Anti-Baby-Pille: Prozess gegen Bayer!

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Sie waren jung, ledig – und verliebt. Sie waren in einer anspruchsvollen Ausbildung, sie waren kluge Frauen, sie hatten bereits von den Risiken der Pille gehört, sie gingen mit der Frage nach Alternativen zur hormonellen Kontrazeption zum Frauenarzt. Sie gingen dennoch mit einem Rezept wieder hinaus. Der Gynäkologe hatte ihnen gratis noch gleich eine Probepackung zugesteckt, keine schlichte Medikamentenschachtel, nein, ein schön bunt zurechtgemachtes, eigens für diese Zwecke entworfenes Werbepaket mit Sticker, Schminkspiegel, Schlüsselanhänger. Schicksalsschlag inklusive. Der Diddlemäßig verpackte Hormonmix entpuppte sich nämlich als gefährliche Zeitbombe, die das Leben der jungen Frauen – wenn sie überlebten – nachhaltig veränderte: tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie, Gehirnschlag, Koma, Behinderung, lebenslange Einnahme von Gerinnungshemmern, Abbruch der Ausbildung, womöglich nicht mehr erfüllbarer Kinderwunsch.

Einzelfälle seien dies, heißt es von Seiten der Bayer AG, wenngleich bedauerliche Schicksale. Gleichwohl übertreffe nach wie vor der Nutzen die Risiken. So lautet die offizielle Haltung beim Hersteller jener Drospirenon-haltigen Kombi-Pillen wie Yasmin®, Yasminelle® und Yaz®, die als Pillen der dritten und vierten Generation Mädchen und Frauen weltweit als besonders gut verträglich angepriesen werden.

Der Gynäkologe steckte den Frauen noch gratis eine Probepackung zu

Weil sie sich aber keineswegs als Einzelfälle fühlen, treten Felicitas Rohrer und Kathrin Weigele nicht nur immer wieder auf der Bayer Hauptversammlung dem Konzern entgegen und fordern die Einstellung der Produktion dieser Präparate. Hierfür stellt ihnen die „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ Eintrittskarten und Rederecht zur Verfügung, die die Initiative wiederum von den „Kritischen Aktionären“ bekommt. Rohrer und Weigele haben außerdem zusammen mit zwei weiteren Pillen-Opfern im Jahr 2011 die Selbsthilfegruppe Drospirenon-Geschädigter (SDG) gegründet und betreiben die Informationshomepage www.risiko-pille.de für interessierte Frauen.

Wer auf diese Homepage geht, erkennt tatsächlich anhand der zahlreichen Opferberichte ein Muster darin, wie die Anti-Baby-Pillen der neueren Generation beworben, wie sie an die Frau gebracht und wie Risiken systematisch klein geredet werden. Und wie sie daher nicht nur der Öffentlichkeit und den Nutzerinnen, sondern auch Ärzten derart wenig bewusst sind, dass die schwerwiegenden Gesundheitsschäden nicht ernst genommen, zu lange nicht erkannt, zu spät behandelt werden.

Rohrer und Weigele überblicken inzwischen Hunderte von Fällen, sie berichten von 28 offiziellen, das heißt offiziell dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gemeldeten Todesfällen allein hierzulande. Um ein Vielfaches höher liegt die Zahl der durch Thrombosen und Embolien geschädigten Frauen, von der Dunkelziffer ganz zu schweigen.

„Als ich Felicitas 2010 im Fernsehen sah, erkannte ich die Pillenpackung von Yasmin®, die sie in der Sendung zeigte. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Sie sprach mir aus der Seele, meine Ängste, das alles war nicht unnormal“, beschreibt Kathrin Weigele ihre Erleichterung, als sie auf eine Leidensgenossin traf. 

