Sacharow-Preis für Denis Mukwege

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Ich komme gerade aus der Hölle. Wie soll ich von neunjährigen Mädchen erzählen, die von Soldatenhorden vergewaltigt wurden; wie von Frauen, denen Gewehrgeschosse den Unterleib innerlich zerfetzt haben, sodass jetzt Urin und Kot unkontrollierbar abgehen? Ich werde die Geschichten von Patientinnen erzählen, die Dr. Mukwege gerettet hat, damit aus den gesichtslosen Opfern sexueller Gewalt in diesem Krieg Frauen mit Namen, Erinnerungen und Träumen werden: Alfonsine und Nadine.

Denis Mukwege holt mich um 6.30 Uhr ab. An diesem Morgen ist alles üppig und rein. Der Ostkongo, wo das Panzi-Krankenhaus liegt, ist von einer unbändigen Fruchtbarkeit. Man hört förmlich die Vegetation wachsen. Es gibt hier Bananenpalmen und Vögel in Malbuchfarben. Und es gibt den Kivu-See, ein ausgedehntes Gewässer, das genügend Methan enthält, um einen guten Teil von Sub-Sahara-Afrika mit Energie zu versorgen – und doch hat die an den Ufern gelegene Stadt Bukavu nur sporadisch Strom.

Hier gibt es so viele natürliche Ressourcen wie sonst kaum irgendwo auf der Erde, und doch verdienen 80 Prozent der Menschen weniger als einen Dollar pro Tag. Hier fällt mehr Regen, als man sich vorstellen kann, aber für Millionen Menschen ist sauberes Trinkwasser knapp. Hier ist der Boden fantastisch nährstoffreich, und doch hungert fast ein Drittel der Bevölkerung.

Während wir die so genannte Straße entlangfahren, erklärt mir der Arzt, wie anders alles in seiner Kindheit war. „In den Sechzigerjahren hatte Bukavu 50.000 Einwohner. Das Leben hier war sehr relaxt. Es gab reiche Leute, die schnelle Motorboote auf den Seen hatten. Es gab Gorillas in den Bergen.“ Jetzt gibt es im Kongo mindestens eine Million entwurzelter Menschen, von denen täglich hunderte in diese Stadt kommen, auf der Flucht vor den unzähligen bewaffneten Gruppen, die seit Ausbruch der Kämpfe 1996 die ländlichen Gegenden verwüsten.

Was als ein Bürgerkrieg zum Sturz des Diktators Mobutu Sese Seko begann, wurde bald schon, wie Beobachter es nannten, „Afrikas erster Weltkrieg“. Denn es mischten sich Soldaten aus Nachbarländern in das Gemetzel ein. Die Truppen haben verschiedene Ziele: Viele kämpfen um die Kontrolle über die reichhaltigen Bodenschätze der Region, andere versuchen sich einfach nur zu schnappen, was immer sie kriegen können.

Aber man muss weiter als bis 1996 zurückgehen, um das heutige Geschehen im Kongo zu verstehen. Dieses Land wird seit über 120 Jahren gemartert, beginnend mit König Leopold II von Belgien, der sich zum Eigentümer des Kongo erklärte und zwischen 1885 und 1906 geschätzte zehn Millionen Menschen vernichtete, etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Gewalterfahrung durch Genozid und Kolonialisierung hat bis heute tiefe Spuren in der Psyche der KongolesInnen hinterlassen.

Trotz einer Friedensvereinbarung 2003 und kürzlich durchgeführter Wahlen terrorisieren noch immer bewaffnete Horden die Osthälfte des Landes. Insgesamt forderte der Krieg fast vier Millionen Menschenleben – mehr als irgendein anderer bewaffneter Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg – und führte zur Vergewaltigung Hunderttausender Frauen und Mädchen.

