Szene des Tanztheaters Pina Bausch. - © Ulli Weiss
Szene des Tanztheaters Pina Bausch. - © Ulli Weiss

Kindsmörderinnen

Ein hei√üer Sommertag Anfang Juli 1999. Der Nebenerwerbslandwirt Josef B. und zwei Kollegen betreiben "Kulturpflege im Auftrag des Landschaftsverbandes" und m√§hen die Uferb√∂schung des idyllischen Grubebachs im D√∂rfchen Westenholz bei Paderborn. Um 13.40 Uhr, wird sp√§ter im Polizeibericht vermerkt, sto√üen sie auf einen "handels√ľblichen gelblichen Zehn-Liter-Haushaltseimer aus Kunststoff, der an einem Vorsprung h√§ngt. Die Neugier der M√§nner ist geweckt: "Wir mussten erstmal nachschauen, was das √ľberhaupt war." Sie fischen den Eimer aus dem Wasser. Unter einer "wei√üen Plastikt√ľte ohne Aufschrift (an einer Seite aufgeschnitten)" und einer "35-Liter-M√ľllt√ľte der Marke Swirl" entdecken die Bauern einen "gelben Wertstoffsack", in dem die Leiche eines neugeborenen S√§uglings steckt. "Grausiger Fund", steht anderntags in der Neuen Westf√§lischen: "√úber die Mutter war bis Redaktionsschluss noch nichts bekannt."

Das "kleine M√§dchen" aus dem Grubebach in Westenholz ist nicht die einzige Kindst√∂tung, die allein in den vergangenen Monaten die Gem√ľter erhitzte. Die Headlines quillen √ľber von mordenden M√ľttern: "32-J√§hrige wollte ihre dreij√§hrige Tochter erw√ľrgen" (17. M√§rz 99); "Hoffnungslos verschuldete Frau t√∂tete ihre drei Kinder" (3. April 99); "19-J√§hrige l√§sst ihr Kleinkind verhungern" (28. April 99); "Wieder totes Baby in Abfallanlage gefunden" (7. Mai 99); "Mutter erstickt ihr zehn Stunden altes Baby im Keller ihres Hauses" (12. Mai 99); "Arbeitslose Krankenschwester t√∂tet ihre zwei Kinder" (19. Mai 99); "Drei tote Babys in Tiefk√ľhltruhe aufbewahrt" (4. Juni 99); "Bei 15-J√§hriger totes Baby entdeckt" (26. Juni 99); "Neugeborenes Kind in der Toilette ertr√§nkt" (30. August 99); "28-J√§hrige l√§sst ihr Baby verhungern" (9. Oktober 99); "Mutter erw√ľrgt ihre siebenj√§hrige Tochter" (2. Dezember 99); "S√§ugling in Stra√üengully gesteckt" (28. M√§rz 2000). "Kinder verdurstet: Mutter erhielt lebenslange Freiheitsstrafe" (9. Mai 2000).

Die Häufung der Fälle ist nur eine scheinbare. Laut Kriminalstatistik werden alljährlich in Deutschland etwa 240 null- bis sechsjährige Kinder umgebracht: von Fremden, Bekannten, entfernten oder nahen Verwandten. Tendenz nicht steigend. Auch der klassische "Kindsmord" - will sagen: die Tötung eines Säuglings "in oder gleich nach der Geburt" (§217 Strafgesetzbuch) - beläuft sich laut Bundeskriminalamt schon seit Jahren konstant auf 20 bis 30 bekannt werdende Fälle pro Jahr.

"Vermutlich ist die Dunkelziffer viel h√∂her", sagt Franz-Josef Richter, Staatsanwalt a.D., der vor seiner Pensionierung bei der Paderborner Staatsanwaltschaft Dezernent f√ľr Kapitalverbrechen war. Das best√§tigt auch Anke Rohde, Psychotherapeutin und Professorin f√ľr gyn√§kologische Psychosomatik an der Universit√§ts-Frauenklinik Bonn. Die Expertin geht davon aus, dass nicht alle S√§uglingsleichen, die in Damenbinden-Eimern, M√ľllcontainern, Toiletten, Gullys oder Fl√ľssen "entsorgt" werden, wieder auftauchen wie in Westenholz. Aber auch das war schon immer so.

"Es ist nicht mehr geworden", wei√ü Nicole Elping vom Familienministerium: "Es wird nur mehr dar√ľber berichtet." Warum? Eine Folge ist, hat das Meinungsforschungsinstitut Emnid erfragt, dass rund jedeR zweite Deutsche (55 %) f√ľr "Kindsmord" wieder die Todesstrafe einf√ľhren will. Ganz wie Gretchens Zeiten.

