Dr. Denis Mukwege

Sacharow-Preis fĂŒr Denis Mukwege

Ich komme gerade aus der Hölle. Wie soll ich von neunjÀhrigen MÀdchen erzÀhlen, die von Soldatenhorden vergewaltigt wurden; wie von Frauen, denen Gewehrgeschosse den Unterleib innerlich zerfetzt haben, sodass jetzt Urin und Kot unkontrollierbar abgehen? Ich werde die Geschichten von Patientinnen erzÀhlen, die Dr. Mukwege gerettet hat, damit aus den gesichtslosen Opfern sexueller Gewalt in diesem Krieg Frauen mit Namen, Erinnerungen und TrÀumen werden: Alfonsine und Nadine.

Denis Mukwege holt mich um 6.30 Uhr ab. An diesem Morgen ist alles ĂŒppig und rein. Der Ostkongo, wo das Panzi-Krankenhaus liegt, ist von einer unbĂ€ndigen Fruchtbarkeit. Man hört förmlich die Vegetation wachsen. Es gibt hier Bananenpalmen und Vögel in Malbuchfarben. Und es gibt den Kivu-See, ein ausgedehntes GewĂ€sser, das genĂŒgend Methan enthĂ€lt, um einen guten Teil von Sub-Sahara-Afrika mit Energie zu versorgen – und doch hat die an den Ufern gelegene Stadt Bukavu nur sporadisch Strom.

Hier gibt es so viele natĂŒrliche Ressourcen wie sonst kaum irgendwo auf der Erde, und doch verdienen 80 Prozent der Menschen weniger als einen Dollar pro Tag. Hier fĂ€llt mehr Regen, als man sich vorstellen kann, aber fĂŒr Millionen Menschen ist sauberes Trinkwasser knapp. Hier ist der Boden fantastisch nĂ€hrstoffreich, und doch hungert fast ein Drittel der Bevölkerung.

WĂ€hrend wir die so genannte Straße entlangfahren, erklĂ€rt mir der Arzt, wie anders alles in seiner Kindheit war. „In den Sechzigerjahren hatte Bukavu 50.000 Einwohner. Das Leben hier war sehr relaxt. Es gab reiche Leute, die schnelle Motorboote auf den Seen hatten. Es gab Gorillas in den Bergen.“ Jetzt gibt es im Kongo mindestens eine Million entwurzelter Menschen, von denen tĂ€glich hunderte in diese Stadt kommen, auf der Flucht vor den unzĂ€hligen bewaffneten Gruppen, die seit Ausbruch der KĂ€mpfe 1996 die lĂ€ndlichen Gegenden verwĂŒsten.

Was als ein BĂŒrgerkrieg zum Sturz des Diktators Mobutu Sese Seko begann, wurde bald schon, wie Beobachter es nannten, „Afrikas erster Weltkrieg“. Denn es mischten sich Soldaten aus NachbarlĂ€ndern in das Gemetzel ein. Die Truppen haben verschiedene Ziele: Viele kĂ€mpfen um die Kontrolle ĂŒber die reichhaltigen BodenschĂ€tze der Region, andere versuchen sich einfach nur zu schnappen, was immer sie kriegen können.

Aber man muss weiter als bis 1996 zurĂŒckgehen, um das heutige Geschehen im Kongo zu verstehen. Dieses Land wird seit ĂŒber 120 Jahren gemartert, beginnend mit König Leopold II von Belgien, der sich zum EigentĂŒmer des Kongo erklĂ€rte und zwischen 1885 und 1906 geschĂ€tzte zehn Millionen Menschen vernichtete, etwa die HĂ€lfte der Bevölkerung. Die Gewalterfahrung durch Genozid und Kolonialisierung hat bis heute tiefe Spuren in der Psyche der KongolesInnen hinterlassen.

Trotz einer Friedensvereinbarung 2003 und kĂŒrzlich durchgefĂŒhrter Wahlen terrorisieren noch immer bewaffnete Horden die OsthĂ€lfte des Landes. Insgesamt forderte der Krieg fast vier Millionen Menschenleben – mehr als irgendein anderer bewaffneter Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg – und fĂŒhrte zur Vergewaltigung Hunderttausender Frauen und MĂ€dchen.

Jeder kennt hier Dr. Mukwege, einen GynĂ€kologen und Geburtshelfer. Er winkt und hĂ€lt an, um sich hier nach dem Befinden, da nach der Mutter zu erkundigen. Die meisten Ärzte, Lehrer und Juristen flohen nach Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen aus dem Kongo. Dr. Mukwege hatte nie auch nur daran gedacht, sein Volk in der Stunde der grĂ¶ĂŸten Not im Stich zu lassen.

