Die Chronik der Erfolge

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6. Juni 1971  374 Frauen bekennen – darunter Romy Schneider und Senta Berger – im Stern: "Wir haben abgetrieben!" Damit treten sie eine Lawine los. Zehntausende Frauen demonstrieren für das Recht auf selbstbestimmte Mutterschaft und gegen den § 218, der Abtreibung mit Gefängnis bedroht. Die von Alice Schwarzer initiierte Selbstbezichtigungskampagne wird zum Aufbruch der Neuen Frauenbewegung.

31. Januar 1972  Im WDR läuft der Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" von Rosa von Praunheim. Mit dabei: Die "Homosexuelle Frauen-Aktion" aus Köln, deren Gründerin Gertraut Müller erklärte: "So konnten wir vor einem Millionenpublikum sagen, dass es nicht nur die Problematik der Homosexuellen gibt, sondern auch die der Lesbierinnen, die in allen Medien quasi totgeschwiegen wird." Am 1. März gründet sich auch in der "Homosexuellen Aktion Westberlin" eine Frauengruppe. Der Aufbruch der Lesben beginnt.

12. März 1972  Zum "1. Bundesfrauenkongress" treffen sich 400 Frauen aus 40 Städten in Frankfurt. Zum Abschluss singen sie: "Frauen gemeinsam sind stark."

Oktober 1972  Frauengruppen starten die Aktion "Frauen wählen Frauen", um für die bevorstehende Bundestagswahl mehr weibliche Kandidaten auf den vorderen Listenplätzen durch- zusetzen. Damals lag der Frauenanteil im Bundestag bei allen Parteien unter 10 %. Heute sind – nicht zuletzt dank der in den 90ern eingeführten Quoten – von 613 Abgeordneten 195 weiblich.

3. Dezember 1972  Die SPD gewinnt mit ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt die Bundestagswahl. Ausschlaggebend sind laut Wahlanalysen die "neuen Frauen".

Februar 1973  Mit Schweinshaxen bewaffnet stürmen rund 50 junge Frauen – Schülerinnen, Auszubildende, Studentinnen – die Frankfurter Diskothek Number One, um die "Wahl der Miss-Teenager-Beine" zu verhindern. Motto: "Ihr verkauft hier unser Knie wie der Bauer ein Stück Vieh!" Im Juli 1977 spricht der Deutsche Presserat erstmals eine Rüge wegen Sexismus aus. Anlass: ein Spiegel-Titelbild mit einer halbnackten 12-Jährigen im Prostituierten-Outfit.

5. Juni 1974  Die sozial-liberale Koalition verabschiedet im Bundestag die Fristenlösung: den straffreien Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten. Nur die FDP ist wirklich dafür. Die SPD zögert bis zuletzt (Kanzler Brandt ist gegen das Recht auf Abtreibung) und handelt nur auf Druck der überwältigenden Mehrheit der Frauen. Die CDU/CSU schaltet wg. "Schutz des ungeborenen Lebens" zweimal das Bundesverfassungsgericht ein: 1975 und 1993 (nach der Wende). Mit der Folge, dass es in Deutschland bis heute kein Recht auf Abtreibung gibt. Immerhin: Es gibt die Gnade des Beratungsscheins und der schonenden Absaugmethode.

1974/75  Allerorten werden Frauenzentren, Frauenbuchläden und Frauenkneipen eröffnet. Ab den 80ern werden die "Frauenthemen" auch von herkömmlichen Buchhandlungen und Verlagen entdeckt.

September 1975  "Der kleine Unterschied" von Alice Schwarzer erscheint. Anhand von 15 Interviews mit Frauen aller Altersgruppen und Soziallagen analysiert sie Liebe und Sexualität als Instrumente der (Selbst)Unterdrückung von Frauen. Das Buch wird zum ersten feministischen Bestseller und in 13 Sprachen übersetzt. 25 Jahre nach dem "Kleinen Unterschied" zieht Alice Schwarzer in "Der große Unterschied" Bilanz: "Innerhalb nur einer Generation haben die Frauen mehr erreicht als je zuvor in der Geschichte."

