Annette Schavan: Die Chronik einer Kampagne

Sie ist, nach Merkel, die potenteste Frau der CDU. Ihre Kandidatur für das Bundespräsidentenamt konnte mit Getuschel verhindert werden. Um sie am Griff nach dem Ministerpräsidentenamt zu hindern, musste höher gepokert werden. Schavan: ledig, kinderlos und – schlimmer noch – mannlos.
Das Geraune war nicht neu. Seit Jahren wird die Karriere der CDU-Politikerin Annette Schavan, 49, von Adjektiven wie „ledig“ und „kinderlos“ begleitet. Und da sie katholische Theologin ist, wird die „Junggesellin“ auch gerne als „Äbtissin“ tituliert. Es begann, als sie zur Macht griff, nämlich bei ihrer Berufung ins Schattenkabinett von Wulff 1993. Es eskalierte, als sie im Februar 2004 als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt gehandelt wurde. CDU-Männer liefen an höchster Stelle tagelang Sturm gegen „eine Lesbe im Bundespräsidentenamt“.
Zum Eklat kam es, als Annette Schavan in die Offensive ging. Die baden-württembergische Kultusministerin meldete im Oktober ihren Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt an – und forderte eine Basisbefragung. Ein geschickter Schachzug. Schließlich war auch die Parteivorsitzende Merkel, zu deren engem Beraterinnenkreis Schavan gezählt wird, Anfang 2000 nur dank der Basis an die Spitze gespült worden.

18. Oktober 2004 Die taz veröffentlicht unter dem Titel „Frau, ledig, kinderlos“ eine ganze Seite zu der Frage, ob eine wie Schavan Ministerpräsidentin werden könnte und stellt geraderaus die Frage: Lebt sie „Mit einem Lebensgefährten?“ oder „Mit einer Lebensgefährtin?“ Dreimal dürfen wir raten. – Rund fünf Wochen später, am 25. November, wird die taz in Sachen Schavan titeln: „Es begann mit einem Flugblatt“ (am 22. November). So kurz kann das Gedächtnis dieser Zeitung sein. Es begann mit der taz.

1. November Focus berichtet über den Wettkampf Schavan/Oettinger. Er: verheiratet mit einer Hausfrau, Vater eines Sohnes, Jurist und Wirtschaftsfachmann, Fußballfreund, geborener Schwabe. Auf Wahlversammlungen betont er gerne, Kinder zu haben sei „ein Teil der Schöpfung und die Logik des Lebens überhaupt“. Sie: ledig, kinderlos, Theologin und Pädagogin, Wertefachfrau, Intellektuelle, linke Katholikin, geborene Rheinländerin.
„Da kommen Fragen auf in einer konservativen Partei“, schreibt der konservative Focus. Das Burda-Magazin glaubt beobachtet zu haben: „Als auf dem letzten CDU-Landesparteitag Horst Köhler noch als Bundespräsidentenkandidat die 35-jährige Dauer seiner Ehe anpries, arbeitete es sichtlich in ihr. Wenn Schavan mit ihrer Mutter am Bodensee entlangspaziert, will mancher gleich eine Freundin von ihr geortet haben.“

16. November Die FAZ-Net-Zeitung berichtet, am Vortag bei der ersten Bezirkskonferenz in Schwäbisch Gmünd, wo die Kandidaten sich der Basis stellen, sei am Eingang der Kongresshalle „eine Schmähschrift gegen Frau Schavan verteilt“ worden „mit Verdächtigungen gegen die Junggesellin, die deutlich unter die Gürtellinie gehen“. Das Pamphlet wurde flugs von CDU-Ordnern eingesammelt. Oettinger sagte öffentlich kein Wort dazu.

17. November Noch hält die baden-württembergische Lokalpresse sich bedeckt. Halbbedeckt. Die „unverheiratete Schavan“ habe sich „für gleichgeschlechtliche Partnerschaften eingesetzt“, berichtet die Heilbronner Stimme. Man nennt zwar den Namen des Verantwortlichen für das Flugblatt, den Stuttgarter Wiesn-Wirt Walter Weitmann, tut ihn jedoch als bekannt „wirrköpfig und geltungssüchtig“ ab. Ein verwirrter Einzeltäter eben. Die Süddeutsche Zeitung spöttelt über den „Schwarzwaldbauern an sich“, dem „eine ledige kinderlose Frau suspekt sein könnte“.

20. November Die islamistische Organisation Milli Görüs meldet sich im Internet zu Wort und beklagt die Gegnerschaft von Schavan zum Kopftuch in der Schule sowie ihre Forderung, dass in Moscheen Deutsch gesprochen werden solle. „In Abwesenheit von Kameras“ halte Schavan „Hasspredigten an Stammtischen“ gegen Muslime.