Die Epidemie von Vergewaltigungen bemerkte er erstmals 1996. „Ich sah Frauen, die auf extrem barbarische Art und Weise vergewaltigt worden waren“, erinnert er sich. „Die Frauen wurden vor den Augen ihrer Kinder, EhemĂ€nner und Nachbarn vergewaltigt. Sie wurden von vielen MĂ€nnern auf einmal vergewaltigt. Und sie wurden nicht nur vergewaltigt, sondern mit Gewehren und Stöcken auch vaginal verstĂŒmmelt.“

„Wenn die Vergewaltigung vor den Augen der Familie erfolgt“, fĂ€hrt er fort, „vernichtet sie alle. Ich habe MĂ€nner gesehen, die zuschauen mussten, wie ihre Frauen vergewaltigt wurden. Noch schlimmer ist es fĂŒr die Kinder. Wenn eine Frau solche Gewalt erleidet, ist sie hinterher meist nicht mehr in der Lage, Kinder zu bekommen. Diese Vergewaltigungen dienen eindeutig nicht sexueller Befriedigung, sie dienen der seelischen Zerstörung. Die ganze Familie und die gesamte Gemeinschaft werden gebrochen.“

Wir erreichen das Panzi-Krankenhaus, einen weitlÀufigen Komplex von etwa einem Dutzend GebÀuden. Vor acht Jahren richtete Dr. Mukwege hier eine spezielle Entbindungsstation mit einem Operationssaal ein. Insgesamt hat Panzi 334 Betten, von denen jetzt 250 mit Frauen, allesamt Opfer sexueller Gewalt, belegt sind. Die ganze Klinik und das umliegende GelÀnde sind ein Dorf von vergewaltigten Frauen.

Überall Kinder, ĂŒberall Hunger und Not. TĂ€glich sterben hier mindestens zwei Kinder an MangelernĂ€hrung. Und dann sind da die vielen Probleme, die aus schweren Traumata erwachsen: Frauen, die an AlptrĂ€umen und Schlaflosigkeit leiden; Frauen, die von ihren MĂ€nnern verstoßen wurden; Frauen, die kein Interesse daran haben, sich um die Babys ihrer Vergewaltiger zu kĂŒmmern, Frauen und Kinder, die nicht wissen, wohin.

Es ist frĂŒh am Morgen, und der Krankenhaushof wurde vorĂŒbergehend zur Kirche umfunktioniert. Frauen in ihrem farbenfrohsten – oder vielleicht auch einzigen – Pagne (einem bunt gemusterten Stoffrechteck, das als Kleid oder Rock um den Körper geschlungen wird) sitzen da und warten, dass der Arzt kommt und die tĂ€gliche Morgenandacht hĂ€lt. Pflege- und Betreuungspersonal in gestĂ€rkten weißen Jacken ist ebenfalls da. Es wird gesungen – eine Kombination aus PfingstlergesĂ€ngen und Swahili-Rhythmen. Sonntagmorgenstimmen, die Jesus anrufen.

Diese Morgenandacht ist eine Art tĂ€gliche Versammlung, die StĂ€rke und Einheit stiftet. Wenn die Frauen singen, scheint alles andere in Vergessenheit zu geraten. Sie haben die Sonne, den Himmel, die Trommeln, einander. Sie sind am Leben, fĂŒr den Moment sicher und frei.

WĂ€hrend des Gesangs erzĂ€hlt mir Dr. Mukwege von einzelnen Frauen im Chor. Viele kamen nackt oder halb verhungert hier an. Viele waren so schwer geschĂ€digt, dass es ihn wundert, dass sie ĂŒberhaupt noch singen können. Er ist sehr stolz auf die Genesung der Frauen. „Ich werde mich nie schĂ€men“, singen sie. „Gott hat mir ein neues Herz gegeben, damit ich sehr stark sein kann.“
„Am Anfang habe ich mir noch die Geschichten der Patientinnen angehört“, erklĂ€rt mir der Arzt. „Jetzt tue ich es nicht mehr.“ Ich verstehe bald warum. Ich lerne Nadine kennen, und sie erzĂ€hlt mir eine Geschichte, die so grĂ€sslich ist, dass sie mich noch Jahre verfolgen wird. „Ich bin 29“, beginnt sie. „Ich komme aus dem Dorf Nindja. Unsere Gegend war immer unsicher. Nachts haben wir uns oft im Busch versteckt. Dort fanden uns die Soldaten. Sie töteten unseren Dorfchef und seine Kinder. Wir waren 50 Frauen. Ich war mit meinen Kindern zusammen und mit meinem Ă€lteren Bruder, dem befahlen sie, Sex mit mir zu haben. Er hat sich geweigert, da haben sie ihm den SchĂ€del mit dem Buschmesser gespalten. Er ist gestorben.“