6. bis 10. Juli 1976  In Berlin findet die "1. Sommeruniversität für Frauen" nach dem Vorbild der amerikanischen "Women’s Studies" statt. Die Initiatorinnen fordern u. a. die Erhöhung des "lächerlich geringen Frauenanteils" bei Studierenden und Professoren: 3 % (2006 14 %). Die Studentinnen holen noch schneller auf: 1970 sind es 9 %, 2006 knapp 50 %.

1. November 1976  Feministinnen eröffnen in Berlin das erste 'Haus für geschlagene Frauen' der Bundesrepublik. Heute gibt es in Deutschland rund 400 auch staatlich unterstützte Frauenhäuser. "Seit 30 Jahren sind sie unverzichtbarer Bestandteil der Unterstützung für Gewaltopfer", erklärt Bundesfrauenministerin Ursula von der Leyen am 25.11.2006.

1. Juli 1977  Das neue Eherecht tritt in Kraft, das die 'Hausfrauenehe' abschafft. Bis dato war die Ehefrau "zur Haushaltsführung verpflichtet". Berufstätig durfte sie nur sein, wenn sie dadurch ihre "familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt" und ihr Ehemann es gestattete. Auch das Scheidungsrecht wird reformiert: Das Schuldprinzip entfällt. Bis dahin hatten schuldig Geschiedene keinen Anspruch auf Unterhalt – zum Beispiel Ehefrauen, die ihren "Pflichten" nicht nachgekommen waren. Bei der Reform des Unterhaltsrechts im Juni 2006 stärkte der Gesetzgeber die "nacheheliche Eigenverantwortung". Ehefrauen sollen nun so schnell wie möglich wieder erwerbstätig werden. 2006 sind zwei von drei Müttern berufstätig.

1977  In Berlin wird das bundesweit erste Feministische Frauengesundheitszentrum (FFGZ) eröffnet. Das Deutsche Ärzteblatt rechnet die beginnende Frauengesundheitsbewegung, die weniger Halbgötter in Weiß und mehr ganzheitliche Medizin fordert, kurzerhand zur "Terrorszene". Heute sind alle Forderungen im 'Frauengesundheitsbericht' von 2001 aufge- griffen: von der Brustkrebs-Früherkennung bis zur Bekämpfung Häuslicher Gewalt. 2007 ist im 'Aktionsplan gegen Gewalt gegen Frauen' der Bundesregierung u. a. die Sensibilisierung der ÄrztInnen für Gewaltopfer festgeschrieben.

7. Januar 1978  Auf Initiative von 40 Feministinnen in Berlin wird der erste Notruf für Vergewaltigungsopfer eröffnet. 2002 werden von 8.615 angezeigten Vergewaltigern 1.983 verurteilt. Und es gibt 113 autonome Frauen-Notrufe. Der 'Weiße Ring' und Opferschutzbeauftragte der Polizei beraten Vergewaltigungs- opfer. Anfang 2004 wird unter Rot-Grün der Opferschutz verbessert und damit die Forderungen erfüllt, die engagierte Juristinnen schon seit Jahrzehnten stellen. So können zum Beispiel Opfer von Gewalttaten ihre Aussage jetzt per Video machen, um dem Täter nicht im Gerichtssaal begegnen zu müssen.

April 1978  EMMA veröffentlicht ein Dossier mit dem Titel: 'Das Verbrechen, über das niemand spricht'. Zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum wird damit der bisher total tabuisierte sexuelle Missbrauch von Kindern (zu 90 % Mädchen) thematisiert. Das EMMA-Dossier wird zum Auslöser für die ersten 'Wildwasser'- Selbsthilfegruppen von Missbrauchs-Opfern. Heute gibt es in 26 Städten Beratungsstellen gegen Sexualgewalt an Mädchen. Mehrmals wird das Strafrecht verschärft. Und der Skandal des Missbrauchs ist nun öffentliches Thema.

1978  Nicole Heesters wird die erste Tatort-TV-Kommissarin, 1989 Ulrike Folkerts die zweite. Heute ermitteln Frauen auf allen Kanälen.

