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Die Silvesternacht 2015: Ein Davor und ein Danach

Claudia Vosen zehn Jahre nach dem Silvester-Horror. Foto: Bettina Flitner
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Es war nur eine halbe Stunde. 30 Minuten in dieser Silvesternacht 2015. Doch sie hat ihr ganzes Leben verändert.

In diesen 30 Minuten wurden Claudia Vosen und ihre Tochter durchgereicht durch die hechelnde Männerreihe. Taharush nennen es die Araber. Dabei wird die Frau von allen Seiten betatscht. „Sie haben versucht, in jede Öffnung unseres Körpers zu dringen. Zum Glück war Winter und wir hatten Hosen an.“ Claudias Tochter war hinter ihr. „Dann wurden wir wieder ausgespuckt.“ Sie taumelten auf den Bahnhofsvorplatz. Und irgendwann tauchte ihr Mann auf. Der war von der rasenden Meute von ihr getrennt worden, wie an diesem Abend alle Männer von allen Frauen. 

Zwei Tage später erstattete Claudia Anzeige. Sie war eine von 627. „Doch diese halbe Stunde war eigentlich noch nicht einmal das Schlimmste“, sagt sie heute. „Das Schlimmste waren die Reaktionen danach.“ 

"Auf der Arbeit haben sie mich fertiggemacht: Du hast was gegen Ausländer!"

„Als ich am 5. Januar auf die Arbeit kam und erzählte, was mir passiert war, haben alle gesagt: Du spinnst. Die haben mich regelrecht fertiggemacht. Was erzählst du da … das stimmt doch nicht. Sonst hätten wir ja was gehört oder gelesen. Du hast was gegen Ausländer.“ Claudia ist noch nach elf Jahren davon tief getroffen. „Es wurde alles unter den Teppich gekehrt. Das war das Schlimmste. Es wurde abgestritten, vertuscht.“

Der 15-jährigen Tochter ging es ähnlich. „Sei doch froh, dass du nicht vergewaltigt worden bist!“ schallte es ihr auf dem Schulhof entgegen. Sie wechselt bis heute die Straßenseite, wenn ihr eine Jungmänner-Gruppe entgegenkommt. Und ja, sie hält sich von Männern mit arabischem Aussehen fern. „Die jungen Frauen wehren sich auch nicht mehr so wie wir früher“, sagt die Mutter. „Die wagen es nicht mehr, einer Jungsgruppe, die sie anmacht, ins Gesicht zu lachen. Sie antworten vorsichtig. Sie haben Angst.“

„Silvester hat mir die Augen geöffnet“, sagt Claudia. „Es gibt für mich ein Davor und ein Danach.“ Wie sie das meint? „Als Frau kannst du dich heute nicht mehr so frei bewegen wie früher. Du überlegst es dir zweimal, bevor du im Dunkeln noch vor die Tür gehst. Und was du anziehst. Man macht einfach gewisse Dinge nicht mehr. Man vermeidet das.“

Dabei hat Claudia sich nie einschüchtern lassen. Sie hat nach Silvester nicht geschwiegen, sondern geredet. Mit Journalisten. Mit einem Therapeuten. Mit ihrem Lebensgefährten. Doch der wollte nichts hören. „Er hat meinen Schmerz nicht verstanden.“ Er bekommt schließlich ein Magengeschwür, sie eine Gallenkolik. Die beiden trennen sich nach acht Jahren.

Ihr Lebensgefährt bekommt ein Magengeschwür, sie eine Gallenkolik

„Vor elf Jahren hat alles angefangen. Keiner der Täter ist jemals verurteilt worden“, klagt sie rückblickend. „Und auch in der Bevölkerung hat sich nichts geregt. Niemand ist auf die Straße gegangen und hat protestiert.“

Doch, es sind Tausende auf die Straße gegangen und haben protestiert. Aber nicht aus Solidarität mit den Opfern, sondern aus Solidarität mit den Migranten, die in Verdacht geraten könnten, Täter zu sein. Motto des von intersektionellen Feministinnen initiierten Protestmarsches: „#ausnahmslos. Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus“.

Und es gab in Köln immerhin eine Woche nach Silvester eine Demo am Dom von ein paar hundert Frauen – und einem Mann, einem arabisch aussenden Ausländer. Der trug ein Schild: „Nicht in meinem Namen.“

Wir reden in den Tagen nach dem Attentat auf dem CSD in Berlin. „Da wird jetzt schon wieder gegen rechts demonstriert“, sagt Claudia. „Anstatt einfach mal zu sagen, wer die Täter sind. Egal ob rechts oder links. Wir durften damals auch nicht sagen: Das waren Araber. Es hieß nur noch: Menschen mit ausländischem Aussehen.“

Claudia Vosens Kampf, gehört zu werden, war einsam. Elf Jahre später sagt sie: „Das hat mein ganzes Leben aus der Bahn geworfen.“ 

 

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