Im Februar 2006 hatte die heute 33-Jährige erstmals Atemnot und eine rapide Verschlechterung ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit gespürt. Grund war eine Lungenembolie, die erst im August 2006 erkannt wurde, einen Monat vor ihrem Ersten Juristischen Staatsexamen. Nach langwieriger Behandlung auf der Intensivstation gab man ihr eine Überlebens­chance von fünf Prozent. Sie muss seither mit deutlich verringerter Lungenkapazität atmen, der Rest ist aufgrund der lange unerkannt gebliebenen Embolie zerstört. Ihr Examen konnte sie erst drei Jahre später nachholen. Sie entschied sich dann ­jedoch, nicht zuletzt aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem, für den Beruf der Logopädin und ist jetzt im zweiten Ausbildungsjahr.

Auch Felicitas Rohrer musste umsatteln: Die heute 31-Jährige erlitt 2009 eine dramatische Lungenembolie, als sie gerade ihr Studium der Tiermedizin erfolgreich beendet hatte. Auf der Straße brach sie zusammen. Nur dank der Hilfe und Geistesgegenwart ihres damaligen Freundes überlebte sie. Sie wurde zunächst erfolglos wiederbelebt, dann ihr Brustkorb in einer dramatischen Notfalloperation geöffnet. Nur wenige Prozent der Betroffenen überleben eine solche fulminante Lungenembolie, wie es fachmedizinisch heißt. Gerettet ist sie, gesund wird sie nie wieder. Ihre Beinvenen – in denen sich die großen Blutgerinnsel bildeten, die dann über die Blutbahn in die Lunge schwemmten und dort die Strombahn der Lungenblutgefäße verstopften – sind bis heute schwerwiegend geschädigt. Sie muss Stützstrümpfe tragen, damit das Bein nicht dick wird. Der auch körperlich anstrengende Job einer Tierärztin kam nicht mehr in Frage, Felicitas Rohrer arbeitet ­inzwischen als Journalistin. 

Beide haben ihre Plattform gegründet, um andere Frauen und Mädchen über das Thrombose- und Embolierisiko verschiedener Pillen, auch der Drospirenon-haltigen Pillen aufzuklären. Sie nehmen ihren Ärzten bis heute übel, dass diese genau das versäumt haben: „Eigentlich wollte ich gar nicht die Pille, sondern fragte nach anderen Verhütungsmethoden“, erklärt Kathrin Weigele im Gespräch, „aber der Gynäkologe schwärmte regelrecht von der supersicheren neuen Pille, die viel verträglicher sei als die älteren Präparate.“

Für Bayer sind die 28 toten Frauen "be-
dauerliche Einzelfälle" ... 

Felicitas Rohrer bestätigt: „Die Frauen, die uns kontaktieren, berichten regelmäßig, dass von den Ärzten andere Verhütungsmittel abgetan, die neueren Pillen der dritten und vierten Generation fast marktschreierisch angepriesen werden.“ Das hat seinen Grund: Pillen der neueren Generation sind seltener mit Gewichts­zunahme verbunden als die älteren Pillengenerationen, die zum Beispiel Levonorgestrel in ihren Kombinationen enthalten. Gerade junge Mädchen hoffen auf eine Verbesserung des Hautbildes oder schö­nere Haare, „da ist ein mögliches Risiko weit weg“, sagt Rohrer. Sie hatte in einer ihrer Reden auf der Hauptversammlung des Bayer Konzerns die „Feel good/Figur-Bonus und Smile-Effekt“-Werbung, wie sie insbesondere für die Pille Yasminelle® betrieben wird, vehement angeprangert.

Dabei hat nicht erst in diesem Jahr eine englische Studie aus Nottingham belegt, um wieviel gefährlicher in Sachen Gerinnselbildung neuere, gerade auch Drospirenon-haltige Präparate sind. Pillen, die Cyproteron und Desogestrel enthalten, erwiesen sich in dieser Studie ebenfalls als besonders risikoträchtig. Ist das neu? Keineswegs! Die Studie bestätige „was wir schon lange wussten“, hält Dr. Hannelore Rott vom Gerinnungszentrum Rhein-Ruhr in Duisburg gegenüber der Ärzteinfoplattform Medscape Deutschland fest, und betont: „Im Alter von 14 bis 15 Jahren schnellt die Zahl der Lungenembolien beim weiblichen Geschlecht in die Höhe.“ Dies geht einher mit der Einnahme von Kombipräparaten zur Verhütung, eine Koinzidenz, die inzwischen auch mit wissenschaftlichen Studien aus anderen Ländern, zum Beispiel Australien, bestätigt wird. 