Jeder kennt hier Dr. Mukwege, einen Gynäkologen und Geburtshelfer. Er winkt und hält an, um sich hier nach dem Befinden, da nach der Mutter zu erkundigen. Die meisten Ärzte, Lehrer und Juristen flohen nach Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen aus dem Kongo. Dr. Mukwege hatte nie auch nur daran gedacht, sein Volk in der Stunde der größten Not im Stich zu lassen.

Die Epidemie von Vergewaltigungen bemerkte er erstmals 1996. „Ich sah Frauen, die auf extrem barbarische Art und Weise vergewaltigt worden waren“, erinnert er sich. „Die Frauen wurden vor den Augen ihrer Kinder, Ehemänner und Nachbarn vergewaltigt. Sie wurden von vielen Männern auf einmal vergewaltigt. Und sie wurden nicht nur vergewaltigt, sondern mit Gewehren und Stöcken auch vaginal verstümmelt.“

„Wenn die Vergewaltigung vor den Augen der Familie erfolgt“, fährt er fort, „vernichtet sie alle. Ich habe Männer gesehen, die zuschauen mussten, wie ihre Frauen vergewaltigt wurden. Noch schlimmer ist es für die Kinder. Wenn eine Frau solche Gewalt erleidet, ist sie hinterher meist nicht mehr in der Lage, Kinder zu bekommen. Diese Vergewaltigungen dienen eindeutig nicht sexueller Befriedigung, sie dienen der seelischen Zerstörung. Die ganze Familie und die gesamte Gemeinschaft werden gebrochen.“

Wir erreichen das Panzi-Krankenhaus, einen weitläufigen Komplex von etwa einem Dutzend Gebäuden. Vor acht Jahren richtete Dr. Mukwege hier eine spezielle Entbindungsstation mit einem Operationssaal ein. Insgesamt hat Panzi 334 Betten, von denen jetzt 250 mit Frauen, allesamt Opfer sexueller Gewalt, belegt sind. Die ganze Klinik und das umliegende Gelände sind ein Dorf von vergewaltigten Frauen.

Überall Kinder, überall Hunger und Not. Täglich sterben hier mindestens zwei Kinder an Mangelernährung. Und dann sind da die vielen Probleme, die aus schweren Traumata erwachsen: Frauen, die an Alpträumen und Schlaflosigkeit leiden; Frauen, die von ihren Männern verstoßen wurden; Frauen, die kein Interesse daran haben, sich um die Babys ihrer Vergewaltiger zu kümmern, Frauen und Kinder, die nicht wissen, wohin.

Es ist früh am Morgen, und der Krankenhaushof wurde vorübergehend zur Kirche umfunktioniert. Frauen in ihrem farbenfrohsten – oder vielleicht auch einzigen – Pagne (einem bunt gemusterten Stoffrechteck, das als Kleid oder Rock um den Körper geschlungen wird) sitzen da und warten, dass der Arzt kommt und die tägliche Morgenandacht hält. Pflege- und Betreuungspersonal in gestärkten weißen Jacken ist ebenfalls da. Es wird gesungen – eine Kombination aus Pfingstlergesängen und Swahili-Rhythmen. Sonntagmorgenstimmen, die Jesus anrufen.

Diese Morgenandacht ist eine Art tägliche Versammlung, die Stärke und Einheit stiftet. Wenn die Frauen singen, scheint alles andere in Vergessenheit zu geraten. Sie haben die Sonne, den Himmel, die Trommeln, einander. Sie sind am Leben, für den Moment sicher und frei.

