Schule- Gewalt

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Die Gewalt an der Schule eskaliert. Die Täter sind Jungen, die Opfer Mädchen und Lehrerinnen. Doch auch so mancher Junge leidet unter den Machogangs. Wenn sich etwas ändern soll, müssen nicht nur die Opfer besser geschützt, sondern auch die Täter verändert werden. Ein neues Jungenbild muss her! Im Dossier: Das Neueste von der EMMA-Lehrerinnen-Aktion "Wehrt euch!" (EMMA 1/2000). Erstaunliches aus den Schulen. Anti-Macho-Kurse in NRW. Erkenntnisse zur Jungenarbeit aus Wien. Die Offensive lesbischer Lehrerinnen. Eine bittere Bilanz der fehlenden Ganztagsschulen – und eine heitere Initiative, wie es trotzdem geht.

Hey Leute, wisst ihr es schon / was es hier an unserer Schule gibt? / Wir haben einen runden Tisch / und der ist voll beliebt, yeahh! / Komm zum Gespräch am runden Tisch! / Cool ist das, ich schwör! / Vielleicht fühlst du dich dann wieder frisch / Und hast keine Sorgen mehr, yeahh!

Mit diesen Worten rappt eine Kinderbande regelmäßig durch die Flure und Klassen der Bremer Grundschule Lüssumer Ring.

