"Die letzte Rettung für diese Mädchen"
Sehr verehrtes Publikum, liebe Alice Schwarzer, liebe Kirsten Bruchhäuser,
ich habe keine Sekunde gezögert, um heute Abend hier stehen zu können, weil mir dieses Thema sehr am Herzen liegt. Weil wir Menschen ehren, die nicht nur hinsehen, sondern auch handeln. Und, weil sie uns zugleich erinnern, wo wir als Gesellschaft immer noch versagen.
Wir versagen. Wir versagen ausgerechnet dann, wenn es um den Schutz der Schwächsten unserer Gesellschaft geht. Wir schützen die Kinder nicht ausreichend. In unserem Land hat der sexuelle Missbrauch von Kindern ein schockierendes Ausmaß angenommen. Und die Fallzahlen steigen.
Sei es in der organisierten Pädokriminalität, in Institutionen wie der Kirche, in Internaten, in Sportvereinen, in Ferienfreizeiten. Und am gefährlichsten aller Orte für Kinder: in der eigenen Familie. Oft ist der eigene Vater der Täter, oder ein Onkel, ein Bruder, ein Freund. Zu oft schauen die Menschen, die helfen könnten und müssten, weg. Auch Mütter, Tanten, NachbarInnen, LehrerInnen, SozialarbeiterInnen.
Sie und ihre 29 Pferde versuchen zu heilen, was andere zerstört haben
Sie, liebe Kirsten Bruchhäuser, Sie und Ihr Team vom „Pferdehof Maruschka“, Sie schauen hin. Mehr noch, Sie handeln! Sie und ihre 29 Pferde versuchen zu heilen, was andere zerstört haben.
Die Mädchen, die zu ihnen kommen, haben schwersten Missbrauch erlebt. Oft schon im Baby- und Kleinkindkalter. Auf ihren Körpern wurden Zigaretten ausgedrückt, sie wurden vom eigenen Vater misshandelt und sexuell missbraucht. Manche Mädchen wurden vom Täter an weitere Männer weitergereicht, von einigen wurde kinderpornografisches Material erstellt, das bis heute im Netz kursiert.
Systemsprenger werden diese Mädchen genannt, wenn sie älter werden. Es sind Mädchen, deren Seele so geschunden wurde, dass ihnen kein Kinderheim und keine Pflegefamilie mehr helfen konnte. Sie fallen durch alle Netze. Sie können nicht in die Schule gehen, geschweige denn eine Ausbildung machen. Viele können es nicht mehr ertragen, von jemand anderem berührt zu werden. Was passiert mit diesen Mädchen? Welches Leben können sie noch führen?
Sie, liebe Kirsten, Sie und Ihr Pferdehof sind die letzte Station dieser Mädchen, ihre letzte Hoffnung.
Mit sehr, sehr viel Glück hat eine Mitarbeiterin vom Jugendamt, eine Ärztin, eine Psychotherapeutin von „diesem seltsamen Pferdehof irgendwo im Osten“ gehört. Mit noch mehr Glück ist dort gerade ein Platz frei geworden für ein Mädchen, das sonst niemand will. Das keinen Ort findet, nirgends.
Sie schaffen es, dass diese Mädchen wieder Vertrauen aufbauen können, Urvertrauen. Dass sie wieder aufs Pferd steigen können und die Zügel für ihr Leben selbst in die Hand nehmen.
Zehn Mitarbeiterinnen und 29 Pferde helfen ihnen dabei. Durch sie lernen die Mädchen wieder, einem anderen Lebewesen zu vertrauen, es zu berühren und berührt zu werden - ohne zurückzuschrecken.
Viele dieser Pferde sind darum geeignete Ersthelfer, weil sie eine ähnliche Geschichte haben. Es sind Pferde aus dem Tierschutz, ausgemusterte Rennpferde, Pferde, die geschlachtet werden sollten, weil sie niemand mehr haben wollte. Diese Mädchen, die keiner will, und diese Pferde, die keiner will, sie finden auf Ihrem Hof auf wundersame Weise zusammen.
Sie, Kirsten, sehen die Abgründe in Mensch und Tier, die andere verursacht haben. Und Sie können auch deshalb so gut mit diesen Abgründen umgehen, weil Sie selbst hineingeblickt haben.
