In der aktuellen EMMA

Alice Schwarzer: Der Chef

Sie ist der Motor, der Kapitän, sie ist EMMA. Foto: Bettina Flitner
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Manche Menschen sind irritiert, wenn sie hören, dass Alice in der EMMA-Redaktion von uns „der Chef“ genannt wird. Ausgerechnet in Deutschlands Feminismus-Zentrale? Dass wir Alice trotzdem den Chef nennen, hat damit zu tun, dass sie, um es etwas rustikal auszudrücken, mehr Eier hat als die meisten Männer. 

Denn was ja vielen Menschen gar nicht bewusst ist: Alice ist nicht nur Chefredakteurin von EMMA, sie ist also nicht nur verantwortlich dafür, was auf den 100 Seiten in EMMA steht. Was ja schon genug wäre. Sie ist auch Verlegerin, also zuständig für Druck, Vertrieb, Anzeigen, Gehälter, Finanzen, kurz: eigentlich für alles. Und sie hat es geschafft, dass dieses feministische Flaggschiff 50 Jahre lang unabhängig und schuldenfrei durch die Wogen gepflügt ist, was an ein Wunder grenzt. Und außerdem ist sie seit nunmehr fünf Jahrzehnten diejenige, die sich in den Wind stellt, wenn mal wieder ein Shitstorm um EMMA tobt – oder aber auch ein Orkan. 

Alice ist also ein ganzer Kerl, was sie interessanterweise von ihrer resoluten Großmutter hat, während der Großvater bekanntlich ein sanfter, fürsorglicher Mann war. Von ihm hat sie ihre andere Seite, die man durchaus als mütterlich bezeichnen kann. Bei Herzschmerz, Familienproblemen oder Krankheiten hat sie immer ein offenes Ohr für uns. Sie krempelt dann die Ärmel und hilft nicht nur mit gutem Rat, sondern auch mit Tat. 

Alice im Herbst 1976, bei der Vorbereitung der ersten EMMA-Ausgabe.
Alice im Herbst 1976, bei der Vorbereitung der ersten EMMA-Ausgabe.

Hinzu kommt: Alice ist bei EMMA zwar zuständig für die großen Linien, aber sie ist sich nie zu fein für Klein-und Kleinstarbeiten: von der Magazin-Meldung über den Buchtipp bis zur Bildzeile. Egal was, Alice hackt alles in ihre Schreibmaschine, immerhin eine elektrische, auf der sie auch im weit fortgeschrittenen Computer-Zeitalter unverdrossen ihre Texte tippt (eine Herausforderung für Margitta Hösel, die für die Beschaffung der inzwischen antiquarischen Farbbänder zuständig ist). 

Allerdings fährt Alice zweigleisig, denn sie mag an diesem Punkt als Dinosaurier unterwegs sein, jenseits ihrer geliebten Triumph aber ist sie Visionärin. Sie erkennt und benennt nicht nur Themen 20 bis 30 Jahre, bevor sie endlich in der Gesellschaft ankommen (Stichwort: Islamismus). Sie kommuniziert auch über ihr iPad, was ihrem Drang, alles schnell und sofort zu erledigen, sehr entgegenkommt. 

Bei allem, was an Alice heranbrandet – zu nennen wäre auch noch alles rund um den FrauenMediaTurm – ist sie meist die Gelassenste von uns und hat bei Pleiten, Pech und Pannen Nerven wie Drahtseile. Ausnahmen bestätigen die Regel. Nicht nur wir fragen uns: Wie macht sie das? Ein Teil des Geheimnisses ist vermutlich, dass Alice, die Herzensfranzösin, eine Freundin der Sinnesfreuden ist: Dazu gehören der Weißwein in der Redaktionskonferenz (ab 18 Uhr, bei Sommerzeit: 17 Uhr) genauso wie die EMMA-Essen unter ihrer 400 Jahre alten Linde im Bergischen Land. 

Die November/Dezember-Ausgabe als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop
Die November/Dezember-Ausgabe als Printheft oder eMagazin im www.emma.de/shop

„Mädels, unsere schärfste Waffe sind doch unser Humor und unsere Lebensfreude!“ pflegt Alice zu sagen, und das ist in Anbetracht der Zeitungsausschnitte, die wir uns in der Redaktionskonferenz über den Tisch reichen („Femizide in Mexiko? Für Angelika!“ – „Neue Missbrauchszahlen? Für Chantal!“ – „Brustkrebsmonat? Für Annika!“) ein sehr gutes und (über)lebenswichtiges Prinzip. 

Während wir bei den Konferenzen mit den schweren Themen beschäftigt sind, sind die gemeinsamen Mittagessen eher der leichten Unterhaltung gewidmet, und da ist Alice ganz weit vorne. Stichwort: „Bergdoktor“. Wenn Alice mit Annika und mir, die wir ebenfalls Fans sind, die Ereignisse der letzten Folge durchhechelt, verdrehen die anderen EMMAs genervt die Augen. Aber da müssen sie durch. 

Der alljährliche Kulminationspunkt von Alice’ chronischer Lebensfreude ist Karneval. Nichts und niemand und schon gar nicht der Redaktionsschluss kann Alice, die rheinische Frohnatur, davon abhalten, an Weiberfastnacht um 11.11 Uhr loszuziehen und auf dem kleinen Platz in der Kölner Südstadt, wo die echten Kölschen mit Trömmelchen und Trompete feiern, zu schunkeln und zu singen. Ob sie am Nachmittag noch ein Interview hat oder am nächsten Tag in eine Talkshow muss – dat ess dem Alice janz ejal. Wie sie auch sonst mit unverwüstlicher Kondition abends, wenn die anderen EMMAs ermattet aufs heimatliche Sofa streben, noch ins Kino, ins Theater oder „eine Nudel fassen“ geht. 

Mit ihrer Energie ist Alice der Motor unseres Flaggschiffs. Am Ende eines jeden Redaktionsschlusses, wenn wir die gelayouteten Seiten zwecks Überblick auf dem Boden ausgelegt haben, warten wir alle auf ihren rituellen Satz: „Mädels, es wird ein tolles Heft!“ Wir werden diesen Satz nur noch einmal von ihr hören. Von unserem Chef. 

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