In der aktuellen EMMA

Die Sargnägel des Feminismus?

Soziologin Sabine Hark, Gender-Hohepriesterin Judith Butler und LinguistIn Profx Lann Hornscheidt
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Wer Anfang der 2000er Jahre an Universitäten in Berlin oder Freiburg das Studium der damals neu eingerichteten Gender Studies aufnahm, befasste sich überwiegend mit Sujets, die der Literaturwissenschaft und der Psychoanalyse entlehnt waren: Wissen über die Wirkung „geschlechtlicher Repräsentationsformen“ sollte, so die mit der Gründung des Fach verbundene Hoffnung, das Bewusstsein für die Historizität der Geschlechterrollen und damit auch für deren Veränderbarkeit schärfen.

Zwei Jahrzehnte später sind die meisten Lehrveranstaltungen der Geschlechterforschung an solchen Fragestellungen total desinteressiert – und an der Frauenemanzipation als solcher. Gender-Studies-Kurse tragen nunmehr Titel wie „Muslim Queer Subjectivities and Islamic Ethics“ oder „Einführung in die interdependente VerRücktheitsforschung/Mad Studies“. Viel diskutierte Postulate heißen „Critical White­ness“, „Intersektionalität“ oder „Femo­nationalismus“.

Der queerfeministische Nachwuchs pöbelt derweil auf dem Campus, in den ­Straßen und im Internet gegen „weiße Cis-Männer“, gegen „TERFs“ (trans exclusionary radical feminist, also radikale Feministin, die Transmenschen ausschließt) oder „SWERFs“ (Sexworker exclusionary radical feminist, also radikale Feministin, die Sexarbeiterinnen ausschließt). Er prangert unentwegt die „Privilegien“ der anderen an, fordert geschlechtsneutrale Pro­nomen ein und sinniert mit weinerlicher Verve über „Verletzbarkeit“. Das persön­liche Leiden an der Welt wird zum wis­senschaftlichen Thema verklärt. Diese ­Entwicklung ist den Prämissen des Gender-Paradigmas geschuldet, das seinen akademischen Siegeszug in den 1990er Jahren angetreten hat und mittlerweile als Non­plusultra eines nicht-biologistischen Geschlechterverständnisses gilt.

Demzufolge seien das soziale wie das biologische Geschlecht „konstruiert“, das heißt stets durch Vorannahmen geprägt und nur durch Kultur vermittelbar – kurz: es gäbe keine Natur bzw. keine Realität hinter ihnen. Diese Annahme wird von der Queer Theory gestützt, welche den gleichen Gedanken auf das Sexuelle ausweitet. Und sie wird von den Postcolonial Studies flankiert, die das Nachbeben des Kolonialismus untersuchen.

Dieser „Aufmerksamkeitswechsel“ gilt in der Geschlechterforschung als bedeutsame Weiterentwicklung, weil damit Fragen des „minoritären Begehrens“ und des „Rassismus“ auf die wissenschaftliche Agenda gesetzt worden seien, welche die historische Frauenforschung einst ignoriert habe. Was daraus folgt, ist ein (Ver)Urteilen um der Rüge, nicht um der Erkenntnis wegen. Mit dem Rotstift werden akademische Texte, gesellschaftliche Phänomene oder politische Probleme darauf abgeklopft, ob sie „sexistisch“, „rassistisch“, „homophob“ oder „transphob“ sind. Von da ist der Weg zu Sprechverboten nicht weit.

Nicht eine Arbeit aus den Gender Studies hat in den letzten 20 Jahren eine gesellschaftspolitische Debatte geprägt oder zumindest vorangetrieben. Ein Umstand, der unzweifelhaft der Unverständlichkeit der verwendeten Begrifflichkeiten sowie dem „methodischen“ Vorgehen geschuldet ist und im Kontrast zu Arbeiten aus der Geschichtswissenschaft, der Soziologie oder der Politikwissenschaft steht. Nicht eine deutsche Professorin für Geschlechterforschung hat bis heute eine bahnbrechende These formuliert, die breite Anerkennung in der internationalen Wissenschaftslandschaft erfahren hätte. Es ist zudem keine Absolventin der jungen Disziplin bekannt geworden, die eine beachtliche Nachwuchskarriere hingelegt hätte.