Goethes fiktives M√§dchen, das in Liebe zu Faust entbrannt war, von ihm sitzen gelassen wurde und aus Angst vor der Schande ihr uneheliches Kind ertr√§nkte, hat ein reales Vorbild: Susanna Margaretha Brandt, "ledige Dienstmagd" im Frankfurter Wirtshaus "Zum Einhorn". Sie wurde f√ľr schuldig befunden, ihr Neugeborenes "mit einer Schere und durch wiederholtes Sto√üen des Kindskopfes an die Wand" ermordet zu haben. Darum wurde sie auf dem Rossmarkt zu Frankfurt √∂ffentlich enthauptet.

Die Prozessakten der "Brandtin", wie Goethe sie nannte, "zeigen die v√∂llige Unaufgekl√§rtheit der jungen Frau", schreibt Heidrun Merk in einem Aufsatz √ľber "Weibliche Lebenszusammenh√§nge in Frankfurt 1760-1830": "Selbst die Schwester, anfangs ihre Vertraute, und die hinzugezogenen √Ąrzte erkannten Susannas bereits fortgeschrittenen schwangeren Zustand nicht." Das war 1772. Und heute - in diesen so aufgekl√§rten, so tabulosen Zeiten?

Ende 1998 hat der Spiegel "700 repr√§sentativ ausgew√§hlte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren" √ľber ihre Sexualaufkl√§rung und ihr Sexualverhalten befragen lassen. Mit dem Ergebnis, dass "die Jungen und M√§dchen von heute" beim ersten Mal "15,4 Jahre" alt sind. 90 Prozent wissen, was eine Vagina ist, und 80 Prozent k√∂nnen mit dem Begriff Klitoris "etwas anfangen". Drei Viertel kennen, "egal ob sie Geschlechtsverkehr hatten oder nicht, den Zeitpunkt, wann das Kondom nach dem Sex vom Penis gerollt werden muss". 70 Prozent "k√∂nnen sagen, wer in der Missionarsstellung oben und wer unten liegt". Ein Drittel hat "bis 19 Oralsex ausprobiert". Ein weiteres Drittel antwortete mit "Ja" auf die Frage, "ob sie sich vorstellen k√∂nnten, f√ľr 5.000 Mark mit jemandem zu schlafen, der sie gef√ľhlsm√§√üig kalt l√§sst". Das unmoralische Angebot.

Die Verk√§uferin Sonja S., j√ľngstes von acht Geschwistern von einem Bauernhof bei Cham in der Oberpfalz, liest nie den Spiegel". Sie sei von Bravo aufgekl√§rt worden, gab sie im M√§rz 1999 vor dem Regensburger Landgericht zu Protokoll. Beim "ersten Mal" war Sonja S. nicht 15, sondern 20. Wie man mit einem Kondom umgeht, wusste sie nicht, auch die Pille hat sie nicht genommen. Sonja S. hielt ihre Schwangerschaft geheim. Angeblich hat niemand ihren dicken Bauch gesehen, weder ihre Familie noch die Arbeitskolleginnen. Schlie√ülich glaubte die junge Frau selbst daran, dass sie gar nicht schwanger ist. Bis die Wehen einsetzten.

Ganz allein, ohne Hilfe, gebar die damals 21-J√§hrige im August 1996 auf der Toilette ihres Elternhauses einen "voll entwickelten und lebensf√§higen m√§nnlichen S√§ugling". Sonja ertr√§nkte "das Ding" im WC, packte es in eine Plastikt√ľte, warf es in den Bach hinterm Haus, putzte das Badezimmer, wusch sich selbst, verkroch sich im Bett, zog sich die Decke √ľber den Kopf - und tat so, als ob es "das Ding" nie gegeben h√§tte.

Sonja S. aus Cham in der Oberpfalz geh√∂rt zu den wenigen "Kindsm√∂rderinnen", wie sie der Volksmund noch immer ver√§chtlich nennt, die erwischt worden sind. Die neue Gen-Technik macht's m√∂glich. Ein Jahr, nachdem Urlauber die Leiche des Neugeborenen aus dem Wasser zogen, wurde Sonja S. durch einen genetischen Reihentest entlarvt, dem sich 224 Frauen und M√§dchen aus ihrem Heimatdorf freiwillig unterzogen - inklusive der Kindsmutter. "Ich bin froh, dass es jetzt aus ist", sagte die junge Frau, als sie von der Polizei festgenommen wurde. Offenbar brannte Sonja S. darauf zu gestehen - aber f√ľr ein Gest√§ndnis fehlten ihr die Worte.

"Wir sind eine ganz normale Familie", beteuert Sonjas Mutter vor dem Regensburger Landgericht. Allerdings sei √ľber "Intimes" nie geredet worden, sagt eine √§ltere Schwester: "Das macht jeder f√ľr sich aus." √úberhaupt sei auf dem Bauernhof wenig gesprochen worden. Die "Sprachlosigkeit" ist charakteristisch f√ľr Sonja S. und ihr "Umfeld", bescheinigt ihr ein psychiatrischer Gutachter.