18. Juni 1978  Birgit Breuel (CDU) wird niedersächsische Wirtschaftsministerin. Für Breuel wird eigens die bisher nicht existente Amtsbezeichnung "Ministerin" eingeführt. Bis heute gibt es bundesweit nur eine Wirtschaftsministerin: Christa Thoben (CDU) in Nordrhein-Westfalen – und das NRW-Frauenministerium leitet ein Mann: Armin Laschet.

23. Juni 1978  Alice Schwarzer und neun andere Frauen (darunter Inge Meysel) verklagen exemplarisch den Stern wg. sexistischer Titelbilder. In der Klageschrift heißt es: Die Klägerinnen fühlen sich beleidigt, weil die auf den Titelseiten als bloße Sexualobjekte dargestellten Frauen beim Betrachter den Eindruck erwecken, "der Mann könne beliebig über Frauen verfügen und sie beherrschen". Der Stern-Prozess löst die erste große öffentliche Debatte über Pornografie aus. Heute überbie- ten sich Untersuchungen zur Rolle der Pornografie bei der steigenden Jungengewalt.

1979  Barbara Dickmann moderiert als erste Frau die ARD- Tagesthemen. Noch 1993 sind 31 % der im Journalismus Beschäftigten Frauen, 2004 35 %. Den niedrigsten Frauenanteil haben Tageszeitungen (27 %) und Nachrichtenagenturen (25 %). Im März 2003 wird Dagmar Reim beim RBB die erste ARD-Intendantin und im November 2006 Monika Piel die erste Intendantin des größten ARD-Senders WDR.

1979  Der Stadtstaat Hamburg erlaubt als erstes Bundesland Frauen den Zugang zur Schutzpolizei – das Resultat feministischen Protestes gegen das Berufsverbot für Frauen bei der Polizei. Vorher durften sie nur als WKP (Weibliche Kriminalpolizei) in Jugend- und Sitten-Dezernaten arbeiten, ohne Waffen. Seit 1987 schieben Frauen sogar den härtesten Dienst von allen: beim Bundesgrenzschutz (heute Bundespolizei). Heute sind zwischen 40 % und 50 % der Berufsanfänger bei der Polizei weiblich.

13. August 1980  Der Bundestag verabschiedet das Gesetz über die 'Gleichbehandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz'. Bereits im Sommer 1973 hatte eine Welle von Frauenstreiks gegen Leichtlohngruppen das Land überschwemmt. 1979 klagen 29 Arbeiterinnen des Fotolabors Heinze in Gelsenkirchen auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit – und gewinnen.

23. März 1981  In Bonn wird das weltweit erste 'Frauenmuseum' eröffnet, um bildenden Künstlerinnen, die im von Männern dominierten Kunstbetrieb kaum ausgestellt werden, ein Forum zu bieten. Heute sind Frauen im Kunstbetrieb keineswegs mehr unsichtbar. 1997 wird eine Frau Chefin der bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, der documenta in Kassel: Cathérine David.

Juli 1982  Erstmals in der Geschichte des Deutschen Gewerk- schaftsbundes (DGB) wird eine Frau in den geschäftsführenden Bundesvorstand gewählt: die Christdemokratin Irmgard Blättel. Ebenfalls 1982 wird die Sozialdemokratin Monika Wulf-Mathies Chefin der zweitgrößten Einzelgewerkschaft ÖTV. Heute wird keine der acht Einzelgewerkschaften im DGB von einer Frau angeführt. Doch im fünfköpfigen DGB-Bundesvorstand sind zwei Frauen vertreten: Ingrid Sehrbrock (CDU) und Annelie Buntenbach (Grüne).

6. März 1983  Die Grünen ziehen in den Bundestag ein. Am
5. Mai löst die grüne Abgeordnete Waltraud Schoppe mit einer "unerhörten" Bundestagsrede gegen den § 218, in der sie die "Fahrlässigkeit" der Herren im hohen Hause bei "abendlichen Einheitsübungen im Bett" attackiert, einen Tumult aus. Am 3. April 1984 wählt die grüne Bundestagsfraktion einen ausschließlich weiblichen Fraktionsvorstand, das so genannte "Feminat". Die 50-Prozent-Quote der Grünen setzt auch SPD und CDU unter Zugzwang. 1988 führt die SPD die 40-Prozent-Quote ein, acht Jahre später folgt die CDU mit einem fakultativen Ein-Drittel-Quorum.

