Kunstpreis Berlin für Meredith Monk

Foto: Jesse Frohman
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Sie ist, wie sie da durch die breiten Gänge eines gediegenen Kölner Hotels geht, noch zarter als erwartet. Regelrecht winzig wirkt sie und sieht mit ihren zwei geflochtenen Zöpfen aus wie eine Mischung aus frechem Mädchen und weiser Indianerin.

Doch wer Meredith Monk einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß, dass dieser kleine, drahtige Körper ein Kraftwerk ist, das Erstaunliches produziert. Sie heult und hechelt, sie klickt und krächzt, sie tönt und trillert, sie ululululuht und nananananaht.

Was die Frau, die seit über einem halben Jahrhundert ihre höchst eigenwilligen Gesänge präsentiert, da tut, sei „urweltlich und ätherisch“, findet der New Yorker. Ihr Gesang sei Ausdruck von „gleichzeitig heutigen und uralten Welten“, schreibt die New York Times, Meredith Monk sei „Wegbereiterin und Inspiratorin“ für Musikerinnen wie Björk, die bekennender Monk-Fan ist. Die Carnegie Hall, die Meredith Monk zu ihrem 50. Bühnenjubiläum den „Composers Chair“ widmete, befand, dass die „künstlerische Visionärin“ mit ihrer „faszinierenden Art, Stimme und Instrumente zu nutzen“, eine Musik kreiiert hat, die „gleichermaßen mystisch und expressiv“ ist. Und die Los Angeles Times erklärt das Phänomen Monk so: „Der Hörer fühlt sich, als ob er mit einer anderen, vielleicht weiseren Spezies kommuniziert.“ Jüngst zeichnete Präsident Obama sie mit der „National Medal of Arts“ aus.

Als Meredith Monk im Vorfeld ihres einzigen Deutschland-Konzerts in der Kölner Philharmonie mit der EMMA-Redakteurin kommuniziert, möchte sie zunächst ganz unätherisch über Diesseitiges sprechen: Hillary Clinton und Donald Trump. „Ihr in Deutschland müsst denken, dass die Amerikaner verrückt geworden sind“, fürchtet die New Yorkerin und beruhigt die Europäerin mit tiefer, warmer Stimme: „Aber natürlich wird Hillary gewinnen, das ist gar keine Frage.“ Bedauerlich sei allerdings, dass Hillary immer so angespannt wirke. „Aber Leute, die sie kennen, beschreiben sie als einen extrem humorvollen, weichen und sehr freundlichen Menschen.“ Sie sei nur „immer im Kampfmodus, weil sie von Anfang an in Verteidigungshaltung gehen musste. Sie war mit ihrer Intelligenz und Kompetenz einfach zu bedrohlich.“

Meredith Monk hat in ihren vielen Stücken, Opern und Filmen, die sie seit 1964 auf Bühne und Leinwand brachte, eine Kunstform geschaffen, die ohne Worte auskommt, weil sie „die Menschen auf einer Ebene erreichen möchte, die wir mit Worten nicht ausdrücken können“.

Aber auf ihre Weise hat sie immer Position bezogen. Alle ihre Protagonisten sind weiblich. In ihrer Oper „Vessel“ zum Beispiel hat sie das Leben der Jeanne d’Arc auf die Bühne gebracht. In „Atlas“ lässt sie ihre Heldin Alexandra auf eine große (innere) Reise gehen, Vorbild ist die große Reise-Pionierin Alexandra David-Néel (1868–1969).

„Wir haben diese sehr festen Vorstellungen davon, was eine Frau und was ein Mann ist“, sagt Meredith Monk – und zerlegt sie. Gleich in ihrer ersten Oper, „Education of the Girlchild“, die 1975 auf der Biennale in Venedig den Musiktheater-Preis gewann, analysierte sie diese Rollenzwänge, die sie selbst nur zu gut kannte. „Ich musste als junge Frau in den 60ern sehr kämpfen, um meine Visionen durchzusetzen. Und als die Frauen - bewegung aufkam, habe ich gesehen, dass das gar nicht meine persönlichen, sondern dass es politische Kämpfe waren. Alle Frauen hatten diese Probleme.“

Zwar war in der Familie Monk durchaus vorgesehen gewesen, dass Tochter Meredith Musikerin werden würde. Der Großvater väterlicherseits, ein russischer Anarchist, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika floh: ein Bariton. Die Großmutter mütterlicherseits: Konzertpianistin. Die Mutter: Sängerin. „Musik war in unserer Familie wie eine zweite Natur“, sagt die Tochter. „Es war wie atmen.“ Meredith hatte einen Augenfehler und deshalb Koordinationsprobleme. Schon als Dreijährige schickte die Mutter das Kind deshalb in einen Kurs des Schweizer Musik - pädagogen Dalcroze: „Die anderen lernten Musik durch ihren Körper kennen, ich lernte meinen Körper durch Musik kennen.“

Hier, glaubt Monk, wurde der Grundstein dafür gelegt, dass sie schon als Teenager merkte, dass sie „Musik nicht einfach interpretieren, sondern selbst etwas kreiieren wollte“. Nach dem Studium von Klavier, klassischem Gesang und Tanz stürzte sie sich 1964 in die New Yorker Downtown-Szene. Mit ihrer Performance „16 Millimeter Earrings“ fiel sie auf. Der Durchbruch kam, als sie herausfand, dass „ich meine Stimme als Instrument einsetzen kann.“ Das tut sie seither virtuos. In ihren „Duets for Solo Voice“ zum Beispiel bringt sie es fertig, zwei Stimmen gleichzeitig zu singen. Gleichzeitig setzte Monk von Anfang an auf Minimal Music: kleine musikalische Muster, die sie wiederholt und minimal variiert. Und so gab es neben den Königen der Minimal Music, Philip Glass, Steve Reich und Terry Riley, bald auch eine Königin. Ans Abdanken denkt Queen Meredith, die seit 2006 Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“ ist, nicht. Kürzlich ist die 74-Jährige in Istanbul aufgetreten, im Dezember erscheint ihre neue CD „On Behalf of Nature“. Und, klar, sie arbeitet schon wieder an einer neuen Performance. Aber zum Schluss möchte Meredith Monk nochmal über Unätherisches sprechen: Angela Merkel. „I love Angela Merkel!“, ruft sie und schlägt zum Nachdruck die mitgebrachte EMMA auf die Sessellehne. „She’s so grounded!“ Sie ist so geerdet. Das ist wohl das schönste Kompliment, das die Kanzlerin von Meredith Monk bekommen kann.

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