Hiervon unbeirrt regiert in den Gender Studies weiterhin das Selbstbild, unverzichtbare universitäre wie gesellschafts­politische Arbeit zu leisten. Die Fach­gesellschaft Geschlechterstudien – der akademische Zusammenschluss aller, die an deutschen Hochschulen in den Gender Studies arbeiten –  versteht das eigene Tun als wissenschaftlichen Ausdruck einer dem „Nichtanerkannten und Prekären verpflichteten Gesellschaft“.

Die geistige Offenheit und kritische Dis­tanz, die mit dieser Formel suggeriert werden, sind eine Farce: Im Gender-Clan herrscht kein Dialog zwischen widerstreitenden Standpunkten, sondern einzig ein Judith-Butler-Monolog. Und der verhält sich – wie die Vordenkerin – bemerkenswert still, wenn es um die Entwürdigung, Misshandlung und Entrechtung von ­Frauen weltweit geht.

In den Graduiertenkollegs der Geschlechterforschung werden Promovierende angehalten, lieber Doktorarbeiten über ihre Lieblingsserien abzufassen, statt sich mit den realen Hinterzimmern der deutschen Gesellschaft zu beschäftigen – Frauenhäusern und Gefängnissen beispiels­weise. Eklatante Forschungslücken sind augenscheinlich. Eine umfängliche Kritik der Gender Studies zum Beispiel am Deutschrap, dessen frauen- und schwulenverachtenden, vor Gewalt nur so strotzenden Erzeugnisse sich millionenfach verkaufen und zu Untersuchungen geradezu einladen: Fehlanzeige. Systematische ­Erhebungen zum Geschlechterbild von Moscheepredigern in Europa: ebenso. Analysen zu den Zehntausenden jungen Männern und Frauen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und anderen Staaten, die sich dem Jihad in Syrien angeschlossen haben: inexistent.

Das Fach bildet nicht zur Analyse evidenter Probleme und deren möglicher ­Lösung aus, sondern zum Beanstanden des Sprechens Dritter über etwas. Unmittel­bares Resultat sind überproportional viele Dissertationen, die  lediglich damit befasst sind, wie etwas medial dargestellt oder wissenschaftlich verhandelt wird. In diesem Geiste geschulte Arbeiten zeigen deshalb, wie es in der Geschlechterforschung wirklich um das „Nichtanerkannte und Prekäre“ bestellt ist.

Daniela Hrzán in Hannover, Gender-Expertin für das Reden über Genitalverstümmelung, zum Beispiel hat in einer Reihe von Texten gemahnt, statt von ­„Female Genital Mutilation“ lieber von „Female Genital Cutting“ zu sprechen: Nicht etwa der barbarische Akt sei menschenverachtend, sondern der Begriff „Verstümmelung“, da dieser nahelege, dass die Betroffenen unter dem gewaltsam Erlebten leiden. Die Kulturwissenschaftlerin weiß es besser: „Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass erfüllte Sexualität nicht zwingend mit Orgasmusfähigkeit in Zusammenhang gebracht wird“, schreibt sie in beiläufiger, doppelter Niedertracht gegenüber den Opfern von Rasierklingen und Messern.

In gleichem Tonfall moniert Ann-Kathrin Meßmer in Berlin, Gender-Expertin für das Reden über Intimchirurgie, dass in Schriften zur Genitalverstümmelung „die afrikanische Frau“ als „sich nach westlichen Standards zu emanzipierende“ gesehen würde. Westliche Standards wie Menschenrechte, Frauenemanzipation und Religionsfreiheit, die Meßmer ganz selbstverständlich für sich selbst in Anspruch nimmt – darauf sollen die Tausende Mädchen, die tagtäglich dem inhumanen Ritual unterworfen werden, keinen Anspruch haben: vielmehr sollen sie vor „Verwest­lichung“ geschützt werden.

