In der aktuellen EMMA

Der Cancel-Wahn: Mundtot machen!

In Hamburg im Schauspielhaus stürmten Trans-AktivistInnen die Bühne.
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8. März 2026
Internationaler Frauentag. Alice Schwarzer soll die zweite Lesung ihres neuen Buches „99 Worte“ im Hamburger Schauspielhaus machen. Sie liest oft in Theatern. Doch das erste Theater in Berlin, in dem sie schon vollbesuchte Veranstaltungen gemacht hat, hatte ihr abgesagt. Nicht so Hamburg. Aber Überraschung, noch im Vorlauf wird dagegen protestiert. 340 „Theatermacher*Innen“ schreiben einen öffentlichen Brief an die Intendantin. Anonym. Sie soll Schwarzer wieder ausladen. Karin Beier hält stand. Schwarzers Verlag Heyne schickt die Autorin mit zwei Bodyguards in die Schlacht. Die ausverkaufte Lesung hat kaum begonnen, da hüpfen kostümierte Menschen auf die Bühne. Aber die kommen nicht aus dem Publikum, sondern aus den Kulissen, also vom Theater selbst. Sie sind als Einhorn und Ähnliches kostümiert. Alice Schwarzer findet die Sache eher komisch und bleibt ruhig auf der Bühne sitzen. Die Kostümierten tanzen um sie herum und werden irgendwann rausmanövriert. Alice liest nach zwei weiteren Interventionen in aller Ruhe weiter. Nach der Lesung gibt es noch eine interessante Diskussion mit dem Publikum. Derweil tobt draußen die „rebellische Jugend“. Die unterstellt Schwarzer einen „transfeindlichen, rassistischen und ausgrenzenden Radikalfeminismus“. Außerdem diskriminiere sie „Sexarbeiter*Innen“. So weit, so durchsichtig. Auf den Flugblättern wird über die Unerwünschte behauptet: „Sie verbreitet ein strikt binäres, biologisch festgelegtes Geschlechterbild.“ – Da wird es nun komisch. Die Autorin vom „Kleinen Unterschied“ (1975) vertritt nämlich genau das Gegenteil und war immer strikte Anti-Biologistin. Hier geht es also nicht um Kritik an einer Person, sondern um Projektion auf ein Phantom. Alice Schwarzer setzt ihre Lesereise fort, hat immer ausverkaufte Säle und keine Probleme mehr. Die Bodyguards haben nichts zu tun. 

23. März 2026
Die „Einsamkeit“ der Menschen, vor allem die Einsamkeit der Frauen, ist auch für EMMA ein Thema. Umso hellhöriger wurden wir, als wir von der „Koordinierungsstelle Einsamkeit“ der Stadt Dortmund hörten. Sabrina Janz hat dort die Stelle aufgebaut, sie ist die einzige Einsamkeitsbeauftragte einer deutschen Kommune. Wir hätten mit ihr also gern über ihre Arbeit gesprochen, schließlich könnte sie wegweisend für viele Kommunen sein. Nach dem Ausblick „in der zweiten Jahreshälfte“ miteinander sprechen zu können, ließ sie uns wissen: „Inzwischen habe ich mich eingehender mit dem EMMA-Magazin und seiner inhaltlichen Ausrichtung beschäftigt und möchte aufgrund der Positionierung der Zeitschrift beim Thema Transgeschlechtlichkeit von einem Beitrag meinerseits absehen.“ – Naja, gut, dass die Frau jetzt mal EMMA gelesen hat. 