Sprachlos war auch "die schlanke 23-J√§hrige" (S√ľddeutsche Zeitung) aus Piding bei Bad Reichenhall, die gleich zwei Schwangerschaften verheimlicht hat: "durch Mieder und weite Kleidung". Ihr erstes Kind hatte sie 1994 im Haus ihrer Eltern in Ainring zur Welt gebracht: "Weder von der Schwangerschaft noch von der Geburt soll die Familie etwas bemerkt haben." Der S√§ugling sei eine Totgeburt gewesen, steht im Vernehmungsprotokoll: Die Kindsmutter habe ihn "in Plastikt√ľten gewickelt und in einer Ecke des elterlichen Hauses versteckt". Als sie in eine eigene Wohnung in Piding umzog, hat sie die Leiche mitgenommen.

Das Skelett des ersten Kindes entdeckte die Polizei in einem W√§schekorb, nachdem der Vermieter die Leiche des zweiten Kindes gefunden hatte. Auch diesen S√§ugling gebar die 23-J√§hrige allein, in ihrer Badewanne in einem Mehrfamilienhaus. Nachdem es aus ihr herausgeglitten war, ignorierte die Frau "das Ding" und lie√ü es einfach liegen. Doch dann begann es zu schreien. Die "√ľberforderte Mutter" griff "zum Kissen", erstickte den S√§ugling und floh zu ihrer Zwillingsschwester, die nichts gewusst haben will. Nach vier Wochen schlie√ülich wunderte sich der Vermieter, dass sich in der Wohnung nichts r√ľhrte. Er schloss die T√ľr auf und stie√ü auf das tote Neugeborene in der Wanne.

Die "√ľberforderte Mutter" h√§tte es beseitigen k√∂nnen. Niemand hat zur Kenntnis genommen, dass sie schwanger war. Keiner hat sie st√∂hnen h√∂ren, als sie ganz allein in ihrem Badezimmer krei√üte und in der Badewanne niederkam. Es w√§re kein Problem gewesen, "das Ding", das schon vor der Geburt unsichtbar war, auch danach f√ľr immer unsichtbar zu machen. Hat die junge Frau es liegen lassen - sichtbar f√ľr den Vermieter, sichtbar f√ľr die Polizei, sichtbar f√ľr ihre Familie, sichtbar f√ľr die Journaille, sichtbar f√ľr die ganze Welt - weil sie selbst nicht l√§nger unsichtbar sein wollte? Kein Ding mehr, sondern ein Mensch, mit dem gesprochen wird und der endlich selber spricht?

"Die Geste, die zum T√∂ten ausholt", schreibt der franz√∂sische Philosoph Michel Foucault √ľber mordende M√ľtter, "setzt endlich eine Sprache frei, diese Sprache hat nichts zu sagen als das: ,Ich spreche, jetzt spreche ich.'"

Die "Eismutter" (Bild), die zwei lebende Kinder hat und drei weitere gleich nach der Geburt umbrachte, ist immer noch sprachlos, obwohl sie nach Jahren des Schweigens ein "furchtbares Gest√§ndnis" (Bild) abgelegte. Nicht ihre eigene Stimme erscholl am Aschermittwoch im Landgericht von Chemnitz. Es war die ihres Anwalts, die verk√ľndete, dass seine Mandantin die "ihr zur Last gelegten Vorw√ľrfe in allen Punkten" einr√§umt. "Wenn sie k√∂nnte", sagte der Anwalt, "w√ľrde sie die Taten ungeschehen machen."

Ja, wenn! Aber k√∂nnte und konnte sie anders? Hatte eine wie Antje K. (28), Hausfrau und Mutter aus dem kleinen Dorf M√ľhltroff, √ľberhaupt eine Wahl?

Ihren Ehemann Jens hatte sie auf einer Klassenfahrt kennen gelernt. Da war sie 15 und selbst noch ein Kind. Mit 16 bekam sie ihr erstes Kind, mit 18 das zweite. Weil sie ständig schwanger war, scheiterten alle Versuche, eine Lehre zu machen und einen Beruf zu erlernen. Als Antje 20 war, erklärt sich Jens auf Druck ihrer Eltern bereit, die Mutter seiner (lebenden) Kinder zu heiraten. "Viel geredet hat man nicht miteinander", weiß der Spiegel: "Er ging zur Arbeit und abends zum Bier, bis er betrunken war."

