In der aktuellen EMMA

Zhou Xiaoxuan: MeToo in China

© Andy Wong/Associated Press/dpa
Artikel teilen

Wer Zhou Xiaoxuan in ihrer kleinen, vollgestopften Wohnung in einem Pekinger Hochhaus trifft, erlebt keine kämpferische Anführerin einer feministischen Bewegung. Und das hat einen guten Grund. Wer sich in China zu weit vorwagt, gerät schnell ins Visier der Polizei. Die 28 Jahre alte Drehbuchautorin präsentiert sich deshalb lieber als eine von vielen; als Teil eines HelferInnennetzwerks für Opfer sexueller Gewalt, zu denen sie sich selbst zählt. Der größte Erfolg der MeToo-Bewegung in China sei es, „dass unsere gemeinsamen Stimmen die Schande zerschlagen haben“, sagt sie.

Anzeige

In diesem Zusammenhang spielt der 2. Dezember 2020 eine wichtige Rolle. Damals hatten sich mehr als hundert Unterstützerinnen und Unterstützer in eisiger Kälte vor jenem Pekinger Gericht versammelt, in dem Zhou Xiaoxuan als Klägerin auftrat.

In einem Land, in dem jede Versammlung ein Haftgrund sein kann, ist das eine Revolution

Ihrem Fall kommt besondere Bedeutung zu, weil der Mann, dem Zhou vorwirft, sie im Jahr 2014 als Praktikantin in seinem Umkleidezimmer gegen ihren Willen geküsst und begrapscht zu haben, einer der prominentesten Moderatoren des Staatsfernsehens ist. Die Tatsache, dass er früher auch die Neujahrsgala moderierte, die wichtigste Propagandaschau des Jahres, gibt dem Prozess politische Brisanz. Das macht Zhou zur Symbolfigur der chinesischen MeToo-Bewegung.

Hundert Leute, die zehn Stunden vor einem Gericht ausharren, das klingt nicht nach viel. Doch in einem Land, in dem jede Versammlung ein Haftgrund sein kann, ist es das. Besonders berührt hat Zhou, dass unter den Protestierenden auch ein von weit her angereister Vater war, dessen Tochter mutmaßlich vergewaltigt wurde. Zhou hatte ihm dabei geholfen, einen Anwalt zu finden.

Seit sich die junge Frau selbst öffentlich exponiert hat, bekommt sie Hilferufe aus allen Teilen des Landes. „Viele Opfer haben das Vertrauen in ihre Umwelt verloren. Sie vertrauen mir, weil ich selbst ein Opfer bin“, sagt Zhou. Sie begleitet andere Frauen zur Polizei, berät sie, vermittelt sie an Anwältinnen und vernetzt sie mit Unterstützergruppen.

Seit jene hundert Menschen mit Plakaten vor dem Gerichtssaal standen, auf denen Slogans wie „Wir sind keine Genitalien auf zwei Beinen“ standen, muss Zhou sich nicht mehr nur gegen den Vorwurf wehren, sie suche das Rampenlicht und sei eine Lügnerin. Ihr wird nun auch vorgeworfen, „das System“ anzugreifen und mit westlichen Mächten einen Pakt geschlossen zu haben. Sie wisse jetzt, warum so wenige Frauen in China Anzeige erstatten, sagt sie.

Durch Zhou erlebt China eine MeToo-Debatte, die die Chinesinnen nie erahnt hätten

Nach dem Übergriff in der Kabine des Moderators vor sieben Jahren war die damals 20-Jährige gleich zur Polizei gegangen. Doch die hatte Zhou unter Verweis auf die Prominenz des Aggressors gedrängt, keine Anzeige zu erstatten. Zwei Jahre später mussten ihre Eltern schriftlich versichern, dass sie den Fall nicht weiter verfolgen würden. 2018 hat Zhou dann, inspiriert von der MeToo-Bewegung, ihre Erfahrungen im Internet veröffentlicht. Geklagt hat sie erst, nachdem der Moderator Zhu Jun sie wegen Verleumdung vor Gericht zerrte. Bis zu ihrem ersten Verhandlungstag vergingen zwei Jahre. Der Moderator blieb dem Gericht fern, und die Richter wiesen Zhous Antrag, ihn vorzuladen, als „nicht notwendig“ ab. Die Richter hatten auch behauptet, Videoaufzeichnungen vom Flur vor besagtem Ankleidezimmer seien nie sichergestellt worden – obwohl in der Polizeiakte Screenshots davon zu finden sind. Ihr Antrag auf ein öffentliches Verfahren wurde ebenfalls abgewiesen. Der zweite Prozesstag wurde im März wenige Stunden vor dem Termin auf unbestimmte Zeit verschoben. Ohne Begründung.

Stattdessen geschah etwas anderes: Zhous Zugang zum sozialen Netzwerk Weibo, auf dem sie regelmäßig über feministische Themen und sexuelle Missbrauchsfälle geschrieben hatte, wurde für ein Jahr gesperrt. Ihre Stimme ist damit vorerst verstummt. Aber Zhou behielt recht, als sie sagte, sie sei nur eine von vielen. Gerade erlebt China eine neue MeToo-Debatte, die sich an Vorwürfen gegen den Popstar Kris Wu entzündet hat. Mehrere minderjährige Mädchen werfen Wu vor, sie zum Sex genötigt zu haben. Die Polizei hat den Sänger verhaftet.

Artikel teilen

Anzeige

 
Zur Startseite