1984  Der EMMA-Sonderband 'Durch dick und dünn' erscheint. Er macht das epidemische Ausmaß der Essstörungen öffentlich und wird zum Auslöser für Initiativen wie das 'Frankfurter Zentrum für Essstörungen', das 1986 als erstes seine Pforten öffnete. Heute kämpfen unter dem Dach des Bundesfachverbands Essstörungen (BFE) 33 Zentren und spezialisierte Kliniken gegen die "Massen- psychose" bei Mädchen.

6. Juni 1986  Das erste Bundesfrauenministerium wird eingerichtet. Ministerin ist Rita Süssmuth (CDU). Bereits 1979 hatte Hamburg eine 'Leitstelle für die Gleichberechtigung der Frau' unter Leitung von Eva Rühmkorf (SPD) eröffnet. Heute gibt es in nahezu jeder Stadt eine Gleichstellungsstelle und an fast allen Hochschulen Frauenbeauftragte.

1986  Die Deutsche Lufthansa erlaubt mit Erika Lansmann und Nicola Lunemann – nach langem feministischen Protest gegen das Berufsverbot – erstmals zwei Frauen die Piloten-Ausbildung. 2006 sind bei der Lufthansa von 5.261 Piloten 234 weiblich – davon 62 mit Kapitänsstreifen.

1987  Auf dem 'Frankfurter Frauenfest' tritt zum ersten Mal das von der Dirigentin Mascha Blankenburg gegründete Frauenorchester auf. Um die Musik von zeitgenössischen Frauen zu fördern, verleiht musica femina aus München seit 2003 einen Komponistinnen-Preis.

Oktober 1990  Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) in Münster wird – als einzige Uni in der Bundesrepublik – von einer Frau als Rektorin regiert: der Psychologin Maria Wasna. Fünf Jahre später schafft es eine Frau, Rektorin einer technischen Hochschule zu werden: Dagmar Schipanski an der TU Ilmenau. 2006 gibt es in Deutschland 26 Uni-Rektorinnen, also 8 %.

14. März 1991  Endlich ist es so weit: Das Bundesverfassungs- gericht erklärt das geltende Namensrecht bei Eheschließungen für verfassungswidrig, weil es gegen den Gleichberechtigungs- artikel im Grundgesetz verstößt. Zwar war es seit 1976 erlaubt, auch den Namen der Frau zum gemeinsamen Ehenamen zu machen. Doch wenn sich das Paar nicht einigen konnte, schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) den Namen des Mannes vor. Jetzt dürfen Frauen wie Männer den eigenen Namen behalten – auch ohne Bindestrich.

1992  Das Bundesverfassungsgericht kippt das Nachtarbeits- verbot für Frauen. EMMA hat das – ziemlich allein und von den Gewerkschaften attackiert – seit 1977 gefordert. Schließlich: Nachtarbeiten schadet auch Männern. Und auch Journalistinnen, Kellnerinnen, Taxifahrerinnen etc. arbeiteten nachts; nur Arbeiterinnen sollten es nicht dürfen. Begründung: Nachtarbeit sei zu schwer für Frauen. Das Bundesverfassungsgericht stellte richtig, dass der angebliche Schutz mit geringerem Lohn und "erheblichen Nachteilen" verbunden war. In der DDR hatten Frauen von Anfang an alle Berufe ausüben dürfen, zu jeder Tages- und Nachtzeit.

4. April 1992  Die Synode der nordelbischen evangelisch- lutherischen Kirche wählt Maria Jepsen zur ersten lutherischen Bischöfin der Welt, im Sprengel Hamburg. Heute gibt es noch zwei evangelische Bischöfinnen: Margot Käßmann in Hannover und Bärbel Wartenberg-Potter in Holstein-Lübeck. Davon können römisch-katholische Frauen nur träumen. Sie dürfen seit 1994 mit offiziellem Segen vom Papst lediglich Ministrantin sein (vorher waren sie’s schon ohne Segen).

