In der aktuellen EMMA

Wir müssten doch attraktiv sein

Foto: Jürgen Blume/epd/imago images
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Der Feminismus ist eine der großen Freiheitsbewegungen der Moderne. Wie alle Freiheitsbewegungen war der Weg zu gesellschaftlicher Wirkmacht lang, zäh und begleitet von unsäglichem Leid und vielen Opfern. Da sind die naheliegenden Opfer, nicht minder folgenreich sind die Kollateralschäden des Erfolgs. Die Dialektik der Aufklärung bedeutet eben auch, dass die einst im Kampf gegen Patriarchat und Diskriminierung geeinten Frauen als eine Mehrheit, die wie eine Minderheit behandelt wurde, aufhörten diesen Kampf als Aufgabe wahrzunehmen, in der bei allen Differenzen gemeinschaftliche Emanzipationsziele durchgebracht werden könnten.

Der Feminismus hat viel erreicht, in einigen liberalen Gesellschaften ist er ein selbstverständlicher Motor freiheitlicher Modernisierung geworden. Aber in einer Welt sich verengender Freiheitsräume befindet sich der Feminismus wie andere liberale Bewegungen auf dem Rückzug. Diktaturen und autoritäre Systeme stellen Individualität und individuelle Freiheiten gleichermaßen in Frage. Die feministische Revolution tritt auf der Stelle und so manche Kämpfer*innen radikalisieren sich in sprachphilosophischen Exegesen.

Revolutionen sind die „Morgenröte“ der Ge­­schich­te. Etwas euphorisierendes, weil ein neuer Tag beginnt und die Karten neu gemischt werden. Nach den Freiheitsexzessen folgte der Terror oder zumindest der Zwang. In den USA hatte Valerie Solanas 1968 mit dem Mordversuch an Andy Warhol ein Rolemodel jener queeren Avantgarde sexueller Uneindeutigkeit schwer verletzt und wohl auch mitgetötet (gelten die Folgen der Schussverletzungen doch als Ursache für Warhols Tod).

Der deutsche Feminismus war – und ich schreibe hier als 68er Kind für EMMA – heiterer gestimmt mit einer Ikone wie Alice Schwarzer, die ihren Humor als revolutionäre Kraft nutzte. In einem Interview mit der Zeit erinnert sich Schwarzer an die Anfänge der „manifs“ – der Demos in Paris der 70er-Jahre. „Erst waren wir ein Dutzend, dann 30, 100, 200“, erzählt sie. „In Gruppen zogen wir singend die Rue Bonaparte hoch und kniffen auch schon mal den Männern im Vorbeigehen in die Hintern.“ Es war jener freche Feminismus, den dann Künstlerinnen wie Madonna weiterführten und eine radikale ­Respektlosigkeit als Kraftquelle der Dekonstruktion patriarchaler Machtmonopole etablierte.

1979 reiste Schwarzer in den Iran – im Windschatten einer islamischen Revolution, die rückblickend eher wie eine Heideggersche Kehre anmutet: Eine Rückkehr ins Mittelalter, insbesondere für die Frauen, die schon kurz nach der Revolution Hilferufe in den Westen schickten, doch von ihren feministischen Kolleginnen nur wenig Unterstützung erhielten. Bis heute gilt der feministische Kampf gegen das reaktionäre, antihumanistische Menschenbild des politischen Islam als schwierig, weil ein Teil des Feminismus seine eigenen, wesentlichen Codes einem neuen Übercode opferte: Dem der Identitätspolitik und einer hyperidealistischen Sprach- und Sprech­didaktik, die Konflikte gerne sortenrein bearbeitet.

Deswegen wird die Gewalt gegen Frauen in muslimischen Migrantenfamilien weniger ernstgenommen als eine unglückliche Formulierung einer CDU-Chefin im Karneval. Schmallippig, mit einem im Labor destillierten Anstandshumor hat der Feminismus eine bittere Wendung genommen. Der Digitalfeminismus hat sich auf die Sprachkritik beschränkt und seine Wortpflege kaserniert. Klügere postmoderne Feministinnen fragen, unter welchen Umständen Radikalität – wie die der Suffragetten, die ja auch nicht gerade friedlich waren – im feministischen Narrativ gerechtfertigt sein kann. Als Teil einer radikal liberalen, freiheitssehnsüchtigen Bewegung.

Zum Schluss ein Blick auf die Männer: Die Guten freuen sich über den Siegeszug des Feminismus, die Ängstlichen verunsichert er und die Pragmatischen achten darauf, dass aus den humanistischen Selbstverständlichkeiten keine hysterischen Moralkathedralen werden. Der Männer-Backlash, wo Männer wieder so aussehen wie in den 50er-Jahren (Beispiel: AfD-Fraktionen), ist bitter. Das Schönste am Feminismus ist, dass wir Männer machen können, was wir wollen. Weil nicht mehr alles von uns abhängt. Man sollte uns das auch mehr ansehen. Das müsste eigentlich attraktiv sein.

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