Die Sprachlosigkeit setzte sich fort, als sie zum dritten, vierten, f√ľnften Mal schwanger wurde. Alle im Dorf sahen Antjes dicken Bauch, es wurde gemunkelt, doch keiner hat sie darauf angesprochen. Einer hat sie schlie√ülich denunziert, aber niemand hat ihr geholfen. Auch der Ehemann nicht, der keine weiteren Kinder wollte und Antjes Dauer-Schwangerschaften als Krankheit abtat: "Es waren Blutschw√§mmchen, die ihren Bauch immer wieder anschwellen lie√üen und eines Tages abgingen." W√§hrend sie sich n√§chtens mit Unterleibskr√§mpfen im Badezimmer wand, schlief er weiter - und bekam angeblich nicht mit, dass sie drei S√§uglinge gebar, sie t√∂tete und im Gefrierschrank versteckte.

Schon bevor sie ihre Kinder auf Eis legte, hat Antje K. in einer eisigen Welt gelebt. Kalt muss es dort gewesen sein. Eiskalt.

Umso h√§rter trifft sie der Volkszorn, den ihr Fall zum Kochen bringt. "Tumult im Saal, Buh-Rufe", vermeldet Bild und beschreibt gen√ľsslich die "fettigen Haare der Hausfrau aus M√ľhltroff, √ľber die in Chemnitz Gericht gehalten wird: "Ihre schwarzger√§nderten Augen suchen die Blicke der Zuschauer. Fast, als w√ľrde sie Verst√§ndnis, gar Mitleid f√ľr ihre entsetzlichen Taten erwarten." Entsetzlich?

K√∂nnte es sein, dass (nicht nur) Bild mit zweierlei Ma√ü misst, wenn es um die (Un)Taten von Frauen und M√§nnern geht? Fr√ľher, ganz fr√ľher, galt es als verbrieftes Recht des Vaters, seine Kinder zu z√ľchtigen, zu missbrauchen, zu versto√üen und zu t√∂ten. Erst im Mittelalter wurde in Europa das v√§terliche T√∂tungsrecht abgeschafft. "Denn der Vater darf nicht zerst√∂ren, was von Gott geschaffen wurde", schreibt Elisabeth Badinter in "Mutterliebe ‚Äď Geschichte eines Gef√ľhls". Trotzdem wurde weiter get√∂tet. Im 16. Jahrhundert "hallten die Latrinen von den Schreien der Kinder wider, die man hineinwarf, berichtet ein Zeitzeuge. Im 18. Jahrhundert, "angesichts des nicht zu bew√§ltigenden Elends der Bev√∂lkerungsmehrheit" (Badinter), wurden Kinder verst√§rkt ausgesetzt. Oder nicht medizinisch versorgt. Oder in Pflegefamilien untergebracht und nie wieder abgeholt.

Auch in wohlhabenden Familien z√§hlten Kinder wenig, die meisten wurden der Obhut von Ammen √ľberlassen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stillten M√ľtter √ľberhaupt nicht, weder reiche noch arme. Der Brauch, seine Kinder in Pflege zu geben, verbreitete sich Anfang des 18. Jahrhunderts so sehr, "dass es zu einem Mangel an Ammen kam". Die √Ąrmsten der Armen, die sich nicht mal die √§rmlichste Amme leisten konnten, lieferten ihre Neugeborenen im Spital ab. Das kam einer Kindst√∂tung gleich, weil die Kinder dort sich selbst √ľberlassen wurden und verhungerten.

Das Kind war noch kein K√∂nig, und die Mutterliebe existierte noch nicht; zumindest nicht als angeblich angeborener, vorgeblich nat√ľrlicher Instinkt wie bei Affen und anderen S√§ugetieren. Der menschliche "Mutterinstinkt" ist eine Erfindung von aufkl√§rerischen Naturrechtsphilosophen im Vorfeld der franz√∂sischen Revolution von 1789 und der vermeintlichen Revolution√§re selbst, die f√ľr "Freiheit, Gleichheit und Br√ľderlichkeit" stritten und dabei ihre Schwestern verga√üen. "Welches ist der Frauen eigent√ľmlicher Charakter?" fragte der Deputierte Amar am 30. Oktober 1793 die Abgeordneten des Pariser Konvents am Ende eines Jahrhunderts, in dem die Frauen widerst√§ndig wurden, und gab die Antwort selbst: "Die Sitten und die Natur haben den Frauen die Aufgabe zugesprochen, die Erziehung der Menschen zu beginnen, nach dem Sorgen um den Haushalt."

Eine "soziale Demokratie", die Frauen das in der franz√∂sischen Menschenrechtserkl√§rung festgeschriebene "Naturrecht auf Gleichheit" gew√§hrt h√§tte, wollte damals auch der fortschrittlichste Revolution√§r nicht. Folge: Die Franz√∂sische Revolution endete mit dem Sieg der b√ľrgerlichen √ľber die feudale Gesellschaft - und mit dem Sieg der M√§nner √ľber die Frauen. "Es geht bei dieser Entscheidung", so die Historikerin Annette Kuhn, "um die Errichtung einer neuen Gesellschaft im Namen der Gleichheit, die die Ungleichheit der Geschlechter zu ihrer Voraussetzung hat."