2. November 2025
Prof. Kristina Felicitas Wolff hat das Buch „Wie viele noch? – Deutschlands gebilligte Femizide“ herausgegeben. Wolff dokumentiert darin nicht nur minutiös all die Frauenmorde, sie analysiert auch auf den Punkt die strukturelle Gewalt und das Versagen beim Gewaltschutz. Kurzum: ein EMMA-Kern-Thema. Ihr Kohlhammer Verlag stellte flugs den Kontakt zur Autorin her. Doch die ließ uns zunächst warten und dann wissen: „Sehr geehrte Frau Ross, ganz herzlichen Dank für Ihre wertschätzende Anfrage, die ich sorgsam abgewogen habe. Jenseits Ihres persönlichen Arbeitseinsatzes ist EMMA Alice Schwarzer und Alice Schwarzer immer auch EMMA. Alice Schwarzer hat unbestritten extrem viel für Mädchen und Frauen bewirkt. Umso unbegreiflicher empfinde ich den von ihr eingeschlagenen Weg. Weder teile ich die Forderung nach Zugehen auf einen menschenverachtenden Diktator, der für extrem viele Mädchen und Frauen eine latente Lebensbedrohung ist. Noch reduziere ich Gewalt gegen Frauen in Deutschland auf die Gruppe derer, die eine andere Staatsangehörigkeit als die deutsche haben. (…) Für die gewaltbetroffenen Mädchen und Frauen ist es völlig gleichgültig, welchen Pass ihr Peiniger hat. Mit der von Alice Schwarzer multiplizierten Haltung möchte ich nicht kontextualisiert werden. Ihnen eine gute Zeit, mit freundlichem Gruß, Prof. Dr. Kristina Felicitas Wolff”. – Was meint die Frau? 

23. September 2025
Nachdem (mal wieder) erschreckende Zahlen über die Gewalt gegen Frauen veröffentlicht wurden, wollte EMMA eine Geschichte über häusliche und digitale Gewalt machen und dazu mit einer Spezialistin des Bundesverbands „Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt e. V.“ sprechen. Das BFF-Team reagierte prompt: „Leider haben wir derzeit keine Kapazitäten, um Ihnen einen fachlichen Austausch zu diesem Thema anzubieten.“ 

Die Institution Frauennotrufe, überhaupt erst initiiert von der Frauenbewegung und über Jahrzehnte von EMMA gestützt und gefeatured, hat keine Zeit für uns? EMMA hakte in aller Form nach: „Für den fachlichen Austausch wären noch drei Monate Zeit. Wäre das im Rahmen Ihrer Kapazitäten möglich?“ Reaktion des BFF: „Nach interner Abwägung haben wir entschieden, keine Gespräche mit Ihrem Medium zu führen. Unsere Organisation setzt sich für die Umsetzung des Selbstbestimmungsgesetzes ein und wählt die Kanäle, über die wir kommunizieren, bewusst aus. Wir bitten hierfür um Verständnis. Mit freundlichen Grüßen, Susanne Diehr (Pronomen: sie/ihr).“ Beigefügtes Motto: „Über Gewalt gegen Frauen muss gesprochen werden.“ – Ja, wohl wahr.

29. Juli 2025
Für ein Dossier zum Thema Schönheit fragten wir bei der FAZ-Kollegin Johanna Dürrholz (Gesellschaftsredakteurin) an, ob sie einen Text für uns schreiben wolle. Ihre Antwort: „Vielen Dank für die nette Anfrage. Leider muss ich Ihnen absagen. Ich kann mich mit den redaktionellen Leitlinien der EMMA nicht identifizieren und möchte nicht mit ihrem Magazin in Verbindung gebracht werden.“ – Welche redaktionelle Leitlinien?

