Im Bikini gegen Fundamentalisten!

Algerierinnen am Strand
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Randa war beim ersten Mal dabei. Nicht zufällig hatten sie und ihre Mitstreiterinnen sich für ihre große Premiere den 5. Juli ausgesucht, den algerischen Unabhängigkeitstag. Denn auch den rund 40 Frauen, die sich an diesem Tag am Strand von Annaba versammelten, geht es um Unabhängigkeit. Diesmal aber stehen nicht mehr die französischen Kolonialherren ihrer Freiheit im Weg, sondern reaktionäre und frauenfeindliche Algerier. Solche, die Frauen, die es wagen, im Badeanzug oder gar Bikini an den Strand zu gehen, sofort in ihre Schranken verweisen: durch sexuelle Belästigung, abfällige Bemerkungen und Pöbeleien.

Es geht um viel mehr als nur Schwimmen!

Deshalb haben sie sich in der 285.000-EinwohnerInnen-Stadt im Nordosten Algeriens nun zusammengetan. In einer geheimen Facebook-Gruppe verabreden sie sich zweimal pro Woche, um mit vereinten Kräften gegenzuhalten gegen den immer stärker werdenden Druck der religiösen Fundamentalisten. Ihre Guerilla-Taktik: Niemand außer den Facebook-Frauen kennt Ort und Zeit der Aktion. So überraschen sie die Möchtegern-Sittenwächter mit ihrem Auftritt in Badeanzügen und Bikinis.

„Wir haben uns total wohl und entspannt gefühlt unter so vielen Frauen. Wir waren in der Mehrheit und das hat uns ganz viel Sicherheit gegeben“, schwärmt Randa von der Premiere am Unabhängigkeitstag. „Ich selbst habe mich immer geweigert, mir von solchen Männern meine Freiheit einschränken zu lassen“, sagt die 22-Jährige. Aber viele Frauen trauen sich das nicht.“ Jetzt trauen sie sich: Die Facebook-Gruppe der Freischwimmerinnen hatte schon in der ersten Woche 1.500 Mitglieder, inzwischen sind es über 3.200. An der zweiten Schwimmaktion, drei Tage nach der Premiere, nahmen schon 200 Frauen teil.

Sie alle wissen: Es geht nicht nur ums Schwimmen, sondern um viel mehr: die Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum. Den wollen sie sich zurückerobern. „Wenn wir das nicht tun, riskieren wir, von den Stränden verbannt zu werden, wie es jetzt schon in bestimmten Cafés passiert. Die Straße ist von Männern bevölkert. Und die Frauen nehmen sich immer mehr zurück, weil sie immer öfter Opfer sexueller und moralischer Belästigung werden.“

Der Druck auf die Frauen wächst. Während des Ramadan, der jüngst zuende ging, wurden immer mehr Frauen „moralisch belästigt“: Reaktionäre Patriarchen fotografierten Frauen, die am Strand keinen „züchtigen Burkini“ trugen, und stellten sie im Internet an den virtuellen Pranger. Begleitet von Sprüchen wie „Wo sind eure Väter?“, „Geht euch anziehen!“ oder „Leichte Mädchen“. Badeanzug und Bikini, pöbelten sie, seien „Symbole des Okzidents“ und widersprächen islamischen Normen.

Es war der letzte Tag des Ramadans, der 24. Juni, als Sara beschloss, die Frauen-Facebook-Gruppe zu gründen. Die 27-Jährige, die eigentlich anders heißt, war zur Feier des Tages mit ihrer Familie an den Strand von Annaba gegangen. Hätte sie sich ausgezogen, wäre sie die einzige Frau im Badeanzug gewesen. Sie wagte es nicht. Aber als sie wieder zu Hause war, setzte sie sich an den Computer und schrieb den Aufruf.

Am 10. Juli erscheint in der Zeitung Le Provencial ein Artikel über die Frauen-Schwimm-Aktion, was weitere Mitglieder bringt. Zum Beispiel Souad: „Ich hatte die Nase voll davon, zwischen Schleiern und Kopftüchern zu schwimmen“, sagt die 53-Jährige, die vor sieben Jahren in ihre Geburtsstadt Annaba zurückkehrte. „Ich erkenne meinen Strand nicht mehr wieder. Die ganze Stadt hat sich total verändert, das schmerzt mich sehr.“

Die Frauen wollen weiter kämpfen!