19. Mai 1993  Die Finanzministerin Heide Simonis (SPD) wird die erste Ministerpräsidentin. Zwölf Jahre ist sie Landesmutter von Schleswig-Holstein, als einzige in Deutschland. Heute gibt es keine Ministerpräsidentin mehr. Aber inzwischen sind wir ja Kanzlerin.

1993  Deutsche Sextouristen, die im Ausland Kinder sexuell missbrauchen, können in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden. Praktisch passiert es kaum. Terre des Hommes empfiehlt UrlauberInnen, "nicht die Augen davor zu verschließen", sondern "solche Vorfälle schriftlich festzuhalten und an die Reiseleitung, die deutsche Botschaft oder eine Kinderhilfsorganisation weiterzugeben".

30. Juni 1994  Jutta Limbach wird als erste Frau Präsident des Bundesverfassungsgerichts. 2002 erreicht sie die "Altersgrenze", aber in den Ruhestand geht sie nicht. Seit dem 1. Januar 2002 ist sie Präsident der 140 Goethe-Institute in 76 Staaten – auch als erste Frau.

8. März 1995  Der WDR veranstaltet eine 'Frauenrocknacht' mit den frechen Weiberbands 'Die Beauties und das Biest', 'Lemonbabies', 'Lassie Singers' und 'Die Braut haut ins Auge'. Zehn Jahre später erklären deutsche Rapperinnen: Sie wollen nicht länger die "Schlampen" ihrer männlichen Kollegen sein, die über "Fotzen, Nutten und Arschficks" reimen.

18. Mai 1995  Der Bundesgerichtshof entscheidet, dass Brombeer- und Rumlikör nicht länger als 'Busengrapscher' und 'Schlüpferstürmer' vermarktet werden dürfen. Grund: "Die Würde der Frau wird verletzt." In Berlin hatten Frauen gegen die sexistische Schnapswerbung demonstriert, der Verbraucherschutzverein hatte geklagt.

10. Juni 1995  Die Karlsruherin Regina Halmich wird Weltmeisterin im Boxen. Zehn Jahre lang bleibt Halmich ungeschlagen und wechselt 2003 ins Profilager. Bei den Amateuren hatte sich 1994 die Theologin Ulrike Heitmeyer das Recht erstritten, an offiziellen Wettkämpfen des Deutschen Amateurboxverbandes teilzunehmen. Die Herren hatten dies mit dem Argument abgelehnt, ihr Busen könne Schaden nehmen. Heute boxen im DABV 9.700 Frauen und Mädchen.

1996  Es gelingt einer Frau zum ersten Mal in der Geschichte des 95 Jahre alten Deutschen Fußballbundes (DFB), in den Vorstand des hohen Herren-Hauses vorzudringen: Die Hamburgerin Hannelore Ratzeburg vertritt dort die über 600.000 weiblichen DFB-Mitglieder. Zeitgleich erscheint im Argon-Verlag das Ratzeburger-Buch: 'Frauen Fußball Meisterschaften' – eine geradezu prophetische Schrift: 2003 werden die deutschen Fußballerinnen Weltmeister.

1996  Erstmals gewinnt ein Mädchen als Bundessiegerin bei Jugend forscht in der Disziplin Mathematik: die 19-jährige Sonja Goj aus Duisburg. Auf einem Anti-Diskriminierungs-Hearing des Bundestages 1982 hatten Feministinnen gefordert: "Die Schul- bücher müssen verändert werden!" 1997 wird 'Querschnitt 9' von der Mathe-LehrerInnen-Organisation MUED als "mädchenfreund- liches Mathematikbuch" ausgezeichnet.

15. Mai 1997  Endlich, nach einem Vierteljahrhundert Protest, ist Vergewaltigung in der Ehe als Straftat zu ahnden. Der Bundestag beschließt mit einer überwältigenden Mehrheit, dass vergewal- tigende Ehemänner keine Sonderrechte mehr genießen. Ein von Ulla Schmidt initiiertes fraktionsübergreifendes Frauenbündnis hatte das mit einem "Gruppenantrag" möglich gemacht. Auch der "minderschwere Tatbestand der Nötigung" wird abgeschafft. Seit 1997 werden alle erzwungenen "sexuellen Handlungen" als Vergewaltigung bestraft, auch wenn sie nicht mit Penetration verbunden sind.

