Zu wenig Herz und zu viel Hirn?

Artikel teilen

Cherchez la femme. Der klassische Satz scheint in diesem Falle wirklich zutreffend. Nur dass die Verantwortliche für den Bundespräsidentschafts-kandidaten in diesem Fall nicht hinter den Kulissen agierte, sondern als Vorsitzende an vorderster Front.

Anzeige

EMMA war nicht die einzige Frauenstimme, die am 4. März enttäuscht war. An dem Tag, an dem die CDU/CSU den bis dahin weitgehend unbekannten Ökonom Horst Köhler als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten

benannte. Wieder keine Frau! Dabei war in den letzten Tagen der Eindruck entstanden, dass Angela Merkel persönlich für eine Frau eintrete und nicht für irgendeine: für Annette Schavan, Merkel-Vertraute und profilierte Bildungsministerin aus Baden-Württemberg.
Aber nein. Es wurde Köhler, und Alice Schwarzer kommentierte in EMMAonline enttäuscht: „Die Niederlage kann totaler nicht sein. Die Niederlage für Angela Merkel und Annette Schavan. Die Niederlage für alle Frauen.“ Die EMMA-Herausgeberin vermutete gar, dass dies vielleicht „auch der Anfang vom Ende der Kanzlerkandidatin Merkel“ sei.
Doch nach ein paar Tagen war klar: Mit dieser Sicht der Dinge stand EMMA alleine da im Chor der Medien. Die Mehrheit war sich einig: Nicht die bösen Buben von der CDU/CSU hatten eine Kandidatin verhindert, sondern die Vorsitzende persönlich. Mit der „Physikerin der Macht“, titelte Hans-Ulrich Jörges im stern und analysierte das Hin und Her um die Kandidatenschaft nicht als Chaos, sondern als genau berechnetes Über-Bande-Spielen der Vorsitzenden bzw. als präzises mathematisches Kalkül einer gelernten Physikerin. „Der Titel ihres überaus erfolgreichen Experimentes könnte lauten“, schrieb Jörges: „Die Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher maskuliner Karrierepolitiker.“
Abwarten. Westerwelle Schäuble köpfen lassen. Abwarten. Merz und Koch schäumen lassen. So tun, als sei man offen. Abwarten. Vermuten lassen, man sei für eine Frau. Abwarten. Scheinbar zum Kompromiss bereit sein – und bei dem landen, den frau immer schon wollte: Horst Köhler! Weil ein Präsident Köhler keine Hausmacht und Merkel dankbar zu sein hat? Und weil eine Frau vielleicht doch besser ist als zwei?
So scheint es zu sein.
Und nun? Nun wählen am 23. Mai 1.206 Delegierte den Bundespräsidenten. 604 Stimmen sind für die Mehrheit nötig, 625 haben CDU/CSU mit FDP. Will die Gegenkandidatin von Rotgrün, Gesine Schwan, gewinnen, müssten 22 Wahlmänner bzw. -frauen aus dem Gegenlager für sie stimmen. Was noch nie passiert ist und auch diesmal nicht passieren wird. Hinzu kommt: Wirkliche Gegner hat das unbeschriebene Blatt Köhler bei den Konservativen und Liberalen nicht. Und besondere Freunde hat die aus dem Hut geholte Gesine Schwan bei denen auch nicht. Und auch keine Freundinnen. Die CDU-Frauenunions-Vorsitzende Maria Böhmer jubelte schon am Tag der Verkündung: „Angela Merkel ist es in überzeugender Weise gelungen, einen gemeinsamen Kandidaten der bürgerlichen Mitte zu benennen, der internationales Ansehen genießt.“
Die rührenden Frauen-Initiativen für Gesine Schwan sind also gut gemeint, aber völlig sinnlos. Die politikerfahrene Schwan wird das selber am besten wissen. Dass eine solche Kandidatur für ihre Tätigkeit als Unipräsidentin sowie weitere Pläne dennoch Sinn macht, ist klar. Aber nur für sie persönlich.
Das politisch Infame an diesem Spielchen ist, dass mal wieder die chancenlose Opposition eine so genannte „Zählkandidatin“ benennt (also die, an der die Gegenstimmen abgezählt werden). Immer, wenn sie die Mehrheit sind, präsentieren sie Männer als potentielle Bundespräsidenten – immer, wenn sie in der Minderheit sind, Frauen. Es wäre an der Zeit, dass die Frauen sich das verbitten!
Erstmals die Damenkarte zog 1979 die SPD mit Annemarie Renger (431 Stimmen von 1032). Dann probten die Grünen 1984 das Spielchen mit Luise Rinser (68 Stimmen von 1028). 1994 präsentierte die FDP Hildegard Hamm-Brücher (126 Stimmen von 1319). 1999 traten gleich zwei Frauen gegen Rau an: Dagmar Schipanski für die Konservativen (572 Stimmen von 1333) und Uta Ranke-Heinemann für die PDS (62 Stimmen).
Nun also Gesine Schwan. Es braucht keine hellseherischen Kräfte, um vorauszusagen, dass sie maximal 580 Stimmen kriegen wird. Vermutlich aber sind es weniger wg. PDS, die nicht im Verdacht steht, sich über die Kandidatur der deklarierten Antikommunistin besonders zu freuen.
Also, liebe Frauen, lieber Eis essen gehen, statt Wahlinitiativen für die Kandidatin zu machen.
Und Präsidentenmacherin Merkel? Die wird einerseits bewundert für ihre kühle Strategie - aber schon jetzt auch genau deswegen gerügt. Der klassisch antifeministische Vorwurf lautet: zu viel Hirn und zu wenig Herz. – Ja, was denn nun!
Mehr zum Thema: Lehrreiche Niederlage - EMMAonline 4.3.2004; Tag der Niederlage - EMMA März/April 2004
EMMA Mai/Juni 2004

Artikel teilen
 
Zur Startseite