25. Juli 2025
In Niederbayern gibt es kaum noch Möglichkeiten abzutreiben. Die Hausärztin Margit Kollmer will das nicht hinnehmen und bietet Frauen medikamentöse Abbrüche an. Mutig! Noch dazu ist das Recht auf Abtreibung ein Kernthema von EMMA. Redakteurin Chantal Louis nahm Kontakt zu Kollmer auf, hätte sie gern porträtiert. Die Ärztin freute sich, erklärte allerdings, dass es ein Problem geben könne: Sie arbeite mit den „Doctors for Choice“ zusammen und die sähen EMMAs Position zur „Transsexualität“ sehr kritisch, das könne Ärger geben. Chantal Louis erklärte Margit Kollmer, dass EMMA kein Problem mit Transsexualität habe, sondern mit der Transideologie. Beide kamen überein, dass die Redakteurin der Ärztin entsprechende EMMA-Artikel zur Information schicken würde. Doch noch bevor die Artikel eintrafen, kam die Absage der Ärztin. EMMAs Anfrage „ehrt mich, aber ich habe mich dagegen entschieden“. Zur Erklärung: Für „Doctors for Choice Germany e. V.“, das bundesweite Netzwerk von „Ärzt*innen, Medizinstudierenden und psychotherapeutisch Tätigen“ sind Reproduktive Rechte nicht nur ein „Frauenthema“. „Schwangerschaft, Verhütung, Geburt und Abtreibung betreffen“ für sie „alle Menschen mit Uterus – unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität“. – Menschen mit Uterus? EMMA bevorzugt in der Tat das Wort „Frauen“. 

1. Juli 2025
Die „LandGrazien“ sind eine mobile Beratungsstelle für Frauen und Kinder auf dem Land, die Opfer von häuslicher Gewalt sind. Im Kreis Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein fahren sie in einem als Handwerkerfahrzeug getarnten Beratungsbus übers Land und helfen unauffällig Frauen, die keine Beratungsstelle aufsuchen können. Ein tolles Projekt! Wir hätten die „LandGrazien“ gern in EMMA vorgestellt. Die aber ließen uns kurz und knapp wissen: „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Aufgrund sehr unterschiedlicher Werte möchten wir auf eine Berichterstattung über uns in EMMA verzichten.“ – Unterschiedliche Werte? In welchem Medium wären Kämpferinnen gegen häusliche Gewalt denn besser aufgehoben als in EMMA? Im Stern, befanden die Landgrazien. 

1. Oktober 2024
In „ILA“, dem Lateinamerika-Magazin aus Bonn, entdeckten wir ein kundiges Porträt über Claudia Sheinbaum. Die war am 1. Oktober 2024 als erste Frau die Präsidentin von Mexiko geworden. Wir hätten das Porträt gern nachgedruckt. Auf unsere Anfrage erhielten wir die folgende Antwort von ILA-Mitarbeiterin Mirjana Jandik: „Ich habe ihr (der Autorin des Textes) eure Homepage und Instagram geschickt, mit der Bitte, dass sie sich eure Zeitschrift anguckt (sie lebt in Mexiko und kannte die EMMA nicht). Sie bat mich außerdem um meine Einschätzung und ich habe ihr von eurer Geschichte und eurer Haltung zu den Themen trans-Identität und Islam erzählt. Daraufhin hat sie entschieden, dass sie nicht mit dem Nachdruck einverstanden ist.“ – Also unsere Haltung zu Transideologie und Islamismus sind nicht recht. Soll uns recht sein.

18. Mai 2023
Am Vortag hatte die neue Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, in Berlin ihre Antritts-Pressekonferenz gegeben. EMMA-Redakteurin Chantal Louis kennt und schätzt Claus seit langem. Die war Mitglied im „Betroffenenrat“, Chantal Louis hatte mit ihrer Unterstützung einen Artikel zum Opferschutzgesetz vorbereitet. Chantal will Claus nun für EMMA porträtieren. Sie ruft Pressesprecherin Friederike Beck an, die sie in Sachen Missbrauch ebenfalls seit Jahren kennt. Wir sind ja nicht viele. Die Pressesprecherin freut sich und will sich rasch melden. Zwei Tage später hakt die EMMA-Redakteurin nach. Nun kommt die Antwort: „Das Buch ‚Transsexualität – Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?‘ von Alice Schwarzer und Ihnen hat eine Debatte entfacht, die die Missbrauchsbeauftragte Claus mit Besorgnis verfolgt“, schreibt die Pressesprecherin. „Der Beauftragten ist wichtig, dass das Hinterfragen des bei der Geburt zugewiesenen (binär-verengten) Geschlechts möglich ist und dass es jeder Person zusteht, frei über ihren Körper zu entscheiden. Die jetzigen Diskurs-Beiträge von Alice Schwarzer und Ihnen können jedoch das Gegenteil befördern: Die gesellschaftliche Stigmatisierung von und daraus folgend mögliche (weitere) Gewalterfahrungen für trans Personen. Vor dem Hintergrund (…) möchte die Beauftragte für einen Beitrag in der EMMA aktuell nicht zur Verfügung stehen.“ – Und was ist nun mit den Missbrauchsopfern?

