Ask Alice!

Ask Alice! Wie soll ich meinen Sohn erziehen?

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Liebe Eva Baitinger,

in der Theorie ist das ganz einfach: Sagen Sie Ihrem Sohn, dass Frauen auch Menschen sind – also dieselben Rechte und Pflichten haben wie Männer. Und umgekehrt. Doch Reden allein genügt nicht. Sie müssen das Ihrem Sohn auch vorleben. Und Sie müssen gegenhalten gegen die sexistische Umwelt.

Sollte er in der Schule Unsinn hören: Gegenhalten und ggf. beschweren! Sollte er in seiner Peergroup schädlichen Einflüssen ausgesetzt sein: Gegenhalten und versuchen, die Peergroup zu wechseln! Sollte er selbst etwas Fragwürdiges sagen oder tun: Gegenhalten und sich mit ihm auseinandersetzen! Mal einfühlsam und konstruktiv – aber auch streng, wenn das nötig ist.

Eine Freundin von mir, die als alleinerziehende Mutter sehr eng mit ihrem Sohn verbunden war, hat mal Folgendes gemacht. Als der etwa Zehnjährige aus der Schule kam und verkündete: Jungs können viel schneller laufen als Mädchen! ist sie mit ihm auf den Hof gegangen. Da hat sie ein Wettrennen mit ihrem Sohn gemacht – und klar gewonnen. Das war’s.

In diesem Sinne müssten Sie jeweils im Alltag situativ und spontan reagieren. Aber konsequent.

Viel Spaß für Sie beide!
Alice Schwarzer

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Ask Alice!

Ask Alice! Kann ich mit bloßem Busen sonnen?

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Liebe Sofia,

du stellst mir eine echt knifflige Frage. Klar sollten Frauen dieselben Rechte haben wie Männer – und demzufolge im Prinzip ebenso ihre Brust entblößen können, wenn sie wollen. Auch stellt sich in der Tat die Frage: Wo fängt die Rücksichtnahme auf die Sitten an – und wo hört sie auf? In unserem Kulturkreis sind Frauenbrüste sexualisiert, in orthodoxen christlichen oder jüdischen Kreisen gilt schon das Zeigen der bloßen Arme oder Beine als obszön. Und für fundamentalistische Muslime ist bereits das sichtbare Haar – oder gar Gesicht! – eine Sünde. Worauf also sollen wir emanzipierten Frauen Rücksicht nehmen?

Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast: Im Internet tobt gerade eine Debatte. Da protestieren selbstbewusste Frauen gegen das „Nippel-Verbot" bei Facebook und Instagram. Die löschen automatisch Bilder von nackten Frauenkörpern, wenn eine Brustwarze zu erkennen ist. Warum? Weil sie gegen Pornografie sind. Und da es gar nicht so einfach ist, zu bestimmen, was Pornografie ist und was nicht, haben sie beschlossen, ganz automatisch Nacktheit zu zensieren. Natürlich löschen Sie nur die Fotos von Frauen. Denn in unserer Kultur sind die Brustwarzen von Männern ja nicht sexualisiert, können also auch nicht pornografisiert werden.

Selbstverständlich ist nackt nicht gleich pornografisch – und gleichzeitig können auch Darstellungen von Angezogenen pornografisch sein. Schließlich lautet die Definition von Pornografie: Die Objektifizierung von Frauen (oder Männern und Kindern) sowie die Sexualisierung von Erniedrigung und Gewalt.

Das Nackt-Verbot auf Facebook hat übrigens auch schon mal EMMA getroffen. Und selbstverständlich war der entblößte Busen, den EMMA gezeigt hat, keinesfalls pornografisch gemeint, sondern kritisch – oder eben „unschuldig“, so wie bei dir. Aber das kann so ein automatisches Löschverfahren nicht unterscheiden. Wir haben das Verbot darum letztendlich hingenommen.

