Loverboys - im wahren Leben

Vater Dirk suchte verzweifelt nach seiner Tochter Anna. - © Dominik Asbach
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Anna war 18, als ihre Röcke immer kürzer und ihre Absätze immer höher wurden. „Sie hat ihr Aussehen komplett verändert“, erzählt ihr Vater Dirk, der seinen Nachnamen nicht in der Presse lesen möchte, weil er auch Annas Nach­name ist. Wenn Dirk seine Tochter auf die handbreiten Minis und die grotesken High Heels ansprach, wurde sie patzig und ­aggressiv. Der Vater schiebt das „auf eine Art Spätpubertät“. Annas Eltern sind geschieden, mit 14 hatte die Tochter, die bis dato bei der Mutter gelebt hatte, entschieden, dass sie ab jetzt lieber beim Vater wohnen wollte. „Sie war ein Papakind“, sagt Vater Dirk und lächelt verlegen, als ob er sich dafür entschuldigen wollte, dass er das innige Vater-Tochter-Verhältnis nicht hat bewahren können.

Anna verbarg etwas vor ihm. Er fiel aus allen Wolken, als ihr Chef anrief und fragte, ob denn bald mal eine Krankmeldung käme. Anna, die eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau machte und gerade das dritte Lehrjahr begonnen hatte, war seit Wochen nicht mehr zur Arbeit erschienen. Dabei hatte sie morgens immer, wie gewohnt, das Haus verlassen. Und noch etwas war merkwürdig: Annas Freundinnen tauchten plötzlich nicht mehr auf. Die einzige Person, die das Mädchen noch erwähnte, war ihr „neuer Freund“. Aber den bekam der Vater nie zu Gesicht. „Ich hab mich natürlich gefragt, ob der was damit zu tun hat, dass sie so komisch wurde. Aber immer wenn ich gesagt hab, dass ich ihn kennenlernen will, hat sie abgeblockt.“ Schließlich besteht der Vater darauf, dass der Freund sich ihm vorstellt. Der junge Mann, der sich in sein Wohnzimmer setzt, hat viele Tattoos auf seinen muskulösen Armen. Er ist Türke. Ein „türkischer Mitbürger“, sagt Dirk, weil er „auf keinen Fall fremdenfeindlich klingen will“. Annas starker Freund trinkt seinen Kaffee aus und geht nach zwanzig Minuten wieder. Der Vater spürt, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, aber immer noch kommt er im Traum nicht auf die Idee, welche Katastrophe sich hier gerade abspielt: Seine verliebte Tochter wird von dem smarten jungen Mann auf den Strich geschickt. Anna ist einem sogenannten ­Loverboy zum Opfer gefallen.

Das Phänomen bekam seinen Namen vor gut zehn Jahren in den Niederlanden, wo es mit 1500 Fällen pro Jahr zuerst ­aktenkundig wurde – vielleicht nicht zufällig in dem Land, das im Oktober 2000 als erstes in Europa die Prostitution legalisiert hatte. Die Methode Loverboy funktioniert so: „Loverboys sind Zuhälter, die minderjährige Mädchen im Alter ab elf Jahren in die Prostitution zwingen. Loverboys sprechen von der großen Liebe, machen großzügige Geschenke, schleichen sich in den Freundeskreis ein, suchen sich ihre Opfer vor Schulen, in der Nähe von Jugendtreffs oder im Web. Opfer sind Mädchen aus ganz normalen Familien.“ So steht es im Flyer der „Elterninitiative für Loverboy-Opfer in Deutschland“, kurz: Eilod, die Dirk im Sommer 2011 gemeinsam mit der pensionierten Kriminalkommissarin Bärbel Kannemann gegründet hat.

Einmal im Monat treffen sich Eltern in Düsseldorf zum Gesprächskreis, außerdem tauschen sich 170 registrierte NutzerInnen im Forum der Eilod-Website aus. Bärbel Kannemann bringt Erfahrung aus den Niederlanden mit. Dort hatte sie mehrere Jahre lang ehrenamtlich bei der Stiftung „Stop­loverboys“ gearbeitet. Die Kriminalistin half verzweifelten Müttern, ihre verschwundenen Töchter im Rotlichtmilieu wiederzufinden, was manchmal, aber nicht immer ­gelang. Sie ging in Schulklassen und warnte die jungen Mädchen vor den charmanten Jungs und deren Strategie: Das Opfer von Freunden und Eltern isolieren, bis das Leben des Mädchens nur noch um ihren Traumprinzen kreist. Eine finanzielle Notlage vortäuschen und sie dann an andere Männer verkaufen. Oder erklären, dass das Geld für eine gemeinsame Zukunft bestimmt ist. Und wenn das Mädchen skeptisch wird: Gewalt. „Es sind Mädchen auf der Suche nach Bestätigung und Anerkennung, die prädestiniert sind, Opfer der ­Loverboys zu werden“, weiß sie. „Und die jungen Männer spüren das genau.“

Von alldem hat Dirk keine Ahnung, als Anna ihre beängstigende Verwandlung vollzieht. Schließlich steckt ihm eine von Annas ehemaligen Freundinnen, dass Anna „im Rotlichtmilieu unterwegs“ ist. „Ich war ­geschockt“, erzählt ihr Vater. Und beginnt seine Odyssee auf der Suche nach Hilfe. Das Internet: Fehlanzeige. Hätte er das Wort „Loverboy“ gekannt, hätte die Suche im Netz womöglich Treffer auf hollän­dischen Seiten ergeben. Aber Dirk hat dieses Wort noch nie gehört. Beratungsstellen für Zwangsprostitution: Fehlanzeige. „Die haben mir gesagt, dass sie nur mit den ­Opfern arbeiten.“ Aber noch gibt es ja nur diesen furchtbaren Verdacht, dass Anna Opfer sein könnte. Und die ist inzwischen verschwunden. Sie kommt nun gar nicht mehr nach Hause. Die Polizei: Fehlanzeige.