Um „Einzelfälle“ geht es also keineswegs. Was Rohrer und Weigele vor allem ärgert, ist das Verschieben der Ursachen weg von der Pille auf das individuelle Risiko der Frau: „Wir waren nicht übergewichtig, haben nicht geraucht und hatten keinerlei andere Risikofaktoren“, ereifern sich beide im Gespräch. Sie trieben Sport und lebten gesundheitsbewusst, so wie viele der Frauen, die ihnen inzwischen im Laufe der Jahre von ihren Embolien berichten, oder deren Eltern nach dem Tod ihrer Töchter davon erzählen. Ihre Warnung lautet daher nicht zuletzt: „Es kann jede treffen“. 

Hierzulande verschreiben fast ausschließlich GynäkologInnen den 6,6 Millionen Frauen, die hormonell verhüten, die Pille. Und die kommunizieren die Risiken nach Ansicht von Rohrer viel zu wenig: „Hier fehlt es mir an Rückgrat der Frauenärzte, vor allem gegenüber den ganz jungen Mädchen, die sich dem Sog der Firmenwerbung und dem Versprechen von schönerem Aussehen kaum entziehen können“, kritisiert sie. Die deutschen „Frauenärzte im Netz“ weisen in einer Pressemitteilung vom 23. Oktober 2014 darauf hin, dass „viele Thrombosen folgenlos“ ausheilten und dass Thrombosen schließlich auch bei Frauen aufträten, die nicht mit Pille verhüten: „Thrombosen sind bei Frauen, die Drospirenon-haltige Antibabypillen einnehmen, eine sehr seltene Komplikation.“ 

Solche Stellungnahmen vermitteln einen vergleichsweise harmlosen Eindruck von den Pillenrisiken. Zwar hat ein so genannter „Rote Hand Brief“ im Januar 2014 wenigstens ein wenig wachgerüttelt: Darin mahnen die Hersteller von hormonellen Kontrazeptiva, aber auch die Europäische (EMA) und deutsche Arzneimittelbehörde (BfARM) diejenigen, die die Pille verschreiben, unmissverständlich, über die Risiken „umfassend aufzuklären“. Nicht allen ist diese Aufforderung willkommen. Manche Frauenärzte sehen darin „einen neuen überladenen Aufklärungsaufwand“ bei der Verordnung von Kontrazeptiva, wie es in einer deutschen Fachzeitschrift für Frauenärzte heißt. Das ist umso problematischer, als es keine klaren, verbindlichen Empfehlungen für die Frauenärzte gibt. Denn die offiziellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) zur Empfängnisverhütung sind längst abgelaufen. Sie werden seit 2013 überarbeitet. Umso besorgter klingen andere Ärztefachorganisationen. So berichtete die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ) schon Ende 2013, dass immer mehr Mädchen mit Thromb­embolien in die Ambulanzen kommen – ein Phänomen, das man früher nicht kannte. „Deshalb geht es mir mit meiner Klage gegen den Bayer Konzern auch nicht um Geld“, betont Felicitas Rohrer. „Ich will erreichen, dass Bayer diese Präparate vom Markt nimmt!“

Was das bedeuten könnte, lehrt das Nachbarland Frankreich: Die breite öffentliche Diskussion wurde dort nicht zuletzt durch die Opferorganisation AVEP befeuert, die ähnliche Ziele verfolgt wie die SDG. Bewegend war der Auftritt der 26-jährigen Marion Larat, einer der führenden Anklägerinnen aus Frankreich auf der Bayer Hauptversammlung im Jahr 2014. Die halbseitig gelähmte junge Frau hatte unter der Pille Meliane®, ebenfalls ein Präparat von Bayer, einen Schlaganfall erlitten. Sie hat seither epileptische Anfälle und Sprachstörungen und musste ihre Rede deswegen von einer anderen Frau vortragen lassen. 

