In der aktuellen EMMA

Trans: Kulturkampf in Europa

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ENGLAND: ROLLE RÜCKWÄRTS
Die englischen Feministinnen haben es geschafft: Sie haben durch Information der BürgerInnen und in Anhörungen der Regierung klar gemacht, was die sogenannte „Self-Identification“, kurz Self-ID, bedeuten würde, insbesondere für Frauen. Im Dezember 2020 wurde das „Selbstbestimmungsgesetz“ im Parlament abgelehnt.

In England gilt also weiterhin der „Gender Recognition Act“ von 2004: Transsexuelle Menschen dürfen ihren Geschlechtseintrag ändern, wenn sie medizinisch bestätigt unter Genderdysphorie leiden, zwei Jahre im anderen Geschlecht gelebt haben und beabsichtigen, das für den Rest ihres Lebens zu tun. Im März 2022 stellte nun der Cass-Report der zentralen Gender-Klinik Tavistock ein vernichtendes Zeugnis aus. Viel zu schnell und leichtfertig seien Kinder und Jugendliche als „trans“ diagnostiziert und mit Pubertätsblockern und Hormonen behandelt worden. Folge: Der National Health Service (NHS) schloss die Klinik und setzt von nun an auf dezentrale und unideologische Behandlung – und Forschung: Ein NHS-Team soll u. a. untersuchen, warum die Zahl der Mädchen mit Geschlechts-Dysphorie in den letzten Jahren „explodiert“ ist. Premierminister Rishi Sunak hat sich außerdem den Schutz von Frauenräumen auf die Fahnen geschrieben. Er stellte klar, dass die „Selbstidentifikation keine Gesetzeskraft hat“ und selbstidentifizierte Transfrauen ohne „Gender Recognition Certificate“ keinen Rechtsanspruch auf Zugang zu Women-only-Räumen wie Toiletten, Umkleiden und Duschen haben. Sunak will außerdem Frauen davor schützen, „sprachlich ausgelöscht“ zu werden. „Es kann nicht sein, dass wir Begriffe wie ‚Frau‘ oder ‚Mutter‘ nicht mehr verwenden dürfen, weil wir damit angeblich jemanden beleidigen.“

SCHOTTLAND: EKLAT UND STOPP
Zunächst sah es so aus, als würde das schottische Parlament das geplante „Selbstbestimmungsgesetz“ problemlos durchwinken. Die sogenannte „Gender Recognition Reform Bill“ sieht vor, dass Jugendliche ab 16 Jahren ohne Einwilligung der Eltern und ohne medizinische Diagnose ihren Geschlechtseintrag ändern können. Bisher ist das nur für Volljährige möglich. Sie müssen dazu als „genderdysphorisch“ diagnostiziert sein und zwei Jahre in ihrem Wunschgeschlecht gelebt haben.

Im ersten Durchgang war der Gesetzentwurf zunächst angenommen worden. Die Scottish National Party (SNP) von Premierministerin Nicola Sturgeon und ihr grüner Koalitionspartner hatten gemeinsam mit der Labour Party mit 88 zu 33 Stimmen für das Gesetz gestimmt. Dann kam es zum Eklat: Mehrere Abgeordnete stimmten dagegen und Sicherheits-Ministerin Ashten Regan, die auch für Gewalt gegen Frauen zuständig ist, trat aus Protest zurück: „Ich kann keine Reform unterstützen, die negative Folgen für die Sicherheit und Würde von Frauen und Mädchen hat.“ Unterstützung bekam sie von der UN-Sonderbeauftragten für Gewalt gegen Frauen und Kinder, Reem Alsalem, die sich mit einem Offenen Brief an die schottische Regierung wandte: „Die Reform sieht überhaupt keine Sicherungsmechanismen vor, um dafür zu sorgen, dass sie nicht durch Sexualstraftäter und andere Gewalttäter missbraucht werden kann“, erklärte sie. Alsalem warnte davor, die Schutzbedürfnisse von Frauen als „unlauter“ anzusehen und erklärte: „Ich bitte die Regierung dringend darum, alle Betroffenengruppen, die ihre Ansichten und Bedenken gegenüber diesem Gesetz vorbringen wollen, sorgfältig anzuhören.“

Nicola Sturgeon wäre gut beraten, dies in der aktuellen „Änderungsphase“ und vor der endgültigen Abstimmung zu tun. Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der schottischen Bevölkerung gegen das Self-ID-Gesetz ist.