Während des Gesangs erzählt mir Dr. Mukwege von einzelnen Frauen im Chor. Viele kamen nackt oder halb verhungert hier an. Viele waren so schwer geschädigt, dass es ihn wundert, dass sie überhaupt noch singen können. Er ist sehr stolz auf die Genesung der Frauen. „Ich werde mich nie schämen“, singen sie. „Gott hat mir ein neues Herz gegeben, damit ich sehr stark sein kann.“
„Am Anfang habe ich mir noch die Geschichten der Patientinnen angehört“, erklärt mir der Arzt. „Jetzt tue ich es nicht mehr.“ Ich verstehe bald warum. Ich lerne Nadine kennen, und sie erzählt mir eine Geschichte, die so grässlich ist, dass sie mich noch Jahre verfolgen wird. „Ich bin 29“, beginnt sie. „Ich komme aus dem Dorf Nindja. Unsere Gegend war immer unsicher. Nachts haben wir uns oft im Busch versteckt. Dort fanden uns die Soldaten. Sie töteten unseren Dorfchef und seine Kinder. Wir waren 50 Frauen. Ich war mit meinen Kindern zusammen und mit meinem älteren Bruder, dem befahlen sie, Sex mit mir zu haben. Er hat sich geweigert, da haben sie ihm den Schädel mit dem Buschmesser gespalten. Er ist gestorben.“

Nadine zittert am ganzen Körper. Ich kann es kaum fassen, dass die Frau, aus deren Mund diese Worte kommen, noch lebt und atmet. Sie erzählt mir, wie einer der Soldaten sie zwang, seinen Urin zu trinken und seinen Kot zu essen, wie sie zehn von ihren Freundinnen töteten und dann ihre Kinder: ihre vier und zwei Jahre alten Söhne und die einjährige Tochter. „Sie haben den Leichnam meiner Kleinen auf den Boden geworfen, als wäre sie Müll“, sagt Nadine. „Dann hat mich einer nach dem anderen vergewaltigt. Dabei zerrissen meine Scheide und mein After.“

Nadine war die einzige der 50 Frauen, die entkam. „Als ich den Soldaten entflohen war, kam ein Mann vorbei. Er sagte, ‚Was stinkt hier so?‘ Das war ich, wegen meiner Verletzungen. Ich konnte meinen Urin und meinen Stuhl nicht halten. Ich erklärte, was passiert war. Der Mann fing an zu weinen. Er und ein paar andere brachten mich ins Panzi-Krankenhaus.“

Sie hält inne. Wir haben beide schon eine Weile nicht mehr geatmet. Nadine schaut mich an, als sehnte sie sich danach, dass ich verstehe, was sie da erzählt. Sie sagt: „Als ich hierherkam, hatte ich keine Hoffnung. Aber dieses Krankenhaus hat mir so geholfen. Immer wenn ich an das dachte, was passiert war, wurde ich wahnsinnig. Ich hatte das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Ich habe Gott angefleht, mich zu töten. Doch Dr. Mukwege hat zu mir gesagt, vielleicht wollte Gott ja nicht, dass ich sterbe.“

Später erzählt mir Nadine, dass der Doktor Recht hatte. Als sie dem Gemetzel entflohen sei, sagt sie, habe sie ein Baby neben seinen ermordeten Eltern auf dem Boden liegen sehen. Sie rettete das kleine Mädchen. Jetzt hat sie in dem Kind, um das sie sich kümmern muss, einen Grund weiterzuleben. „In mein Dorf kann ich nicht zurück. Es ist zu gefährlich. Aber wenn ich irgendwo einen Ort hätte, wo ich wohnen kann, könnte ich zur Schule gehen. Ich habe meine Kinder verloren, aber ich ziehe dieses Kind als meine Tochter auf. Dieses Mädchen ist meine Zukunft.“

Ich bleibe eine Woche in Panzi. Frauen stehen Schlange, um mir ihre Geschichte zu erzählen. Wenn sie zum Interview kommen, sind sie innerlich taub, teilnahmslos, stumpf, tot. Wenn sie wieder gehen, sind sie lebendig, dankbar, gestärkt. Ihre tiefste Verletzung, das verstehe ich allmählich, ist das Gefühl, dass man sie vergessen hat, dass sie unsichtbar sind, dass ihr Leiden bedeutungslos ist.