Auch Ihr Vater war einer „dieser Väter“. Ein Bürgermeister, der vom ganzen Ort geliebt wurde, der aber die eigene Tochter missbraucht hat. Auch Sie sind eines der Mädchen, bei dem alle versagt haben. Nachbarn, die wegschauten, wenn ein Kind nachts lieber auf einer Bank am Waldrand schläft als im eigenen Bett. Lehrerinnen und Lehrer, die nicht hinterfragen, was bei Bürgermeisters zuhause so los ist. Und eine Mutter, die weggesehen hat. Wahrscheinlich, weil ihre eigene Bürde zu schwer war.
Männer müssen bei Ihnen leider draußen bleiben, zu viele Täter, zu viele Trigger
Auch Ihnen haben nicht die Menschen, sondern die Pferde geholfen. Ihr Pony Gretchen, mit dem Sie von zu Hause weggaloppieren konnten. Die Reitferien, in denen Sie sich wohl fühlten. Pferde waren für Sie immer ein „sicherer Ort“.
Einen solchen Ort haben Sie 1995 in Meuselko in Sachsen-Anhalt für Mädchen, wie sie selbst eines waren, geschaffen. Sie haben dabei die therapeutische Arbeit mit Pferden perfektioniert, auf eine einzigartige Weise.
Der Hof, auf dem Sie und Ihr Team seit fast 30 Jahren mit wechselnden Mädchen zusammenleben, lässt die „Villa Kunterbunt“ von Pippi Langstrumpf alt aussehen. Ein wildes Haus für eine wilde Bande. Mit Hunden, Katzen, Ziegen, Kaninchen und mit Pferden, die heilende Kräfte haben.
„Eine Leitstute hat die Gabe, den größtmöglichen Individualraum zu erkennen und als Schutzraum zu verteidigen“, heißt es in der Pferdewissenschaft. Sie, Kirsten, machen genau das. Sie geben Raum und bieten Schutz. Noch dazu haben Sie auf dem Hof „Maruschka“ einen Frauenkosmos geschaffen; von Gärtnerinnen über Therapeutinnen bis hin zum Hufschmied, der selbstverständlich auch eine Frau ist. Männer müssen leider draußen bleiben. Zu viele Täter, zu viele Trigger.
Viele Frauen in diesem Saal wissen, was es bedeutet, gegen den eigenen Willen bedrängt zu werden, sich nicht wehren zu können, ausgeliefert zu sein. Als Mädchen, als Frau. Ich eingeschlossen. Und viele von uns wissen, wie sich das anfühlt, wenn keiner hinschaut, keiner hilft.
Sie, Kirsten, Sie helfen. Sie geben auch die nicht auf, die alle anderen längst aufgegeben haben. Und Sie schaffen es! Die meisten der Mädchen von Ihrem Hof finden ihren Weg ins Leben. Viele können sogar eine Ausbildung machen. Sie können irgendwann sogar wieder lachen.
Als Sie klein waren, haben Sie gern mit Pferdefiguren und einem Reithof aus Holz gespielt. Mit acht Jahren haben Sie beim Spielen beschlossen: „Wenn ich groß bin, baue ich einen Reithof für alle Pferde und Mädchen, die sonst keiner will.“ Sie haben Ihren Plan umgesetzt. Jenseits aller Bürokratie und staatlichen Hilfe. Die kam erst später.
Liebe Kirsten Bruchhäuser, für diese Lebensleistung, für die Rettung von Mädchen, die viele andere nicht mehr retten konnten, werden Sie heute mit dem HeldinnenAward der Alice-Schwarzer-Stiftung geehrt! Ich hoffe, dass der Preis dazu beiträgt, dass Ihre Umwelt und auch die Behörden Ihnen und Ihrem Projekt auch weiterhin die angemessene Unterstützung zukommen lassen.
Ich freue mich sehr, Ihnen heute den HeldinnenAward 2026 überreichen zu dürfen. Ein Preis für mutige Frauen, die sich für die Menschenrechte und ein menschenwürdiges Leben von Mädchen und Frauen einsetzen. Herzlichen Glückwunsch!