Diese neue Gesellschaft legte keinen Wert mehr auf die selbstbewussten Metzgerinnen und B√§ckerinnen, die im vorrevolution√§ren Paris ihre L√§den selbstst√§ndig f√ľhrten. Sie legte keinen Wert auf die frechen Marktfrauen, W√§scherinnen, Dienstm√§dchen und Tricoteusen, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienten. Sie legte auch keinen Wert auf die gebildeten Philosophinnen in den Pariser Salons, auf die Schriftstellerinnen und Astronominnen, die die Sterne erforschten. In dieser neuen Gesellschaft hatten Frauen nur noch als Hausfrauen und M√ľtter Platz.

Deshalb erschien nach 1789 eine Vielzahl von Schriften, die die Lust des Stillens priesen. Vor 1789 wurden von den 21.000 S√§uglingen, die allj√§hrlich in Paris zur Welt kamen, nur 1.000 von den M√ľttern selbst versorgt. Nach 1789 entstand die Ideologie von der Liebesheirat. Sanftmut und M√ľtterlichkeit wurden zunehmend als die gr√∂√üten weiblichen Tugenden propagiert, die angeblich "nat√ľrlich" waren und "angeboren".

Trotzdem. Auch im 19. Jahrhundert, als die "guten M√ľtter" das Haus und die Kinder h√ľteten, waren Kindst√∂tungen nach wie vor gang und g√§be, weil Verh√ľtungsmittel fehlten und Abtreibungen nicht erlaubt waren. Vor allem aber wegen der Doppelmoral der Biedermeier, die ihre ehelichen T√∂chter zu asexuellen Wesen formten, aber mit ihren Dienstm√§dchen schliefen und uneheliche T√∂chter zeugten, die gleich nach der Geburt im Abort verschwanden.

Dem trug der Gesetzgeber 1872 Rechnung, indem er den "Kindst√∂tungs-Paragraphen 217" ins Strafgesetzbuch einf√ľhrte. Eine Sondervorschrift, die eigentlich die V√§ter sch√ľtzen sollte, aber vorgeblich auf die "besondere Gem√ľtsbewegung" der M√ľtter "infolge der au√üerehelichen Geburt" R√ľcksicht nimmt. Der ¬ß 217 gilt noch heute. Er legt fest, dass eine Kindst√∂tung nicht als Mord oder Totschlag gewertet wird, sondern als "minderschwerer Fall", wenn das Kind "in der Geburt" oder 24 Stunden danach get√∂tet wird. Voraussetzung: "au√üerehelich", von einer Mutter im "psychischen Ausnahmezustand". Kindst√∂tung sozusagen als sp√§te Abtreibung.

Dieser Paragraph wirft ein bezeichnendes Licht auf die Doppelmoral unserer aufgekl√§rten Gesellschaft. Nicht nur Lebenssch√ľtzer, sondern zunehmend auch liberale oder links-liberale Politikerinnen und Journalistlnnen bezeichnen ungeborene Embryonen und F√∂ten als "Kinder". Nicht nur erzkatholische Bisch√∂fe verteufeln Frauen, die legal nach dem ¬ß 218 abtreiben, als "mordende M√ľtter". Nicht nur Bild st√ľrzt sich neuerdings mit Begeisterung auf die "entsetzlichen Taten" von M√ľttern, die ihre (geborenen) Kinder umbringen. Nicht nur die Boulevard-Presse tut so, als ob es t√§glich mehr w√ľrden, um Frauen, die an der Ideologie von der "guten Mutter" zweifeln, auf Linie zu bringen. Nicht nur Konservative reden jungen M√ľttern, wider jedes bessere Wissen, ein, dass berufst√§tige M√ľtter "Rabenm√ľtter" seien.

Nach einer aktuellen Erhebung der im Springer-Verlag erscheinenden Zeitschrift Familie & Co stehen "deutsche M√ľtter" bei der Kindererziehung "unter enormem Druck": "Mehr als jede Dritte hat Schuldgef√ľhle, weil sie glaubt, bei der Kindererziehung Fehler zu machen." 30 Prozent der befragten 650 jungen Frauen stimmten "der Ansicht zu, Kinder berufst√§tiger M√ľtter seien benachteiligt".