Claudia Brunner schließlich, Gender-Expertin für das Reden über Selbstmordattentate, leitet einen Artikel mit der rhetorischen Frage ein, ob es nicht besser wäre, statt von „Female Suicide Terrorism“ von „Female Suicide Bombing“ zu sprechen, da erstere Bezeichnung Massenmord „als illegitim generalisieren“ würde. Schlimmer noch: „Geläufige Darstellungen von Suizidbomberinnen tendieren dazu, historische westliche kolonialistische Auffassungen von Frauen aus der Dritten Welt widerzuspiegeln, gelenkt von imperialistischen Ansichten und deren spezifischen okzidentalistischen Genderismen“, so die Autorin, die in einem Interview noch beklagte: Terroristen werden durch ihre mediale Darstellung ausschließlich als brutal und irrational gezeigt, um dadurch ihre politischen Ziele unsichtbar zu machen (…). Die Terroristen werden als Monster dargestellt. Die Dutzende, bisweilen Hunderte von Menschen, die durch Selbstmordattentate zerfetzt oder auf Lebenszeit entstellt werden, sind der Gender-sensiblen „Analyse“ ­einer Claudia Brunner nicht eine Zeile wert.

Abermals ist es die Vordenkerin des Gender-Paradigmas, die inspiriert. Die in Amerika mit einer Frau verheiratete Judith Butler schwärmte vor einigen Jahren von den ­Terrororganisationen Hamas und Hisbollah als „progressiv“ und nannte sie einen „Teil der globalen Linken“. Auch ihre Faszination für die Burka verschleiert die Philosophin nicht. Das mobile Stoffgefängnis sei eine „Übung in Bescheidenheit und Stolz“, das nicht etwa Frauen zum Verschwinden bringt, sondern einen „Schutz vor Scham symbolisiert“ und deshalb zu konservieren sei.

Butler wörtlich: „Der Verlust der Burka kann eine Erfahrung von Entfremdung und Zwangsverwestlichung mit sich bringen, die Spuren hinterlassen wird. Wir sollten keineswegs davon ausgehen, dass Verwestlichung immer eine gute Sache ist. Sehr oft setzt sie wichtige kulturelle Praktiken außer Kraft, die kennen zu lernen es uns an Geduld fehlt.“ Frauen kennenzulernen, die von den Taliban unter Androhung des Todes kollektiv in menschliche Säcke verwandelt worden sind, oder denen für missfälliges Verhalten bei lebendigem Leib Nasen und Ohren abgeschnitten wurden: die hierfür notwendige Geduld fehlt vor ­allem einer Judith Butler. Die angebliche Entzauberin geschlechtlicher Identitäten als Gralshüterin islamistischer Kleiderordnung – eine geistige Allianz des Grauens.

Auch die deutschen Fans der Burka-­Apologetin haben sich auf deren antiimperialistisches Weltbild längst eingeschworen. Dem gilt alles „Westliche“ a priori als verdächtig, alles „Nicht-Westliche“ hingegen a priori als zu bewundern, zu erhalten und vor Kritik zu schonen.

Bettina Mathes ist, zusammen mit der emeritierten Gender-Professorin Christina von Braun, Co-Autorin der 2007 erschienenen Islam-Eloge „Verschleierte Wirklichkeit“, in der sich u. a. eine überaus devote Aufforderung zur Selbstzensur findet. Kritik an jener „Religion“ solle unterlassen werden, stattdessen sei die „Gewalt auslösende Wirkungsmacht symbolischer und unbewusster Ordnungen im Umgang mit dem Fremden ernst zu nehmen“. Im Klartext: Wer Meinungsfreiheit anhängt, dürfe sich nicht wundern, wenn Gläubige mit Mord und Morddrohungen auf Filme oder Karikaturen reagierten – so etwa 2004 bei dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh oder 2010 bei dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard. Schon während ihrer Zeit als Gender-Studies-Dozentin an der HU Berlin verfolgte Mathes einen „antiimperialistischen“ Kurs, zwei islamismus-kritische Studenten beschuldigte sie einmal für das „Verbreiten islamfeindlicher Parolen“; einen davon verwies sie sogar des Seminarraums. Mathes betrieb eine Weile lang auch einen privaten Blog, auf dem sie einst ein „Argument for the Burqa“ veröffentliche, die sie als Schutz vor einem ominösen „männlichen Blickregime“ anempfahl.