... das sehen die protestierenden Frauen anders!

Die Tatsache, dass in Frankreich die Kosten für Pillen der dritten und vierten Generation seit 2013 nicht mehr übernommen werden, ließ die Verordnungen um 45 Prozent einbrechen, wie das pharmakritische Arznei-Telegramm in diesem Jahr meldete. Interessant ist außerdem, dass gleichzeitig die Klinikaufnahmen wegen Lungenembolien um 27,9 Prozent bei den 15 bis 19 Jahre alten Mädchen und Frauen zurückgingen. Doch hierzulande sind nach wie vor gerade diese neueren Pillen mit zwei Dritteln die am häufigsten verschriebenen Kombipräparate. 

Die mangelnde Aufklärung setzt sich fort in einer völlig ungenügenden Wahrnehmung der Folgen: „Ich hatte solche Schmerzen beim Atmen, ich saß am Ende senkrecht nachts im Bett, um überhaupt schlafen zu können“, schildert Kathrin Weigele ihren Zustand. Keiner „traute“ ihr eine ernsthafte Lungenerkrankung zu. „Junge Frau, Angst vorm Examen, die ­hyperventiliert, …“, beschreibt sie die ­falschen Reflexe der Ärzte, denen sie im Laufe der monatelangen Odyssee ihre Beschwerden schilderte. Erst nach massivem Druck seitens ihres Mannes im Uniklinikum Regensburg wurde schließlich doch ein CT gemacht, nachdem man die schwerkranke Frau vier Stunden im Flur hatte warten lassen. Dann seien plötzlich alle in „Riesen-Wahnsinns-Hektik“ geraten, Intensivstation und das ganze große Programm. „Ich war so schwer krank, dass es am Ende des Klinikaufenthaltes nicht einmal eine passende Rehabilitation für mich gab“, erzählt Kathrin Weigele. Sie hat sich mühsam alle Maßnahmen selbst zusammengesucht – und auch zum Großteil selbst bezahlen müssen.

Ähnlich geht es den anderen jungen Frauen. Sie bezahlen zur gerinnungshemmenden Therapie dazu, sie bezahlen die Sticks zur Kontrolle der Blutgerinnung, sie bezahlen für eine alternative Ausbildung, aber vor allem bezahlen sie emotional: vielleicht mit dem Abbruch einer Beziehung, vielleicht damit, dass sich ein Kinderwunsch nie erfüllt. Denn es ist äußerst problematisch, unter gerinnungshemmender Therapie Kinder zu bekommen. Denn das Standardpräparat, Marcumar, schädigt den Fetus, Alternativen sind riskant oder in Bezug auf die Schwangerschaftsrisiken kaum untersucht.

Marion Larat ist seit ihrem Schlaganfall halbseitig gelähmt.

Während Felicitas Rohrer – neben sieben weiteren Frauen – bereits Klage eingereicht hat, sind die gerichtlichen Schritte, die Kathrin Weigele gegen die Bayer AG unternommen hat, noch im Stadium des Vorverfahrens. Sie alle verlangen angesichts ihrer Kosten und Gesundheitsschäden Schadensersatz in äußerst bescheidener Höhe, wollen aber vor allem andere Frauen ermutigen, den Klageweg zu beschreiten. Dieser Mut ist notwendig, denn statistisch stehen die Chancen schlecht, bisher hat noch kein Kläger gegen den Pharmariesen ein solches Verfahren gewonnen. Selbst nicht die Schweizerin Céline, die im Alter von 16 Jahren 2008 eine schwere Lungenembolie erlitt, nachdem sie Yasmin® nur einige Wochen eingenommen hatte. Sie ist seither schwer behindert und ihr Schicksal hat immer wieder Schlagzeilen gemacht. Das Bundesgericht der Schweiz hat inzwischen in dritter Instanz den Anspruch auf Schadensersatz der Familie Pfleger gegen die Bayer (Schweiz) AG rechtskräftig abgewiesen. Allerdings wurden freiwillig – ohne Schuldeingeständnis – 200.000 Schweizer Franken für die Behandlung gezahlt, da die Intras-Versicherung die Kosten der Rehabilitation in unmittelbarer Nähe des Wohnortes nicht tragen wollte. 