„Wir wollen die Gesellschaft langsam, aber stetig verändern“, sagt Gründerin Sara. „Das können wir nur schaffen, indem wir die Männer an den Anblick dessen gewöhnen, was sie als verboten betrachten. Sie müssen ja ihren Blick auf die Dinge nicht ändern, aber wir wollen ihnen einbläuen, dass sie andere Sichtweisen tolerieren und akzeptieren müssen.“

Und das gilt nicht nur für den Strand, sondern auch für die Straße. Wenn die Sommersaison zu Ende geht, wollen die Facebook-Frauen von Annaba weitermachen: „Jetzt, wo wir eine eingeschworene Gemeinschaft sind, haben wir beschlossen, dass wir dafür kämpfen werden, dass wir unsere Kleider und Röcke das ganze Jahr hindurch tragen können, ohne beschimpft und beschuldigt zu werden“, sagt Sara. „Im 21. Jahrhundert haben sogar die Algerierinnen das Recht dazu!“

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Die ganze Welt hat weggesehen

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Es war eine Zeit ohne Gesetz und Glauben. Das Land versank in Flammen und im Blut. Die führungslos gewordenen Islamisten waren in den Städten und Bergen verstreut, unkontrollierbare und tödliche Metastasen. Vor unseren Augen verwandelten sie sich unter dem Vorwand des Gottesgehorsams Schritt für Schritt in unvorstellbare Monster. Sie formierten sich zu einer tödlichen Offen­sive, gaben den Ton an und säten Terror. Der Front Islamique du Salut (FIS) und seine Anhänger, die man um den Wahlsieg gebracht hatte, enthüllten immer mehr ihre wahre Natur (Anm.d.Red.: Die algerische Militärregierung hatte 1993 einen drohenden Wahlsieg der Islamisten verhindert, indem sie deren Partei verbot). Das Land glitt in den Bürgerkrieg.

Unsere Leben glitten in die Barbarei, im Stiefel-Schritt der Allah-ist- Mächtigen

Nachbarn töteten Nachbarn, Brüder ihre Brüder, Schmerz und Entsetzen spiegelten sich in den Blicken der Mütter. Unsere Leben glitten in die Barbarei, im Stiefel-Schritt der Allah-ist-Mächtigen. Dunkle Wolken stiegen gen Horizont und verpesteten die Luft. In diesem Jahr 1994 waren die Mauern der Stadt bedeckt mit den Parolen der GIA, dem bewaffneten Arm des FIS. Er befahl den Mädchen und Frauen unter ­Androhung der Todesstrafe, sich zu verhüllen: in den Straßen, den Schulen, den Büros und den Krankenhäusern; auf den Feldern, in den Häusern – bis hin vor die Spiegel und in die Betten, wenn sie gekonnt hätten. Sie akzeptierten nur die Frauen, die sich ihren Phantasmen beugten.

1994 erreichte der Horror seinen Höhepunkt. Die Frauen wurden zur Zielscheibe der kollektiven Gewalt, aufgrund der Verletzlichkeit ihrer Körper und des Schreckens in ihren Blicken. Die Trunkenheit der verdrängten Sexualität der Mörder brach sich Bahn. Also begann die lange Liste der unzählbaren Verbrechen, bis hin zum Femizid.

Aufgrund der schlichten Tatsache, Frauen zu sein, lebten wir nun alle in ­dieser Bedrohung. Bis dahin hatten die ­Islamisten ihre Opfer aufgrund ihrer Taten gewählt, weil sie: schrieben, dachten, sangen, filmten. Ab 1994 wählten sie uns, weil wir Frauen waren. Die religiösen Fanatiker vergewaltigten uns, versklavten uns, ermordeten uns. Verschleiert oder nicht!

Denn in den Dörfern, wo diese barbarischen Akte serienweise vollzogen wurden – Vergewaltigung, Kidnapping, Folter, Aufschlitzung – waren da die Frauen und Mädchen nicht schon längst verschleiert? Doch die Barbaren hatten im Herzen unserer Religion einen Vorwand gefunden, ihren Frauenhass heilig zu sprechen. Genauer gesagt: den Hass auf das Geschlecht der Frauen, denn jede Art Menschlichkeit sprachen sie uns ab.

Frauen wurden zur Zielscheibe der kollektiven Gewalt

Sie wollten uns ein Stigma aufzwingen, das uns unterschied und zu den Anderen machte: das Kopftuch, das unser Geschlecht in den Augen aller gleichzeitig verhüllt und enthüllt. Eine Methode, Frauen zu reduzieren auf ihren erotischen Körper und so zu entmenschlichen. Entmenschlichung ist der erste Schritt in die Barbarei.

„Jede Frau aber, die betet oder weissagt mit unbedecktem Haupte, entehrt ihr Haupt; denn es ist ein und dasselbe, wie wenn sie geschoren wäre. Denn wenn eine Frau nicht bedeckt ist, so werde ihr auch das Haar abgeschnitten; wenn es aber für eine Frau schändlich ist, dass ihr das Haar abgeschnitten oder sie geschoren werde, so lass sie sich bedecken. Denn der Mann freilich soll nicht das Haupt bedecken, da er Gottes Bild und Herrlichkeit ist; die Frau aber ist des Mannes Herrlichkeit.“ Apostel Paulus in den Korintherbriefen.