In den letzten Jahren hat sich Sabine Hark, an der TU Berlin Professorin für Soziologie und laut WDR „Deutschlands wichtigste Genderforscherin“, als unermüdliche Streiterin für einen „antiimperialistischen Egalitarismus“ zu profilieren versucht – eine Formulierung, die sie ­direkt aus einer Schrift ihrer philosophischen Ikone Butler übernommen hat.

Dass sich jeder Neonazi, jeder Dschungel-Guerillero und jeder Islamist auf seine Weise als Kämpfer für einen „antiimperialistischen Egalitarismus“ verstehen dürfte, ist der politisch ahnungslosen Akademikerin herzlich egal: Was Judith Butler denkt, wird schon stimmen. Entsprechend werden Prioritäten gesetzt.

Nach der Silvesternacht in Köln initiierte  Hark nicht etwa empirische Erhebungen, um Informationen über die Zusammensetzung der patriarchalen Meute am Hauptbahnhof zu ­gewinnen, sondern sinnierte darüber, wie der „Feminismus von der Borniertheit der Ersten Welt zu lösen“ sei.

Ein 2017 gehaltener Vortrag von Gabriele Dietze an der Universität Basel bekrittelte die „sexualpolitisch aufgeladene okzidentale Überlegenheitsnarrative“, um „paradoxe Rückkopplungsaspekte von Fremd- und ­Eigenwahrnehmung zu erfassen.“ – „Sind noch Fragen, oder droht schon Migräne?“ wunderte sich NZZ-Journalistin Birgit Schmid angesichts dieser Zeilen.

Der angestrengte Jargon schaukelt gewichtige Denkleistungen vor, der junge Erwachsene weder zum kritischen Befragen der Gegenwart animiert noch zu unabhängigen Denkerinnen und Denkern ausbildet – sie werden vielmehr eingeschüchtert. Weil sie unweigerlich annehmen, dass das, was sie in einem universitären Rahmen zu hören bekommen, intellektuell gewichtig sein muss, wird ihr Verstand nicht geschärft, sondern vernebelt.

Konkreter: Das Studium der Gender Studies macht Studierende oftmals nicht schlauer, sondern in vielen Fragen dümmer. Sie lernen nicht, globale Probleme objektiv zu erfassen, sondern sie durch eine hochgradig „antiimperialistische“ Agenda zu filtern.

Ein Workshop, den Dietze zu „Ethnosexismus und Migration“ anbot, befasste sich etwa mit „abendländischen Überlegenheitsnarrativen, zum Beispiel der Demokratie als der besten aller Regierungsformen, der Säkularität als der besten aller Rationalitäten“. Womit „der Überzeugung“ widersprochen werden sollte, dass die westliche Welt über „ein maximal fortgeschrittenes sexuelles Regime“ verfüge. Die Verächtlichkeit gegenüber Rechtsstaatlichkeit und Religionsfreiheit, die sich durch diese Botschaft aus dem akademischen ­Paralleluniversum zieht, ist ebenso offenkundig wie die Faszination für religiös ­legitimierte Diktaturen, in denen es weder das eine noch das andere gibt.

Auch auf den ersten Blick unpolitisch daherkommende Variationen des Sündenbock-Prinzips finden sich in den Gender Studies zuhauf. Prominent vertreten wird das antimännliche, antiheterosexuelle Ressentiment etwa von Lann Hornscheidt, bis 2016 „Profx“ für Linguistik an der HU Berlin. Die sich selbst als „geschlechtslos“ fühlende Person fordert auf der Website xart splitta wortwörtlich zu „Interventionen“ gegen das cis-männliche Patriarchat auf. Damit meint sie weder Regime wie Saudi-Arabien oder das Afghanistan der Taliban, sondern die letzten Reste der bürgerlichen Gesellschaft: „sätze in romanen unlesbar machen, seiten in büchern rausreissen“, lautet ein Handlungsvorschlag von Lann Hornscheidt zur Bekämpfung von Prosa oder Analysen, die dem Gender-geschulten Bewusstsein nicht behagen.

Über ein universitäres Milieu, in dem Christina von Braun, Gabriele Dietze, Sabine Hark, Lann Hornscheidt oder Bettina Mathes als herausragende Denkerinnen gelten, ist schon viel gesagt. Diese Akademikerinnen stehen exemplarisch dafür, dass Gender Studies heute über weite ­Strecken eine Mischung aus Ressentiment, Gruppentherapie und antiimperialistischer Ideologie sind. Phrasen, Vorbehalte und Schuldbewusstsein tummeln sich, wo es um Erkenntnis gehen sollte.