Außerdem zahlte Bayer inzwischen im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleichs in den USA weitere 1,9 Milliarden Dollar an rund 8.900 Frauen, die dort eine Sammelklage gegen den Konzern anstrengten. So wurde ein öffentlicher Prozess mit Offenlegung der Fakten vermieden. Sollte eine der hiesigen Klagen Erfolg haben, dürfte das eine Lawine lostreten – die Webseite www.risiko-pille.de zählt inzwischen schon fast 2 Millionen Seitenaufrufe.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

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Verhütung für Männer? Zu gefährlich!

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"Ich weinte täglich, manchmal über die kleinste Kleinigkeit.“ – „Ich konnte mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren.“ – „Ich war einfach total niedergedrückt, dauernd.“ Solche und ähnliche Statements stehen in Frauenforen und Artikeln, in denen es um die Auswirkungen der „Pille“ auf die Stimmung der Frauen geht, die sie nehmen. Aber dort sucht – und findet – nur, wer zumindest argwöhnt, dass die seltsamen Stimmungsschwankungen und mentalen Veränderungen mit der hormonellen Verhütung zu tun haben könnten. 

PMS wird durch die Pille zur handfesten Störung

Viele ahnen noch nicht einmal, dass es so sein könnte. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Fragen nach den psychischen Nebenwirkungen der Pille unverzeihlich lange ignoriert wurden. Geschätzte 100 Millionen Frauen schlucken derzeit weltweit Hormone zur Verhütung, seit Jahrzehnten ist die Pille das Synonym für garantierte Sicherheit beim Sex. Und da sollen die Komplikationen ­ungenügend erforscht sein? 

Was die Pille mit dem Körper anstellt, wissen wir: Sie täuscht ihm eine Schwangerschaft vor – darum setzt der Eisprung aus. Die körperlichen Folgen der Anti-Baby-Pille – Embolie-Risiko, Gewichtszunahme etc. – wurden ab Anfang der 1970er Jahre von Feministinnen kritisiert, bald darauf erforscht und zumindest teilweise durch das drastische Zurückfahren der Hormondosis reduziert.

Die psychischen und emotionalen ­Nebenwirkungen jedoch kamen bisher nicht wirklich auf den Prüfstand. „50 Jahre Verhütung mit Hormonen – Zeit herauszufinden, was das mit unseren Gehirnen anstellt“, fordert deshalb die Neurowissenschaftlerin Dr. Belinda Pletzer von der Universität ­Salzburg – im Jahr 2014. 

Entsprechend nebulös und auch widersprüchlich sind die Befunde. Manche Frauen berichten, dass sie sich mit Pille deutlich häufiger als zuvor niedergedrückt, ängst­licher und antriebsloser fühlen. Allerdings: „Echte Depressionen sind eine eher seltene Nebenwirkung der Pille“, sagt Prof. Dr. Ludwig Wildt, Chefarzt der Universitätsfrauenklinik in Innsbruck. Er hat mit seinem Team eine der wenigen einschlägigen Übersichtsarbeiten zum Thema „Pille und Depression“ veröffentlicht. „Wir können wegen der Vielfalt der Präparate auch kaum einem einzelnen Wirkstoff in den verschiedenen Verhütungsmitteln bestimmte psychische Nebenwirkungen zuordnen“, beschreibt der Experte das Dilemma. „Wenn, dann sind eher solche Pillen ein Problem, die nur Gestagene enthalten“.

Echte Depressionen als Pillenfolge muss die Mehrzahl der Frauen, die sie schlucken, also nicht fürchten, das bestätigen auch andere Studien zum Thema. Dennoch kann die Pille offenbar die Gefühlswelt erheblich derangieren. So klagen manche Frauen über Gefühlschwankungen wie sie sie ohne Pille in dieser Heftigkeit nicht kannten; andere nervt plötzlich ihre unkontrollierbare Impulsivität: „Ich wurde oft rasend vor Wut – ohne den geringsten Anlass“, klagt die britische Journalistin Jill Foster in der Daily Mail. 