Nadine zittert am ganzen Körper. Ich kann es kaum fassen, dass die Frau, aus deren Mund diese Worte kommen, noch lebt und atmet. Sie erzĂ€hlt mir, wie einer der Soldaten sie zwang, seinen Urin zu trinken und seinen Kot zu essen, wie sie zehn von ihren Freundinnen töteten und dann ihre Kinder: ihre vier und zwei Jahre alten Söhne und die einjĂ€hrige Tochter. „Sie haben den Leichnam meiner Kleinen auf den Boden geworfen, als wĂ€re sie MĂŒll“, sagt Nadine. „Dann hat mich einer nach dem anderen vergewaltigt. Dabei zerrissen meine Scheide und mein After.“

Nadine war die einzige der 50 Frauen, die entkam. „Als ich den Soldaten entflohen war, kam ein Mann vorbei. Er sagte, ‚Was stinkt hier so?‘ Das war ich, wegen meiner Verletzungen. Ich konnte meinen Urin und meinen Stuhl nicht halten. Ich erklĂ€rte, was passiert war. Der Mann fing an zu weinen. Er und ein paar andere brachten mich ins Panzi-Krankenhaus.“

Sie hĂ€lt inne. Wir haben beide schon eine Weile nicht mehr geatmet. Nadine schaut mich an, als sehnte sie sich danach, dass ich verstehe, was sie da erzĂ€hlt. Sie sagt: „Als ich hierherkam, hatte ich keine Hoffnung. Aber dieses Krankenhaus hat mir so geholfen. Immer wenn ich an das dachte, was passiert war, wurde ich wahnsinnig. Ich hatte das GefĂŒhl, den Verstand zu verlieren. Ich habe Gott angefleht, mich zu töten. Doch Dr. Mukwege hat zu mir gesagt, vielleicht wollte Gott ja nicht, dass ich sterbe.“

SpĂ€ter erzĂ€hlt mir Nadine, dass der Doktor Recht hatte. Als sie dem Gemetzel entflohen sei, sagt sie, habe sie ein Baby neben seinen ermordeten Eltern auf dem Boden liegen sehen. Sie rettete das kleine MĂ€dchen. Jetzt hat sie in dem Kind, um das sie sich kĂŒmmern muss, einen Grund weiterzuleben. „In mein Dorf kann ich nicht zurĂŒck. Es ist zu gefĂ€hrlich. Aber wenn ich irgendwo einen Ort hĂ€tte, wo ich wohnen kann, könnte ich zur Schule gehen. Ich habe meine Kinder verloren, aber ich ziehe dieses Kind als meine Tochter auf. Dieses MĂ€dchen ist meine Zukunft.“

Ich bleibe eine Woche in Panzi. Frauen stehen Schlange, um mir ihre Geschichte zu erzĂ€hlen. Wenn sie zum Interview kommen, sind sie innerlich taub, teilnahmslos, stumpf, tot. Wenn sie wieder gehen, sind sie lebendig, dankbar, gestĂ€rkt. Ihre tiefste Verletzung, das verstehe ich allmĂ€hlich, ist das GefĂŒhl, dass man sie vergessen hat, dass sie unsichtbar sind, dass ihr Leiden bedeutungslos ist.

Ihnen einfach nur zuzuhören, hat eine enorme Wirkung. Schon die leiseste BerĂŒhrung, die kleinste Freundlichkeit gibt ihnen wieder Zuversicht und Energie. Die Kraft dieser Frauen ist unglaublich, sie lassen sich nicht unterkriegen. Dr. Mukwege sagt, ich mĂŒsse Alfonsine kennenlernen. „Ihre Geschichte hat mich sehr berĂŒhrt“, sagt er. „Sie war der schlimmste Fall, den ich je gesehen habe, aber sie hat uns allen Mut gemacht.“

Alfonsine ist dĂŒnn und von einer großen inneren Ruhe. Sie erzĂ€hlt mir, sie sei durch den Wald gegangen und einem einzelnen Soldaten begegnet. „Er ist mir gefolgt und hat mich gezwungen, mich hinzulegen. Er hat gesagt, er wĂŒrde mich töten. Ich habe mich mit aller Kraft gewehrt, das ging eine ganze Weile. Dann hat er sein Gewehr geholt, es auf meine Scheidenöffnung gesetzt und die ganze Ladung in mich abgefeuert. Ich hörte nur die Stimme der Kugeln. Meine Kleider klebten von Blut. Ich bin ohnmĂ€chtig geworden.“