Ihnen einfach nur zuzuhören, hat eine enorme Wirkung. Schon die leiseste Berührung, die kleinste Freundlichkeit gibt ihnen wieder Zuversicht und Energie. Die Kraft dieser Frauen ist unglaublich, sie lassen sich nicht unterkriegen. Dr. Mukwege sagt, ich müsse Alfonsine kennenlernen. „Ihre Geschichte hat mich sehr berührt“, sagt er. „Sie war der schlimmste Fall, den ich je gesehen habe, aber sie hat uns allen Mut gemacht.“

Alfonsine ist dünn und von einer großen inneren Ruhe. Sie erzählt mir, sie sei durch den Wald gegangen und einem einzelnen Soldaten begegnet. „Er ist mir gefolgt und hat mich gezwungen, mich hinzulegen. Er hat gesagt, er würde mich töten. Ich habe mich mit aller Kraft gewehrt, das ging eine ganze Weile. Dann hat er sein Gewehr geholt, es auf meine Scheidenöffnung gesetzt und die ganze Ladung in mich abgefeuert. Ich hörte nur die Stimme der Kugeln. Meine Kleider klebten von Blut. Ich bin ohnmächtig geworden.“

Dr. Mukwege erklärt mir: „So etwas hatte ich noch nie gesehen. Steißbein, Blase, Vagina und Rektum waren praktisch zerstört. Sie hatte den Verstand verloren. Ich war mir sicher, dass sie nicht durchkommen würde. Ich habe ihre Blase rekonstruiert. Manchmal weiß man nicht weiter. Man hat keine Landkarte. Ich habe sie sechsmal operiert, dann habe ich sie nach Äthiopien geschickt, damit sie dort ihr Inkontinenzproblem beheben, was sie auch getan haben.“

„Ich lag im Bett, als ich Dr. Mukwege das erste Mal gesehen habe“, sagt Alfonsine. „Er hat mein Gesicht gestreichelt. Ich bin sechs Monate in Panzi geblieben. Er hat mir seelisch geholfen. Er hat mir erklärt, wie oft Gott Wunder vollbringt. Er hat mich moralisch aufgebaut.“

Ich betrachte Alfonsines zierliche Gestalt und stelle mir die Narben unter den schlichten weißen Kleidern vor. Ich stelle mir das rekonstruierte Fleisch vor, die Qualen, die sie durchlitten hat. Ich höre zu. Ich kann kein Quäntchen Bitterkeit ausmachen, kein Verlangen nach Rache. Alfonsine ist ganz auf ihre Zukunft konzentriert. Voller Stolz erklärt sie mir: „Ich mache jetzt eine Ausbildung zur Krankenschwester. Am liebsten möchte ich in Panzi arbeiten. Es waren die Schwestern hier, die mich Tag für Tag umsorgt haben, die mich durch ihre Zuwendung ins Leben zurückgeführt haben.“ Doch Alfonsine hat noch weitreichendere Ambitionen: „Ich fühle mich wichtig für die Gemeinschaft; ich kann etwas für mein Volk tun. Frauen müssen unser Land führen. Sie wissen wie.“

Täglich treffen etwa ein Dutzend neue Patientinnen im Panzi-Krankenhaus ein. Die meisten kommen zu einer Fisteloperation, der Reparatur verletzungsbedingter Löcher zwischen Scheide, Harnröhre und Darm. Dr. Mukwege war ursprünglich der einzige Arzt im Panzi-Krankenhaus, der Fisteloperationen durchführen konnte, inzwischen hat er vier weitere Ärzte darin geschult. Das Krankenhaus nimmt pro Jahr tausend solcher Eingriffe vor.

Wegen der vielen Fisteln ist der ganze Krankenhauskomplex mit Urin getränkt. Der Geruch ist allgegenwärtig. Urin rinnt auf den Boden der riesigen, einem Hangar ähnelnden Halle, wo Hunderte Frauen den ganzen Tag sitzen. Urin steht in Pfützen auf dem Boden von Klassenzimmern. Die Frauen sind immer nass. Ihre Beine scheuern sich auf, und die Haut brennt. In Panzi laufen viele kleine Mädchen in urinfleckigen Kleidern herum, scheu und voller Scham: Auch sie sind Vergewaltigungsopfer.