Wir verstehen, dass man bei der Veröffentlichung von täglich Tausenden wenn nicht Millionen Bildern nicht jedes Mal genau definieren kann, ob das nun Pornografie ist, oder nicht. Und wir haben uns schließlich jahrzehntelang über die nackten Frauen in den Printmedien geärgert – und tun das noch! – sodass wir nun nicht dafür kämpfen wollen, dass auch bei Facebook Frauen nackt sein können.

Denn eines ist klar: Gäbe es diese – zugegeben viel zu mechanistische – Schranke nicht, wäre Facebook längst von pornografischen Nacktfotos überflutet. Nur eine verschwindende Minderheit dieser Darstellungen wäre dann wirklich nicht-pornografisch. Doch auch die würde von dem Blick so manchen Nutzers rasch objektifiziert, d.h. zum Objekt degradiert.

Wie wenig "normal" es ist, dass eine Frau öffentlich barbusig auftritt, konntest du auch an den Femen sehen. Die Tatsache, dass sie ihren Busen entblößt haben, war ja durchaus als Provokation gemeint - und ein Vorführen der Doppelmoral der Medien. Nach dem Motto: über unseren Protest gegen Prostitution und Pornographie berichtet ihr nicht, aber unsere entblößten Busen ballert ihr ab - also verknüpfen wir beides! Auf ihre nackte Haut schreiben die Femen ihr politische Botschaft. Und auch ihre gesamte Körpersprache widerspricht der Entblößung: Springerstiefel, aufrechte Haltung, aggressive Parolen. Die Femen spielen also politisch mit dem Effekt der Entblößung - gerade weil sie die nicht für normal halten.

Und nun komme ich endlich bei dir im Schwimmbad an. Du sagtest, du hättest „abseits“ ein Sonnenbad mit entblößtem Busen, auf den du "stolz" bist, genommen. Und du fragst: warum nicht?! Aber du siehst schon an den Reaktionen, dass es eben nicht so „normal“ ist, wie du es dir wünschst, dass im Gegenteil ein entblößter Busen als Provokation empfunden wird. Und zwar von Frauen wie Männern.

Selbstverständlich solltest du niemals etwas tun, „nur weil ein Mann es für richtig hält“. Aber du musst dich dennoch fragen, ob deine Intention – dich frei und unbefangen zu bewegen – identisch ist mit dem Blick der anderen. Schauen die dich mit derselben Unschuld an, mit der du dich zeigst? Oder weckst du Gefühle, die du eigentlich gar nicht wecken willst?

Die Sexualisierung der weiblichen  Brust ist etwas in unserem Kulturkreis über Jahrhunderte Gewachsenes. Und das in Regionen, in denen es eh selbstverständlich ist, den Körper zu bedecken, schon um ihn warm zu halten. Das die Haare vollständig verhüllende Kopftuch hingegen oder gar der Ganzkörperschleier sind nicht das Resultat gewachsener Sitten, sondern das Diktat einer frauenverachtenden fundamentalistischen Interpretation des Islam. Sie haben wenig mit dem Kopftuch von Frauen auf dem Land (in Anatolien oder Bayern) oder dem Wüstenschleier der Nomadinnen zu tun - aber viel mit dem Verhüllen, dem Unsichtbarmachen von Frauen. Zurecht sind wir Feministinnen darum, Seite an Seite, mit Millionen MuslimInnen dagegen!

Die Entblößung deines Busens in der Öffentlichkeit allerdings ist in unserer Kultur eben keine Selbstverständlichkeit. Du kannst es tun – musst dann aber wissen, dass die Betrachter nicht immer so unschuldig sind wie du. Du könntest es aber auch lassen. Das würde ich empfehlen. So bist du sicher, nicht ungewollt zum Objekt zu werden.

Nun bin ich sehr gespannt, was du zu meinem Rat sagst!

Mit herzlichen Grüßen, auch an deine Mutter
Alice

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