Dr. Mukwege erklĂ€rt mir: „So etwas hatte ich noch nie gesehen. Steißbein, Blase, Vagina und Rektum waren praktisch zerstört. Sie hatte den Verstand verloren. Ich war mir sicher, dass sie nicht durchkommen wĂŒrde. Ich habe ihre Blase rekonstruiert. Manchmal weiß man nicht weiter. Man hat keine Landkarte. Ich habe sie sechsmal operiert, dann habe ich sie nach Äthiopien geschickt, damit sie dort ihr Inkontinenzproblem beheben, was sie auch getan haben.“

„Ich lag im Bett, als ich Dr. Mukwege das erste Mal gesehen habe“, sagt Alfonsine. „Er hat mein Gesicht gestreichelt. Ich bin sechs Monate in Panzi geblieben. Er hat mir seelisch geholfen. Er hat mir erklĂ€rt, wie oft Gott Wunder vollbringt. Er hat mich moralisch aufgebaut.“

Ich betrachte Alfonsines zierliche Gestalt und stelle mir die Narben unter den schlichten weißen Kleidern vor. Ich stelle mir das rekonstruierte Fleisch vor, die Qualen, die sie durchlitten hat. Ich höre zu. Ich kann kein QuĂ€ntchen Bitterkeit ausmachen, kein Verlangen nach Rache. Alfonsine ist ganz auf ihre Zukunft konzentriert. Voller Stolz erklĂ€rt sie mir: „Ich mache jetzt eine Ausbildung zur Krankenschwester. Am liebsten möchte ich in Panzi arbeiten. Es waren die Schwestern hier, die mich Tag fĂŒr Tag umsorgt haben, die mich durch ihre Zuwendung ins Leben zurĂŒckgefĂŒhrt haben.“ Doch Alfonsine hat noch weitreichendere Ambitionen: „Ich fĂŒhle mich wichtig fĂŒr die Gemeinschaft; ich kann etwas fĂŒr mein Volk tun. Frauen mĂŒssen unser Land fĂŒhren. Sie wissen wie.“

TĂ€glich treffen etwa ein Dutzend neue Patientinnen im Panzi-Krankenhaus ein. Die meisten kommen zu einer Fisteloperation, der Reparatur verletzungsbedingter Löcher zwischen Scheide, Harnröhre und Darm. Dr. Mukwege war ursprĂŒnglich der einzige Arzt im Panzi-Krankenhaus, der Fisteloperationen durchfĂŒhren konnte, inzwischen hat er vier weitere Ärzte darin geschult. Das Krankenhaus nimmt pro Jahr tausend solcher Eingriffe vor.

Wegen der vielen Fisteln ist der ganze Krankenhauskomplex mit Urin getrĂ€nkt. Der Geruch ist allgegenwĂ€rtig. Urin rinnt auf den Boden der riesigen, einem Hangar Ă€hnelnden Halle, wo Hunderte Frauen den ganzen Tag sitzen. Urin steht in PfĂŒtzen auf dem Boden von Klassenzimmern. Die Frauen sind immer nass. Ihre Beine scheuern sich auf, und die Haut brennt. In Panzi laufen viele kleine MĂ€dchen in urinfleckigen Kleidern herum, scheu und voller Scham: Auch sie sind Vergewaltigungsopfer.

NatĂŒrlich möchte ich wissen, was Dr. Mukwege bewogen hat, hier zu arbeiten, manchmal 14 Stunden am Tag. „Ich bin in Bukavu geboren, am ersten MĂ€rz 1955“, erzĂ€hlt er mir. „In meiner Kindheit litt meine Mutter an Asthma. Wenn sie nachts AnfĂ€lle bekam, war ich derjenige, der losging, eine Krankenschwester oder Medikamente holen. Wir dachten alle, sie wĂŒrde sterben. Bis heute bin ich an jedem Geburtstag, den sie feiert, so froh, dass sie noch lebt. Mein Vater war Geistlicher. Er war sehr sanft, sehr menschlich. Von ihm habe ich die Bereitschaft, mich um die Kranken zu kĂŒmmern. Wenn wir zusammen Krankenbesuche machten, hat er immer gebetet. Ich habe ihn gefragt, ‚Warum kannst du ihnen nicht irgendein Medikament geben oder ihnen etwas verordnen?‘ Er sagte, ‚Ich bin kein Arzt‘. Da ist mir klar geworden, dass Beten nicht reicht. Wenn eine Frau leidet, kann ich ihr nicht etwas von Gott erzĂ€hlen, ich muss etwas gegen ihre Schmerzen tun. Man kann sich nicht hinter dem Glauben verstecken.“