Aber wie kommt es dann, dass vor allem nicht berufst√§tige M√ľtter ihre Kinder umbringen? Keine "Rabenm√ľtter", sondern sogenannte "gute M√ľtter"? Nicht nur gleich nach der Geburt, sondern oft viele Jahre danach? Die Gerichtsmedizinerin Elisabeth Trube-Becker hat Anfang der 80er Jahre in einer Studie ermittelt, "dass M√ľtter, die ihre Kinder t√∂ten, keine Erf√ľllung aus einer beruflichen Arbeit erhalten". Die M√ľnchner Psychotherapeutin und Juristin Annegret Wiese, Expertin f√ľr t√∂tende M√ľtter, wei√ü aus Erfahrung: "Konflikte spitzen sich oft gerade dann zu, wenn die M√ľtter als Hausfrauen ganz auf die Kinder konzentriert sind und jeglicher sonstiger Best√§tigung von au√üen entbehren."

Annegret Wiese wertet den Kindsmord durch die "gute Mutter" als eine Form des "weiblichen Widerstandes" gegen auferlegte Rollenzw√§nge, gegen "das Muttersein als Falle": "Magersucht, Frigidit√§t, Prostitution und auch die T√∂tung eines Kindes kann weiblicher Widerstand sein." Kein bewusster, sondern ein unbewusster. "Er dr√ľckt weibliche Selbstentfremdung statt Selbstverwirklichung aus", indem er sich entweder gegen den eigenen K√∂rper richtet oder gegen die eigenen Kinder, die die t√∂tende Mutter als Teil von sich selbst begreift. Deshalb bringt sie oft erst ihre Kinder und danach sich selbst um. Kriminologen nennen das "erweiterten Selbstmord".

Gr√ľndonnerstag 1999. Im Erdgeschoss eines Reihenhauses im Dorf Pienzenau bei Grafing wundern sich die Gro√üeltern, dass es ein Stockwerk √ľber ihnen so ruhig ist. Kein Getrappel von Kinderf√ľ√üen, keine Kinderstimmen, nichts. Die Wohnungst√ľr oben ist abgeschlossen, der Schl√ľssel steckt von innen. Ein Schreiner bricht ein Fenster auf. Das Unbeschreibliche, das der junge Mann und die Gro√üeltern vorfinden, beschreibt der Spiegel so: "Im Bad ist alles voll Blut. In der Wanne blutgetr√§nktes Wasser, eine blut√ľberstr√∂mte Frau, die sich nicht mehr r√ľhrt, ein blutiges Messer auf dem Boden. Eine T√ľr weiter ein toter Junge, erw√ľrgt, schon kalt und starr. N√§chste T√ľr: ein M√§dchen mit abgetrenntem Kopf. Noch eine T√ľr: die Zwillingsschwester, zerschmettert durch f√ľnf Hiebe in die Stirn und mitten ins Gesicht. Eine blutverschmierte Axt."

800.000 Mark Schulden, eine auf Bew√§hrung ausgesetzte Freiheitsstrafe wegen eines millionenschweren Anlagebetrugs, Sorgerechtsstreitigkeiten mit dem geschiedenen Ehemann und dann noch die Diagnose Brustkrebs, bereits metastasiert - das war zu viel f√ľr die Rechtsanwaltsgehilfin Renate F. (40). Im Gegensatz zu ihren Kindern hat sie den "erweiterten Selbstmord" √ľberlebt. Im Januar stand sie in M√ľnchen wegen Mordes vor Gericht. Dort erz√§hlte sie ihre Geschichte. Sie war eine gute Sch√ľlerin, trotzdem hat sie nur ihren Realschulabschluss gemacht und anschlie√üend eine Lehre als Rechtsanwaltsgehilfin, weil sie heiraten und Kinder kriegen wollte.

1986 gibt sie einem Programmierer das Ja-Wort und ihren Beruf auf. Sie bleibt zuhause in Pienzenau, √ľbernimmt Schreibarbeiten f√ľr Anw√§lte und Makler, bekommt drei Kinder, verkauft nebenher Lebensversicherungen, investiert selbst 25.000 Mark in Immobiliengesch√§fte, geht Betr√ľgern auf den Leim, leiht sich bei Freunden und Bekannten Geld, legt das Geld von Freunden und Bekannten an, verliert es: "Jedes Mal stopft sie ein Loch, indem sie ein gr√∂√üeres aufrei√üt." (Spiegel)

Der Ehemann trennt sich von ihr, seine Eltern halten zu ihr, er √ľberwirft sich mit ihnen. Als ihr die Diagnose Brustkrebs gestellt wird, droht er, "dass, wenn ich krepier', die Kinder in ein Heim kommen. Zu meinen Eltern d√ľrfen sie nicht." Das war zwei Tage vor der "Blutnacht", in der Renate F. au√üer sich geriet und wie weiland Medea w√ľtete.

