, an dem ich im Haus war, lebten 48 Frauen mit ihren Kindern in den 15 Räumen – längst ist auch der ursprünglich als zweites Büro vorgesehene Raum mit Betten vollgestellt. Ilona Böttcher, die fürs Büro verantwortlich ist, musste rücken. Zwischendurch kampierten sogar Frauen im Gemeinschaftsraum.
Bisher ging etwa jede vierte Frau zu ihrem Mann zurück (einige sind schon wieder im Frauenhaus …). Die anderen haben sich Wohnungen gesucht oder übergangsweise Unterschlupf bei Verwandten und Bekannten gefunden. Das Haus hat das Prinzip der „offenen Tür“. Keine Frau wird zurückgeschickt. „Das können wir gar nicht verantworten“, erklärt Barbara, eine der Mitarbeiterinnen. „Wer weiß, ob die Frau dann am nächsten Tag noch lebt.“
Nicht wenige der geschlagenen Frauen schlucken Tabletten oder Alkohol. Polizei, Richtern und Jugendamt gegenüber versuchen die Männer, das zum Nachteil der Frauen auszuspielen. Sie vergessen nur eines: Dass die Sucht in den seltensten Fällen Anlass der Prügelei war, sondern ihre Folge. Geschlagen wird – das bestätigen alle zuständigen Stellen und auch die wenigen bisher existierenden Untersuchungen – in allen Schichten. Nur scheinen Proletarier offener, lauter zu schlagen. Bürgerliche Angestellte und Akademiker prügeln kaschiert und greifen neben der physischen auch zur psychischen Tortur: Da ist es gang und gäbe, dass den Frauen mit der Einweisung in die Psychiatrie gedroht wird. Eine englische Untersuchung ergab, dass zwei Berufsstände besonders viel prügeln: Polizisten und Richter.
Schätzungen über die Zahl der sogenannten „geschlagenen Frauen“ schwanken in der Bundesrepublik zwischen 100.000 und vier Millionen. Untersuchungen und Statistiken existieren nicht. Was kein Zufall ist, sondern die totale Ignoranz dieses Problems ausdrückt. Eine geschlagene Frau – das war bisher eine Ausnahme, und außerdem ist sie selber schuld und mag das vielleicht ganz gern, oder? Doch langsam wird klar: Wir sind alle geschlagene Frauen! Die, die zwar nicht viermal in der Woche Prügel beziehen, aber immer mit der möglichen Männergewalt zu rechnen haben, ebenso wie die, die regelmäßig zusammengeschlagen werden. Auf der Straße beschleunigen wir den Schritt, sobald abends jemand hinter uns geht. Pöbelt uns ein Besoffener an, erwidern wir nichts, weil wir Angst haben, den Kürzeren zu ziehen.
Und zu Hause? Selbst der sanfteste Mann, der keiner Fliege was zuleide tut, könnte uns immerhin schlagen. Und aus Erfahrung wissen wir Frauen, dass auch die friedlichsten Männer gewalttätig werden, wenn Frauen gehen – und Frauen gehen zunehmend.
Auch ohne Erfahrungen mit Trinkern und Schlägern haben viele Frauen solche Gewalttätigkeiten in Momenten der Trennung über sich ergehen lassen. Die Männer sind fast immer die Stärkeren! Und es ist eine Frage ihrer Freundlichkeit und Gnade, ob sie diese körperliche Überlegenheit ausspielen oder nicht. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Frau, die mir sagte: „Als ich mich scheiden lassen wollte, hab ich in der permanenten Angst gelebt.“ Ich fragte, warum. Ob er sie geschlagen habe? „Nein. Nie. Aber ich hatte immer Angst, er würde es tun.“
Wir alle sind geschlagene Frauen. Und wenn es heute endlich für die gravierendsten Fälle diese Zuflucht gibt, dann ist das nicht etwa der Männergesellschaft, nicht den Polizisten, Ärzten und Ämtern zu verdanken, sondern ausschließlich den Frauen, präziser, den Feministinnen. Dieses erste Haus für geschlagene Frauen, und auch die weiteren, wurden von Frauen aus der Frauenbewegung initiiert.