1. Juli 1997  Die von Prof. Ayla Neusel initiierte erste deutsche Frauen-Universität wird gegründet. Doch die Frauen-Uni auf dem Gelände der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover ist nur ein Pilotprojekt auf Zeit. Bis heute gibt es keine deutsche Frauen-Uni. In USA existieren 82 Women-Colleges, in denen auffallend viele der heute erfolgreichen Amerikanerinnen studiert haben (von Mary McCarthy bis Hillary Clinton).

1. Januar 2001  Das letzte deutsche Berufsverbot für Frauen fällt. Von nun an dürfen sie in die Bundeswehr, uneingeschränkt, inklusive Waffendienst. Alice Schwarzer hatte den Zugang von Frauen zum Militär seit 1978 gefordert. Sie war dafür heftig attackiert worden, vor allem aus der Linken wie auch von Teilen der Frauenbewegung, die die Position vertraten, Frauen seien "von Natur aus friedlich". Dabei wollte die notorische Pazifistin Schwarzer nur durchsetzen, dass die Frauen so wie die Männer die Wahl haben: für die Bundeswehr oder für die Kriegsdienst- verweigerung. Dass der Bundestag am 7. Juni 2000 den Weg frei macht, ist der Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, Michaela Geiger (CSU), zu verdanken. Sie unterstützte Tanja Kreil, die durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht das Recht auf die Bundeswehr für alle Frauen einklagte. Die Grünen bleiben bis zuletzt vehemente GegnerInnen des Zugangs von Frauen zur Bundeswehr – allen voran die verteidigungs- politische Sprecherin Angelika Beer (die 2003 einen General der Bundeswehr heiratet). Im Oktober 1998 stimmen die Grünen als Regierungspartei dem Einmarsch in den Kosovo zu. 2006 tun 13.600 Frauen in den Streitkräften Dienst an der Waffe (davon 2.900 in der Offizierslaufbahn), das macht 8 %.

26. April 2001  Über 5.000 Mädchen und 30 Unternehmen, von Telekom bis Tchibo, machen mit beim ersten 'Töchter-Tag' in Deutschland. Nach dem Vorbild des amerikanischen 'Daughters- Day', an dem Mädchen einen Tag lang ihre Mütter und Väter zur Arbeit begleiten. EMMA hatte den Töchter-Tag seit 1999 propagiert, gegen die "typischen Frauenberufe". Beim Girls' Day 2006 waren 121.000 Girls am Start.

Juli 2001  In Deutschland wird die "eingetragene Partnerschaft" Gesetz. Homosexuelle (Ehe)Paare sind nun (weitestgehend) gleichgestellt mit heterosexuellen. Die Forderung nach der Homoehe war 1984 erstmals in EMMA erhoben worden, die meisten Lesben aber waren als ehekritische Feministinnen strikt dagegen. Fünf Jahre nach dem ersten Sturm auf die Standes- ämter haben rund 14.000 Homosexuelle die 'Eingetragene Partnerschaft' geschlossen, darunter ein Drittel Frauen.

1. Januar 2002  Das 'Wegweisungsgesetz' tritt in Kraft. Nach österreichischem Vorbild, wo es seit 1997 angewandt wird, hat die Polizei nun auch in Deutschland die Möglichkeit, gewalttätige Männer aus der Wohnung zu entfernen, statt die geschlagenen Frauen und Kinder ins Frauenhaus zu bringen. Im ersten Jahr nach Inkrafttreten erhalten allein in NRW 4.900 Männer Haus- verbot. Im Jahr 2005 hatte sich die Zahl in NRW auf 8.066 fast verdoppelt.

Februar 2003  Die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn verkündet: Bis Ende 2007 will der Bund 4 Milliarden Euro in Ganztagsschulen investieren. Frauen hatten die Ganztags- schule schon lange gefordert. Im Wahlkampf 2002 waren plötzlich auch Schröder (SPD) und Stoiber (CSU) dafür. Im Schuljahr 2004/2005 besuchten 1,1 Millionen SchülerInnen die insgesamt 6.810 Ganztagsschulen.