Auf einem Postkolonialismus-Symposium an der HU verkündete eine gleichgestimmte Dozentin 2011 folgerichtig Sinn und Zweck ihrer Lehrveranstaltungen: „Ich will, dass sich meine Studierenden einmal richtig schlecht fühlen.“ Gemeint war, dass in Deutschland geborene und aufgewachsene Individuen Scham dafür empfinden sollten, westlicher Herkunft zu sein.

Die sich mittlerweile häufenden Einsprüche gegen die Geschlechterforschung werden derweil zu einem Popanz namens „Anti-Genderismus“ aufgebauscht, um sich selbst als bloße ­Opfer einer gesellschaftspolitischen ­Regression zu stilisieren. Dass ein Gutteil der Zweifel an den Gender Studies nicht von Hass, Menschenverachtung oder Vorbehalten rechtslastiger Reaktionäre motiviert ist, sondern schlichtweg durch Skepsis angesichts des Zustands der Gender Studies, wird verschwiegen.

Einen Einblick in das Ausmaß der gegenwärtigen Verblödung gewährten kürzlich der Philosoph Peter Boghossian und der Mathematiker James Lindsay. Sie verfassten einen von vorne bis hinten fiktiven Artikel, der einen Kausalzusammenhang zwischen dem männlichen Genital und dem globalen Klimawandel behauptete. Den schwer mit Gender-Jargon beladenen Text schickten sie an das akademische Journal Cogent Social Sciences. Dort wurde der Beitrag kollegial begutachtet (peer-review). Niemandem fiel auf, dass der Text bar eines nachvollziehbaren Arguments war, seitenweise Nonsens aneinanderreihte und selbst manche Titel der Literaturliste frei erfunden worden waren: Der Schwindel wurde anstandslos veröffentlicht.

Solch eklatanten Desastern zum Trotz sehen Sabine Hark und Paula-Irene Villa, Herausgeberinnen des ersten Sammelbands zum Thema „Anti-Genderismus“, in der Zurückweisung der Geschlechterforschung vor allem den Ausdruck „einer staatskritischen Haltung“. Den beiden Soziologinnen ist offenbar unbekannt, dass die Neue ­Frauenbewegung in den 1970er Jahren eine besonders vehemente Distanz zum Staat wahrte, was u. a. die Selbstbezeichnung ­autonome Frauenbewegung ausdrückte. An all dem wird der tiefe historisch-politische Graben deutlich, der zwischen Feminismus und Genderforschung liegt.

Deren Zustand gibt Anlass zu der Annahme, dass die ­Gender Studies keineswegs eine kritische ­Weiterentwicklung feministischen Gedankenguts sind, sondern der Sargnagel der Fraueneman­zipation.

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"Beißreflexe", hrsg. von Patsy l'Amour laLove (Querverlag 16,90 €)

 

Vojin Saša Vukadinović studierte Geschichte und Geschlechterforschung in Berlin und Basel und arbeitet heute an der Uni Zürich.

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Terror in der Queerszene!

Foto: Aidshilfe
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Das Buch „Beißreflexe“ war kaum auf dem Markt, da brach der Sturm los. Die Herausgeberin Patsy l’Amour laLove sollte „verprügelt“, ihre Bücher sollten „verbrannt“ werden, twitterten Menschen anonym, die sich „Em“, „Uludag-Lucky“ oder schlicht „L.“ nennen.

Was hatte Patsy sich zuschulden kommen lassen? In dem Buch hat die Berliner Genderforscherin und „Polittunte“ Auf­sätze linker, feministischer, schwuler und queer-trans Autorinnen und Autoren zum Thema Queerfeminismus versammelt. Sie nehmen den reaktionären Kern einer pseudofortschrittlichen Ideologie auseinander. Eine harsche Reaktion der Vertreterinnen dieser Denkrichtung war also zu erwarten. 

