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Was ist Milas Vergehen?

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Kurze Haare, lange Haare, blaue Haare, pinkfarbene, Mila lasziv, Mila mit Katze, Mila rauchend, Mila feminin, Mila männlich, Mila lachend, Mila halbnackt, Mila mit geschminkten Narben auf den Wangen: Wer der Deutsch-Französin in den sozialen Netzwerken folgt, sieht den Abglanz eines glücklichen Teenagerlebens. Doch jede und jeder weiß in Frankreich, dass es hinter der bunten Oberfläche anders aussieht.

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Wie der Name Charlie ist auch der Name Mila in Frankreich zum traurigen Signum geworden: Er steht für die Bedrohung unschuldiger Menschen durch islamistische Terroristen. „Ich weiß sehr genau, wie ich sterben werde“, sagt Mila, eine junge Frau, die von sich sagt, drei Leidenschaften zu haben: Musik, Zeichnen und Schminken mit Spezialeffekten.

Nichts ist mehr, wie es vorher war, seit Mila gewagt hat, den Islam zu kritisieren

Es ist mehr als ein Jahr her, dass das Leben von Mila O. in viele Teile zerbrach. Nichts ist mehr, wie es vorher war, seit sie gewagt hat, den Islam zu kritisieren. Begonnen hatte alles am 18. Januar 2020. Mila war damals 16. „Ich hasse die Religion“, sagte sie in einer Videobotschaft. Der Koran stecke „voller Hass“, der „Islam ist scheiße“. Dann fügte sie noch Ausdrücke hinzu, die man weder mündlich und schon gar nicht schriftlich wiederholen möchte.

Es gab einen Anlass für Milas Wutanfall. Während eines Lives hatte sich Mila beim Schminken gezeigt – und wie sie die Avancen eines jungen Mannes abzuweisen wagte. Der frustrierte Mann, der eindeutig einen migrantischen Hintergrund hatte, beschimpfte Mila daraufhin als „dreckige Lesbe“ und „Rassistin“. Ihr spontanes Video, in dem sie den Islam mit kruden Worten kritisiert hat, war ihre Reaktion auf seine Beleidigungen. Es geschah vor einem kleinen Kreis von Zuschauern.

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Wenige Tage später hatten über eine Million Nutzer das Video gesehen. Es hagelte Hassbotschaften und Morddrohungen. Über 50.000 innerhalb der ersten Tage. Noch nie war eine Minderjährige in Frankreich so massiv Attacken in den sozialen Medien ausgeliefert. „Es wurden damals mehr Nachrichten zu Mila ausgetauscht als Kommentare während eines Fußballweltmeisterschaftsspiels“, konstatiert Justine Atlan, Vorsitzende von „e-enfance“, eines Vereins zum Schutz Minderjähriger im Internet.

Mila hat mehrere ihrer Belästiger und Bedroher angezeigt. So wurde im Oktober 2020 der 23-jährige Kevin B. vor einem Gericht der südfranzösischen Stadt Auch wegen „Androhung von Vergewaltigung und Mord“ zu drei Jahre Haft verurteilt, die Hälfte auf Bewährung. Zehn weitere Angeklagte müssen sich in den nächsten Wochen vor Gericht verantworten.

Milas Anklage wurde fallengelassen: Kritik an einer Religion ist nicht gleich Rassismus

Anders als nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ 2015 zeigte sich die französische Gesellschaft nach der sogenannten „Mila-Affäre“ zutiefst gespalten: Die einen standen und stehen bis heute hinter Mila und bekundeten mit dem Hashtag #JeSuisMila ihre Solidarität mit der inzwischen 18-Jährigen. Die anderen halten es mit denen, die Mila wahlweise vulgär, pubertär, unreif, blasphemisch oder islamophob finden. „Wer Wind säht, erntet Sturm“, kommentierte Abdallah Zekri, der Vorsitzende eines inzwischen wg. Islamismus-Propaganda aufgelösten Vereins gegen „Islamophobie“.

Selbst Frankreichs Ex-Justizministerin Nicole Belloubet bezeichnete Milas Wutanfall damals als „Angriff auf die Gewissensfreiheit“. Auch wenn sich die Justizministerin für ihre „Ungeschicklichkeit“ später entschuldigte, leitete die französische Staatsanwalt gegen die Schülerin zunächst ein Untersuchungsverfahren wegen „Anstiftung zum Rassenhass“ ein. Es wurde wenige Tage später fallen gelassen. Die Kritik an einer Religion ist eben nicht gleich Rassismus.