Die Gründe für den Lust-Verlust sind vielfältig

Dass sich die Pille auf die psychische Befindlichkeit, die Stimmung und Emotionen zumindest irgendwie auswirkt, ist nicht erstaunlich. Sie enthält in aller Regel zwei Hormonkomponenten: Östrogene und Gestagene. Am häufigsten wird Ethinyl­östradiol als Östrogen mit verschiedenen Gestagenen kombiniert, reine Gestagenpillen sind selten. Die Konzentration von ­Östrogenen und Gestagenen reguliert den weiblichen Zyklus und ändert sich in Schwangerschaft und Stillzeit sowie in der Menopause. Dass in solchen Phasen die Hormone und mit ihnen die Gefühlswelt einer Frau durcheinander gewirbelt werden, ist Allgemeinwissen. 

Viele Frauen erfahren zum Beispiel auch das Stimmungshoch um den Eisprung ebenso intensiv wie sie spüren, dass ihre Psyche in den Tagen vor der Periode Achterbahn fährt. Es gibt Hinweise, dass sich mit Pille das bekannte prämenstruelle Syndrom (PMS) zu einer handfesten Störung auswachsen könnte, der prämenstruellen Dysphorie (PMDD). Sie hat immerhin als echte Pathologie Eingang in den internationalen Katalog psychischer Erkrankungen gefunden.

Was nun die Sexualität angeht: Die Frage, ob und wie sehr die Pille die weibliche Libido vermindert, ist so alt wie umstritten – und ein heißes Eisen. Wer wagt, die lustmindernden Eigenschaften der Pille zu thematisieren, gerät leicht in Gefahr, jenen konservativen Stimmen Munition zu liefern, die die Verbreitung eines so universellen Verhütungsmittels von jeher gern begrenzt gesehen hätten. Entmutigende Schlagzeilen haben es dennoch in die Boulevardpresse und in Fachjournale geschafft: „Pille ist schuld an Sex-Unlust“ oder „Birth Control Pills Put Brakes on Women’s Sex Drive“, lauten die Schlagzeilen. Wer im Netz erst einmal einen Thread wie „NO LIBIDO while on pill“ gelesen hat, wird völlig desillusioniert. „I had ZERO sex drive“, schreibt Forenteilnehmerin Lizzie dort als eine von vielen.

Es klingt wie ein Treppenwitz der Verhütungsgeschichte, dass just das Symbol für die sexuelle Befreiung der Frauen sie offenbar auch von sexueller Lust befreit. Unplausibel ist das nicht. Manche Pillen, zum Beispiel Diane35®, die auch gegen vermehrten Haarwuchs verschrieben wird, enthalten das potente Anti-Androgen ­Cyproteronacetat, das die Wirkung von Testosteron abschwächt. Testosteron gilt zwar als „männliches“ Hormon, aber jenseits dieser Geschlechtsetikettierung ist es auch bei der Frau für Libido und Lust zuständig. Anti-Androgene zur Blockade von Testosteron kommen beispielswiese bei Prostatakrebs zur „hormonellen Kastra­tion“ zur Anwendung: Man will damit die krebsfördernde Wirkung, die Testosteron auf diesen Tumor hat, ausschalten. Anti-Androgene gelangen auch zur Behandlung der Hypersexualität zum Einsatz, bei so ­genanntem „gesteigertem Drang nach sexueller Betätigung und Befriedigung “. 

Dass die Mittel bei Frauen wie Männern Unlust erzeugen, folgt dem einfachen Dreisatz: Die Libido hängt vom Testo­steron ab, ein Anti-Androgen blockiert die Testosteronwirkung, folglich mindern Anti-Androgene die Libido. 

Aber nicht nur Androgen-Hemmer wirken lusthemmend. Eine weitere Ursache liegt beim SHBG (Sexual Hormone Binding Hormone), ein Eiweiß, dessen Konzentration bei Einnahme der Pille im Blut ansteigt. Es fängt andere Sexualhormone quasi ab, so dass weniger an freien, wirk­samen Komponenten vorhanden ist.