Aber die Gewaltdrohungen schockieren dann doch. So schrieb „Em“: „Du redest von #Beißreflexen. Mein einziger ­Reflex ist der Griff zum Basi.“ Darunter postete sie das Foto von acht Frauen mit rosafarbenen Sturmmasken, die Baseballschläger in der Hand halten. Und „L.“ drohte: „Diese ganze Stalino-Marx- freundliche, Islam- und Queerfeindliche Bubble sind genau die Leute, gegen die im Ernstfall nur Waffengewalt hilft.“ Eine Marburger Unigruppe musste gar eine Lesung mit dem Beißreflexe-Autor Till Randolf Amelung absagen, weil der Veranstalter Drohungen erhalten hatte.

Diese so genannten Queerfeministinnen erregen sich über Indianerkostüme bei Nicht-Indianern oder Dreadlocks bei Nicht-Jamaikanern oder darüber, wenn Nicht-Araber bzw. Nicht-Japaner Falafel oder Sushi verkaufen. Das alles nennen sie „rassistisch“. Und sie diffamieren seit Jahren Islamismus-KritikerInnen wie die EMMA-Redaktion oder die Femen als „RassistInnen“. Besonders erbarmungslos gehen sie allerdings gegen die Mitglieder ihrer eigenen Szene vor.

Auch davon wissen die Autorinnen und Autoren der „Beißreflexe“ Geschichten zu erzählen. Heute können sie noch etliche hinzufügen. Aber sie können auch von der Erleichterung darüber berichten, dass es endlich jemand wagt, das Terror-Tabu zu brechen. Patsy: „Wo ich referiere, kommen Leute auf mich zu, bedanken sich und schildern eigene Erlebnisse.“

Tjark Kunstreich, der in dem Buch über die Reaktionen in der Queer-Szene auf das islamistische Attentat in dem schwul-lesbischen Club in Orlando schreibt, erlebt ähnliches. Nach Vorträgen erzählten ihm Einzelne, natürlich vertraulich, „dass sie es in ihren queeren Blasen nicht mehr aushalten. Da habe ich das Gefühl, ich hab’ es mit Sektenaus­steigern zu tun.“

„Es ist ein Kollektiv, das durch Angst zusammengehalten wird“, erläutert Koschka Linkerhand, ebenfalls Autorin des Buches. Die 31-Jährige hat eigene leidvolle Erfahrungen gemacht, als sie von Leipzig nach Hamburg zog. „In Leipzig lasen wir Simone de Beauvoir und Roswitha Scholz.“ Als sie in Hamburg ein Seminar mit der marxistisch-feministischen Theoretikerin Scholz zum Thema Antiziganismus vorschlug, erlebte Linkerhand ihren ersten Shitstorm. „Ihr sitzt auf euren weißen Ärschen, während Roma-­Frauen angegriffen werden“, wetterte eine Nadezda aus Berlin.

Was war passiert? Linkerhand hatte ein Unwort benutzt. Zwar verwendet auch der „Zentralrat der Sinti und Roma“ den Begriff Antiziganismus für die Diskriminierung von Roma und Sinti. Aber in der queerfeministischen Szene findet man, dass in „zigan“ immer noch zu viel ­„Zigeuner“ steckt. Rassismus!

Linkerhands Argumente für ihre Wortwahl wollte niemand hören. Nach der Schimpftirade distanzierten sich auf dem E-Mail-Verteiler reihenweise Frauen von ihr und entschuldigten sich bei Nadezda, dass sie so eine in ihren Kreisen hatten. „Danach wurde ich auf Partys geschnitten“, erzählt die Feministin. „Eine Bekannte wollte nicht einmal mit mir in denselben Zug steigen, als wir zu einem feministischen Camp fuhren.“

Es ist ein typisches Muster. Jemand verwendet ein als falsch deklariertes Wort oder stellt eine für falsch befundene Frage – und wird prompt zur Persona non grata. Für Uneingeweihte ist die Szene ein ­Minenfeld.

 

Besonders hart trifft es manche StudentInnen, die sich an der Berliner Humboldt-Universität für den Studiengang Gender Studies einschreiben. Sabrina Weidner hat dort vor einem halben Jahr ihren Abschluss gemacht. Heute arbei­tet sie für die feministische Bibliothek in Leipzig.