Seit zweieinhalb Jahren organisiert Lehrerin Dagmar Elspaß (41) mit einer Kollegin den Runden Tisch als „Weg aus der Gewalt“. Die Idee entstand spontan nach einem schulinternen Fachtag zum Thema „Gewalt in der Schule“. Anfangs haben die zwei Frauen „ohne Bezahlung“ aber aus Überzeugung losgelegt, inzwischen fördert die Schulbehörde mit drei offiziellen Stunden dieses frühe „Schlichtungsangebot“ für die alltäglichen Gewaltprobleme.
Mädchen und Jungen kommen gleichermaßen an den Runden Tisch, meistens einzeln. Schülerinnen erscheinen oft als Freundinnen-Gruppe, in der es Zoff gibt. Überwiegend suchen die Kinder aus den dritten und vierten Klassen Hilfe. Sie können ihr Problem mündlich vortragen oder wie Drittklässlerin Nadja einen kleinen Brief schreiben: „Lieber Runder Tisch. Suat klaut meine Sachen. Ich möchte, dass es aufhört und er meinen Nachnamen nicht beleidigt.“ Die Lehrerinnen bitten die beteiligten Kinder zu einem gemeinsamen Gespräch.
„Die Teilnahme ist immer freiwillig“, erzählt Dagmar Elspaß, „aber fast alle, die wir einladen, kommen auch“. Und die erzählen den anderen von ihren Erfahrungen so wie Lisa aus Klasse Vier: „Es wird dort nicht geschrien, und es gibt auch keine Strafen. Und manchmal gibt es auch einen Vertrag bei schwierigen Problemen.“ „Täter“ Ali: „Der Runde Tisch ist gut. Ich war schon dreimal da.“
Sechs Schüler, die als Täter oder Opfer „immer wieder in gewalttätige Konflikte verwickelt sind“ treffen sich einmal pro Woche mit Elspaß und einer Sozialpädagogin. Auf dem Programm dieser Treffs – inzwischen auch mit zwei Stunden offiziell abgesichert – stehen zum Beispiel Rollenspiele, Phantasiereisen oder Kochen.
Die Lehrerin hat keine Illusionen: „Es ist ein kleines Angebot, kein Allheilmittel aber ein Anfang!“ Das Kollegium jedenfalls wurde durch ihre Arbeit sensibilisiert. Es erarbeitet jetzt ein umfassendes Konzept zur Gewaltprävention. Damit ein anderes Mann(s)bild entstehen kann.
Alles was „eine Schulkultur gegenseitiger Achtung fördert“ – dazu gehören auch die in Mode gekommenen Meditationsprogramme – „ist besser als nichts“, sagt Ingrid Rusterholtz , seit 1992 Gleichstellungsbeauftragte des Schweizer Kantons Basel-Stadt. Doch: „Die Einzelarbeit von Lehrerinnen, so begrüßenswert sie ist, gleicht oft einem Kampf gegen Windmühlen. Sie kommt nicht an den Kern, solange die Geschlechterfrage vernachlässigt wird.“
Vielleicht sind genau deshalb manche Lehrerinnen verstummt oder klagen nur noch über die Verhältnisse – wenn sie nicht gar daran scheitern. Eine Realschullehrerin aus Zürich: „Eine Frau, die sich so ganz anders benimmt als ihre Mütter; die ihnen sagt, dass hier nicht auf den Fußboden gespuckt wird; eine Frau zu akzeptieren, die befiehlt anstatt zu bedienen, fällt ihnen ganz offensichtlich schwer. Und ich bin allein gelassen, denn meine männlichen Kollegen haben diese Probleme nicht... Der Konsum von Pornofilmen und Kriegsfilmen gehört zum Alltag.“
Gemeinschaftskunde Unterricht in einer 11. Klasse eines beruflichen Gymnasiums: „Die Klasse besteht aus 19 Jungen und 3 Mädchen. Zwei Mädchen tragen immer wieder unterbrochen von abwertenden Kommentaren ihrer männlichen Mitschüler ein Referat vor. Als sie fertig sind, lautes Gegröhle und Geklatsche und plötzlich beginnt es zu skandieren: ‘Aus-zieh’n. Aus-zieh’n!“ – Noch einen zweiten typischen Vorfall beschreibt die Frankfurter Lehrerin Barbara Krämer-van den Loo (48), Mitglied im „Arbeitskreis Frauen und Schule“:
Ein Junge, der den Unterricht ständig „durch aggressive Verhaltensweisen und lautes Reden“ stört, ignoriert die Zurechtweisung der Lehrerin. Als er sich weiter rücksichtslos verhält, „fordert die Lehrerin ihn auf, in den anderen Klassenraum zu gehen, wie von der Klassenkonferenz beschlossen. Der Schüler reagiert nicht. Die Klasse hält den Atem an. Wenn die Lehrerin jetzt nichts erreicht, ist ihre Autorität in der Klasse ruiniert. Sie geht in den anderen Klassenraum zu ihrem (männlichen) Kollegen. Der geht rüber, fordert den Schüler ein einziges Mal auf zu gehen (‘Aber hoppla!’). Der Schüler verlässt anstandslos den Raum. Als die Lehrerin den Vorfall der Klassenlehrerin berichtet, sagt diese: Ich hätte als Frau keinen männlichen Kollegen zu Hilfe geholt. – Double-bind-Situation: Selbst nichts erreichen, aber auch keinen Kollegen um Hilfe bitten dürfen!“
Seit sieben Jahren schon ist Lehrerin X (sie will ihren Namen nicht genannt haben) in Rente, doch die heute 63-jährige Grundschullehrerin erinnert sich noch genau an „die regelmäßigen verbalen und handgreiflichen Übergriffe gegenüber Lehrerinnen und Schülerinnen“, die den Schulalltag „so unerträglich“ machen: „Es ist auch die Männerkumpanei der Lehrer mit ihren Schülern, das Ignorieren, Herunterspielen der Beleidigungen. Und es gibt immer wieder Lehrer, die Schülerinnen beleidigen (‘Du hattest wohl deine Tage, als du diese Arbeit geschrieben hast!’) und vor der Klasse lächerlich machen. Wieviel Kraft geht den Mädchen verloren. Und dann der ‘Harem’ vieler Grundschulleiter mit einer Konrektorin, die die Arbeit macht, und mit ausschließlich weiblichen Lehrkräften. Solche 'Vorbilder' vermitteln Kindern früh, welches Geschlecht ‘das Sagen hat’ und welches sich anzupassen hat...“
Diesen weit verbreiteten Lehrplan ohne Worte brachte ein Münchner Realschüler in einer Befragung des Deutschen Jugendinstituts auf den Punkt: „Sie können sagen, was Sie wollen, Sie bleiben einfach ein Weib.“
Wenn Geschlechterhierarchie und Schulhierarchie aufeinander treffen, knallt es. Am häufigsten mit Worten, manchmal auch mit Fäusten. Eine Lehrerin aus Berlin berichtete aus einer Gesamtschule folgende „Chronologie einer Gewalttat“: Anfang Januar 2000 tadelt die Deutschlehrerin X ihren Schüler Y wegen nicht gemachter Hausaufgaben. Der Schüler schlägt Frau X mehrfach mit der Faust ins Gesicht, Frau X fällt zu Boden, der Schüler tritt auf sie ein. Frau X ruft um Hilfe. Ein Mitschüler überwältigt den gewalttätigen Schüler, eine Mitschülerin holt die Schulleiterin hinzu. Der gewalttätige Schüler wird sofort bis auf weiteres vom Schulbesuch suspendiert, die Schulleitung erstattet Anzeige bei der Polizei. Frau X wird für den Rest des Tages beurlaubt. Ihre Anzeige wird von einer Polizistin aufgenommen, die verwundert darüber ist, dass „so etwas nicht pädagogisch gelöst wird“. Inzwischen wurde der Schüler verurteilt. Die übergeordnete Dienstbehörde schickte einen Beobachter zum Prozeß.
Allein jedenfalls machen sie dich ein! Besonders als Lehrerin! Vor dieser Gefahr warnt die Hamburgerin Gesine Brode (69), die 30 Jahre lang an einem Gymnasium Deutsch und Religion unterrichtet hat: „Alles, was die Kolleginnen in der EMMA berichten ist soooo richtig – alle wissen, wovon ihr redet. Aber“, gibt sie zu bedenken, „die Schule ist und war immer ein Ort struktureller Gewalt. Jahr für Jahr werden SchülerInnen von LehrerInnen beurteilt, wird über Versetzung/Nichtversetzung – Bestanden/ Nichtbestanden und damit über Lebenschancen entschieden. Dass Kollegen Kolleginnen belästigen, Jungen Mädchen terrorisieren, ist die alte Geschichte. Doch erst mit den wachsenden Spannungen in den sozialen Brennpunkten durch zunehmende Arbeitslosigkeit, Armut und Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen wurde die Schule zum Austragungsort dieser Konflikte. Was also tun? Der erste und wichtigste Schritt müßte das Bekenntnis sein ‘An unserer Schule gibt es Gewalt – und wir tun etwas dagegen.’“
