Die Heldinnen der Meere
"Nennt mich Ismael." So beginnt die wohl weltweit bekannteste Geschichte über Männer und das Meer, „Moby Dick“ von Herman Melville. Eine Parabel über menschliche, nein, männliche Obsession; über den Versuch, das Unendliche zu beherrschen, koste es, was es wolle.
Männer und das Meer, das sind Geschichten über Eroberung, Bezwingung, Unterwerfung, Abenteuer. Ein Kampf gegen die Elemente, gegen Naturgewalten, ja gegen das Universum. Odysseus, die großen Seefahrer, die Freibeuter, Hemingway, Jules Verne. Noch dazu die männliche Romantik. Thomas Mann bekundete seine tiefe Liebe zum Meer, Goethe erkannte darin den befreiten Geist, Caspar David Friedrich ergoss sich in all seiner Verlorenheit darin und Heinrich Heine gestand: „Ich liebe das Meer wie meine Seele“.
Und die Frauen? Die haben ihre eigene Beziehung zum Meer und die steht den Jungs in nichts nach! Nur sind diese Geschichten nie weitererzählt worden. Sie mussten erst vom Meeresgrund gehoben werden.
Kerstin Ehmer macht das mit ihrem Buch „Heldinnen der Meere“. Die Journalistin versammelt darin 16 Frauen, die ihr Leben den Ozeanen verschrieben haben. Das sind kluge und unerschrockene Frauen, aus Wissenschaft, Kunst, Sport und Mythologie. Sie alle beweisen: Das Meer war immer auch Schauplatz von Heldinnengeschichten.
Angefangen bei der Frau, die vom Meer geboren wurde: Aphrodite. Die Schönste der Schönen, kapriziöse Diva im Kanon der griechischen Göttinnen. Ihr Name wird oft von „aphros“ (= Schaum) abgeleitet, weshalb sie auch „die Schaumgeborene“ genannt wird. In vielen Erzählungen erscheint sie als Meeresgöttin, als „Pontia“ („die vom Meer“) oder als Schutzgöttin der Seefahrt.
Aphrodite erhebt sich aus den Wellen – das Meer ist sowohl ihr Ursprung als auch Quell ihrer Kraft als Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit. Schönheit, Grausamkeit, Macht, Raserei, all das vereinte sie in sich. Wer ihr blöd kam, musste damit rechnen, in einem entfesselten Sturm zu landen. Sie wurde nicht nur aus dem Meer geboren, sie herrschte auch darüber. Wenn aber heute über Meeresgötter sinniert wird, sind da Poseidon in der griechischen und Neptun in der römischen Mythologie. Aphrodite wird meist auf die Liebe reduziert.
Übrigens: Das östliche Mittelmeer gilt generell als Heimat gleich mehrerer Meeresgöttinnen. Die Titanin Tethys zum Beispiel, die alle Flüsse und Bäche geboren haben soll. Oder Amphitrite, die in einem von Delfinen gezogenen Muschelwagen fuhr, sich um Meeresbewohner kümmerte und Schiffen in Not half. Kurzum: Schon bei den antiken Griechen war das Meer auch Frauensache.
Das gilt laut Ehmer auch für eine Spezies, von der man es so gar nicht erwarten würde: Piraten. Jaja, die Freibeuter der Meere hatten eine Frau als Heldin. Sie hieß Jeanne de Clisson (1300 – 1359) und war eine bretonische Adlige mit ausgeprägtem Geschäftssinn. Nachdem König Philipp VI. von Frankreich 1343 ihren Ehemann hinrichten ließ, schwor Jeanne Rache gegen den König und ganz Frankreich. Sie verkaufte ihre Ländereien und baute die „Schwarze Flotte“, Piratenschiffe. Anders als die Freibeuter ihrer Zeit setzte Jeanne auf Bogenschützen an Bord, die sehr gezielt die Mannschaft eines anderen Schiffes abräumen konnten. Ihre „Schwarze Flotte“ wurde zu einer der erfolgreichsten Raub-Flotten der Weltgeschichte und Jeanne zur „Löwin der Bretagne“. Im Ärmelkanal griff sie französische Schiffe an. Immer ließ sie die gesamte Besatzung erschlagen – bei hochrangig Gefangenen legte sie sogar selbst Axt an. Einen Mann der Besatzung ließ sie jedoch am Leben, damit dieser ihre Botschaft verbreiten konnte und der blutrünstige Gruß auch bei König Philipp ankam.
Und: Sie besaß ein Gespür für spektakuläre Inszenierungen. Einmal ließ sie die Leichen einer ganzen Mannschaft am Mastbaum aufhängen. Wie Früchte baumelten sie reglos nebeneinander, als ihr Schiff führerlos der Küste entgegentrieb. Ganz Frankreich erfuhr davon und kannte von nun an den Namen der wohl größten Freibeuterin der Meere: Jeanne de Clisson.
