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Anna-Lena Forster: Auf Skiern frei

Sie ist Psychologin und sechsfache Goldmedaillen-Gewinnerin: Anna-Lena Forster © Marcus Hartmann/Beautiful Sports/IMAGO
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Sie donnert mit über 100 km/h die Berge runter und hat bei den Paralympics in Cortina d’Ampezzo wieder zwei Goldmedaillen im Monoski fahren geholt – es sind ihre sechsten goldenen, fünf mal Silber und Bronze kommen dazu. Reich ist sie in ihrer Sportkarriere nicht geworden, obwohl sie ein Weltstar der Inklusion ist, aber reich an Erfahrung: „Ich war immer ein fröhliches Mädchen. Trotz alledem. Mir wurde zum Beispiel früh gesagt, dass ich niemals sitzen können würde. Habe ich aber geschafft. Genau so wie einen Handstand. Mit zwei Jahren.“

Anna-Lena Forster, 30, ist nicht nur flink und schnell, sondern auch schlau. Und als studierte Psychologin besonders reflektiert. Der Sport hat ihr viel Selbstermächtigung gegeben: „Auf den Skiern fühle ich mich oft freier als im normalen Leben. Am rechten Bein habe ich nur einen kurzen Stumpf und am linken Bein einen stark verkürzten Oberschenkel, im Unterschenkel fehlt ein Knochen, auch die Hüfte ist anders, so bin ich geboren. Aber ich habe meine Beeinträchtigung nie als krasses Hindernis empfunden. Das habe ich angenommen und nach Lösungen gesucht. Wenn es passt, ist es super, wenn nicht, habe ich es wenigstens versucht. So denkt eine Para-Sportlerin.“

Learning by doing: „Wenn ich als Kind mit dem Fahrrad die Kurven rasant genommen habe und fiel, habe ich es einfach noch mal probiert. Und geschafft. Aber da habe ich mich nie ernsthaft verletzt. Ich habe eine gute Hornhaut. Man muss den Sturz annehmen, keine Angst vor ihm haben.“ Anna-Lena Forster ist ein Musterbeispiel für Inklusion, als das Wort noch gar nicht verbreitet war: „Ich wurde sofort in unserem Dorf Stahringen am Bodensee integriert, da haben meine Eltern einen prima Job gemacht. Sie ließen jeden in meinen Kinderwagen schauen, ich wurde nie versteckt. Als sie mich zum ersten Mal nach der Geburt sahen, war es natürlich eine Art Schock für meine Eltern, weil bei der Voruntersuchung keinerlei Behinderung festge stellt wurde. Aber das haben sie schnell verdaut. Und mich wie meinen nicht behinderten Bruder Felix behandelt. Er ist heute mein größter Fan, auch wenn er in seiner Kindheit nicht so viel Aufmerksamkeit bekam wie ich. Ich stand immer im Mittelpunkt. Aber wir haben immer zusammengehalten.“

Anna-Lena Forster wurde gefördert und gefordert: „In den Bergen, die ich so liebe, habe ich auf den Gletschern früh meine Leidenschaft entwickelt. Mit sechs habe ich mit dem Skifahren angefangen. Einfach mal machen – das war der Spruch meines Vaters. Der Monoski wurde um mich herum mit Styropor ausgepolstert. Meine Mutter sagte immer zu mir: Steck den Kopf nicht in den Sand. Ihre Cousine hatte Trisomie 21, Behinderung war also etwas Vertrautes für sie.“ Wie geht sie mit neugierigen Blicken anderer um, sie wird ja auch angegafft? „Es ist ganz normal, dass Menschen jemand anschauen, wenn man nicht ganz der Norm entspricht.

Du darfst auch zurückglotzen, haben mir meine Eltern gesagt. Oder blöde Kommentare zurückgeben. Aber es gibt auch die gute Neugier. Es kommen oft Kinder, die mich fragen, warum ich nur ein Bein habe. Dann erkläre ich ihnen das. Befangen sind meistens nur Erwachsene, die nicht wissen, was sie sagen sollen.“ Natürlich wurde sie auch verspottet: „In der Schule habe ich auch Mobbing erlebt, Kinder hüpften auf einem Bein um mich herum. Aber dann griffen Freundinnen ein und sagten: Was soll der Scheiß? Die Schule habe ich dann mit dem Abitur abgeschlossen. Ich war ja nicht im Kopf behindert.“

Wie sie sich die Zukunft vorstellt? „Ich möchte später als Psychologin arbeiten, aber den Master habe ich derzeit noch verschoben. Noch bin ich Vollprofi im Sport.“ Sie rollt durch die Welt, Prothesen mag sie nicht. Mit Krücken ist sie 1,20 Meter groß. Ihr Auto hat Handgas. Ihr Lachen ist ansteckend, aber sie kann auch austeilen gegen geschmacklose Sprü che: „Wir Para-Athleten machen auch Witze über uns, wir dürfen das, andere nicht. Ein Komiker wie Luke Mockridge zum Beispiel hat uns wirklich mit seinen dummen Scherzen sehr verletzt. Man muss sich schon überlegen, was man so raushaut. Comedy hat auch Grenzen, finde ich.“

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