Die bengalische Löwin

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Sie ist die einzige Frau in der Männerrunde. Inmitten des tristen Graus der Herrenanzüge leuchtet ihr pinkfarbener Sari provokant. Die Gynäkologin Taslima Nasrin ist 31; aber sie sieht jünger aus, mädchenhaft zart. Doch sie ist weder zart noch mädchenhaft. Sie ist eine starke Frau mit dem Mut einer Löwin und der Kraft eines Elefanten. Taslima Nasrin ist die einzige Frau, die in ihrem Heimatland Bangladesch ihre Stimme laut gegen die Fundamentalisten erhebt und ihre Schwestern auffordert, um ihre Ehre, ihre Würde und ihr Leben zu kämpfen.

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Bei „Arte" geht es an diesem Abend im Mai um Journalistinnen, die für die Pressefreiheit ihr Leben riskieren. Zwei in der Runde werden von islamischen Fundamentalisten bedroht, einer ist der Chefredakteur von „El Watan" („Die Wahrheit") aus Algier. Die andere ist die Ärztin aus Bangladesch, die nebenbei Bücher und Zeitungskolumnen schreibt und weltweit der „weibliche Salman Rushdie" genannt wird. Gegen den in England lebenden Inder verhängte Ayatollah Khomeini 1989 wegen des angeblich „blasphemischen" Buchs „Die Satanischen Verse" das Todesurteil - die „fatwa". Zur Ermordung Taslima Nasrins rief im Herbst 1993 der bengalische „Rat der Soldaten des Islam" auf. Anlaß: ihr Roman „Lajja" (Schande).

Nasrin hackte das 70 Seiten dünne Bändchen in sieben Tagen in die Maschine, nachdem fanatische Hindus in Indien eine muslimische Moschee niedergebrannt hatten. In Indien sind die Moslems in der Minderheit, in Bangladesch stellen sie die Mehrheit. In Nasrins Roman „Schande" geht es um eine diskriminierte hinduistische Lehrer-Familie ui der bengalischen Hauptstadt Dakha: Nach dem Überfall auf die indische Moschee richtet sich die Rache der bengalischen Moslems gegen die Tochter des Lehrers; zuerst vergewaltigen die Fundamentalisten das Mädchen, dann töten sie es.

Taslima Nasrin weiß aus eigener Erfahrung: „Wenn Männer zu Fanatikern werden, geht es immer zuerst gegen die Frauen. Sie stülpen ihnen den Tschador über, um ihre eigene Blöße zu verbergen, und sie fordern, daß sie sich strikt an all die Regeln zu halten habe, die Männer so leicht und gerne brechen." Nasrins Buch wurde ein Bestseller: nach wenigen Tagen waren 50.000 Exemplare verkauft. Vor allem junge Frauen in Bangladesch begeistern sich für die Schriften der gelernten Gynäkologin. Die Regierung reagierte rasch und verbot das Buch. „Einige Passagen in dem Roman verletzten die religiösen Gefühle von vielen", begründete ein Sprecher des Außenministeriums gegenüber „Time" die Zensur.

Aber dabei blieb es nicht, aus der geistigen Gewalt soll nun auch noch physische Gewalt werden. Die muslimischen „Soldaten", die im Namen Allahs Menschen ermorden, setzten ein Kopfgeld von rund 2.000 Mark auf Taslima Nasrin aus - im bitterarmen Bangladesch ein wahres Vermögen. Am 1. Oktober 1993 zogen 10.000 Menschen durch die Straßen von Dakha und Sylhet; sie skandierten: „Hängt sie auf! Hängt sie auf!" und „Verbrennt ihre Bücher!" Im Dezember versammelte sich eine aufgebrachte Männermenge vor dem Appartmenthochhaus, in dessen zehnten Stock die Gynäkologin seit Monaten wie eine Gefangene lebt, ohne ihren Beruf ausüben zu können. Die Eiferer unten auf der Straße schrien: „Brecht ihr die Beine! Brecht ihr die Beine!" - so laut, daß es bis in Nasrins Gefängnis hinaufdrang. Taslima Nasrin wurde unter Polizeischutz gestellt - allerdings erst nach Intervention von amnesty international (ai) und dem internationalen Schriftstellerverband PEN.

„Sicher bin ich trotzdem nicht", klagte die Schriftstellerin Anfang Mai in „Arte". Und daran ändert auch die Tatsache nichts, daß Bangladesch seit 1991 von einer Frau regiert wird. Die Minderheitsregierung unter Premierministerin Begum Khaleda Zia ist auf die Unterstützung der Fundamentalisten im Parlament angewiesen. Um es den Fundis recht zu machen, wurde Taslima Nasrins Buch verboten und seiner Autorin zeitweilig sogar der Paß abgenommen. Dabei will die kleine Frau mit dem großen Mut ohnehin nicht fliehen: „Ich beantrage kein Asyl in einem fremden Land. Ich bleibe und schreibe weiter."

Der Skandal ist, daß eine Frau öffentlich Kritik am Islam übt und gegen die Unterdrückung von Frauen zu Felde zieht, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. 14 Bücher tragen Nasrins Namen. Ihre Themen kreisen nahezu ausschließlich um Frauen: weibliche Sexualität und weiblicher Orgasmus, Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe, „Femizid an weiblichen Säuglingen, Vielehe, Schleierzwang, Ausschluß der Frauen aus der Öffentlichkeit sowie die Frauenfeindlichkeit des Koran und der islamischen Gesetzbücher: „Das Verhältnis von Mann und Frau in den islamischen Schriften ist eines von Herr und Sklavin."

