Cambridge: Die Macherin

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Anna Waldman-Brown wusste schon sehr früh, dass ein Physik-Labor eigentlich nichts für sie ist. Da studierte sie noch am renommierten „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) in Cambridge. Heute ist sie eine der KoordinatorInnen des internationalen Fab-Lab-Netzwerks. 

Solche „Fabrication Laboratories“ , auf deutsch: Fabrikationslabore, sind gemeinschaftlich organisierte und für jede und jeden offene Werk- und Ausbildungsstätten, allerdings mit modernster technischer Ausstattung: 3D-Drucker, Laser-Cutter, Pressen oder computergesteuerte Fräsen (sogenannte „CNC-Fräsen“), mit denen man sogar Möbel oder Teile von Häusern herstellen kann. In einem FabLab steht alles, was man so zum Erfinden braucht. So soll auch der Mensch von nebenan über zukünftige Produktionsmittel verfügen können. 

2002 eröffnete das erste dieser sozialen Labore am MIT. Mittlerweile gibt es weltweit 565, auch in einigen deutschen Städten. Die RWTH Aachen machte 2009 den Anfang. Anna lernte das erste FabLab in Ghana kennen. Während ihres Studiums ging sie als Stipendiatin für drei Monate an das „Takoradi Technical Institute“ im südwestlichen Ghana, um dort Lehrmaterial zu entwerfen, das sowohl DozentInnen als auch SchülerInnen darin unterstützt, nachhaltige Energietechnologien zu entwickeln, anpassbar an die regionalen Bedürfnisse.

Im FabLab der Schule traf Anna auf Studierende, die stundenlang Lampen für ihre Großeltern auf dem Land zusammenbauten, die mit den Batterien aus deren Handy betrieben werden und die sie einfach an ein Solar-Panel anschließen konnten, um sie aufzuladen. Das war nicht nur günstiger als herkömmliche Batterien, sondern hielt auch mehrere Jahre. Solche Ideen und der Eifer, mit dem sie umgesetzt werden, faszinieren Anna bis heute. 

Anna, kannst du noch mal genau erklären, welche Idee eigentlich hinter FabLabs steht?
Am MIT gibt es seit 14 Jahren eine interdisziplinäre Forschungsgruppe namens „Center for Bits and Atoms“. Deren Forschungsziel lautet, eine Box zu erfinden, die auf Knopfdruck alles herstellen kann - so wie der Star-Trek-Replicator. Du sagst der Box: Mach mir eine Kamera. Und sie druckt dir quasi eine Kamera. Das sind offensichtlich ziemlich schräge Zukunftsvisionen. Wie will man die Menschen von nebenan näher bringen? Neil Gershenfeld, Leiter der Forschungsgruppe, hatte deshalb die Idee, Fabrikationslabore zu schaffen, die ähnlich wie öffentliche Bibliotheken funktionieren. 

Jede und jeder kann einfach mitmachen?
Ja, damit auch die Nicht-Experten darauf vorbereitet sind, was in Zukunft passieren wird. Es ist doch so: In den 1970ern haben Computer noch einen ganzen Raum eingenommen und bestanden aus mehreren getrennten Maschinen. Als die digitale Revolution fortgeschritten ist, wurden diese Komponenten zusammengefügt. Sie wurden immer kleiner. Heute haben sie Taschengröße. Neil Gershenfelds Theorie ist, dass wir jetzt am Anfang einer neuen Revolution stehen: der digitalen Fertigungs-Revolution. Eine Revolution, in der das FabLab, das heute noch einen ganzen Raum einnimmt, kleiner und kleiner wird. Und irgendwann bleibt eine Box in Hosentaschengröße übrig, die alles herstellen kann. Und die jede und jeder besitzt. 

Was machen denn die FabLabs in Deutschland?
Oh, die Deutschen kenne ich noch nicht so gut. Aber in Barcelona bauen sie gerade in Zusammenarbeit mit der Kommunalverwaltung zwölf FabLabs auf, eines in jedem Stadtbezirk. Am interessantesten finde ich das „Green FabLab“, das gehört zum „Institute for Advanced Architecture iof Catalunya“. Die haben unter anderem ein Projekt zu Open-Source-Bienenstöcken. Sie gehen der Frage nach, wie man Sensoren in Bienenstöcke platzieren und so die Gesundheit der Bienen messen kann. 