6. Februar 2023
EMMA lässt bei Luisa Neubauer und Carla Reemtsma anfragen, wann sie Zeit hätten für ein telefonisches Hintergrundgespräch mit Alice Schwarzer. Darauf lässt Sophia Marie Pott vom Presseteam „Fridays for future“ mitteilen: „Leider haben weder Frau Neubauer, noch Frau Reemtsma aktuell Kapazitäten für ein Gespräch.“ – Übrigens: In den darauffolgenden Jahren wurde Alice Schwarzer immer wieder vorgeworfen, sie „spräche nicht mit jungen Frauen“.

In Zeiten der Ampel-Regierung mit etlichen und stattlichen Rot-Grünen-Fördertöpfen war der Gegenwind besonders stark. Verlage wollten keine Bücher an EMMA schicken, Autorinnen nicht für uns schreiben. Politikerinnen und Feministinnen – deren Projekte in der Regel von der finanziellen Förderung von Rot-Grün abhängig sind – machten einen weiten Bogen um uns. Allen voran: Annalena Baerbock. Begründung ihrer Pressestelle: Der Terminkalender sei zu voll. 

Der Hauptvorwurf gegen uns über all die Jahre lautet: EMMA sei „rassistisch“. Das fing an, als EMMA 1978 über Genitalverstümmelung berichtete. Die sei schließlich ein „afrikanischer Brauch“ und der Westen dürfe sich nicht anmaßen, darüber zu urteilen. Und ein Höhepunkt war unsere Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht 2015, nach der nicht nur all die Frauen, die in dieser Nacht sexuelle Übergriffe erlebt haben, als Rassistinnen abgestempelt wurden, sondern auch EMMA zum „rassistischen Hetzblatt“ auserkoren wurde. Grund: unsere Kritik am fundamentalistischen Islam, dessen Flagge das Kopftuch ist. Neuerdings ist die Kritik an uns wegen des Kopftuchs deutlich weniger geworden. Vielleicht liegt es an all den mutigen Iranerinnen, die jeden Tag ihr Leben riskieren, wenn sie ohne Kopftuch aus dem Haus gehen. Dass Deutschland ein Problem mit den Islamisten hat, ist nicht mehr wegzudiskutieren. Im fast fünften Jahr des Ukraine-Krieges ist auch die Kritik wegen unseres Engagements für Frieden deutlich leiser geworden. 

Recht wacker hingegen hält sich das EMMA-Canceln in woken und linksliberalen Kreisen beim Thema Transgeschlechtlichkeit. Gleichzeitig kommen mehr und mehr Transmenschen wie Matthias (S. 58) auf uns zu. Auch sie finden die Transideologie rückschrittlich und warnen vor der leichtfertigen Verstümmelung von Seele und Körpern. Und Fälle wie der der „Bundespolizistin“ Maja S. in Bayern, die ein 15-jähriges Mädchen auf einer Toilette vergewaltigt hat und in Wahrheit ein biologischer Mann ist (was den Medien kaum die Rede wert war), zeigen eindrücklich die Folgen des ach so harmlosen Selbstbestimmungsgesetzes. Was wir beobachten: Nicht nur bei EMMA, überall greift die Cancel Culture um sich. Worüber wir uns freuen: Auch der Widerstand dagegen wächst. 

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