Dirk hat in Annas Zimmer Streichholzheftchen mit den Namen einschlägiger Clubs gefunden. „Ich bin dann mit den Bruchstücken, die ich hatte, auf die Polizeiwache gegangen und hab darum gebeten, dass sie mir bei der Suche nach Anna helfen“, erzählt Dirk. Aber daraus wird nichts. Denn Anna ist volljährig. Und Prostitution laut Gesetz kein Problem. Sicher, Zuhälterei ist verboten, aber „sie wird das schon freiwillig machen“, befindet der Polizei­beamte. Dirk fragt, ob man in den Clubs nicht nachschauen könnte, eine Art Razzia machen. „Das stellen Sie sich jetzt ein bisschen einfach vor“, sagt der Polizist. Er schlägt dem verzweifelten Vater vor, doch als Freier selbst die Clubs zu besuchen und nach seiner Tochter Ausschau zu halten. „Und was mache ich, wenn ich sie da sehe?“ fragt Dirk und verlässt resigniert die Wache. Einen Hinweis auf eine Beratungsstelle oder auf das Fachkommissariat für Prostitution und Menschenhandel bekommt er nicht.

Später, als er sich bei Eilod mit anderen Eltern austauscht, muss er feststellen, dass er nicht der einzige ist, dessen Erfahrungen mit der Polizei frustrierend sind. Andere Eltern, auch die minderjähriger Mädchen, beklagen sich bitter über die Tatenlosigkeit der Beamten. „Hör mir bloß auf mit der Polizei, da geh ich nie wieder hin!“ ist ein Spruch, den der Eilod-Initiator mehr als einmal hört.

Unterstützung bekommt Dirk schließlich beim Jugendamt. Dort gibt es eine Stelle für Kinder bis 27 Jahre, und die zuständige Sachbearbeiterin hat immerhin eine Idee. Anna sei emotional abhängig von dem ­Loverboy, erklärt sie, also müsse auch Dirk sie auf emotionalem Weg erreichen. Er solle ihr keine Mail oder SMS schreiben, sondern einen handschriftlichen Brief, in dem er seine Liebe und seine Verzweiflung offenbart. Das tut der Vater und legt ein Foto bei, das Anna und ihn beim Reiterurlaub zeigt. Er trägt den Brief nun ständig bei sich, für den Fall, dass Anna plötzlich auftaucht.

Eines Tages dreht sich der Schlüssel in der Wohnungstür. Es ist Anna, die nach vier Monaten Abwesenheit neue Klamotten holen will. Sie ist nervös, denn unten im Auto wartet der „Freund“, der, als sie nach ein paar Minuten nicht wieder unten ist, eine SMS schickt. Der Vater steckt seiner Tochter den Brief in die Tasche. Nach einer Woche kommt eine SMS: „Ich lebe. Mir geht es gut. Ich melde mich wieder.“

Im Januar 2010 zeigt der WDR einen Beitrag über Loverboys. Inzwischen ist das Thema auch in Deutschland angekommen. In dem Film erzählt Bärbel Kannemann von ihrer Arbeit in Holland. Dirk nimmt Kontakt auf, gemeinsam gründen die beiden Eilod. Eine Schulsozialarbeiterin meldet sich und holt die Initiative an ihre Schule in ­Isselburg. Einen Tag lang klären sie die SchülerInnen der zehnten Klassen über das Phänomen auf. Die Schule beschließt, das Aufklärungsprojekt zukünftig jedes Jahr im Rahmen einer Projektwoche zu wieder­holen. Die Fachhochschule Düsseldorf lädt Eilod ein, zu einem Vortrag im Siegerland kommen 120 Interessierte. Und Anna ist immer noch nicht zu Hause. Immer noch schweigt sie über das, was sie tut.

Dirk legt „Stoploverboy“-Flyer auf den Wohnzimmertisch. Um zu signalisieren, dass er Bescheid weiß. Und dass sie sich ihm anvertrauen kann. Als Anna das nächste Mal kommt, spricht sie endlich: „Mein Freund zwingt mich zur Prostitution“, sagt sie. Und dass sie aussteigen will.

Der Vater versucht zu helfen, so gut er kann. Einfach ist das nicht, denn immer noch hat Anna Momente, in denen sie zu dem Mann zurückkehren will, der sie vier Jahre lang an andere Männer verkauft hat. Sie ist in einem desolaten Zustand. „Viele Loverboy-Opfer landen in der Psychiatrie“, weiß Dirk. Anna ist in Therapie, an eine Arbeit ist momentan nicht zu denken. Sie hat 12000 Euro Schulden. Es wird noch dauern, bis sie ihr Leben wieder im Griff hat. „Sie lebt auf einer Rasierklinge“, sagt ihr Vater.

Übrigens: Schon seit Jahren fordern EU und Hilfsorganisationen die Anhebung des Schutzalters für Prostitution von 18 auf 21 Jahre. Die Justizministerin sah bisher keinen Handlungsbedarf.

Der Beitrag erschien 2012 in EMMA und ist jetzt aus "Prostitution - ein deutscher Skandal", Hg. Alice Schwarzer - Buch bestellen

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Merel van Groningen: Und plötzlich gehörst du ihm (Bastei Lübbe)
www.eilod.de
www.stoploverboys.de

 

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