Natürlich möchte ich wissen, was Dr. Mukwege bewogen hat, hier zu arbeiten, manchmal 14 Stunden am Tag. „Ich bin in Bukavu geboren, am ersten März 1955“, erzählt er mir. „In meiner Kindheit litt meine Mutter an Asthma. Wenn sie nachts Anfälle bekam, war ich derjenige, der losging, eine Krankenschwester oder Medikamente holen. Wir dachten alle, sie würde sterben. Bis heute bin ich an jedem Geburtstag, den sie feiert, so froh, dass sie noch lebt. Mein Vater war Geistlicher. Er war sehr sanft, sehr menschlich. Von ihm habe ich die Bereitschaft, mich um die Kranken zu kümmern. Wenn wir zusammen Krankenbesuche machten, hat er immer gebetet. Ich habe ihn gefragt, ‚Warum kannst du ihnen nicht irgendein Medikament geben oder ihnen etwas verordnen?‘ Er sagte, ‚Ich bin kein Arzt‘. Da ist mir klar geworden, dass Beten nicht reicht. Wenn eine Frau leidet, kann ich ihr nicht etwas von Gott erzählen, ich muss etwas gegen ihre Schmerzen tun. Man kann sich nicht hinter dem Glauben verstecken.“

Dennis Mukwege war zunächst Allgemeinmediziner mit dem Schwerpunkt Pädiatrie. Als er in einer Klinik in Lemera, einem Dorf südlich von Bukavu, arbeitete, sah er auf der Entbindungsstation schreckliche Dinge. „Jeden Tag kamen blutende Frauen, viele mit schweren Infektionen. Eine Frau hatte ihr totes Kind eine Woche lang in der Vagina mit sich herumgetragen. Es war furchtbar. Das hat dazu geführt, dass ich mich für einen neuen Berufsweg entschied.“

Er studierte noch einmal, Gynäkologie im französischen Angers, und kehrte dann nach Lemera zurück, um das Klinikpersonal in Gynäkologie und Geburtshilfe zu schulen. Als er nach Bukavu übersiedelte, richtete er in Panzi eine spezielle Entbindungsstation ein. Es kamen Frauen, die Opfer extremer sexueller Gewalt geworden waren. Mit jedem Tag wurden es mehr.
Wer waren – und sind – die Vergewaltiger dieser Frauen? Die bessere Frage wäre: Wer gehört nicht dazu?

Die Täter sind Interahamwe, Kämpfer der Hutu-Miliz, die 1994 aus dem Nachbarland Ruanda flohen, nachdem sie dort den Völkermord an den Tutsi verübt hatten. Es sind Soldaten der kongolesischen Armee, bewaffnete Zivilisten verschiedenster Couleur, sogar Soldaten der UN-Friedenstruppen. Christine Schuler-Deschryver, die für eine deutsche Hilfsorganisation arbeitet und sich sehr für das Panzi-Krankenhaus und die kongolesischen Frauen engagiert, sagt: „Sie alle vergewaltigen Frauen. Es ist ein Nationalsport. Jeder Mann in Uniform ist für Frauen ein Feind.“

Viele Frauen zeigen die Vergewaltigungen nicht an, weil sie Angst haben, von ihren Männern und Familien verstoßen zu werden. Es gibt zwar im Kongo Gesetze gegen Vergewaltigung, aber wenn eine Frau die Vergewaltigung anzeigt und der Täter festgenommen wird, kann es sein, dass er sich freikauft und zurückkommt, um sie ein zweites Mal zu vergewaltigen. Oder umzubringen.