1. August 2003  Die Sicherheitsverwahrung von Sexualstraf- tätern kann nachträglich angeordnet werden. Bis dato war das in der letztinstanzlichen Gerichtsverhandlung zu beschließen. Was häufig zur Folge hatte, dass die Täter nach Verbüßung ihrer Haftstrafe wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Manchmal sogar vorher: wegen guter Führung.

12. Oktober 2003  In Los Angeles köpft Stürmerin Nia Künzer die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft zum Sieg. 33 Jahre nach der Aufhebung des Frauenfußball-Verbots im DFB sind wir Weltmeisterinnen! Zwölf Millionen ZuschauerInnen feuern die Kickerinnen vor deutschen Bildschirmen an und bereiten ihnen einen triumphalen Empfang in Frankfurt.

22. November 2005  In Deutschland hebt die erste Kanzlerin die Hand zum Schwur. Angela Merkel war, und das ist typisch, in einem Moment der Krise Parteivorsitzende geworden: Die Männer waren abgewrackt und korrupt, die Frau und Ossi schien Hoff- nungsträgerin. In der Folge fiel Merkel nicht durch Frauenbe- wusstsein auf, eher im Gegenteil. Doch nach der langen Nacht des Massakers am Wahlabend durch den Ex-Kanzler war allen und auch ihr klar: Es sollte einfach nicht sein, was nicht sein durfte – eine Frau an der Staatsspitze. Ihre Bilanz nach dem ersten Jahr: Anerkennung im Ausland, Turbulenzen im Inland – und eine 93 %-Bestätigung auf dem CDU-Parteitag am 27.11.2006.

7. Juni 2006  Charlotte Knobloch wird als erste Frau Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland. 1990 war sie als erste Frau die Vorsteherin einer jüdischen Gemeinde in Deutschland (München). Bereits im August 1995 hatte die Schweizerin Bea Wyler in Oldenburg ihre Stelle als Rabbinerin angetreten – auch als erste und einzige Frau nach 1933.

1. August 2006  Nordrhein-Westfalen verabschiedet als achtes Bundesland ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen. Das schwarz-gelb regierte NRW verbietet "politische Symbole", die "den Schulfrieden stören" und beruft sich auf Artikel 3 des Grundgesetzes: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Schon am 25. Juni 2004 hatte das Bundesverwaltungsgericht die Klage der deutsch-afghanischen Lehrerin Fereshta Ludin zurückgewiesen, die sich seit Jahren durch die Instanzen geklagt hatte. Vier Tage später erklärte der Europäische Gerichtshof im Falle zweier türkischer Studentinnen, das Kopftuchverbot sei "unausweichlich in einer demokratischen Gesellschaft".

September 2006  Der Bundestag verabschiedet das von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen initiierte Elterngeld; im Vergleich zu der dreijährigen Elternzeit – die zur wahren Mütterfalle wurde – ein enormer Fortschritt. Das Elterngeld wird für maximal 14 Monate gewährt, die Mutter und Vater "frei untereinander" aufteilen. Doch: "Ein Elternteil kann höchstens zwölf Monate allein nehmen, zwei Monate sind als Option für den jeweils anderen Partner reserviert." Die Wogen schlagen hoch.

Weihnachten 2006  Die Bibel in "geschlechtergerechter Sprache" erscheint. Das hätte sich die Sprachwissenschaftlerin Senta Trömel-Plötz anno 1979 nicht träumen lassen, als sie an der Uni Konstanz ihre Antrittsvorlesung über "feministische Linguistik" hielt. 1984 erschien ihr Buch 'Gewalt durch Sprache'. Seither hat es viele Scherze über man, frau und mensch gegeben. Und über den/oder das große I (das übrigens nicht von Feministinnen, sondern von dem Schriftsteller Arno Schmidt erfunden wurde). Doch selbstverständlich gilt: Sprache ist der Stoff, in dem wir denken und reden – und wenn das weibliche Prinzip darin nicht vorkommt, existiert frau nicht. Doch nach 35 Jahren Frauenkampf kommen sie vor, die Frauen. Und wie.

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