Es waren ihre Schiffe – schwarzer Rumpf, rote Segel – die zur Inspiration für unzählige Piraten wurden. Die wenigen Malereien und Stiche, die von ihr existieren, zeigen eine Frau mit lockigem Haar in Kettenhemd und Panzer; in der Hand stets einen Schild oder ein Schwert, stolz und aufrecht. 13 Jahre lang trieb Jeanne de Clisson ihr Unwesen auf See. Sie hätte sich wohl niemals vorstellen können, dass Frauen in der Piraterie eines Tages zu „Piratenbräuten“ degradiert werden würden.
Eine weitere Heldin des Meeres, die ziemlich hart drauf war, war die Isländerin Thuridur Einarsdóttir (1777 – 1863). Sie war die berühmteste und erfolgreichste Kapitänin an Islands Südwestküste. Bereits als Elfjährige ging Thuridur mit dem Kajak ihres Vaters auf Erkundungsfahrten und studierte die Wanderrouten der Schellfische, Kabeljaus, Störe und Butterfische. Ihr Gespür für die Verstecke der Fische verschlug den rauen Seefahrern den Atem. Wenn Thuridur in See stach, kam sie mit ordentlich Fisch zurück. Wer in isländischen Gewässern ein Boot anführte, wurde „Vormann“ genannt. Als „Vormann Thuridur“ ging sie in die Geschichte ein.
Gegen den Willen ihres Vaters – ebenfalls ein Fischer – trug sie an Bord die für Männer üblichen Lederhosen und keinen langen Wollrock. Denn der hätte sie, sollte sie kentern, für immer in die Tiefe gezogen. Noch dazu galt Thuridur als Kapitänin mit siebtem Sinn fürs Wetter. Sie spürte es, wenn sich hinter der ruhigen See ein Sturm verbarg. In 24 Jahren als Vormann verlor Thuridur nicht ein einziges Mitglied ihrer Besatzung. Trotz alledem ist auch Thuridur Einarsdóttir im kollektiven Gedächtnis der IsländerInnen untergegangen.
Erst 140 Jahre nach ihrem Tod wurde Thuridur wieder an die Oberfläche geholt. Die amerikanische Anthropologin Margaret Willson recherchierte über die Rolle der Frauen in der isländischen Fischerei (denn dort gab es viele) und entdeckte 1999 eine Tafel im Hafen, die an die große Kapitänin Heldin der Fischerei erinnerte. Thuridurs Geschichte erschien daraufhin in Zeitungen und Magazinen, ihre Wirkungsstätten wurden restauriert. Auch die Geschichte von Elinor Mordaunt (1872 – 1942) verschwand in der Tiefe des Ozeans. Dabei war sie eine der größten Weltreisenden der Geschichte. Elinor Mordaunt war das Pseudonym der britischen Autorin Evelyn May Clowes. Ihre wahre Passion aber war nicht das Schreiben, sondern das Reisen. Mit ihren Reisereportagen, die u. a. regelmäßig in der Daily News veröffentlicht wurden, konnte Elinor ihre Reisen finanzieren.
Ihr „Buch der Abenteuer“ handelt von einer Frau, die allein durch die gesamte Südsee reist. Es ist ihre eigene Geschichte. Mitte der 1920er Jahre fährt Elinor Mordaunt von London aus mit Schiffen über den Panamakanal nach Tahiti und Samoa, zu den Fidschi-Inseln bis nach Sydney. Sie reist als Passagierin auf Frachtschiffen, immer wieder heuert sie als Aushilfskraft an, um weiterzukommen. Auf Schiffen mit rauen Matrosen und reichlich Ungeziefer erreicht sie die abgelegenen Eingeborenen-Dörfer auf den Südsee-Inseln. Sie lernt deren Menschen, ihre Kultur, Sitten und Gebräuche kennen.
Samoa deprimiert Elinor. Verfallene Hotels, überwucherte Kokosplantagen, die Spuren eines sich auflösenden Kolonialismus. Auf Tonga hingegen kommen ihre Lebensgeister zurück, ein Archipel mit üppigster Vegetation, glasklarem Ozean, Grotten in unnachahmlichem Blau und mit erotischen Eingeborenen-Tänzen. Elinor wird zu Großbritanniens „Südsee-Korrespondentin“.
