Jetzt abstimmen gegen Männerwiki!

Seit Jahren gärt eine Debatte darüber, wie der verschwindend kleine Anteil an Autorinnen in der Online-Enzyklopädie vergrößert werden kann (EMMA berichtete). Ein Dauerthema in diesen Debatten ist die geschlechtergerechte Sprache. Ein, zugegeben, nicht unkomisches Beispiel für die Problematik ist die Kategorie „Frauenrechtler“: eine Liste von Personen, die für Frauenrechte gekämpft haben und/oder kämpfen, auf der – Überraschung – fast nur Frauen, also FrauenrechtlerINNEN stehen. Jede Initiative, diese Kategorie umzubenennen, ist bisher gescheitert. Dennoch, in den vergangenen Jahren hatte sich an anderer Stelle tatsächlich etwas getan: Aus Studenten wurden zum Beispiel Studierende. Aus Professoren die „Professur“.

Solche Veränderungen laufen in der männerdominierten Wikipedia natürlich nicht ohne den Widerspruch ab. Und so erreichte uns gerade der Hinweis einer Leserin, der - gemessen an der Relevanz, die Wikipedia und auch der Trägerverein Wikimedia selbst der Erhöhung des Frauenanteils beimisst, dann doch für Irritation sorgt.

Ab Freitag, 31. Januar 18 Uhr wird in einem so genannten (LK)„Meinungsbilder“ darüber abgestimmt, das generische Maskulinum zur Regel in der Wikipedia zu erklären. Alle Abweichungen von der männlichen Form wären zumindest laut dieses Meinungsbildes ab dann nicht mehr erwünscht, wenn nicht gar verboten. Zehn Unterstützer braucht es, um einen solchen Meinungsbilder anzuschieben. Er dient zu „zur Klärung von Fragen, für die an anderer Stelle kein Konsens gefunden werden konnte“ (Wikipedia). Die deutsche Wikipedia hat über eine Million registrierte BenutzerInnen – davon 22.554 aktive Mitglieder. Der Frauenanteil liegt seit Jahren bei rund zehn Prozent.

Und das ist der Gegenstand der Meinungsbildung: „In der Wikipedia soll so geschrieben werden, wie es heute allgemein in der Schriftsprache üblich ist. Die so genannte ‚geschlechtergerechte Sprache’ ist heute im allgemeinen Sprachgebrauch kaum verbreitet. Daher soll sie in der Wikipedia nicht zum Einsatz kommen. Die Initiatoren des MB sprechen sich dafür aus, stattdessen das ‚generische Maskulinum’ zu verwenden. Diese im Deutschen überaus häufig verwendete Form (Beispiele: „Ärzte“, „Demonstranten“, „Lehrer“) dient dazu, Personen auf geschlechtsneutrale Art zu benennen.“

Es gibt, das ist das Pikante, nur zwei Abstimmungsoptionen: Pro generisches Maskulinum. Und pro Status quo. Sprich: die Aufrechterhaltung der Sprachregelung, wie sie bisher betrieben wird – also im Grunde ein weiteres pro generisches Maskulinum. Die Wikipedia in geschlechtergerechter Sprache zu verfassen, diese Forderung ist erst gar nicht aufgestellt worden.

Unfreiwillig komisch wird es bei den Begründungen. Zum Beispiel: „Die Zulassung von Alternativformulierungen der ‚gendergerechten’ Sprache könnte die Instrumentalisierung der Enzyklopädie WP für sprachpolitische Zwecke ermöglichen.“ Was ein sprachpolitischer Zweck ist, erfahren wir ebenso: „Eine politisch motivierte Umgestaltung von Sprache mit dem Ziel der Gleichstellung.“

DarĂĽber hinaus erhalten wir fachkundige Antworten auf die Frage, ob das generische Maskulinum ĂĽberhaupt diskriminierend ist. Vorweggenommen: Die Initiatoren des Meinungsbildung sind sich natĂĽrlich einig: Nein, ist es nicht!

Warum? Darum: „Der gedankliche Einschluss von Frauen erfolgt beim generischen Maskulinum so selbstverständlich und automatisch, dass von einer durch Sprache generierten oder gar perpetuierten Diskriminierung oder Nachordnung von Frauen nicht die Rede sein kann.“ Oder: „ Wer lediglich behauptet, er werde diskriminiert, muss nicht zwangsläufig auch faktisch diskriminiert sein. Das generische Maskulinum Studenten sorgt bei einigen lediglich für gefühlte Diskriminierung, ist aber kein Ausdruck tatsächlicher Diskriminierung.“ Oder: „ Das generische Maskulinum ist ein über Jahrhunderte gewachsener Bestandteil des Deutschen mit vielen sprachökonomischen, sprachlogischen und stilistischen Vorteilen.“

Die so genannten „extremen sprachpolitischen Ambitionen der Befürworter von Gender-Formulierungen“ (O-Ton) hingegen: unwissenschaftlicher Humbug. Damit ist die feministische Linguistik gemeint, klar. Was wohl ihre Begründerin, Luise Pusch, dazu sagt?

Wer sich die Mühe macht, den verklausulierten Text von vorne bis hinten durchzulesen, versteht schnell, worum es sich hier handelt: Um einen weiteren Vorstoß der außerordentlich aktiven Maskulisten-Szene innerhalb der Online-Enzyklopädie (EMMA berichtete). Dass sie mit diesem Antrag durchkommen, wäre selbst für die Wikipedia eine gehörige Überraschung.

Trotzdem: Liebe WikiWomen, jetzt ist es an euch! Die Abstimmung endet am 14. Februar.

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