Die Bengalin scheut sich nicht, über die muslimischen Fundamentalisten zu schreiben: „Sie wollen die Frauen zu Gefangenen machen. Sie legen sie in Ketten." Und über patriarchale Kapitalisten: „Der Kapitalismus macht die Frauen zu Waren, wandelt sie in Konsumgüter um und kettet sie ebenfalls an. Woher stammt die Kraft, die hinter dem Satz steht: „Ich will überhaupt keine Ketten - weder die einen noch die anderen"? Über Taslima Nasrin ist wenig bekannt. Sie spricht kaum Englisch und gibt selten Interviews. Ihre Bücher wurden bislang nicht übersetzt; doch demnächst soll in England ein Gedichtband erscheinen.

Bekannt ist lediglich, daß die bengalische Feministin aus dem ländlichen Norden stammt, aus der Kleinstadt Mymensingh, 90 Kilometer nördlich von Dakha. Zu schreiben hat sie mit 15 begonnen, weiß „Time": „Ihre feministischen Themen entwickelte sie während ihrer Studienjahre." In den meisten Texten aus jener Zeit spiegle sich ihr „Zorn über die Bevorzugung ihrer Brüder", über Männerrechte, die Frauen verweigert werden. Die FAZ schreibt: „Als sie 1984 ihren medizinischen Grad erworben hatte, stellte sie fest, daß sie ihr Boß nicht als Ärztin, sondern als Frau behandelte. Als sie protestierte, wurde sie in ein abgelegenes Dorf versetzt." Seither ergreift Nasrin Partei für Frauen, und sie durchschaut die Tricks der Männer.

In einer von Nasrins Zeitungskolumnen heißt es: „Es gibt einige Ignoranten, die sagen: Frauen selber seien ja die Feinde der Frauen, weil die Schwiegermütter Spaß am Tyrannisieren ihrer Schwiegertöchter haben. Aber jede Frau ist Opfer der patriarchalen Gesellschaft. Als die Schwiegermutter selbst Schwiegertochter war, erlitt sie dasselbe Schicksal." Zwar ist in Bangladesch der Islam seit 1988 Staatsreligion, doch bislang galt das Land nicht als fundamentalistische Hochburg. Rechtlos waren Frauen trotzdem.

Das offizielle Erbrecht beispielsweise regelt, daß Söhne drei Viertel des elterlichen Besitzes bekommen und Töchter nur ein Viertel. Frauen dürfen sich den Ehemann nicht selbst aussuchen. So war es immer, doch die Lage spitzt sich zu. Die Regierung erließ im vergangenen Jahr Bekleidungsvorschriften für Frauen: Ein „Sari" hat seitdem 1,22 Meter breit und 5,54 Meter lang zu sein, damit „religiöse und soziale Werte gewahrt" werden. Amnesty international berichtet, daß bei Frauen zunehmend islamisches Recht angewandt wird.

Im April 1992 wurden die 14-jährige Shefali und ihre Mutter von einem sogenannten „Dorfschiedsgericht" oder „salish" zu je 100 Stockschlägen verurteilt. Das Mädchen Shefali war von einem Dorfältesten vergewaltigt und davon schwanger geworden. Der Täter war Mitglied des „salish" und somit ihr Richter. Shefali verlor; sie konnte ihre Vergewaltigung nicht „nachweisen". Das kann keine Frau nach islamischem Recht („scharia"), denn sie braucht vier erwachsene muslimische Männer mit gutem Leumund, die den Gewaltakt bezeugen. Das Gericht bestrafte die Mutter gleich mit, die sich auf die Seite der Tochter gestellt und den Dorfältesten beschuldigt hatte, ai berichtet von einem zweiten Fall: Am 10. Januar 1993 wurde eine junge Frau namens Noorjahan Begum im Dorf Chatakchara zum Tod durch öffentliche Steinigung verurteilt, weil sie nach einer Scheidung einen anderen Mann geheiratet hatte.

Würde die „scharia" auf Taslima Nasrin angewandt, wäre sie schon zweimal gesteinigt worden, weil sie zweimal verheiratet war - mit einem Dichter und einem Journalisten - und sich zweimal scheiden ließ. „Ein dämonischer Mann hat Besitz von meinem Leben ergriffen. Er benutzt meinen Körper, wann immer er will", heißt es in ihrem Gedicht „Hochzeit" von 1987. Taslima Nasrin ist sich sicher, daß die dämonischen Männer sie „eines Tages im Namen Gottes töten" werden. Aber von ihnen beherrschen läßt sie sich nicht. Ohne Angst sagt sie ihnen schlicht ins geifernde Gesicht: „Ich bin stolz, daß ich eine Frau bin." Kurz vor Redaktionsschluß erreichte uns die Nachricht, daß gegen Taslima Nasrin Haftbefehl erlassen worden ist. Sie ist untergetaucht und wird von der bengalischen Polizei gejagt. Der Grund: Die Feministin hatte in einem Interview mit der indischen Zeitung „Statement" den Koran kritisiert und gesagt: „Fortschrittliche Männer und Frauen sollten nicht religiös sein.

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