Mukwege ist die Inspirationsfigur einer anderen Art von Armee, einer Armee des Heilens. Ich spreche mit einem Krankenhausangestellten namens Bonane. „Ich war in Uganda“, sagt er. „Ich habe den Doktor im Fernsehen gesehen. Er hat über die Gräueltaten gesprochen. Da ist mir klargeworden, dass das meine Mütter und Schwestern sind. Und ich bin hergekommen, um bei ihm zu arbeiten.“

Dr. Mukwege ist verheiratet und hat fünf Kinder. Aber seine Familie bekommt ihn kaum zu Gesicht, weil ihn sein Engagement für die Frauen ganz und gar beansprucht. Obwohl die Energie des Arztes unerschöpflich scheint, bemerke ich eine tieferliegende Erschöpfung in seinem Gesicht und seinem Wesen, etwas Schlaflos-Verzweifeltes, das sich einstellt, wenn man ständig mit Gewalt und Grausamkeit zu tun hat.

Ich frage den Arzt nach Joseph Kabila, der im November 2006 der erste frei-gewählte Präsident des Kongo seit 46 Jahren wurde und versprach, der „Errichter des Friedens“ zu sein. Bessert sich die Situation? Mukwege seufzt. „Kabila“, sagt er, „hat nichts getan. Die Kämpfe hier im Osten sind nicht beendet. Im Jahr 2004 war mein Leben bedroht, ich bekam Anrufe, dass ich meine Arbeit einstellen solle, oder ich müsse sterben. Die Anrufe haben aufgehört, aber es ist immer noch sehr gefährlich.“

„Die internationale Gemeinschaft schickt Besucher her“, fährt er fort. „Sie essen Sandwichs und weinen, aber sie kommen nicht wieder, um Hilfe zu bringen. Selbst Präsident Kabila hat dieses Krankenhaus nie betreten. Seine Frau war hier. Auch sie hat geweint, aber getan hat sie nichts.“

UNICEF, ECHO (das Amt für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission) und die schwedische humanitäre Organisation PMU sind die Hauptförderer von Panzi. Obwohl das Krankenhaus mehr Geld immer gebrauchen kann, wäre doch das eigentlich Wichtigste eine politische Reaktion auf die Gewalt. Wenn die schon nicht erfolgt, wünscht sich Dr. Mukwege wenigstens wirksamen Schutz für die Frauen, sobald sie das Krankenhaus verlassen. „Ich flicke sie zusammen und schicke sie wieder nach Hause“, sagt er. „Aber nichts garantiert, dass sie nicht wieder vergewaltigt werden. Es gab mehrere Fälle, in denen Frauen hierher zurückkamen, in noch schlimmerem Zustand als beim ersten Mal.“

An meinem letzten Tag fragt mich der Arzt, ob ich Körperübungen leiten will, die den Frauen helfen sollen, ihr Trauma zu verarbeiten. Wir gehen in das hangarähnliche Gebäude, wo 250 kranke, deprimierte Frauen warten. Wir beginnen mit Atmen. Ein, aus. Ein, aus. Dann verbinden wir das Atmen mit einem Geräusch. Dann nacheinander mit weiteren Geräuschen. Dann verbinden wir das ganze mit Bewegung. Es wird gestampft. Geboxt. Heftig mit den Armen gewedelt.

Die Frauen sind jetzt auf den Beinen, schreien, stoßen gutturale Laute der Trauer, der Wut, des Entsetzens aus. Binnen Minuten verwandeln sie sich aus gebrochenen, stummen Frauen in ungestüme, lachende, wilde Wesen. Inmitten dieser ganzen Energie fordert sie Dr. Mukwege zu einem Wetttanzen heraus. Feierfreude und Power bersten förmlich aus ihren Körpern hervor. Etwas in jeder dieser Frauen ist unbezwingbar, unzerstörbar. Ihre Lebensgeister hat niemand getötet.

Die Menge wird immer frenetischer. Die Frauen tanzen in der heißen afrikanischen Sonne. Sie tanzen auf freier Straße. Sie schwemmen uns buchstäblich einen steilen Hang hinauf, hunderte Frauen und Kinder, die sich als eine einzige, energiegeladene weibliche Masse bewegen.

Da flüstert Dr. Mukwege mir zu: „Wenn ich diese Freude, diese Lebendigkeit sehe, weiß ich, warum ich jeden Tag wieder hierherkomme.“

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