Doch wer was tut, kann Ärger kriegen: „Als ungeschriebenes Gesetz gilt immer noch, dass diejenige die beste Lehrkraft ist, die am wenigstens Probleme hat“, dieses Fazit zieht Inge M. Lutz aus Neidlingen, die seit mehr als 25 Jahren als Lehrerin an Grund- und Hauptschulen arbeitet. In zwei Fällen, in denen sie von Hauptschülern bedroht, ihre Reifen durchschnitten und ihr Pult aufgebrochen wurde, erhielt sie von der Schulleitung keine Unterstützung. Sie zeigte die Täter bei der Polizei an. „Daraufhin wurde ich ermahnt, nicht so empfindlich zu sein und von einigen KollegInnen als ‘Nestbeschmutzer’ beschimpft.“
Lieber wegschauen nicht nur in der Schule, sondern auch in der Gesellschaft? Lehrerin Lutz: „Solange, wie im Fall Kamen, ein bedrohte Lehrerin die Schule verlassen muss – und nicht der gewalttätige Schüler..., solange werden sich die Zustände nicht ändern.“
Kaum noch Schlagzeilen jedenfalls machte das Urteil zu dem spektakulären Lehrerinnen-Mord vom 9. November 1999 in Meißen: Ende Mai diese Jahres wurde der 15-jährige Gymnasiast Andreas S., der seine Lehrerin Sigrun Leuteritz, 44, mit 22 Messerstichen vor den Augen der Klasse ermordet hatte, in Dresden zu siebeneinhalb Jahren Jugendhaft verurteilt. Gegen seine Mitschüler, mit denen der Verurteilte um 1.000 Mark gewettet hatte, ermittelt der Staatsanwalt nicht weiter.
Also Meißen vergessen als grausige Einzeltat, die mit dem normalen Schulalltag nichts zu tun hat? Nein! Hier handelte kein Amokläufer, sondern plante ein junger Mann. Gewalt ist zu 90 Prozent Jungen- bzw. Männergewalt und das gilt nicht trotz, sondern gerade auch wegen Meißen – einem Ereignis, das die Wahrnehmung vieler Lehrerinnen geschärft hat.
„Körperliche Gewalt ist bei uns sehr selten, auch wenn wir uns bewusst sind, dass wir nur die Spitze des Eisbergs wahrnehmen“, schreibt Realschullehrerin
Angelika Z. aus Süddeutschland zusammen mit drei Kolleginnen an EMMA: „Aber Gewalt in Form von verbalen Bedrohungen und Erpressungen kommt vor. Wir meinen, dass die Häufigkeit zunimmt, können aber nicht sicher sagen, ob das nur unser Eindruck aufgrund erhöhter Sensibilisierung oder Tatsache ist.“
Meißen war auch das Ereignis, das die öffentliche und fachliche Diskussion in Gang brachte. Aber es reicht noch nicht. So schrieb die Heidelbergerin Petra
Salesch, Mitglied der Landesfachgruppe Frauen der GEW, in einem offenen Brief an die Kultusministerin von Baden-Württemberg Anette Schavan: „In diesem Zusammenhang ist es völlig unverständlich, dass Sie in Ihren Ausführungen weiterhin so allgemein von ‘Kindern und Jugendlichen’ und ‘jugendlichem Fehl- verhalten’ sprechen. Das ist genau das Wegschauen, vor dem Sie am Ende Ihres Artikels warnen.“
„Auf die kürzeste Formel gebracht ist die Gewaltfrage tatsächlich eine Frage der Geschlechterhierarchie!“, sagt die Baseler Gleichstellungsbeauftragte Ingrid Rusterholtz. Sie plädiert entschieden dafür, „in den Köpfen“ endlich die notwendige Verbindung von Gewalt/Gewaltprävention und Gleichstellung/Chancengleichheit herzustellen.
Dass ihr das im Kanton Basel-Stadt, wo außerdem eine Frau und ein Mann offizielle Beauftragte für Gewaltprävention sind, gelungen ist, zeigt die im März 2000 erschienene Broschüre „cool-hip-zoff! – Ein Beitrag zur Gewaltprävention in der Schule“, die an alle Schulen verteilt wurde. Rusterholz: „Die Genderfrage braucht von unten solidarische und sensibilisierte KollegInnen und gleichzeitig Richtlinien von oben, zum Beispiel klare Gleichstellungstandards!“
Gewalt ist immer eine Beziehungstat, und das erfordert eine Entscheidung zur Gewalt. Rusterholz: „Die explosivsten Mischungen resultieren aus den unüberbrückbarsten Kluften zwischen Sein, Schein und Ambition innerhalb einer männlichen Sozialisationsgeschichte“ und nicht aus dem sozialen Kontext, der Nationalität oder den eigenen Gewalterfahrungen. „Die Entscheidung für Gewalt ist für viele Jungen/Männer immer noch attraktiver als Gewaltverzicht.“
