Frauen wählen Merkel, Männer AfD

AfD-WählerInnen bei der Verkündung des Wahlergebnisses. © Emmanuele Contini/imago
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Diesmal kamen die Kommentatoren bis hin zur Tagesschau am Tag darauf beim besten Willen nicht umhin, das Kind beim Namen zu nennen: Gender Gap. Fast doppelt so viele Männer (16%) wie Frauen (9%) haben die AfD gewählt, was den Herren Schönenborn & Co. am Wahlabend noch nur ein Säulendiagramm wert war.

Noch aufschlussreicher ist ein Blick auf die Geschlechterlücke im Osten: Dort ist die AfD bei den Männern die absolut stärkste Partei. 26 Prozent der ostdeutschen Männer (Männer West: 13%) wählten die Rechtspopulisten, aber „nur“ 17 Prozent der Frauen (Frauen West: 8%).

Im Osten ist die AfD bei den Männern die stärkste Partei

Das ist alarmierend, aber nicht neu: Schon bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im Herbst 2016 hatte jeder vierte Mann sein Kreuz bei der AfD gemacht, in der Altersgruppe zwischen 30 und 60 sogar jeder dritte. Auch bei dieser Bundestagswahl schnitt die AfD bei den Mittelalten am stärksten ab.

Es dürften jene Männer sein, die von der im Osten teilweise hohen Arbeitslosigkeit betroffen sind. Aber das allein kann nicht der Grund sein, denn darunter leiden auch die (im Osten einst traditionell berufstätigen) Frauen. Nicht wenige Männer - und das gilt auch für so manchen im Westen - erhoffen sich von den Rechtspopulisten, die in ihrem Wahlprogramm das Hohelied der Hausfrau singen, wohl auch die Wiederherstellung der guten alten Geschlechterordnung.

Die CDU hat ebenfalls einen historischen Gender Gap zu verzeichnen, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Acht Prozent mehr Frauen (37%) als Männer (29%) wählten die Kanzlerinnen-Partei. Zwar verlor Angela Merkel auch bei ihren Wählerinnen sieben Prozent. Die Wähler aber straften die CDU (und die Frau an der Spitze?) noch härter ab: Zehn Prozent weniger Männer wählten die Kanzlerin als bei den Bundestagswahlen 2013.

Die Kanzlerin hat bei den jungen Frauen stark verloren

Am stärksten ist Merkel auch diesmal traditionell bei den Wählerinnen über 60. Da liegt die Kanzlerin bei 46 Prozent. Allerdings hatte sie in dieser Altersgruppe 2013 noch die absolute Mehrheit (53%) geholt. Bei den jungen Frauen verlor Merkel überdurchschnittlich: Nur noch rund jede vierte Frau (27%) zwischen 18 und 29 Jahren machte ihr Kreuz bei der Kanzlerin, bei der letzten Wahl war es noch weit über jede Dritte (37 Prozent) gewesen. Allerdings ist die CDU auch in dieser Altersgruppe immer noch stärkste Partei.

2009 hatte Merkel zum ersten Mal der SPD den Frauenüberschuss abgejagt, den die Sozialdemokraten seit den 1970er Jahren bei den Frauen gehabt hatten. Die Wirkung einer Frau an der Spitze der Regierung dürfte dazu ebenso beigetragen haben wie die fortschrittliche Familienpolitik (Elternzeit, Vätermonate, Kita-Ausbau etc.) von Ursula von der Leyen.

Dass sich die Entwicklung nun wieder umkehrt, ist allerdings nicht zu erwarten. Die SPD profitiert keineswegs von den Verlusten der CDU. Auch die Sozialdemokraten verloren mit ihrem Spitzenkandidaten Martin Schulz durchweg bei Frauen und Männern, je nach Altersgruppe zwischen drei und sechs Prozent. Mit 20 Prozent liegen die Sozialdemokraten bei den Wählerinnen nur minimal schlechter als bei den Wählern (21%).

Überraschung: nur eine Partei hat keinen Gender Gap

Etwas größer ist der Gender Gap bei der FDP und den Grünen: jeweils drei Prozent. Doch während die Grünen häufiger von Frauen gewählt werden, holt der liberale Quoten-Gegner Christian Lindner mehr Männerstimmen.

Die einzige Partei ohne Gender Gap ist Die Linke. Auch das allerdings ist interessant. Denn Die Linke wurde traditionell stets von mehr Männern als Frauen gewählt. Könnte es sein, dass das schlagkräftige Frauen-Duo Kipping/Wagenknecht gerade dabei ist, das zu ändern?

 

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Alice Schwarzer schreibt

Kein Grund zur Freude...

© Imago/photothek
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Wir hatten uns zu einer Wahlparty getroffen, saßen gemeinsam vor dem Fernseher, tranken Wein, knabberten Käsestangen und kommentierten das Geschehen. Vorher aber hatten wir unsere persönlichen Wahlprognosen abgegeben. Alle acht. Und siehe da: Da war nur eine, die den Einbruch von Union und SPD nicht vorausgesehen hatte und keine, die nicht mit dem „Schockerfolg“ der AfD gerechnet hatte. Warum? Haben wir geheime Zugänge zum Weltwissen? Nein. Wir schauen einfach genau hin und hören noch genauer zu.

