Necla Kelek: Das Glückskind
Dies sind die Memoiren eines Glückskindes.“ Mit diesen Worten beginnt Necla Kelek, 68, ihre Lebensgeschichte. Und die Deutschtürkin fährt fort: „Es ist der Bericht vom Traum, in der Moderne zu leben. Dieser Traum hatte nach der Gründung der Republik durch Atatürk die ganze Türkei ergriffen. Und er reichte bis nach Uzun Yayla, das weite Tal in Zentralanatolien.“ Ein Traum, den Erdoğan und seine islamistischen Brüder zerschlugen.
Necla kommt am Silvestertag 1957 in Istanbul zur Welt. Die Familie lebt in drei Zimmern, in denen einst die verjagten Armenier gewohnt hatten. Vieles ist anders als in einer deutschen Großstadt, so manches jedoch gleichzeitig ähnlich. So muss der neunjährige Bruder zwar schon beim Schneider arbeiten und seinen Lohn wöchentlich beim Vater abliefern, gleichzeitig aber schwärmt er für Elvis Presley. Und die kettenrauchende, für die Nachbarinnen schneidernde Mutter und ihre Töchter schwärmen für Hollywoodstars. Die werden von der kleinen Necla im Hinterhof grimassierend nachgeahmt für die noch ärmeren Kinder.
Der Vater ist der verzogene faule Sohn einer energischen Großbäuerin in Anatolien, der irgendwann als Gastarbeiter in die Ferne geht. Von da schickt er in unregelmäßigen Abständen 50-Mark-Scheine im Briefumschlag, statt der ersehnten 100-Mark-Scheine. Er wird uns als zwar wortkarg, aber normal geschildert. Und das, obwohl er schon in der Hochzeitsnacht die Braut geohrfeigt hat – wie die Mutter der Tochter anvertraut. Warum? Weil die gewagt hat, in einen Apfel zu beißen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen. Dieser Vater wird eines Tages in Bückeburg wortlos die Familie verlassen, weil Tochter Necla sich nicht mehr von ihm herumkommandieren lässt (und in Anatolien eine zweite, viel jüngere Frau heiraten).
Sah man ein türkisches Mädchen auf der Straße, liefen nun die Telefone heiß
Aber vorher gibt es dieses ganz normale Leben einer Familie im Bückeburg der 70er Jahre. Die lebt nicht in einer Parallelgesellschaft, sondern mitten unter Deutschen. Sie hatten deutsche Freunde und gingen auch mit einem deutschen Ehepaar tanzen. Bis – ja, bis Halime Hanin kam. „Die erste Frau in Bückeburg mit einem Kopftuch.“
Halime war bei Millî Görüş und man sah sie selten auf der Straße. Bald folgten noch mehr tiefkonservative türkische Familien: Ein anatolisches Netz zog sich über Bückeburg. Wurde ein türkisches Mädchen auf der Straße gesehen, liefen nun die Telefone heiß. Plötzlich galt: Ein türkisches Mädchen hat nichts in der Öffentlichkeit zu suchen!
Necla entkam knapp. Sie war in der Schule gefördert worden, lernte technische Zeichnerin (ein großer Schritt!), wurde von der Gewerkschaft entdeckt, in Schulungen gesteckt und landete letztendlich im Studium der Volkswirtschaft und Soziologie an der Universität Hamburg. Ein aufregender Weg, auch für die Mutter, die an der Seite ihrer emanzipierten Tochter blieb.
Nun stand Necla nur noch ein Schritt bevor, der vielleicht größte: Sie musste ihre Emanzipation als Türke auch auf sich als Türkin übertragen. Ihr fällt das Buch „Eine Tochter aus gutem Hause“ von Simone de Beauvoir in die Hand. Sie erkennt die Parallelen, trotz der Klassenunterschiede.
Wir schreiben das Jahr 1984. Necla fährt kurzentschlossen nach Paris, steht vor Beauvoirs Haus, geht im Luxembourg-Park spazieren und zum Friedhof Père Lachaise. Da kommt sie zufällig an dem frisch aufgeworfenen Grab des großen Filmemachers Yilmaz Güney vorbei, der aus dem türkischen Gefängnis hatte fliehen können.
Necla Keleks Studie "Die fremde Braut" gegen die Zwangsehe wurde ein Bestseller
Güney hat einen der eindrücklichsten Emanzipationsfilme der Filmgeschichte gedreht: die Geschichte von „Yol“. Die Kurdin kämpft nicht nur um die Freiheit ihres Volkes, sondern auch um ihre Freiheit als Frau. Ich habe den Film tatsächlich zusammen mit Simone de Beauvoir gesehen und bittere Tränen geweint. Auch Necla weint.
Menschen brauchen Vorbilder. Necla Kelek hat sie gefunden und ist längst auch selber ein Vorbild.
Anfang der Nuller Jahre war Necla eine der Handvoll Deutschtürkinnen, die es gewagt haben, gegen die patriarchale Tyrannei im traditionellen Islam und innerhalb der eigenen Community aufzubegehren. Ihre Studie „Die fremde Braut“ gegen die Zwangsehe wurde ein Bestseller. Ein Tabu war gebrochen. Prompt brachten sich die Gegner in Stellung, bezichtigten Kelek des „Verrats am eigenen Volk“ und der „islamophoben Panikmache“. Die größte türkische Tageszeitung, Hürriyet, die auch von zehntausenden Türken in Deutschland gelesen wird, berichtet ausführlich über die „Nestbeschmutzerin“, mit Fotos. Doch die ließ sich nicht einschüchtern. Necla ging weiter. Sie kritisierte den „Opfermythos“ der Migranten, und den epidemischen Moscheenbau in Deutschland, für sie „Männerhäuser“ und „Fixpunkte einer Parallelgesellschaft“, der „Ausgangspunkt einer Selbstausgrenzung“. EMMA berichtete.
Sie war als Türkin fast allein gegen die geballte Macht der Islamisten und deren scheinheiligen Sympathisanten mit ihrer falschen Toleranz. Das konnte nicht gutgehen. Necla wurde ins Abseits gedrängt. Ihre öffentliche Stimme verstummte.
Aber da ist sie wieder. Konsequent, mutig und lebensnah wie eh und je: Necla Kelek. Ein deutschtürkisches Vorbild.
Ausgabe bestellen