Der Psychologe Joachim Weber bescheinigt ihr als Gutachter einen √ľberdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten von 130 (der durchschnittliche Abiturienten-IQ liegt bei 115): "Sie h√§tte also leistungsm√§√üig viel mehr erreichen k√∂nnen." Weber, so der "Spiegel", spricht von einer "hohen Leistungsbereitschaft" neben einer "Depressionsproblematik", von "Revolte und Protest" - und gleichzeitig einem "Verhaftet-Sein in einem √ľbertriebenen Rollenklischee".

Auch Ulrike R. (33) aus dem fr√§nkischen Hof gab ihren Beruf als Erzieherin auf, um ganz f√ľr ihre beiden Kinder da sein zu k√∂nnen. Nach und nach nahmen sie und ihr Mann Klaus, ein abgebrochener Waldorf-P√§dagoge, zus√§tzlich Pflegekinder auf: 1990 Andreas, damals eineinhalb, 1994 die Br√ľder Alois und Alexander, drei und eineinhalb. "Es machte alles einen sehr geordneten, sehr harmonischen Eindruck", erinnert sich eine Sozialarbeiterin vom Jugendamt. Als eine "sehr kompetente Frau, die alles im Griff hatte, wird Ulrike R. von einer Kinderg√§rtnerin geschildert. Als "freundlich, sympathisch, aktiv" hat sie ein Sozialp√§dagoge erlebt.

"Au√üergew√∂hnlich liebevoll und ruhig" sei sie mit ihren Kindern umgegangen, schw√§rmt eine Nachbarin. Ulrike R. scheint eine durch und durch "gute Mutter" gewesen zu sein. Trotzdem hat sie den kleinen Alexander verhungern lassen und die anderen beiden Pflegekinder fast. Die Anklage gegen Ulrike und Klaus R. vor dem Stuttgarter Landgericht im April 1999 lautete auf Mord: "Aus Habgier, weil sie die Kinder nur wegen des Pflegegeldes aufgenommen und ihnen bewusst Nahrung vorenthalten h√§tten." Nicht nur die Richter sitzen √ľber Ulrike R. zu Gericht, sondern auch das Publikum, das sie als "Hexe" und "b√∂se Stiefmutter" beschimpft. Nur die M√ľnchener Psychiaterin Hanna Ziegert, die von der Verteidigung als Sachverst√§ndige zugezogen worden ist, ergreift Partei f√ľr Ulrike R. Sie kommt aus kaputten Familienverh√§ltnissen. M√∂glicherweise ist sie sogar missbraucht worden. Jedenfalls litt sie seit ihrem dritten Lebensjahr "an einer immer wiederkehrenden Entz√ľndung der Blase und der Harnwege" (S√ľddeutsche Zeitung), was zahlreiche Krankenhausaufenthalte zur Folge hatte.

Im Kindergarten habe das "sehr stille, brave Kind" stets nur schwarze Bilder gemalt. Ulrike R. erinnere sich, so die Psychiaterin, an eine "oft wiederkehrende Angstsituation": "Sie sitze in ihrem Kinderbett, die Eltern im Wohnzimmer, und sie habe die Vorstellung, wenn sie jetzt hin√ľbergehe, dann w√ľrden die Eltern ihre Masken abnehmen und sich als Verbrecher zu erkennen geben."

Als Ulrike R. heiratete, schuf sie sich die heile Welt, die sie als Kind nicht hatte. Das ging so lange gut, "bis der Ehemann sich weitgehend aus dem Familienleben verabschiedete", nur noch zum Essen und Schlafen nach Hause kam und seine Frau mit den f√ľnf Kindern allein lie√ü. V√∂llig √ľberfordert versuchte Ulrike R. trotzdem, die "Fassade des ungetr√ľbten Familiengl√ľcks" aufrechtzuerhalten. So gern w√§re sie eine "gute Mutter" gewesen, aber sie schaffte es nicht.

In der psychiatrischen Fachliteratur werde eine Reihe von √§hnlichen F√§llen beschrieben, so Ziegert vor dem Stuttgarter Landgericht. Dabei handle es sich immer um Frauen, die "selbst in ihrer Kindheit Erfahrungen mit Krankheit oder k√∂rperlichem Missbrauch gemacht" hatten. All diese T√§terinnen galten als "engagiert, intelligent, vertrauensw√ľrdig, f√ľrsorglich, liebevoll um ihre Kinder bem√ľht". Genau wie Ulrike R.