22. November Jetzt redet Focus Tacheles. Das Magazin zitiert als erster Details aus dem Flugblatt vom 15. November, nämlich die „neuesten Gerüchte über angeblich gleichgeschlechtliche Beziehungen“ von Schavan. Doch, Gott sei Dank: „Oettingers Favoritenrolle ist ungeschmälert.“ Schließlich liege „der Frauenanteil in der Partei bei nur 21 Prozent.“
Am selben Abend kommt es in der Stadthalle Tuttlingen bei der vierten Regionalversammlung zum Eklat. Zum zweiten Mal werden vor der Tür Flugblätter verteilt, zum vierten Mal wird die Kandidatin im Saal direkt angegangen. CDU-Mitglied Dietrich zitiert in anzüglicher Weise die Bibel. Schavan fordert ihn auf, nach vorne zu kommen und seine Frage direkt zu stellen. Sie ist es leid. Sie will sich nicht länger hetzen lassen. Sie scheint es auf den Eklat anzulegen. Sie sagt, es geht nicht darum, ob sie allein lebe, sondern darum, dass sie angeblich nicht allein lebe. Sie spricht von „Rufmord“, erzählt, wie Freundinnen, mit denen sie am Bodensee spazieren geht, von Journalisten mit „einschlägigen Fragen“ konfrontiert werden, bis hin zur eigenen Mutter. Und sie sagt es nun überdeutlich: „Wer es genau wissen will: Mir fehlen die Eignung, Lust und Neigung dazu.“ Beifall. Als sieben Minuten später Konkurrent Oettinger ans Mikro tritt, verliert der kein Wort zu dem Skandal. Wieder einmal nicht.

24. November Jetzt gibt es kein Halten mehr. Bild  titelt auf der Frontseite: „Deutsche Ministerin kämpft gegen Lesbengerüchte.“ Auf Seite 2 breitet das Boulevardblatt in gewohnt scheinheiliger Art den „schmutzigen Machtkampf“ in allen schmutzigen Details aus.
Das Flugblatt. Was niemand berichtet. Ein Blick auf das Flugblatt lässt stutzen. Es ist in auffallend fehlerhaftem Deutsch abgefasst. Und der Inhalt des einen Blattes ist noch irritierender. Unter dem Titel: „Kritik um die Bewerbung von Frau Annette Schavan“ geht es über 18 Zeilen, zur Hälfte des Textes, um Schavans Haltung zum islamischen Fundamentalismus. Vor allem Schavans „populistische“ Forderung wird beklagt: „Dass Imame in deutscher Sprache zu predigen haben“.
Der Verfasser Wiesnwirt Weitmann behauptet, man habe ihm das Flugblatt „unter der Tür durchgeschoben“. Er habe es nur verteilt. Denn er könne sich nicht vorstellen, „von einer lesbischen Ministerpräsidentin regiert zu werden“. Gegenkandidat Oettinger distanziert sich halbherzig von dem „kranken Freund“ und „Fragen nach der Privatsphäre“. Alle beteuern, wie wenig ernst zu nehmen Weitmann sei. Doch für einen Wirrkopf hat der Heimatvertriebene und rechte Christ einen auffallend glänzenden Lebenslauf: CDU-Gemeinderat, Verdienstkreuze höchster Klassen – und 1997 eine Privataudienz beim Papst (genau, ganz wie jüngst die Spitzen der Bild-Redaktion).
Offene Fragen Gibt es noch andere Gemeinsamkeiten zwischen Weitmann und Bild (die 2002 sogar ĂĽber den 70. Geburtstag des Stuttgarter Schankwirts berichtete) als den guten Draht zum Papst? Was verbindet eigentlich den Herrn der Stuttgarter Stammtische mit den Imamen der Moscheen, mal abgesehen von der Allergie vor emanzipierten Frauen? Klar ist nur die Antwort auf eine Frage: Wer am meisten von der Rufmord-Kampagne gegen Schavan profitiert hat!

2. Dezember Günther Oettinger erhält 60,6 Prozent der Stimmen der Parteibasis und wird Spitzenkandidat für die Ländle-Wahlen 2005. Die „Außenseiterin“ Annette Schavan erringt achtbare 39,4 Prozent und wird für die (potenzielle) NRW-Regierung 2005 sowie die (potenzielle) Bundesregierung 2006 gehandelt. – Bis zur nächsten Kampagne?
EMMA Januar/Februar 2005
Zum Thema das Editorial von Alice Schwarzer: Frauen unter Verdacht

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