In der aktuellen EMMA

Wechseljahre: ein Pharma-Markt?

Artikel teilen

Ich gehöre zur Generation Pille. Dreißig Jahre lang habe ich ohne Bedenken Hormone geschluckt und meinen Eisprung unterdrückt – angeblich, weil es praktisch war und den Mann davon entband, sich um die Verhütung zu kümmern („Mit Gummi spürt man so wenig.“). Jetzt plötzlich quatschen mir alle in die Wechseljahre rein. Ich soll schmieren, reiben, schlucken, spritzen, und das möglichst für den Rest meines Lebens. 

Das Vokabular klingt nach Sex, doch damit hat es nichts zu tun. Es hat vielmehr damit zu tun, dass ich auch als alternde Frau noch funktioniere, manage, strahle, begehrenswert bin, die MILF als ewiges Druckmittel: Mama soll immer noch gut gelaunt für alle den Alltag stemmen, mit vollem Haar, schlanker Taille, und gut befeuchteten Schleimwänden. 

Ich mag aber nicht mehr so tun, als sei ich 35, und Longevity kann mich mal. Daher frage ich mich: Wann gehört uns Frauen endlich unser eigener Körper?

„Light my fire“ heißt der aktuelle Bestseller der Gynäkologin Sheila de Liz. Er verspricht mir den Sex meines Lebens, und nicht nur im Podcast (Hotel Matze) spricht die Frau darüber, dass nachlassende Lust kein Naturgesetz ist. Doch schnell bestätigt sich ein Verdacht: Das Buch bewirbt unter anderem Hormone, die für allgemeines Wohlbefinden und Sternstunden zwischen den Laken sorgen sollen. 

Schon de Liz’ Bestseller „Woman on Fire“, der mir von guten Freundinnen mit wissendem Lächeln über den Cafétisch geschoben wurde, ging in eine ähnliche Richtung. Er nahm in Anspruch, „alles über die fabelhaften Wechseljahre“ zu vermitteln. In Wirklichkeit beschrieb er eine Reihe teils gruseliger Symptome. Mich deprimierte er so sehr, dass ich ihn ins Altpapier legte, so dramatisch wurden viele Wechseljahresphänomene dargestellt, so platt schien die Lösung: Hormone.

Prominente wie Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy, Reality-Star Lili Becker oder Schauspielerin Naomi Watts schwärmen vom durchschlagenden Effekt ihrer Hormonersatztherapie (bioident natürlich!). Als Heidi Klum, befragt nach ihren Wechseljahren, kürzlich antwortete, sie nehme rein gar nichts, da gab es einen Aufschrei in der Community der Schmiererinnen. Wie kann sie nur? 

Verstehen Sie mich richtig: Wenn der Leidensdruck der Wechseljahressymptome groß ist, können Frauen sich selbstverständlich so helfen lassen, wie sie das richtig finden. 

Aber: Dass (in der Regel männliche) Experten immer genau wissen, was eine Frau zu welchem Zeitpunkt braucht, korreliert auf ungute Weise mit dem, was die Pharmaindustrie braucht: einen Markt. Die Medien brauchen Werbung und liefern den Sound dazu. Und der klingt nach Ratschlägen, um die niemand gebeten hat. 

Meine Tochter ist jetzt 14. Und schon jetzt tatschen alle an ihrem Körper rum. Sie wissen nicht nur, wie er auszusehen hat, sondern auch, dass und wann sie die HPV-Impfung braucht, die erste Pille, eine Spirale. Später wird es darum gehen, wie sie ihren Körper auf eine Schwangerschaft vorbereitet (Folsäure!), was sie währenddessen nehmen soll (Eisen!), ob sie liegend oder sitzend entbindet, daheim oder in der Klinik, ob sie stillt oder Fläschchen gibt. 

Ich habe nicht gestillt, weil ich nicht wollte. Und ich empfand schon die Frage der Ärztin direkt nach der Geburt als übergriffig. My body my choice. Ich beendete das Verhör mit einer Lüge: Ich habe religiöse Gründe. Kulturell beflissen schwieg die meinen Dammschnitt vernähende Medizinerin. Es stimmte natürlich nicht. Ich wollte nur kein Gespräch. Heute würde ich genau das sagen und tat es beim zweiten Kind auch: Ich wünsche kein Gespräch. 

Frauen tauschen sich heute im Netz über Red Flags und Green Flags aus, aber da geht es meist um Dating. Warum heben wir nicht die Rote Flagge, wenn uns wieder mal jemand in unseren Körper reinreden will? Wenn er oder sie diese oder jene Untersuchungs- und Behandlungsform als „alternativlos“ anpreist? Die aktuelle Menopausen-Dauerbeschallung, die als „Lasst uns über ein Tabu reden“- Offensive daherkommt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine „Frauen sollen noch länger funktionieren“-Kampagne. 

Die Wechseljahre sind schon längst kein Tabu mehr, sondern offenbar eine Möglichkeit für viele Menschen, viel Geld zu verdienen: mit Hormonen, Büchern, Podcasts. Wir sollen konsumieren. Dabei dürften wir doch jetzt endlich mal eins: weniger leisten. Nachdem wir Kinder geboren, herumgetragen, ins Leben geführt und dann losgelassen haben, Partner oder Partnerinnen befriedigt, und 300 bis 500 Eisprünge und Menstruationsblutungen und vielleicht auch noch manche Erkrankung durchgestanden haben, hat unser Körper eigentlich doch endlich ein Recht, sich in Ruhe das zu holen, was er braucht – und nicht das, was ihm von allen Seiten aufgeschwatzt wird. Diese Weisheit hat einen Namen: Bauchgefühl.

 

 

Ausgabe bestellen
 
Zur Startseite