Der Hass auf Mila kommt seither in Wellen, aufgehört hat er bis heute nicht. Mila will sich auch einfach nicht das Recht auf Islamkritik oder „Gotteslästerung“ nehmen lassen. „Wir haben den Rückwärtsgang eingelegt und bewegen uns auf die Länder zu, in denen das Licht der Aufklärung noch nicht angekommen ist“, beklagt die Philosophin Elisabeth Badinter. Wenn Frankreich beim Recht auf Gotteslästerung nachgebe, sei dies das Ende der Meinungsfreiheit.

Sie wurde gemobbt und bedroht, musste sich verstecken und ihr Gymnasium verlassen

Mila ist mutig, aber sie lebt in Angst, versteckt vor der Öffentlichkeit. Sie war es, die ihr Gymnasium in einem Vorort von Lyon verlassen musste, nicht etwa diejenigen, die sie gemobbt und bedroht hatten. Selbst ein Militärinternat, in dem sie zwischenzeitlich untergekommen war, wollte ihre Sicherheit nicht mehr garantieren. Die Tochter einer Deutschen und eines Franzosen bekommt seither Fernunterricht.

Mila lässt sich nicht unterkriegen.
Mila lässt sich nicht unterkriegen.

„Was auch immer Mila macht, sie wird bedroht“, klagt ihr Vater. Als seine Tochter vom Militärgymnasium flog, veröffentlichte er einen „Brief an die Feigen“: „Wenn noch nicht einmal die Armee Mila schützen und ihr Unterricht ermöglichen kann, was können dann wir, ihre Eltern tun, um sie zu schützen?“

„Es wurde ein minderjähriger Salman Rushdie geschaffen“, sagt Milas Anwalt Richard Malka im Gespräch mit EMMA. Auch er steht seit den Attentaten von 2015 unter Polizeischutz. Doch er könne damit leben. „Aber eine Jugendliche, die noch das ganze Leben vor sich hat?“, fragt Malka empört.

Zum ersten Jahrestag der sogenannten „Affäre Mila“ hat sie ihr erstes und einziges Interview der französischen Presse gegeben. In ihren Antworten kommt sie als kluge, lebendige, leidenschaftliche junge Frau rüber. Gefragt, ob sie mutig sei, antwortet sie: „Ich will nicht, dass mich die Mila-Affäre ausmacht. Das bin ich nicht. Jeden Tag kämpfe ich darum, dass sie mich nicht zu hundert Prozent bestimmt. Aber ist das Mut oder Beharrlichkeit?“, fragt sie zurück.

Mila macht die sozialen Netzwerke nicht für ihr Schicksal verantwortlich, findet allerdings, dass alles, was in der Gesellschaft schiefläuft, durch sie verstärkt und aufgebläht wird. Vor allem die Intoleranz. Sie sei in den Augen radikaler Linke der „große böse Wolf“. Auch in der Feministinnen- und LGBTQ-Szene hat Mila sich Feinde gemacht. „Ich bin selbst pansexuell und mein Freund ist ein Trans-Mann“, sagt Mila im Gespräch mit Le Point, aber die Szene sei zur Meinungsdiktatur geworden: „Der Fanatismus explodiert überall“, konstatiert sie trocken.

Am Morgen des Tages, als in Auch das Urteil gegen Kevin B. fiel, hatte Mila ihrer Mutter Karin einen Brief in die Hand gedrückt. „Ich fühle mich vernichtet, total zerstört“, schreibt sie. „Am meisten tut mir weh, dass meine Eltern den Preis dafür bezahlen. Niemand kann ahnen, wie schlecht ich mich fühle. Und trotzdem bereue ich nichts. Manchmal fällt es mir schwer, mir meine Zukunft auszumalen. Sie werden mein Leben nicht zerstören, aber sie haben das glückliche Leben, das ich hatte, vernichtet. Wahrscheinlich für immer.“

Es sollte ein Skandal sein, dass Mila, 18, in Angst vor islamistischen Terroristen leben muss. Es müsste ein lauter Aufschrei durch das Land gehen, jeden Tag. Doch in Frankreich scheinen sich die meisten daran gewöhnt zu haben, dass Fanatiker die Angst diktieren.

MARTINA MEISTER

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