Die islamistischen Wortführer waren in den Abgrund der Zeit gefallen. Eher Anhänger des Apostel Paulus als des Propheten Mohammed gaben sie ihrer bestialischen Sexualität freien Lauf. Blida, die Stadt der Rosen, am Anfang des fruchtbaren Tales Mitidjal, wurde zum Zentrum der Barbarei. Die dem Gotteswahn Verfallenen beherrschten die von ihnen „befreite“ Region. Hier liegt Meftah, nur hundert Kilometer von Algier entfernt, eine kleine Stadt ohne Geschichte, bis …

Am 28. Februar 1994 schießt ein sehr junger Islamist, umringt von seinen Kumpeln, auf Katia. Dann flieht er.

Du hattest dich geweigert, dich zu verschleiern. Und du hattest sehr vernehmlich gesagt, warum du dich weigertest. Diese Kreaturen mit dem verwirrten Geist und der barbarischen Seele waren überzeugt von ihrem Recht über dein Leben, Katia, und über das aller in ihrem Umfeld. Sie waren besessen von dieser absoluten „Wahrheit“, die ihre archaischen ­sexuellen Instinkte edelte, ihr tierisches Begehren legitimierte im Namen eines blutigen und rächenden Gottes. Ein Gott, der die Frauen hasst und von dem sie ­behaupten, es sei der Gott des Islam.

Entmenschlichung ist der erste Schritt in die Barbarei

Es genügte für sie, dass eine Einzige ­widerstand, um in einer infernalen Welt zu versinken, die nach Blut und Leichen riecht, jenseits unserer belebten Welt. Sie waren besessen von ihrem Gott in einem Buch, das sie noch nicht einmal verstanden. Sie haben dich ihrer Obsession geopfert.

Bis zu deinem Tod hast du dich gegen das Delirium dieser Kreaturen gewandt. Du kanntest sie, du begegnetest ihnen auf der Straße, am Schulausgang, in den Geschäften, sie verfolgten dich. Seit Tagen strichen sie um dich herum, verstärkten den Druck, drohten. „Kleine Halunken“ wird dein Vater sie nennen. Leider waren sie mehr als das: Monster, programmiert zum Töten. 

Monster, die sich Zeit nahmen für ihre Absichten und damit begannen, die Bevölkerung einzuschüchtern. Sie erfanden und diktierten ihre Gesetze im Viertel – und die Bewohner der Stadt sahen weg. Sie dachten, es ginge vorüber und es würde genügen wegzusehen. In allen Vierteln, in allen Städten haben die ­Bewohner weggesehen. Ein Land der Wegseher. Wir waren Tausende und Abertausende, die weggesehen haben. Also hatten sie schnell raus, wer nicht wegsah. Die Aufrechten, die versuchten, uns ein Stück ihres Mutes und ihrer Hoffnung weiterzugeben, haben sie getötet. 

Wo war der Mut geblieben in diesem Land, das sich einst „das Land der freien Menschen“ nannte? Auf deinem kindlichen Gesicht, Katia, in deinen Augen, die der sich seit langem ankündigenden ­Tragödie geradewegs ins Gesicht gesehen hatten, um sie aufzuhalten.

Meftah, diese unbedeutende Stadt, konfrontiert uns mit deinem Tod am 28. Februar 1994. Ich bin nie nach Meftah gegangen. Ich werde nie hingehen, aus Angst, nichts zu sehen; aus Angst, noch einmal Zeuge zu werden, wie die vergängliche Zeit uns wieder in diese graue und hässliche „Normalität“ zurückfallen lässt. Denn wir müssen die lebendige Erinnerung an die Barbarei im Herzen behalten, um nicht wieder darin zu versinken!

Er hat mit einem Gewehr mit abgesägtem Lauf auf dich geschossen

Dein Mörder hat mit einem Gewehr mit abgesägtem Lauf auf dich geschossen. Ich weiß nicht genau, was das bedeutet, ein abgesägter Gewehrlauf; egal, er hat geschossen und ist geflohen. Dich hat er auf dem Bürgersteig liegen lassen, in einer Lache von Blut. Rot wie das Rot der Nelken in dem Kranz aus Nelken und weißen Margeriten, den vier junge Männer auf dein Grab gelegt haben. 

Sie gingen neben deinem Vater in diesem Dokumentarfilm der BBC, der durch die ganze Welt ging. Ich habe diesen Film in einem Flur der UNO gesehen; zusammen mit Diplomaten, die um Worte rangen zur Verurteilung dieses Verbrechens. Sie wanden sich, in Sorge, die Muslime und ihre Repräsentanten zu beleidigen; diese Repräsentanten, die sich hüteten, die Verbrechen im Namen des Islam zu verurteilen. Was für ein Triumph der Barbarei.

Wassyla Tamzali
ist Juristin und war lange Jahre Leiterin der Abteilung Frauenrechte der Unesco. Die Tochter eines Algeriers und einer Französin lebt heute zwischen Algerien und Paris.

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