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Manizha Bakhtari: Sie bleibt!

Die afghanische Botschafterin in Wien, Manizha Bakhtari, weigert sich, mit den Taliban zu kooperieren.
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Der 15. August 2021 war der traurigste Tag in Manizha Bakhtaris Leben. An jenem Sonntag übernahmen die Taliban die Macht in ihrer Heimat Afghanistan. Sie verfolgte die Meldungen von Wien aus. 

Im März 2021 wurde Bakhtari als Botschafterin nach Österreich bestellt, zuvor war sie zwölf Jahre lang in Norwegen stationiert gewesen. Nur wenige Monate nachdem sie ihren neuen Job in Wien antrat, änderte sich alles. Die Regierung, der sie unterstellt war, flüchtete aus dem Land. Bald darauf bekam die Botschafterin ein offizielles Schreiben: „Das Außenministerium des islamischen Emirats von Afghanistan entlässt Frau Manizha Bakhtari mit sofortiger Wirkung von ihrer Verpflichtung 
als Botschafterin und Vertreterin von Afghanistan in Österreich.“ Doch die Botschafterin hatte keineswegs vor, dieser Anordnung zu folgen. „Tja, mein Herr, ich nehme keine Befehle von Ihnen an“, sagt sie ernst und bestimmt in die Kamera. Die österreichische Filmemacherin Natalie Halla hat Manizha Bakhtari für ihren Film „Die letzte Botschafterin“ bei ihrer Arbeit begleitet. 

Bis heute hält sie die Stellung. „Ich bin nach wie vor die offizielle Botschafterin Afghanistans“, sagt Bakhtari. 

Manizha Bakthari, 53 Jahre alt, stammt aus einer Kabuler Oberschicht-Familie. Ihr Vater war Literaturprofessor. Auch sie studierte Journalismus und Literatur, arbeitete an der Universität, bei NGOs und schließlich als Diplomatin für die Regierung.

Am 15. August 2021 dachte sie aber nicht an ihre berufliche Zukunft, sondern an die Mädchen in Afghanistan. Bakhtari hat selbst vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn, mit dem Taekwondo-Kämpfer Naser Hotaki. 

Seit der Machtübernahme der Taliban ist Mädchen ab einem Alter von zwölf Jahren der Schulbesuch untersagt. Bücher von Autorinnen haben die Taliban aus Schulen und Universitäten verbannt. „Für mich war das ein großer Schock”, sagt Bakhtari. „Ich konnte nicht glauben, dass so etwas nach 20 Jahren Demokratie im Land passieren würde.” 

Bakhtari ist eine engagierte Feministin. Aber sie ist auch Diplomatin. Wenn sie über die Lage der Frauen in Afghanistan spricht, wird sie nicht laut. Sie bleibt sachlich, aber unnachgiebig. 

Von Wien aus gründete sie die Initiative „Daughters Programme”, um jungen Frauen in Afghanistan eine Schulbildung zu ermöglichen. Das Programm unterstützt rund 100 Mädchen, die in geheimen Untergrundklassen in Afghanistan und über Online-Kurse unterrichtet werden. Im Film sieht man junge Frauen an bewaffneten Taliban vorbeischleichen, um zum Unterricht zu gelangen. Es kommt immer wieder vor, dass die Sittenpolizei die Untergrund-Klassen entdeckt, sie zerstört und die Mädchen inhaftiert. 

Nach dem 15. August 2021 war Bakhtari eine von 70 BotschafterInnen, die sich weigerten, mit den Taliban zu kooperieren. In Deutschland wurden Diplomaten im Vorjahr abgezogen und mit Taliban-Vertretern ersetzt. In Wien weht die schwarz-rot-grüne Flagge der Islamischen Republik Afghanistan noch heute, wenngleich nicht mehr an der noblen Innenstadt-Adresse, sondern vor einem schlichten, weißen Haus am Stadtrand, von dessen Holzvertäfelung die Farbe abblättert. Das Geld für ihre Arbeit kommt nicht mehr aus Kabul, das ­Budget ist deutlich geschrumpft. Die Botschaft finanziert sich über Gebühren, die sie für konsularische Tätigkeiten bekommt. Einige Angestellte wurden entlassen. Doch Bakhtaris Mitarbeiter beraten weiterhin die afghanische Diaspora und verlängern Pässe. Die Botschafterin selbst spricht mit Politikern und besucht Konferenzen, um auf die Lage im Land aufmerksam zu machen. 

Dafür bekommt sie immer wieder Drohungen wie diese: „Hure! Halt den Mund! Ich werde dich aus der Botschaft in Wien rausprügeln.“ Doch Manizha Bakhtari will „weitermachen, solange ich kann“. „Wir müssen unsere Hoffnung zurückgewinnen. Wir brauchen den Geist der Zuversicht.“ Die Botschaft sei inzwischen keine Außenstelle Afghanistans mehr. „Sie ist ein Ort für Menschenrechte.“

SORAYA PECHTL

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