In der aktuellen EMMA

Wally Funk fliegt zu den Sternen

© Blue Origin/Cover-Images.com/IMAGO
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Fast 60 Jahre nach ihrem ersten Anlauf hat Wally Funk es geschafft! Als Ehrengast von Amazon-Gründer Jeff Bezos flog sie am 20. Juli, dem Jahrestag der Mondlandung, mit ihm, dessen Bruder Mark und einem 18-jährigen Gast an Bord der Raumkapsel New Shepard ins All. Fast zehn Minuten lang schwebte sie etwa 100 Kilometer über der Erdoberfläche – als ältester Mensch im Weltraum. „Ich habe dort oben viel Dunkelheit gesehen“, sagte Funk nach der Landung in Texas. Auch deshalb will sie nochmal rauf. Um sich das Weltall genauer anzusehen. Das Rüstzeug dazu hat die heute 82-Jährige. „Ich habe jede Menge Astronautentraining bewältigt, in Russland und Amerika. Ich habe die Männer in jeder Disziplin geschlagen. Ich war einfach stärker.“

Wally Funk war schon bereit für den Flug ins All, als die Raumfahrtmilliardäre Bezos, Branson und Musk noch nicht einmal ahnten, wo die Erdatmosphäre aufhört und der Weltraum anfängt. Im Jahr 1961, einige Monate vor der ersten amerikanischen Erdumkreisung und acht Jahre vor Neil Armstrongs ersten Schritten auf dem Mond, war sie eine von 13 Amerikanerinnen, die hoch hinaus wollten – und war dafür nachweislich bestens qualifiziert.

Nach ihrer Ausbildung zur Pilotin meldete sich Funk damals bei William Randolph Lovelace. Funk hatte gelesen, dass der Mediziner an einer Studie zur Weltraumtauglichkeit von Frauen arbeitete. Seine These: Frauen könnten für die geplanten Missionen der Nasa besser geeignet sein als Männer. Sie seien kleiner und leichter und verbrauchten dadurch weniger Sauerstoff.

Obwohl Funk erst 21 Jahre alt war, lud Lovelace sie in sein Labor nach Albuquerque in New Mexico ein. Mit zwölf weiteren potenziellen Astronautinnen, unter ihnen Ingenieurinnen, Mathematikerinnen und Pilotinnen, absolvierte sie mehrere Runden von Tauglichkeitsprüfungen. Die Ergebnisse unterstützten Lovelace’ These. Funk und ihre Mitbewerberinnen schnitten bei den Prüfungen zu Isolation und sensorischer Deprivation besonders gut ab – und besser als die Männer, die Lovelace in den Monaten zuvor für die geplanten Exkursionen ins All untersucht hatte.

Funk und die anderen Frauen mussten aber auf dem Boden bleiben. Die Nasa, die Lovelace’ privat finanzierte Testreihe für Astronautinnen anfangs unterstützt hatte, sagte die letzten Prüfungen überraschend ab. Frauen im All überforderten die Raumfahrtbehörde. „Die Männer gehen fort, kämpfen Kriege und fliegen Flugzeuge. Die Tatsache, dass es dabei keine Frauen gibt, ist eine Tatsache der sozialen Ordnung.“, ließ Astronaut John Glenn den Kongress 1962 wissen.

Funk und ihre Mitbewerberinnen hatten auf die Anhörung gedrängt, um Sexismus und Benachteiligung von Frauen durch die Nasa untersuchen zu lassen. Die Untersuchung verlief damals im Sande.

Den Traum vom Fliegen gab Funk aber nicht auf. Die Tochter einer Künstlerin und eines Gemischtwarenhändlers aus New Mexico wurde Chefpilotin einer kalifornischen Fluggesellschaft, ließ sich als erste Frau bei der US-Bundesluftfahrtverwaltung zur Inspekteurin ausbilden und übernahm 1974, ebenfalls als erste Frau, die Leitung der Untersuchungsabteilung für Flugunglücke bei der Nationalen Behörde für Transportsicherheit.

Mit fast 20.000 Flugstunden und etwa 3.000 FlugschülerInnen zählt Wally Funk heute zu den erfahrensten PilotInnen der Vereinigten Staaten, ja der Welt. „Ich habe mein Leben lang in männerdominierten Bereichen gearbeitet. Das habe ich nicht getan, weil ich Männern etwas beweisen wollte, sondern aus Interesse. Ich glaube einfach nicht, dass es Jobs gibt, die nur Männer erledigen können.“, schrieb Funk 2020 in ihren Memoiren „Higher Faster Longer“.

An dem Plan, ins All zu starten, hielt sie fest. Sie nahm an Prüfungen für AstronautInnen teil, absolvierte in der Sowjetunion ein KosmonautInnentraining, bewarb sich bei der Nasa und wurde immer wieder abgelehnt. Als sie sich an der Universität für ein Ingenieurstudium einschrieb, um eine weitere Hürde auf dem Weg in den Weltraum zu nehmen, kanzelte der Professor sie ab. Funk sei ein Mädchen und solle gefälligst nach Hause gehen.

CHRISTIANE HEIL

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