Dennis Mukwege war zunĂ€chst Allgemeinmediziner mit dem Schwerpunkt PĂ€diatrie. Als er in einer Klinik in Lemera, einem Dorf sĂŒdlich von Bukavu, arbeitete, sah er auf der Entbindungsstation schreckliche Dinge. „Jeden Tag kamen blutende Frauen, viele mit schweren Infektionen. Eine Frau hatte ihr totes Kind eine Woche lang in der Vagina mit sich herumgetragen. Es war furchtbar. Das hat dazu gefĂŒhrt, dass ich mich fĂŒr einen neuen Berufsweg entschied.“

Er studierte noch einmal, GynĂ€kologie im französischen Angers, und kehrte dann nach Lemera zurĂŒck, um das Klinikpersonal in GynĂ€kologie und Geburtshilfe zu schulen. Als er nach Bukavu ĂŒbersiedelte, richtete er in Panzi eine spezielle Entbindungsstation ein. Es kamen Frauen, die Opfer extremer sexueller Gewalt geworden waren. Mit jedem Tag wurden es mehr.
Wer waren – und sind – die Vergewaltiger dieser Frauen? Die bessere Frage wĂ€re: Wer gehört nicht dazu?

Die TĂ€ter sind Interahamwe, KĂ€mpfer der Hutu-Miliz, die 1994 aus dem Nachbarland Ruanda flohen, nachdem sie dort den Völkermord an den Tutsi verĂŒbt hatten. Es sind Soldaten der kongolesischen Armee, bewaffnete Zivilisten verschiedenster Couleur, sogar Soldaten der UN-Friedenstruppen. Christine Schuler-Deschryver, die fĂŒr eine deutsche Hilfsorganisation arbeitet und sich sehr fĂŒr das Panzi-Krankenhaus und die kongolesischen Frauen engagiert, sagt: „Sie alle vergewaltigen Frauen. Es ist ein Nationalsport. Jeder Mann in Uniform ist fĂŒr Frauen ein Feind.“

Viele Frauen zeigen die Vergewaltigungen nicht an, weil sie Angst haben, von ihren MĂ€nnern und Familien verstoßen zu werden. Es gibt zwar im Kongo Gesetze gegen Vergewaltigung, aber wenn eine Frau die Vergewaltigung anzeigt und der TĂ€ter festgenommen wird, kann es sein, dass er sich freikauft und zurĂŒckkommt, um sie ein zweites Mal zu vergewaltigen. Oder umzubringen.

Mukwege ist die Inspirationsfigur einer anderen Art von Armee, einer Armee des Heilens. Ich spreche mit einem Krankenhausangestellten namens Bonane. „Ich war in Uganda“, sagt er. „Ich habe den Doktor im Fernsehen gesehen. Er hat ĂŒber die GrĂ€ueltaten gesprochen. Da ist mir klargeworden, dass das meine MĂŒtter und Schwestern sind. Und ich bin hergekommen, um bei ihm zu arbeiten.“

Dr. Mukwege ist verheiratet und hat fĂŒnf Kinder. Aber seine Familie bekommt ihn kaum zu Gesicht, weil ihn sein Engagement fĂŒr die Frauen ganz und gar beansprucht. Obwohl die Energie des Arztes unerschöpflich scheint, bemerke ich eine tieferliegende Erschöpfung in seinem Gesicht und seinem Wesen, etwas Schlaflos-Verzweifeltes, das sich einstellt, wenn man stĂ€ndig mit Gewalt und Grausamkeit zu tun hat.

