Ellie Leonard: Die Epstein-Detektivin
"Ich mag Puzzles, Rätsel, knifflige Fälle, Gehirntraining", sagt Ellie Leonard auf die Frage, warum sie sich durch die Jeffrey-Epstein-Akten wühlt. Es sind über drei Millionen Seiten von oft dilettantisch anonymisierten Dokumenten, Zehntausende von Bildern und 2.000 Videos, die das US-Justizministerium am 30. Januar online veröffentlicht hat. Gesetzlich verpflichtet dazu wurde es durch den „Epstein-Files-Transparency-Act“. Jeder kann dort wühlen.
Hunderte Journalistinnen von Nachrichtenagenturen sind seitdem am Werk. Doch selbst die New York Times musste angesichts der Datenflut bekannt geben, nur einen kleinen Teil der Dokumente prüfen zu können. „Es darf doch nicht sein, dass dieses gewaltige Netzwerk nur wegen der schieren Datenfülle nicht bis aufs letzte Detail ausgeleuchtet wird“, sagt Ellie Leonard.
Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern aus New Jersey gehört zu den Hunderten von Hobby-Detektivinnen, die sich durch die Datenbank scrollen. Sie begreifen sich als „Fünfte Gewalt“, weil die „vierte Gewalt“, die Medien, in ihren Augen versagt. Ellie Leonard ist zu einer Art Anführerin geworden. Auf der Plattform Substack veröffentlicht sie unter dem Namen „redpencil“ ihre Funde.
Beruflich führt sie ein kleines Unternehmen zum Transkribieren von Interviewmitschnitten, sie ist IT-Fachfrau. Auf der Suche nach neuen Themen stieß die studierte Geschichtswissenschaftlerin 2025 auf erste Teile der Epstein-Akten. Jeden Abend, nachdem sie ihre Kinder ins Bett gebracht hatte, scrollte sie sich durch die Datenströme.
Es kommt der Hobby-Detektivin vor wie der größte Kriminalfall der Geschichte. Sie analysiert Gerichtsakten und PDFs, versucht Muster zu erkennen und Querverbindungen nachzuziehen. Zwischen Epstein, Finanzinstituten, Universitäten oder politischen Eliten. Doch es sind die vertraulichen E-Mails, an denen sie sich festbeißt. „Da schreiben sich mächtige Männer. In den Mails ist eine Dynamik ablesbar, zwischen jenen, die die Oberhand hatten, und denen, die nach etwas suchten – sei es Macht, Beziehungen, Geld, Frauen.“ Die in großen Teilen geschwärzten Mails sind das Puzzle, das Elie zusammensetzt. Sie beginnt, Nachrichtenstränge zusammenzuführen, um zu verstehen, worüber die Beteiligten korrespondiert haben. Ist ein Teil einer Mail geschwärzt, sucht sie in anderen Datenbanken nach weiteren Mails mit dem gleichen Gesprächsstrang und demselben Akteur. In diesen Mails sind dann wieder andere Sätze geschwärzt. Ihr fotografisches Gedächtnis hilft ihr dabei, Namen, auffällige Wortwahl und Schriftsetzung rasch wiederzuerkennen. Am Ende kann sie eine gesamte Mail ohne Schwärzungen zusammensetzen.
Prinz Andrew sind die von Ellie Leonard gefundenen Mails bereits zum Verhängnis geworden. Und die von seiner Frau Fergie an Epstein. Weitere von ihr dechiffrierte Mails führten zu Rücktritten, etwa vom Chefsyndikus von Goldman Sachs, vom Vorstandsvorsitzenden von Hyatt Hotel, von Regierungsbeamten der Slowakei und Norwegen. Virginia Giuffre, eine der Opfer von Epstein, konnte Leonard posthum zu Gerechtigkeit verhelfen. Giuffre hatte im April 2025 Selbstmord begangen. Sie hatte Alan Dershowitz, einen Anwalt von Epstein, und Donald Trump, des sexuellen Missbrauchs beschuldigt, den Vorwurf jedoch später zurückgezogen, wahrscheinlich aus Angst vor einer Klage.
Ellie Leonard filterte die Mail heraus, die beweist, dass Giuffre von Dershowitz tatsächlich unter Druck gesetzt worden war. Trump allerdings hat Ellie noch nicht am Schlaffittchen gepackt, noch nicht?
Mehr als eine halbe Million Menschen folgen Ellie Leonard mittlerweile bei ihren Hobby-Ermittlungen, Medien und Polizei greifen ihre Ergebnisse auf. Sie sind zwar von Gericht nicht direkt gültig, weil Leonard keine offizielle Ermittlerin ist. Aber ihre Funde zeigen den Behörden, wo sie suchen müssen. und sie erzwingen Stellungnahmen und inspirieren Zivilklagen. Ellie Leonard puzzelt weiter.
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