Später reist sie weiter nach Asien und nach Afrika. Sie besucht jeden Kontinent, kann als eine der wenigen Frauen der Jahrhundertwende von sich behaupten, fast die ganze Welt gesehen zu haben. Zuhause fühlt sie sich am ehesten auf dem schwankenden Deck eines Schiffes, ganz gleich bei welchem Wetter versetzt das Meer sie in Euphorie. 50 Bücher sind aus ihren Reisen entstanden. Und dann wäre da noch eine Frau, die wohl auch Jules Verne mundoffen hätte stehen lassen: Marie Tharp (1920 – 2006). Sie kartierte als Erste den atlantischen Meeresboden. Ihre Karten veränderten weltweit das geologische Denken und bestätigten die Theorie der Kontinentaldrift. Trotz anfänglicher Skepsis – weil Marie eine Frau war – gelang es ihr, eine wissenschaftliche Revolution zu initiieren, die die Grundlagen der modernen Meeresgeologie legte.
Die Sache hatte nur einen Haken: Die Pionierin der Ozeanografie durfte kein Forschungsschiff betreten. Frauen waren zu ihren Lebzeiten an Bord verpönt. So muss Marie Tharp das geologische Weltbild vom Schreibtisch aus revolutionieren. Dazu setzt sie die Einzeldaten von Echolotmessungen in einer unendlichen Puzzlearbeit zusammen. Das Ergebnis ist eine Sensation: Zu sehen ist, dass sich quer durch den Atlantik zwei Gebirgsketten ziehen. Und in ihrer Mitte: eine tiefe Senke. Damit liefert Marie den Beleg für die sogenannte Kontinentaldrift, die ständige langsame Bewegung der Kontinentalplatten.
Die männlich dominierte Wissenschaftswelt, die ihre Thesen zunächst als „Girls Talk“ abkanzelt, muss ihr schon bald recht geben.
Dass sie überhaupt Geologin werden durfte, hatte sie Pearl Harbour zu ver-danken. Als Japan 1941 den amerikanischen Stützpunkt angreift und die USA in den Zweiten Weltkrieg eintreten, gibt es auf einmal jede Menge Jobs für Frauen. Mit einem Studium der Geologie könne man, so die Werbung der Uni, einen Job in der Erdölindustrie kriegen. Dort landet Marie anfangs auch, geht dann aber als geologische Zeichnerin an die Universität Colombia. Ihr Chef Bruce Heezen fährt übers Meer, um die Daten zu sammeln – Marie wertet sie aus. Anerkennung wird ihr erst gegen Ende ihres Berufslebens zuteil. Sie erhält mehrere Awards und Ehrungen. Google Earth inkludiert ihre Karte 2009. Ihre frühere Wirkungsstätte ruft 2004 das Marie-Tharp-Stipendium für Frauen und 2019 die Marie-Tharp-Forschungsprofessur ins Leben. Zuletzt erhält im März 2023 ein Forschungsschiff der US-Marine ihren Namen.
Eine, die einen Großteil ihres Lebens nicht am Schreibtisch, sondern auf einem Segelboot verbracht hat, ist die Französin Isabelle Autissier. Sie ist die erste Frau, die im Rahmen einer Segelregatta „einhand“ (alleine) die Welt umrundete. Die französische Seglerin, Autorin und Umweltschützerin wurde am 18. Oktober 1956 in Paris geboren. Mit sechs Jahren beginnt sie zu segeln, gefördert von ihrem Vater.
Mit zwölf fasst sie den Entschluss, irgendwann allein um die Welt zu segeln und beginnt mit ersten Vorbereitungen. Aber zuvor will sie eine Ausbildung machen. Sie wird Ingenieurin für Meereswissenschaften und Fischereiforschung. Dann 1986 ist es endlich so weit. Isabelle segelt mit der rund neun Meter langen Stahlyacht „Parole“, an deren Bau sie drei Jahre gearbeitet hatte, allein über den Atlantik. 1991 gelingt ihr eine Weltumrundung. Stürme mit „sieben Stockwerken hohen Brechern“, die über 20 Stunden gehen, sind keine Seltenheit.
1995 sinkt ihr Boot während einer Regatta. 1999 passiert es ihr nochmal und nur, weil das gekenterte Boot kieloben treibt, kann sie in letzter Sekunde gerettet werden. „Ich will das Schicksal nicht noch mal herausfordern“, sagte sie danach und beendete ihre Profikarriere. Auf die Frage, was sie am Segeln am meisten gereizt habe, antwortete sie: „Das Erleben der ungeheuren, grenzenlosen Macht des Meeres und dieser Macht zu begegnen.“
Seit 2009 ist Isabelle Autissier Präsidentin von WWF Frankreich und setzt sich für den Schutz der Meere ein.
Jede der 16 „Heldinnen der Meere“, die Kerstin Ehmer porträtiert, beweist: Frauen und Meer, das ist einfach atemberaubend. Wen interessiert da noch Moby Dick.
Kerstin Ehmer: Heldinnen der Meere (mare, 34 €)
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