Ich frage den Arzt nach Joseph Kabila, der im November 2006 der erste frei-gewĂ€hlte PrĂ€sident des Kongo seit 46 Jahren wurde und versprach, der „Errichter des Friedens“ zu sein. Bessert sich die Situation? Mukwege seufzt. „Kabila“, sagt er, „hat nichts getan. Die KĂ€mpfe hier im Osten sind nicht beendet. Im Jahr 2004 war mein Leben bedroht, ich bekam Anrufe, dass ich meine Arbeit einstellen solle, oder ich mĂŒsse sterben. Die Anrufe haben aufgehört, aber es ist immer noch sehr gefĂ€hrlich.“

„Die internationale Gemeinschaft schickt Besucher her“, fĂ€hrt er fort. „Sie essen Sandwichs und weinen, aber sie kommen nicht wieder, um Hilfe zu bringen. Selbst PrĂ€sident Kabila hat dieses Krankenhaus nie betreten. Seine Frau war hier. Auch sie hat geweint, aber getan hat sie nichts.“

UNICEF, ECHO (das Amt fĂŒr humanitĂ€re Hilfe der EuropĂ€ischen Kommission) und die schwedische humanitĂ€re Organisation PMU sind die Hauptförderer von Panzi. Obwohl das Krankenhaus mehr Geld immer gebrauchen kann, wĂ€re doch das eigentlich Wichtigste eine politische Reaktion auf die Gewalt. Wenn die schon nicht erfolgt, wĂŒnscht sich Dr. Mukwege wenigstens wirksamen Schutz fĂŒr die Frauen, sobald sie das Krankenhaus verlassen. „Ich flicke sie zusammen und schicke sie wieder nach Hause“, sagt er. „Aber nichts garantiert, dass sie nicht wieder vergewaltigt werden. Es gab mehrere FĂ€lle, in denen Frauen hierher zurĂŒckkamen, in noch schlimmerem Zustand als beim ersten Mal.“

An meinem letzten Tag fragt mich der Arzt, ob ich KörperĂŒbungen leiten will, die den Frauen helfen sollen, ihr Trauma zu verarbeiten. Wir gehen in das hangarĂ€hnliche GebĂ€ude, wo 250 kranke, deprimierte Frauen warten. Wir beginnen mit Atmen. Ein, aus. Ein, aus. Dann verbinden wir das Atmen mit einem GerĂ€usch. Dann nacheinander mit weiteren GerĂ€uschen. Dann verbinden wir das ganze mit Bewegung. Es wird gestampft. Geboxt. Heftig mit den Armen gewedelt.

Die Frauen sind jetzt auf den Beinen, schreien, stoßen gutturale Laute der Trauer, der Wut, des Entsetzens aus. Binnen Minuten verwandeln sie sich aus gebrochenen, stummen Frauen in ungestĂŒme, lachende, wilde Wesen. Inmitten dieser ganzen Energie fordert sie Dr. Mukwege zu einem Wetttanzen heraus. Feierfreude und Power bersten förmlich aus ihren Körpern hervor. Etwas in jeder dieser Frauen ist unbezwingbar, unzerstörbar. Ihre Lebensgeister hat niemand getötet.

Die Menge wird immer frenetischer. Die Frauen tanzen in der heißen afrikanischen Sonne. Sie tanzen auf freier Straße. Sie schwemmen uns buchstĂ€blich einen steilen Hang hinauf, hunderte Frauen und Kinder, die sich als eine einzige, energiegeladene weibliche Masse bewegen.

Da flĂŒstert Dr. Mukwege mir zu: „Wenn ich diese Freude, diese Lebendigkeit sehe, weiß ich, warum ich jeden Tag wieder hierherkomme.“

Weiterlesen
Von der Erinnerung ĂŒberwĂ€ltigt (EMMA 6/08)
Die sprechende Vagina (2/00)

Werbung

Kommentare

Mukwege spricht ĂŒber seine Kindheit, seine Eltern, seine kranke Mutter, um die er sich sorgte und den Vater, wie oben zitiert. Und man versteht, warum er seinen starken Weg einschlug. MĂ€nner, die solch GrĂ€ueltaten begehen, wie im Artikel geschildert, sind "living dead"( wie es der GefĂ€ngnis-Psychiater James Gilligan bzgl. grausamen Mördern beschreibt), körperlich am leben, seelisch und emotional tot. Nur "Untote" können solche Taten begehen. So etwas wie "mĂ€nnliche Sozialisation" oder eine von "MĂ€nnern dominierte Gesellschaft" reicht nicht aus (auch wenn es ein wichtiger Analyseteil ist), den inneren Tot dieser MĂ€nner zu erklĂ€ren. Sie mĂŒssen einst ebenfalls schwer traumatisiert worden sein, Sie waren die Babys, die neben toten MĂŒttern lagen, sie wurden geschlagen, missachtet und "seelisch ermordet" usw. Der Kongo ist vor allem fĂŒr Kinder ein Ort der Hölle. Kaum gibt es andere orte, wo sie derart viel Gewalt erleben, in den Familien (im Inneren) wie auch Draußen (durch Krieg)