Amerikanische ForscherInnen, die 452 Jungen vom 4. bis 6. Schuljahr beobachteten, fanden heraus, dass zwar die „verständigsten, kooperativsten und lernbegierigsten Jungen“ am beliebtesten sind. Doch ein Drittel ausgerechnet der tonangebenden Jungen verhielt sich auch „extrem unsozial: Sie störten im Unterricht, fingen schnell Streit an und waren oft in Schlägereien verwickelt.“ Warum dieses prestigeträchtige Verhalten ändern?
„Zwischen Macho und Mama – Jungs, das schwache Geschlecht“ titelte der Stern im Juni und wälzte das Problem auf die unsensiblen Lehrerinnen, „denen Jungen völlig fremd sind“, und die bevorzugten Mädchen ab, „die nur grinsen und schon kriegen sie, was sie wollen“. Instinktiv spüren die kleinen und großen coolen Jungs eben genau – und dazu gehören auch Stern-Redakteure und ihre Söhne – dass ihnen die Anti-Gewalt Programme an die Substanz gehen. Das „Konzept“ Mann demontieren! Aber genau darum geht es.
Einen anderen Druck, der zunehmend auf den Jungen als „zukünftigen Ernährer“, aber auch auf Mädchen lastet, diagnostiziert Emma-Abonnentin Dr. B., die an einem Gymnasium in der ländlichen Gegend Deutsch und Französisch unterrichtet: „Für sehr viele Kinder wird von den Eltern die Schulform falsch gewählt, und dann müssen wir sehen, wie wir mit der großen Zahl netter, aber nicht ausreichend begabter Schüler zurecht kommen. Die werden dann schwierig oder auch aggressiv, und das ist auch verständlich.“
Es fehlen vielen Schulen einfach auch „die kompetenten Partner von außen, etwa aus der Jugend- und Sozialarbeit“, bekennt Dr. Eva-Maria Stange, GEW-Vorsitzende, „um in großen und kleineren Gewalt-Fällen richtig und schnell zu handeln.“ Hier neue Bündnisse zu schließen, „Netze gegen Gewalt“ zu knüpfen, war deshalb das Hauptanliegen eines Hamburger Kongresses zum Thema „Gewalt und Schule“ im Sommer. Die GEW lud dazu auch die Polizei, SchülerInnen-Vertretungen und Elternräte sowie Kinderschutzzentren. „Eine gute Schule geht ihr Gewalt-Problem professionell an und leugnet es nicht aus Angst vor Imageverlust“, heißt es in der Presseerklärung. Doch sei die Geschlechterfrage nicht das Wichtigste.
Anita Heiliger vom Deutschen Jugendinstitut in München sieht das anders: Nur die geschlechtsspezifische Herangehensweise könne „Jungen Grenzen setzen“! Und genau das fordern die Jungen und Mäd-chen auch selbst. Das belegt Heiliger eindrucksvoll in ihrer gerade veröffentlichten Studie 'Männergewalt gegen Frauen beenden'. 
Drei Jahre lang hat die Sozialwissenschaftlerin die Münchner Aktion „Aktiv gegen Männer-Gewalt“ begleitet, an der 265 Gruppen und Institute in der baye-rischen Hauptstadt teilnahmen. Das Thema: Gewalt wurde von Lehrerinnen wie Lehrern nicht länger gemieden und verschwiegen, sondern auf den eigenen und Schüler-Stundenplan gesetzt. In einer Realschule entwickelten Jungen und Mädchen zuerst in getrennten Gruppen ihre Vorstellungen von einem gewaltfreien Umgang. In einer Aulaversammlung stellten sie ihre Wünsche auf Wandzeitungen zur Diskussion. Sie hatten geschrieben:
Jungen und Mädchen fordern von sich gegenseitig: Jungen sollten Mädchen gleichberechtiger und fairer behandeln, mehr einbeziehen und dringend ihre Wortwahl ändern: keine anzüglichen Bemerkungen, Mädchen nicht mehr beleidigen. Bei gewalttätigen Übergriffen sollen die Jungen eingreifen, wenn ein Mädchen bedroht wird, Jungen ausgrenzen, die Männergewalt ausüben.
Die Mädchen wünschen sich: von Jungen ernst genommen werden, respektiert werden, keine Beurteilung ihrer Person nach der Kleidung. Jungen sollen sich in ihrer Wortwahl zurückhalten.