Schaltet die Radikalität der Gefühle den Verstand aus?

So wie einst der Soziologe Pierre Bourdieu 1962 nach der Selbstbefreiung der Algerier von den französischen Kolonialherren. Er warnte früh vor der „Gefühlsradikalität“ der Landbevölkerung, die bei den Revolten führend gewesen war, weil sie die Gedemütigsten waren. Die Kolonialherren hatten ihnen ihr Land via Enteignung geraubt und sie durch millionenfache Zwangsumsiedlungen entwurzelt und entfremdet. 30 Jahre später, 1991, wählten sie, wie von Bourdieu befürchtet, mehrheitlich den FIS, die faschistoiden Islamisten (die dann von dem postsozialistischen Militär gestoppt wurden). Parallelen?

Wenn diese Gefühlsradikalität als Resultat eigener, bitterer Erfahrungen nicht gepaart sei mit einer analytischen Verstandesradikalität, könne sie leicht in die falsche Richtung schießen, so Bourdieu. Der französische Soziologe lebt nicht mehr. Sonst würde er angesichts der 20,5 Prozent WählerInnenstimmen für die AfD in Ostdeutschland wohl wieder vor der Gefühlsradikalität warnen. Er würde sie allerdings auch ernst nehmen, statt sie zu rügen und sich darüber zu erheben.

Über eine Million WählerInnen sind von der CDU/CSU zur AfD gewechselt. Eine halbe Million von der SPD zur AfD. Und fast eine halbe Million von der Linken zur AfD. Da ist es nur folgerichtig, dass Sahra Wagenknecht sagt, ihre Partei müsse sich „selbstkritisch“ fragen, was sie falsch gemacht habe. Auch CSU-Herrmann findet zu recht, das müsse „uns zu denken geben“. Und ebenso weiß Manuela Schwesig, dass „das Volk“ murrt: „Ihr habt uns nicht mitgenommen bei der Flüchtlingsfrage.“ Was ein großes, aber nicht das einzige Problem ist.

Er will zurück
zu "rechts und
links". Wie
schön einfach.

Und die Kanzlerin? Die möchte nun nicht mehr über die Vergangenheit reden, sondern über die Zukunft. Versteht man, bei den Fehlern, die sie gemacht hat. Selbst gestern ließ sie sich gerade noch zu einem „Wir konnten die Sorgen der Menschen nicht vollständig ausräumen“ hinreißen. Will sagen: Die dummen Menschen haben immer noch nicht verstanden, dass sie sich umsonst Sorgen machen. Oder?

Und dann der SPD-Kanzlerkandidat, der noch am Wahlmorgen angekündigt hatte, er werde in Bälde regieren. Der sank an diesem Wahlabend fast auf Schröder-Niveau. Er gab alle Schuld Merkel. Schulz erinnerte allen Ernstes daran, dass die SPD die einzige Partei gewesen sei, die sich im Parlament gegen die Rechten gestellt habe. Das war 1933, gegen die Nationalsozialisten. Will Schulz etwa eine Parallele ziehen zu der AfD von 2017? Ich fürchte, ja.

Der zukünftige Oppositionsführer kündigte an, er wolle „wieder zurück zu links und rechts“. Das ist ja auch so schön einfach. Links ist die SPD, klar. Und rechts ist die AfD, auch klar. Aber was sind die Millionen Überläufer? Ex-Linke und Neu-Rechte? Oder BürgerInnen, die es einfach leid sind mit der Selbstgerechtigkeit der Volksparteien?

Wie auch immer. Der Karren steckt tief im Dreck. Und dann schlägt bekanntlich die Stunde der Frauen. Bei der CDU wird als denkbarer Nachfolger von Merkel statt der arg strapazierten von der Leyen nun Annegret Kramp-Karrenbauer genannt. Bei den Grünen schlägt sich Katrin Göring-Eckardt tapferer denn je. Und Sahra Wagenknecht ist eh der beste Kerl in der Linken.

Fast doppelt so viele Männer wählten die AfD. Auch im Westen.

Ja, sogar bei der traditionell frauenfreiesten Partei, der SPD, regt sich etwas. Der besonnene Ernst der SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hob sich bei Will wohltuend ab von den polemischen Pöbeleien des Parteivorsitzenden in der Elefantenrunde. Und da sind ja auch noch Arbeitsministerin Andrea Nahles oder die baden-württembergische Landespartei-Vorsitzende Leni Breymaier, zum Beispiel. Und selbst Lindner ließ sich gestern auffallend viel mit uns bisher unbekannten Frauen fotografieren.

Denn da ist noch etwas. In Ostdeutschland haben 26 Prozent der Männer ihr Kreuz bei der AfD gemacht (und 17 Prozent der Frauen). Im Westen waren es 13 Prozent Männer (gegen 8 Prozent Frauen). Die Westzahlen liegen im Trend. Traditionell werden die Rechten in Deutschland von quasi doppelt so vielen Männern gewählt wie von Frauen. Und diesmal kommt noch ein Motiv dazu: „Mutti muss weg!“ (O-Ton Taxifahrer).

Ein Grund mehr, jetzt den Schulterschluss unter Frauen zu üben: gegen die Vermachoisierung der Republik. Ärmel krempeln, Mädels!

Alice Schwarzer

 

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