FRANKREICH: WISSENSCHAFTLERINNEN WARNEN
In Frankreich gilt seit März 2022 eine Art „Selbstbestimmungsgesetz light“. Minderjährige dürfen mit Einverständnis ihrer Eltern ihren Vornamen ändern, der Geschlechtseintrag bleibt aber bestehen. Er darf nur von Volljährigen geändert werden. Schon seit 2016 ist für einen Geschlechtswechsel keine Operation mehr nötig. Auch in Frankreich stürmen schon länger Kinder und Jugendliche die Gender-Ambulanzen, flankiert von Medien, die das Mantra von den „vielen Geschlechtern“ eilfertig aufnehmen. Im Juli 2022 lancierten die Psychologie-Professorin Céline Masson und die Psychoanalytikerin Caroline Eliacheff ein Manifest, in dem 140 WissenschaftlerInnen, darunter die Philosophin Elisabeth Badinter, erklärten: „Derzeit gibt es zu viele Sendungen und Berichte, in denen Forderungen von Transaktivisten unhinterfragt und oft ohne jede Objektivität wiedergegeben werden. Kritische Wissenschaftler haben in diesen Sendungen entweder gar keinen Platz oder sie werden öffentlich desavouiert, bevor die Debatte überhaupt begonnen hat.“

Auch die „Académie Nationale de Médicine“ warnt vor der leichtfertigen Medikalisierung Jugendlicher. Es handle sich um ein „Phänomen epidemischen Ausmaßes“. Die Akademie warnte vor dem Risiko der „Überdiagnose“, weshalb bei der Gabe von Pubertätsblockern und Hormonen „größte Vorsicht“ herrschen und die Phase der psychologischen Betreuung so lang wie möglich ausgeweitet werden sollte.

Reaktion der Transaktivisten: Sie diffamieren die KritikerInnen als „transphob“ und „faschistisch“. Mit Erfolg. Im November sagte die Pariser Stadtverwaltung eine Konferenz ab, an der Masson und Eliacheff teilnehmen wollten. Die wehrten sich mit einem Offenen Brief und erklärten: „Wenn Sie die Reputation von jemandem ruinieren wollen, beschuldigen Sie ihn einfach der -phobie: Xenophobie, Homophobie, Islamophobie. Die beliebteste Anschuldigung der Woken aber ist gerade die Transphobie.“

SCHWEDEN: HAT DEN TRANS-TRAIN GESTOPPT
Das feministische Vorzeigeland war Vorreiter bei Transrechten. 2013 reformierte Schweden sein Transsexuellengesetz, seither ist eine Genital-OP keine Voraussetzung mehr für einen Wechsel des Geschlechtseintrags. Den Transsexuellen, die sich nach der alten Gesetzeslage hatten sterilisieren lassen müssen, zahlte das Land ein Schmerzensgeld. 2015 wurde das geschlechtsneutrale Pronomen „hen“ eingeführt.

Nun stieg die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die das Geschlecht wechseln wollten, explosionsartig an. Kliniken wie das Stockholmer Karolinska Institut behandelten die Jugendlichen unhinterfragt mit Pubertätsblockern und Hormonen. Im August 2018 wollte die rot-grüne Regierung per Gesetz die Altersgrenze für „geschlechtsangleichende“ Operationen von 18 auf 15 Jahre senken.

Doch dann stoppte Schweden den „Trans-Train“ per Vollbremsung. Denn die gleichnamige TV-Dokumentation sowie ihre Fortsetzung „Transbarnen“ (Transkinder) deckten auf, wie leichtfertig MedizinerInnen die Diagnose „trans“ stellten. Dabei leidet laut der Nationalen Gesundheitsbehörde jedes dritte Mädchen mit angeblicher „Geschlechtsdysphorie“ an einer Angststörung, jedes fünfte an ADHS, jedes siebte an Autismus. Auch die schweren Nebenwirkungen der Pubertätsblocker wurden enthüllt.
Seither ist in Schweden die Gabe von Pubertätsblockern verboten und eine Therapie das Mittel der Wahl. Schweden erforscht außerdem die Gründe für den „ungeklärten Anstieg“ der Jugendlichen, die Hilfe in den Gender-Ambulanzen suchten, insbesondere den „besonders großen“ Anstieg bei pubertierenden Mädchen. Die Nationale Gesundheitsbehörde erklärt: Man gehe davon aus, dass die Risiken von pubertätsunterdrückenden Maßnahmen sowie einer geschlechtsangleichenden Hormonbehandlung derzeit den möglichen Nutzen übersteigen.“