In Berlin waren es zunächst acht, die sich seit dem Winter 1975 regelmäßig trafen: Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen, Ärztinnen und Anwältinnen. Alles Frauen, die dank ihrer täglichen Erfahrung wussten: Es muss etwas geschehen!
Sie diskutierten, sammelten Informationen, wurden bei Ämtern und Ministerien vorstellig. Ex-Ministerin Focke (SPD), im Frühling 1976 durch einen eindringlichen Brief um Aufmerksamkeit, Hilfe und Geld gebeten, hielt es damals noch nicht einmal für nötig, zu antworten. Auch dem SPD-regierten Berliner Senat leuchtete die Notwendigkeit solcher Häuser keinesfalls ein.
Die Frauen ließen sich nicht entmutigen. Sie veröffentlichten Broschüren und verteilten Flugblätter über das Elend geschlagener Frauen. Und sie klagten die Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen an, die es möglich machen, dass Gewalt gegen Frauen für selbstverständlich gehalten wird: von den schlagenden Männern und allzu oft sogar von den geschlagenen Frauen selbst. Die ersten Reaktionen waren heftig. Prompt horchten die Medien auf. Im Mai 1976 erklärte Ministerin Focke in einem Fernsehfilm über das Problem ihr Desinteresse an dem Projekt. Sollten die Frauen sich doch wehren. Folge: „Waschkörbe von Protestbriefen“ (so eine Focke-Referentin).
Nun war der Skandal nicht länger zu verschweigen. Ausgerechnet in der Vorwahlzeit. Pech für die Politiker. Glück für die Frauen. Denn SPD und FDP, die in der vergangenen Legislaturperiode dank der „progressiven Wählerinnen“ an die Macht gekommen waren, mussten fürchten, die Wahlen zu verlieren.
So kam es, dass ganz plötzlich das Geld floss. Ein kleines Präsent für die Damen. Im August erteilte das Bonner Ministerium der Berliner Gruppe „Frauenhaus – Frauen helfen Frauen“ eine mündliche Zusage: das Projekt sollte ab Herbst 1976 mit 450.000 Mark jährlich als „Modellversuch“ finanziert werden, nach drei Jahren sollte der Senat die Kosten übernehmen.
Schon gingen Politiker und Politikerinnen mit dem Projekt hausieren, noch bevor das Haus eröffnet wurde. Mal verkündete die SPD, mal die FDP, dies sei ja eigentlich ihr Projekt. Und gleichzeitig wurden die eigentlichen Initiatorinnen und Trägerinnen der Sache diffamiert. So hieß es in einem internen Rundschreiben des Senats vom Juni 1976: „Es sollte vermieden werden, das Krisenzentrum als eine Einrichtung der Frauenbewegung erscheinen zu lassen, weil diese Sicht des Problems – abgesehen von den Vorurteilen und Widerständen, die eine solche Haltung auslöst – der real gegebenen Komplexität des Problems nicht gerecht werden kann.“
Als hätte die „Komplexität“ des Frauenproblems den Berliner Senat je interessiert … Die gleichen Stimmen predigten bisher heile Familie, wo die Hölle war, und Partnerschaft, wo nicht davon die Rede sein konnte.
Doch die Feministinnen, inzwischen gewitzt im Behörden- und Parteiendschungel, ließen sich nichts gefallen. Einzige Mini-Konzession: Sie gründeten einen „Trägerverein“, der juristisch und formal für das Projekt verantwortlich ist, und in dem außer ihnen selbst sechs sogenannte „öffentliche Frauen“ sind – das heißt, Frauen, die in der Öffentlichkeit „bekannt und angesehen sind“ (Senatsformulierung). Diese „öffentlichen Frauen“ sollten ursprünglich eine kontrollierende Funktion haben, waren aber bisher eher eine Verstärkung des Feministinnen-Kampfes gegen Behörden-Starrsinn.
Alles im Haus zielt heute auf Selbständigkeit der zunächst noch sehr hilflosen und hilfsbedürftigen Frauen hin. Die Psychologin Ursula Scheu: „Am erschütterndsten finde ich, wie wenig die hier ankommenden Frauen ihre eigenen Rechte kennen.“ Viele müssen bei ihrer Ankunft erst einmal ärztlich versorgt werden und manche sind so eingeschüchtert, gedemütigt und verschreckt, dass sie sich tagelang im Zimmer verstecken. So, wie die heute sehr selbstsichere Renate Herzberger, die aus Angst und Scham in der ganzen ersten Woche noch nicht einmal die Rolladen hochließ. Oder wie Margit Stiefel, die schon zitterte, wenn sie nur eine Männerstimme hörte (damals waren noch Handwerker im Haus).
