Lubiana: Bricht mit Traditionen
Ganz allein sitzt die Frau mit dem schwarzen Afro und dem blau-weißen Batikkleid auf der Bühne und lässt ihre Finger mit atem beraubender Geschwindigkeit über die Saiten glei ten. Die Kölner Martin-Luther-Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Und als Lubiana ihr Stück „Farafina Mousso“ anstimmt, singt das Publikum mit. „What if God was a Woman?“ Die „Women’s Anthem“, ihre Frauenhymne, ist in ihrer stetig wachsenden Fangemeinde zum Hit avanciert.
Lubiana Kepaou war eigentlich auf dem Weg, eine ganz normale und womöglich auch banale Pop-Musikerin zu werden. Mit acht Jahren lernt die Tochter einer belgischen Mutter und eines Vaters aus Kamerun Klavier, Gitarre und Saxofon spielen. Musik ist dem Mädchen quasi in die Wiege gelegt: Die Mutter ist Opernsängerin, sie för dert und fordert die Tochter. Am Kon servatorium im brabantischen Leu ven studiert Lubiana Gesang mit Schwerpunkt Jazz. Mit 19 steht die junge Frau im kurzen schwarzen Kleid auf der TV-Bühne von „The Voice Belgique“ und singt eine Cover version von Portishead.
Ihre ersten Musikvideos zeigen eine meist spär lich bekleidete Frau mit blondierten Haaren, die gefälligen Synthie-Pop singt. Doch dann ändert sich alles. Mit 21 hat Lubiana Kepaou einen merkwürdigen Traum. Sie sieht sich darin ein Instrument spielen, das sie noch nie gesehen hat: eine „komische Harfe“. Einen Monat später begreift sie, dass es dieses Instru ment, von dem sie glaubt, dass es ihrer Phan tasie entsprungen ist, tatsächlich gibt: Auf Mallorca sieht sie einen Straßenmusiker, der es spielt. Es klingt tatsächlich wie eine Harfe, ist aber viel klei ner. Es hat nur 21 Saiten an einem Steg und einen ausgehöhlten, mit Kuhfell bespannten Flaschen kürbis als Klangkörper. Sie spricht den Mann an. „Da habe ich gelernt, wie das Instrument heißt: Kora“. Lubiana lernt noch mehr: Dass die Kora schon sehr, sehr alt ist, erfunden im 14. Jahrhundert in: Westafrika. Die Halb-Kamerunerin ist fasziniert. „Ich wusste, dass ich gerade die Liebe meines Lebens gefunden hatte.“
Aber es gibt ein Problem. Das Instrument darf traditionell nur von Männern gespielt werden, den „Griots“. Diese hoch angesehe nen und tief in der westafrikanischen Tradition ver wurzelten Geschichtenerzähler sind eine Art wan delndes Volks-Gedächtnis. Griots vererben die Kora von Vater zu Sohn. Von Töchtern ist nicht die Rede. Doch die junge Frau hat nicht vor, sich von die sen patriarchalen Traditionen ausbremsen zu las sen. Und sie denkt groß. Lubiana reist nach Mali, zu Toumani Djabaté, einem der besten Kora-Spieler der Welt. „Als er von meinem Traum gehört hat, hat er gesagt, dass die Kora mich ausgesucht hat. Sie erscheine denen, die sie spielen sollen, im Traum.“ Das mag stimmen oder auch nicht, jedenfalls hatte die Schockverliebte nun die Absolution von höchster Stelle, das Männerinstrument lernen zu dürfen. Heute ist Lubiana, 32, eine von gerade mal einer Handvoll weiblicher Korafinas, wie die Kora-SpielerInnen heißen, der Welt.
Zunächst sind die Plattenfirmen wenig begeistert von der Frau mit dieser Kürbis-Harfe, die in Europa kein Mensch kennt. Doch Lubiana kämpft, und das beharrlich. Denn der Weg, den sie eingeschlagen hat, ist nicht nur ein musikalischer. „Ich habe immer damit gekämpft, dass ich aus verschiedenen Kulturen abstamme“, sagt Lubiana. In Belgien war sie zu schwarz, in Kamerun zu weiß. „Doch als ich entdeckt habe, dass die Kora aus Westafrika kommt, hat mich das zu meinen eigenen Wurzeln geführt.“ Im Jahr 2021 erscheint ihr erstes Album, auf dem sie Kora spielt, und der Titel „Beloved“ erinnert viel leicht nicht zufällig an Toni Morrisons Meisterwerk. „Merken Sie sich diesen Namen gut!“ schreibt das belgische Magazin L’Officiel. 2024 folgt „Terre Rouge“, auf dem sich auch der inzwischen verstorbene Meis ter Toumani Djabaté die Ehre gibt. Gerade ist eine erweiterte Auflage des Albums erschienen, mit dem Lubiana auf Europa-Tournee unterwegs ist. Zusammen mit dem Publikum singt Lubiana ihre Frauenhymne. „Farafina Mousso, you’re stron ger than you know!“ Du bist stärker als du denkst. Lubiana weiß, wovon sie spricht.
Ausgabe bestellen