"Ich verstehe das nicht. Mich √ľberzeugt das nicht", sagte der Vorsitzende Richter Martin Krause und verurteilte Ulrike R. und ihren Mann Klaus zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes aus niederen Beweggr√ľnden. In seiner Urteilsbegr√ľndung gab er vor allem der Mutter die Schuld am Tod des kleinen Alexander. Sie habe in der Ehe die "dominante Rolle" gespielt und "Kinder gesammelt wie Puppen". Dass sich die Pfleges√∂hne als verhaltensgest√∂rt und schwierig entpuppten, habe ihr "Selbstwertgef√ľhl gekr√§nkt". Deswegen, so Krause, "hat sie schlie√ülich damit begonnen, mit Nahrungs- und Liebesentzug die Buben regelrecht zu dressieren, damit sie gehorchen."

Auch die 24-j√§hrige Daniela J. aus dem Plattenbaubezirk Neuberesinchen, die ihre beiden S√∂hne Kevin (3) und Tobias (2) zwei Wochen in ihrer Wohnung allein und damit verdursten lie√ü, fand keine Gnade bei der Vorsitzenden Richterin Jutta Hecht vom Schwurgericht in Frankfurt an der Oder. Am 8. Mai wurde die alleinerziehende Mutter wegen der "besonderen Schwere ihrer Schuld" zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. "Egoismus pur" warf die Richterin der "kindlich wirkenden korpulenten Frau mit einem runden, Gutm√ľtigkeit suggerierenden Gesicht" (Die Welt) vor. Dass ein Gutachter Daniela J. "eine an der Grenze zur Debilit√§t befindliche Intelligenz" attestiert hatte, wurde ihr nicht als schuldvermindernd zugute gehalten. Ebenso nicht, dass "das Kind, das vier Kinder von vier verschiedenen M√§nnern bekam" (Die Welt) √ľberfordert war.

H√§tte sie sonst ihr J√ľngstes gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben? H√§tte ihre √Ąlteste sonst bei den Gro√üeltern gelebt? H√§tten Nachbarn im Februar 98 sonst die Polizei alarmiert, weil Danielas S√∂hne st√§ndig schrien und weil bestialischer Gestank aus ihrer Wohnung kam? H√§tte sonst das Sozialamt ihre Mietschulden begleichen m√ľssen? W√§re sonst der Strom abgestellt worden? H√§tten Kevin und Tobias im Sandkasten sonst um Essen gebettelt?

All diese Alarmsignale nahmen die Behörden nicht wahr. Im Gegenteil. Die beiden Jungen seien "gut versorgt" und "altersgerecht entwickelt" gewesen, stellten Jugendamtsmitarbeiter bei ihren Besuchen fest. "Nicht, weil andere versagt haben, sondern weil die Mutter versagt hat, sind die Kinder gestorben", weiß die Frankfurter Richterin Jutta Hecht.

Die M√ľtter sind schuld - und die V√§ter?

Nach dem Vater des toten S√§uglings im Westenholzer Grubebach wurde gar nicht erst gesucht. Der Mann, der Susanna Margaretha Brandt verf√ľhrt hat, taucht in den Prozessakten von 1772 nicht auf. Der Diskjockey, der Sonja S. entjungferte, machte sich aus dem Staub, als er erfuhr, dass seine Geliebte schwanger war. Die V√§ter der beiden toten S√§uglinge aus Piding wurden gefunden, aber nicht belangt, weil sie von den Schwangerschaften nichts gewusst haben wollen. Jens K., der Mann der "Eismutter", bestreitet, an den Taten beteiligt gewesen zu sein; ein Haftantrag der Staatsanwaltschaft gegen ihn wurde vom Gericht als "unbegr√ľndet" abgelehnt. Der Ex-Ehemann von Renate F., die wegen Totschlags f√ľr f√ľnf Jahre ins Gef√§ngnis muss, hat eine neue Lebensgef√§hrtin. Die vier V√§ter, die die grenzdebile Daniela J. geschw√§ngert haben, spielten bei dem Mordprozess gegen sie √ľberhaupt keine Rolle.

Februar 1999. Spazierg√§nger entdecken in einem Wald bei Gelsa in der N√§he von Dresden "die √úberreste" eines neugeborenen S√§uglings. Die Obduktion ergibt, dass er gleich nach der Geburt erstickt worden ist. Die Befragung "der Bev√∂lkerung" im Umkreis des Fundorts l√§sst die Polizei auf eine 28-J√§hrige aus Freital aufmerksam werden, die hochschwanger war, aber nun wieder einen d√ľnnen Bauch hat. Durch einen Gentest wird sie "zweifelsfrei als Mutter √ľberf√ľhrt". Sie gibt zu Protokoll, dass ihr 63-j√§hriger Vater ihr bei der Geburt geholfen hat. Unmittelbar danach soll er das Neugeborene "in einer spontanen Handlung" get√∂tet haben, meldet dpa am 18. Juni. Am 25. Juni steht in der Zeitung, dass der Vater der Mutter auch der Vater ihres Kindes ist: "Er hat es mit der eigenen Tochter gezeugt."

Tabulose Zeiten...

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