„Für uns war von Anfang an klar, dass Männer in diesem Haus nichts zu suchen haben. Aber bring das mal dem Berliner Senat bei … Der hat monatelang versucht, uns dazu zu bringen, auch männliche Mitarbeiter ins Haus zu lassen“, berichtet die Psychologin Roswitha Burgard.
Abend. Alle Frauen duzen sich. Auch die Mitarbeiterinnen. Das Team ist gleichberechtigt, es gibt keine Chefin und keine Hierarchie. Die Bewohnerinnen haben eine regelmäßige Hausversammlung, in der auch Mitarbeiterinnen vertreten sind.
Außer einigen Minimalregeln gibt es keine Hausordnung. Die Mitarbeiterinnen möchten, dass allen Beteiligten ihre gemeinsame Verantwortung klar wird. Das klappt natürlich nicht immer – denn für viele der Frauen, die bisher in der totalen Abhängigkeit gelebt haben, sind gleichberechtigte Beziehungen neu.
„Die Frauen sind zwar selbständig, aber sie fühlen sich nicht selbständig“, erklärt mir Ruth Nehren, eine der Mitarbeiterinnen. „Du darfst nicht vergessen: eine der Hauptwaffen der Männer ist neben der körperlichen Gewalt die seelische. Die reden den Frauen immer wieder ein, sie seien dumm und minderwertig.“
Erst im Frauenhaus hebt so manche Frau nach langen Jahren erstmals wieder den Kopf. Lore Hansmann, 28, Tochter eines Taxifahrers, erfüllt sich einen Jungmädchentraum: Sie lernte Busfahren und karrt nun die Frauen und Kinder im Haus-Bus zum Einkaufen oder macht Möbeltransporte.
Auch im Haus machen die Frauen mit. Sie verwalten Küche und Wäsche, putzen alles selbst, kümmern sich um neu ankommende Frauen, trösten sie, nehmen ihre Personalien auf und erklären ihnen die tausend erforderlichen Behördengänge.
Ein ganz großes Problem sind die Kinder. Helga Tomek und Sylvia Krug, die sie betreuen, erzählen: „Da ist einmal die Umstellung: eine fremde Umgebung, eine neue Schule. Und dann sind die meisten Kinder sehr, sehr verstört. Oft wurden sie selbst vom Vater geprügelt – und nicht selten mussten sie die für die Mütter demütigendsten und traumatisierenden Szenen mit ansehen … Viele der Kinder lernen erst hier wieder spielen und lachen.“
Das Haus kann und will nur Übergangsstation sein. Schon jetzt ist klar, dass es selbst für Berlin nicht reicht. Nach den gemachten Erfahrungen halten die Frauen Anschlusshäuser für notwendig. Solche, in denen halb-stabilisierte Frauen in weitgehender Eigenverantwortung zusammenleben können, bevor sie sich ganz auf die eigenen Füße stellen (und dann allein oder mit anderen Frauen gemeinsam eine Wohnung nehmen). Auch sind dringend therapeutische Frauenwohngemeinschaften nötig, die Frauen, die auf längere Sicht nicht allein existieren können, aufnehmen. Das ist die praktische Seite. Doch auch politisch muss noch viel geschehen.
Warum werden Frauen geschlagen? Weil sie ökonomisch, sozial und psychisch so abhängig und physisch so schwach sind. Aber warum lassen Frauen sich in dieser Abhängigkeit und Schwäche halten? Weil Frauenschwäche und Männerstärke in unserer Gesellschaft „normal“, die Norm sind. Erfunden von Männern und akzeptiert von Frauen. Dagegen müssen wir kämpfen, wenn es eines Tages keine geschlagenen Frauen mehr geben soll.
Worauf warten wir, empört zu sein über die Verachtung und Erniedrigung, die uns da ins Gesicht geschlagen wird! ALICE SCHWARZER
*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert. – Der Text erschien zuerst in der März-Ausgabe 1977.
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