@Sven: "Untote" ist eine sehr treffende Beschreibung. Ich glaube auch, dass solche Menschen so große innere Wunden haben, dass sie diese auf andere ĂŒbertragen oder ĂŒber andere ausleben wollen.
Ich wĂŒrde schon sagen, dass ein Weitergeben v.Traumata eine Form Sozialisation ist. Bei der Lords Resistance Army bspw. traumatisieren diese Leute junge Menschen, die dann selbst Soldaten werden, die andere traumatisieren - so hĂ€lt sich ein System sinnloser Gewaltexzesse am Leben.
Wenn man Schilderungen wie die von Nadine liest, friert einem das Herz ein. Gut, dass es in Kongo MĂ€nner wie Mukwege gibt, die mit solcher Ambition versuchen, etwas zu Ă€ndern, Menschen heil werden lassen und versuchen, Gutes aufzubauen, statt nochmehr kaputt zu machen. Der Preis ist voll verdient. Hoffentlich nicht nur ein Ablasshandel. Schöner wĂ€re es wenn die EU auch selbst etwas unternimmt, um Frieden in Kongo nachhaltig zu unterstĂŒtzen: Z.B., indem sie sich um umfassenden fairen Handel mit dem Staat bemĂŒht.

Wenn Traumatisierungen automatisch zu Straftaten fĂŒhren, wie haben es dann die TrĂŒmmerfrauen geschafft, eine friedliche Nachkriegsgeneration aufzuziehen? WĂ€re es sinnvoll, wenn Frauen ab jetzt in den afrikanischen LĂ€ndern mehr Mitbestimmungsrechte hĂ€tten?

"Wenn Traumatisierungen automatisch zu Straftaten fĂŒhren"
Ganz so einfach ist es nicht. Muss nicht, kann. Es gibt mehrere Weg, komplexe Traumata zu verarbeiten und, wenn die Sicherheit da ist und Perspektiven bestehen, sie auch zu heilen. Es kommt dazu auf die Art des Traumas an: eine TrĂŒmmerfrau hat ein anderes Trauma als jemand, dem Lippen und Nase abgeschnitten wurden.
Aber die mĂ€nnliche Genderrolle verbindet sich mit Traumata sehr hĂ€ufig ĂŒber den Gewaltweg: Weil MĂ€nnern in ihr von Beginn an Möglichkeiten aberzogen werden, Kontakt zu den eigenen GefĂŒhlen aufzunehmen und sie gleichzeitig Dominanz ĂŒber andere zeigen sollen. In Verbindung mit fehlenden Zukunftsperspektiven und bestehenden militĂ€rischen Reststrukturen entstehen solche Strukturen hĂ€ufig. Die Situation des Landes spielt eine Rolle: Kongos eigene Ressourcen werden heute noch ausgebeutet von ökon. stĂ€rkeren LĂ€ndern, heute vor allem China. Da spielen viele Faktoren rein.

Das unbewusste oder bewusste Wissen, ohnmĂ€chtig zuzusehen, wie große fremdlĂ€ndische Konzerne sich die eigenen Ressourcen unter den Nagel gerissen haben (sind ja im Überfluss da, das kann man ja sehen) und man selbst hungert, muss zu großer hilfloser Wut fĂŒhren. Mit der Geschichte und dem Krieg, der erst wenige Jahre zurĂŒckliegt - ungeklĂ€rte politische Strukturen im Land werden dann ihr ĂŒbriges tun.

Noch dazu kommt im Fall dieser Milizen (wie der LRA, die meist Kinder rekrutiert): Sie sind bewaffnet, sie ziehen brandschatzend durch die Gegend: hier besteht das Gewaltsystem schon und die Menschen werden mit ihren Traumata und verlorenen Bindungen (z.B. alle Verwandten wurden getötet) integriert, um gut darin zu funktionieren.

Elsner bewundert hier ja, dass die Frauen, die sie trifft ganz andere Wege zur Verarbeitung finden, als Fortsetzung von Gewalt: "Ich kann kein QuÀntchen Bitterkeit ausmachen, kein Verlangen nach Rache. Alfonsine ist ganz auf ihre Zukunft konzentriert."