Schon in der ersten Vorlesung brüllte eine Tutorin Sabrina an. Es ging um einen Text des Philosophen Roland Barthes, in dem das Wort „Neger“ vorkam. (Ein Begriff, der früher selbstverständlich war, auch für die Schwarzen selbst, und erst ab den 1970er Jahren problematisiert wurde.) Es sollte darüber diskutiert werden, ob der Professor diesen Text den StudentInnen einfach so vorlegen könne, mit diesem bösen Wort darin. Sabrina meldete sich und sagte, dass man das Wort „Neger“ in einer kritischen Analyse benennen können müsse. „Da hat die Tutorin mich niedergebrüllt, an dieser Stelle würde sie nicht weiterreden.“

Aber was wollte die Dozentin hören? „Uns wurde gesagt, dass wir solche Texte nicht lesen müssen und Professoren kritisieren können, die das erwarten.“

Die Atmosphäre in dem Stu­diengang beschreibt Sabrina als Spießrutenlauf. „Es gibt die Unbedarften. Die wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Die fragen dann mal, was denn N-Wort überhaupt bedeutet, und dann werden sie von den Queer-Studentinnen fertig gemacht.“

Die Feministin nennt die Gruppe, die dort herrscht, nur die „Queers“. „Weil das nichts mehr mit Feminismus zu tun hat.“ Mit homo- oder transsexueller Identität, also dem, was ursprünglich mal queer ­bedeutete, hat es aber auch nicht unbedingt etwas zu tun, wie Beißreflexe-Autorin Linkerhand erklärt: „Du kannst dich jetzt demisexuell nennen.“ Als demisexuell gilt, wer nur sexuelle Kontakte mit Menschen will, zu denen er oder sie auch eine emotionale Beziehung hat.

Sabrina Weidner hat nach ihrem ersten Horrorsemester in Berlin das Vorlesungsverzeichnis akribisch durchsucht nach Veranstaltungen, in denen sie etwas lernen könnte. Sie wählte eine Veranstaltung des Erziehungswissenschaftlers ­Malte Brinkmann und erlebte eine „Klatsch­intervention“ (über die hatten Mitte 2015 auch die Medien berichtet). „Es war die letzte Stunde vor den Klausuren. Darauf wollte er uns vorbereiten.“ Aber es kam anders. Eine Gruppe setzte sich in den Seminarraum und klatschte fortwährend. Warum? Zuvor hatte Brinkmann offene Briefe erhalten, die ihn aufforderten, Kant von der Leseliste zu nehmen.

Auch Koschka Linkerhand hat so manche „Intervention“ erlebt. Seit mehreren Jahren hält sie Vorträge über feministische Theorie außerhalb der Uni. „Die ­haben solche „Häh-“Karten. Wenn ihnen was nicht passt, halten alle eine Karte auf der „Häh?“ steht hoch.“ Vorträge über Prostitution hat sie komplett aus ihrem Angebot gestrichen. „Das geht einfach nicht. Da bist du sofort swerf, egal, was Du sagst.“

Swerf? „Sexworker exclusionary radical feminist“, erklärt Linkerhand. (Zu Deutsch: radikale Feministin, die Sex­arbeiterinnen ausschließt.) „Solche Wörter kann man gut twittern“, erklärt sie. Die Kommunikation über Twitter ist Teil des Problems. Ein Tweet hat nur 140 Zeichen. Argumente kann man da nicht ausführen. Aber die Vorwürfe sind in der Welt – jeder kann sie lesen.

Diese Angriffe entmutigen viele junge Frauen. Koschka Linkerhand ist nach Leipzig zurückgegangen. Sie sagt: „Feminismus heißt für mich, als Frau den Mut zum eigenen Denken zu haben. Diesen Mut hatten sie mir in Hamburg genommen.“ Heute ist sie wieder voller Energie: „Die vielen Kämpfe von Frauen weltweit, ob in den USA, in Mexiko oder in islamischen Ländern, das macht mir Mut.“

Auch die kritische Diskussion, die „Beißreflexe“ angestoßen hat, ermutigt viele. Patsy l’Amour laLove berichtet: „Nach meinen Vorträgen sagen mir viele, dass sie durch das Buch erst wieder motiviert wurden, sich politisch zu engagieren.“

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"Beißreflexe", hrsg. von Patsy l'Amour laLove (Querverlag 16,90)

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