Zwei Drittel der Mädchen wurden in Münchner Schulen schon Hure, Nutte, Schlampe oder ähnliches genannt. Ein Mädchen, das in Schweden „Hure“ genannt wird, antwortet einfach: „Nein, ich bin eine Hexe“ und verwandelt den Jungen in einen Frosch – zumindest wird auf Comic-Postern dazu ermuntert. Es gehört zum „Projekt gegen sexuelle Belästigung in der Schule“, das die Sonderpädadgogin Magdalena Sievers (39) gegen sexuelle Gewalt organisierte.
Es wurde 1998 von der schwedischen Gleichstellungsbeauftragten ins Leben gerufen, nachdem zwei Vorfälle landesweit für öffentlichen Wirbel gesorgt hatten. Fall 1: Eine Schülerin war von einer Gruppe Mitschüler vergewaltigt worden. Fall 2: Bei dem gefeierten Wechsel aufs Gymnasium (in Schweden in der 10. Klasse) entgleisten in einer Schule die üblichen Späße: Jungen klemmten sich Schlangengurken zwischen die Beine und die knieenden Mädchen mussten den Gemüsephallus anknabbern.
Im ersten Jahr bot die aus Deutschland stammende Fachfrau Sievers zusammen mit drei Kolleginnen Jungen- wie Mädchengruppen zum Thema „Sexuelle Belästigung in der Schule“ an, heute konzentriert sie sich auf Fortbildungen für Schulangehörige. Im Jahr 1999 hörten ihr 300 Personen vom Hausmeister bis zum Rektor zu, und die Lehrergewerkschaft hat diese Kurse jetzt in ihr Fortbildungsangebot aufgenommen. Die schwedischen Erfahrungen nach zwei Jahren, die JämO (Gleichstellungsbehörde) gerade als Handbuch veröffentlichte, decken sich mit den Erkenntnissen aus Basel und München.
Für die Zukunft des Diskurses um Jungengewalt in deutschen Schulen, der sich sehr stark auf die Sekundarstufen I und II konzentriert, liefert die Münchner Studie eine wichtige Erkenntnis, nämlich: „dass kleinere Jungen bis zwölf, 13 Jahre oftmals durchaus noch ansprechbar sind für Kritik an negativen Männlichkeitsbildern, und dass sie für eine Männlichkeit, die frei von Gewalt und Machtanspruch ist, durchaus noch zu gewinnen sind. Diese Offenheit verschließt sich in der Pubertät.“
Möglichst früh Einfluß nehmen, das versucht in Hamburg Jana Zengel (50). Sie leitet seit sechs Jahren eine Grundschule in einem „sozialen Brennpunkt“. Seit dem Jahr 1998 unterschreibt in der Jenfelder Straße jeder Schüler und jede Schülerin einen „Schulvertrag“: „Das Wort Vertrag kommt von Vertragen.“ Allen werden die Regeln erklärt – nicht nur beim Schuleintritt, sondern in regelmäßigen Abständen – und die Mädchen und Jungen tragen schwarz auf weiß nach Hause, wie Verstöße bestraft werden: Vom Gespräch und Wiedergutmachung über „Pausenspielverbot“ und Nacharbeiten bis zum „Schulverbot als letzte Möglichkeit“.
Nach zwei Jahren ist die Mathematik- und Kunstlehrerin Zengel nicht euphorisch, aber doch „zufrieden: Das Wir-Gefühl wurde gestärkt!“ Die 250 Mädchen und Jungen nehmen den Vertrag als „eine gemeinsame Sache“ an, doch: „Für die Mädchen ist der Vertrag noch wichtiger“, hat die Rektorin beobachtet. „Sie fühlen sich beschützt, weil sie wissen, dass alle sich daran halten sollen.“
In diesem Sinne fordert auch Jugendforscherin Heiliger eindeutige „äußere Zeichen“ zu setzen. „Die notwendigen Veränderungen müssen dann nicht jedesmal individuell durch Lehrerinnen erkämpft werden, sondern das Schulprofil kann eine eigenständige Wirkung erzielen, in dem zur Selbstverständlichkeit erklärt wird: Jungen und Mädchen sind gleich, und jede Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit wird an dieser Schule abgelehnt.“ – Schulkonferenzen und Schulbehörden, übernehmen Sie!

In EMMA u.a. zum Thema:

Amoklauf Winnenden (3/2009)

Der Stoff, aus dem die Täter sind, Prof. Pfeiffer (4/2002)

Werden aus Erfurt wirklich Lehren gezogen? (4/2002)

Einsame Cowboys (5/2000)

Was ist ein richtiger Junge? (5/2000)

Gewaltzone Schule (2/2000)

Jagd auf Lehrerinnen (1/2000)

Wie Jungen zu Killern gemacht werden, Dave Grossman (1/2000)

Gewalt hat ein Geschlecht, Prof. Pfeiffer (1/2000)

Massaker in Montreal: Kein Zufall (2/1990)

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