Welche Rolle spielen Frauen in FabLabs?
Es gab kürzlich eine interessante Studie in den USA, dass Frauen sich vor allem für Projekte interessieren, die etwas bauen, das anderen hilft. Und FabLabs haben genau diesen Schwerpunkt. 

Weitere Porträts in dem Dossier "World Wide Women" über Frauen und Technologie in der November/Dezember EMMA. Zur Dossier-Übersicht

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World Wide Women!

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Wenigstens darin sind die Menschen sich irgendwie einig: Wir sind ZeugInnen eines Wandels vom Ausmaß der Industriellen Revolution. Die Art, wie wir leben, arbeiten, wie wir konsumieren, kommunizieren, ja selbst wie wir uns verlieben – im digitalen Zeitalter ist alles anders. Früher gab es nach dem Aufstehen Kaffee. Heute gibt es nach dem Aufstehen Internet. Hurra, rufen die FuturologInnen und sehen uns schon auf dem Weg in die Unsterblichkeit: Sei es durch digitale Klone unserer selbst oder Mini-Roboter, die unsere Zellen putzen, sodass wir 300 Jahre alt werden.

Na und? fragen die Abgeklärten, für die Digitalisierung auch nichts Anderes ist als die Erfindung des Buchdrucks anno dazumal. Und den haben wir schließlich auch überstanden. Oh nein! jammern die ApokalyptikerInnen. Schon jetzt ist der Mensch eine gläserne Marionette der Internet-Giganten geworden! Die Maschinen werden die Macht übernehmen!

Und während die FuturologInnen jauchzen, die Abgeklärten gähnen und die ApokalyptikerInnen bibbern, „schießt sich“ gerade mit Sicherheit irgendwo eine Frau ein Paar Stiefel auf Zalando. Denn viele Frauen erleben den technischen Fortschritt vor allem als lawinenartiges Wachstum im Kleiderschrank.

Früher gab es nach dem Aufstehen Kaffee, heute gibt es Internet!

Und darüber hinaus? Darum geht es in dem Dossier „World Wide Women“ in EMMA November/Dezember 2015. Denn auch wenn heute die Männer im Silicon Valley die Zukunft unter sich ausmachen, haben Frauen die Computergeschichte geprägt. In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Augusta Ada Lovelace zum 200. Mal. Ada entwickelte schon 1843 ihre Theorie der „Analytical Engine“. Heute gilt Ada Lovelace deshalb als die Pionierin der Computer-Technik, das Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn widmet ihr eine ganze Ausstellung.

„Lovelaces Vision, dass die Maschine so Komplexes wie Sprache oder Musik verarbeiten könne, sollte sich erst Ende des 20. Jahrhunderts bewahrheiten“, schreibt Judith Rauch in EMMA.

Und Ada ist nicht die einzige. Viele technologische Prinzipien, die wir heute ganz selbstverständlich nutzen, wurden von Frauen auf den Weg gebracht. Mehr über diese Vordenkerinnen ebenso im Dossier. Ausgabe bestellen

Weitere Themen im Dossier der November/Dezember EMMA:

Sind wir noch zu retten?
Die Big-Data-Kritikerin Yvonne Hofstetter kennt die Antwort. Die Juristin entwickelt seit über 15 Jahren Systeme mit Künstlicher Intelligenz. Im EMMA-Interview erklärt sie Risiken und Chancen der smarten Technik.

World Wide Women!
Von New York bis Nairobi: Diese Frauen programmieren die Zukunft – oft gegen massive Widerstände. EMMA hat sie getroffen.

(Sexual-)Gewalt im Internet
Die UNO veröffentlichte einen kritischen Report gegen Cyber-Gewalt – und musste ihn nach wenigen Tagen wieder zurück ziehen. Was war bloß passiert?

Das Darknet ist eine Chance!
Findet die Berliner Autorin Andrea Hanna Hünniger. Und will zukünftig selbst öfter anonym surfen. Wir sind gespannt auf die Reaktionen der Leserinnen und Leser auf ihren Bericht. 

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