Einen dritten Grund für verminderte Lust lieferten kürzlich italienische Neurowissenschaftler. Sie fanden im Tierversuch Hinweise dafür, dass gängige Hormone aus der Pille die Konzentration von Allopregnanolon, ein Verwandter des Progesterons, der vor allem auf Nervenzellen im Gehirn wirkt, dort verringern und dadurch zentral die Libido ungünstig beeinflussen.

Wie relevant das alles ist, ist offenbar abhängig davon, wen man fragt. Die Häufigkeit von sexuellen Störungen durch die Pille wird in wissenschaftlichen Veröffentlichungen als „insgesamt relativ gering“ eingestuft, stellt zum Beispiel Prof. Alfred Mueck von der Universitätsfrauenklinik in Tübingen fest. „Viele Ärzte“, so der Mediziner und Biochemiker, „halten die Mit­teilungen für psychologisch oder psycho­somatisch bedingt“. Sprich: Sie gehen davon aus, dass die verminderte Lust keine körperlichen Gründe hat, sondern seelische. Deshalb messen sie den Aussagen der Frauen nicht allzu große Bedeutung bei, vermutet er. 

Aus diesem Grund haben die Tübinger Wissenschaftler das Phänomen selbst ­untersucht. Ihre Studie kommt zu dem ­Ergebnis, dass immerhin bei jeder dritten der von ihnen befragten Medizinstudentinnen bei Pilleneinnahme „ein Risiko“ für „sexuelle Dysfunktionen“ bestand und jede fünfte über manifeste Probleme mit ihrer Sexualität klagte. Sechs Prozent berichteten konkret über Libidoverluste und immerhin neun Prozent – fast jede Zehnte – über Schwierigkeiten beim Orgasmus. 

Die Pille als hormoneller Koitus interruptus? Soweit will kein Wissenschaftler gehen, alle betonen, mit solchen Umfragen ließe sich keinesfalls ein zwingender Kausalzusammenhang à la „Pille dämpft Libido“ ableiten.

Doch wie auch immer: Bemerkenswert viele Frauen sind mit der Pille unzufrieden – rund ein Drittel derer, die mit einem Präparat starten, nimmt es nach einem Jahr nicht mehr. Klar ist auf jeden Fall, dass psychosexuelle Nebenwirkungen der Pille jedenfalls in medizinischen Lehrbüchern immer noch notorisch unterschätzt werden.

Viele Frauen sind mit der Pille unzufrieden

Erstmals haben nun kanadische Forscher FrauenärztInnen und AllgemeinmedizinerInnen danach befragt, wie häufig Pillenanwenderinnen ihnen von Problemen mit der Pille berichten. Die Befragten bekannten, dass sich ein weitaus höherer Prozentsatz als offiziell veranschlagt über Verschlechterungen von Stimmung und Sexualleben beklagte. 

„Das offensichtlich Paradoxe an der Situation ist, dass viele Frauen die Pille eigentlich nehmen, um ihre Sexualität frei von der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft voll auszukosten“, beschreibt Dr. Nicole Smith von der Princeton Universität das Dilemma. Und sie bedauert, dass bislang jenen Frauen, die von Stimmungstiefs und sexueller Unlust geplagt werden, viel zu wenig Alternativen geboten werden. 
Alfred Mueck von der Tübinger Frauenklinik empfiehlt, in solchen Fällen auf eine Pille mit anderem Gestagen umzusteigen. Außerdem sollten Präparate mit nie­drigen Östrogendosen gewählt werden. 

„Neuerdings“, so der Experte aus Tübingen, „gibt es auch Pillen mit dem natürlichen Östrogen, dem Östradiol.“ Es soll die Stimmung eher bessern, allerdings sind diese Präparate teurer. Aber wer weiß, vielleicht werden sie irgendwann von der Kasse bezahlt – als Antidepressiva. 

Martina Lenzen-Schulte 

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