SPANIEN: DER KAMPF TOBT
Spaniens Gleichstellungsministerin Irene Montero hat es plötzlich sehr eilig. Denn in den Straßen von Madrid demonstrieren die Menschen gegen das geplante Gesetz, das von der linken Politikerin und ihrer Partei „Podemos“ vorangetrieben wird und eigentlich bis Ende 2022 verabschiedet sein sollte. Danach sollen Kinder ab zwölf (!) Jahren künftig ihren Geschlechtseintrag ändern dürfen, ab 16 ohne Einverständnis der Eltern. Die Erklärung auf dem Standesamt muss nach drei Monaten bestätigt werden. Eine medizinische Diagnose und eine Hormonbehandlung, die bisher Voraussetzung für einen Geschlechtswechsel sind, wären weder für Jugendliche noch für Erwachsene erforderlich.

Das „Ley trans“ ist für Montero ein Prestigeprojekt, das sie unbedingt vor den Parlamentswahlen im November 2023 noch durchpeitschen will. Umso misslicher für sie, dass jetzt allerorten der Widerstand wächst: Die Frauenpartei „Feministas al Congreso“ hat ebenso ihr Veto eingelegt wie die Spanische Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und weitere Fachverbände. Die Medien berichten ausführlich über die kritischen Stimmen von MedizinerInnen, Feministinnen, Eltern zum Gesetz. Auch der Staatsrat, das höchste Beratungsorgan der Regierung, kritisierte das geplante Gesetz scharf. Schließlich stimmte der große Koalitionspartner, die Partido Socialista von Ministerpräsident Pedro Sanchez, dafür, die Frist für mögliche Änderungen am Gesetz zu verlängern.

Jetzt hat Ministerin Montero ein „Dringlichkeitsverfahren“ eingeleitet: Die Stimmen von Verbänden und ExpertInnen sollen im parlamentarischen Verfahren nicht mehr angehört werden. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Sozialisten das gefallen lassen. Und die Menschen, die in den Straßen demonstrieren.

HOLLAND: DAZUGELERNT!
Holland zeigt, dass PolitikerInnen wie Gender-MedizinerInnen dazulernen können. 2020 hatte Justizminister Sander Dekker von der liberal-konservativen Regierungspartei VVD einen Gesetzentwurf vorgelegt, der schon 16-Jährigen eine Änderung ihres Geschlechtseintrags ermöglichen sollte. Auch für Volljährige sollte die bisher obligatorische Konsultation eines Psychologen oder Mediziners wegfallen. Doch als das Parlament Ende September 2022 über das Gesetz debattierte, lehnte die VVD ihr eigenes Gesetz ab. Zu unüberhörbar war inzwischen die Kritik geworden, auch Dank der Aufklärung durch feministische Initiativen wie „Voorzij“.

Die Wortmeldung von Thomas Steensma dürfte allerdings besonders zur Kehrtwende beigetragen haben: Der Mediziner am „Zentrum für Gender Dysphorie“ an der Amsterdamer Uniklink gilt als Erfinder des „Dutch Protocol“: Diese Leitlinie zur Behandlung von Kindern mit Pubertätsblockern wurde aus einer Studie abgeleitet, die Steensma 2006 durchgeführt hatte, und wird seither weltweit angewandt. Darüber ist der Gender-Experte selbst entsetzt. Bei den ProbandInnen von 2006 habe die Geschlechts-Dysphorie schon im Kleinkindalter bestanden. Außerdem hatten die PatientInnen keine weiteren psychischen Belastungen wie Depressionen, Essstörungen, ADHS oder Autismus.

Die Studie sei darum überhaupt nicht vergleichbar mit der Klientel, die heute in die Gender Ambulanzen kommt: überwiegend pubertierende Mädchen. „Hört auf, unsere Forschung blindlings zu übernehmen!“ mahnt Steensma. „Mehr Forschung in Sachen Pubertätsblocker ist wirklich sehr nötig!“

 

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