... der MĂ€nnlichkeitswahn der Nationalsozialisten brachte viel Gewalt gegen schwĂ€chere Personen mit sich, ohne dass diese MĂ€nner selber traumatsiert waren. Psychisch Kranke wurden getötet, zigtausende Menschen gefoltert und erschossen. Offenbar reichte alleine die Erziehung aus, um diese Gewalt hervorzubringen. Dann aber ĂŒbernahmen die TrĂŒmmerfrauen. Deren Angehörige verbrannten bei lebendigen Leibe im Feuersturm. Diese Frauen und auch deren Kinder waren nun im Gegensatz zu den Nationalsozialisten tatsĂ€chlich schwersttraumatisiert. ZusĂ€tzlich wurden sie oft noch in der russischen Zone vergewaltigt. Und dennoch erzogen die traumatisierten Frauen ihre traumatisierten Jungen zu friedlichen Menschen. Ich muss noch einmal die Frage stellen: WĂ€re es besser, wenn sich die afrikanischen MĂ€nner endlich gegenseitig töten wĂŒrden, damit auch hier die Frauen die Erziehung der Jungen ĂŒbernehmen können (denn der Gewaltweg scheint sonst beim mĂ€nnlichen Geschlecht offenbar vorgezeichnet zu sein).

ich finde leandra hat es super dargelegt, wie es zu erklĂ€ren ist, dass aufgrund von geschlechterrollen menschen anders mit gewalterfahrungen umgehen. (meist) ein mann fĂŒgt einer frau gewalt zu und diese gibt die gewalt nicht weiter, weil ihre geschlechterrolle das nicht begĂŒnstigt. im prinzip hilft sie damit den gewaltkreislauf zu durchbrechen. aber sie leidet unglaublich darunter, ist seelisch so tief verletzt, verliert vertrauen... . einem mann wird gewalt zugefĂŒgt (meist von einem anderen mann) und seine geschlechterolle kann ihn zum monster machen. er gibt die gewalt weiter, um als mann bestehen zu können und feuert den kreislauf der gewalt weiter an. es fĂ€llt manchmal schwer den mann dann auch als opfer zu sehen, denn er ist ja gleichzeitig tĂ€ter. die seelischen verletzungen werden wohl genauso tief sein. sie Ă€ußern sich bloß anders. alles in allem einfach nur traurig und schrecklich.

super, dass das Ganze komplex verstanden wird!

Leandra hat ja schon gut kommentiert. Das mit dem "Traumatisierungen fĂŒhren automatisch zu Straftaten" kannst Du gleich wieder vergessen. ABER: Wer solche Taten begeht, MUSS selbst schwer traumatisiert sein. Beide Kongos gehören zu den mit international gewaltvollsten Staaten bzgl. des Umgangs mit Kindern, was UNICEF jĂŒngst in der weltweit grĂ¶ĂŸten Studie ĂŒber gewalt gegen kinder herausgestellt hat: http://www.unicef.org/publications/index_74865.html Gerade einmal ca. 10 % der Kinder erleiden keine psychische und/oder körperliche Gewalt durch Elternfiguren. (und dabei wurden nur Gewalterfahrungen innerhalb 4 Wochen vor der Befragung erfasst) Auch bzgl. schwerer körperlicher gewalt durch Eltern gegen Kinder ist diese region in den "Top 20" der Welt. Auch wer keine Macht hat hat immer noch die Kinder unter sich. Und da wird dann - im Verborgenen - ordentlich weitergegeben, was selbst erlitten wurde und der Kreislauf der Gewalt am Laufen gehalten.

Dass Frauen/MĂŒtter grundsĂ€tzlich friedlicher erziehen, ist ein MĂ€rchen. Fragt mal die GeburtenjahrgĂ€nge um 1945, was die alles erlebt haben, auch mit ihren MĂŒttern. (dazu gibt es auch Studien)

Oder bzgl. der Region um den Kongo herum. Dort wurden in fĂŒnf afrika. LĂ€ndern (darunter auch DR-Kongo) relativ aktuell 600 junge Frauen zu Gewalterfahrungen vor dem 18. Lebensjahr befragt (https://app.box.com/shared/dxczumnolf/1/77069942/682132372/1) Das Ausmaß der Gewaltbetroffenheit ist unvorstellbar hoch! Und bzgl. der nicht-sexuellen Gewalt ĂŒbten – das zeigte sich bei allen 5 LĂ€ndern - MĂŒtter mehr Gewalt gegen ihre Töchter aus, als VĂ€ter.
Oder schaut mal in der oben von mir aufgefĂŒhrten UNICEF Studie auf Seite 157 bzgl. der Einstellung zu Gewalt gegen Kinder. Da unterscheiden sich weltweit MĂŒtter und VĂ€ter im Grunde kaum. Nein, Frauen sind sehr gewalttĂ€tig und geben weiter, was sie erlitten haben, In ihrem zugedachten, machbaren Rahmen und da sind Kinder "willkommene Blitzableiter".

Seiten

Neuen Kommentar schreiben

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden oder Registrieren.