Jugendrichterin Kirsten Heisig im interkulturellen Elternzentrum in Berlin-Neukölln im Gespräch mit türkisch -und arabischstämmigen Müttern. - Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Richterin Heisig erhängt: Ein sehr befremdlicher Selbstmord

Die Friedensrichterin

Sie isst einfach nicht. Dabei ist der Couscous-Salat, den wir im tĂĽrkischen Imbiss gegenĂĽber vom Amtsgericht Tiergarten von den jungen Frauen serviert bekommen haben, wirklich lecker. Sie redet. Noch bevor ich auch nur die erste Gabel gekostet habe, erfahre ich, dass eine junge alleinstehende TĂĽrkin den Laden mit anderen Frauen fĂĽhrt. Kirsten Heisig liebt die tĂĽrkische KĂĽche, kommt aber einfach nicht zum Essen, denn sie hat so viel zu sagen.

Vor einer halben Stunde hat die Jugendrichterin im Amtsgericht Berlin-Tiergarten einen jungen Mann verurteilen müssen. Der 20-Jährige erschien in schwarzer Lederjacke und Kapuzenshirt und gab den reuigen Sünder: „Ich schäm mich, echt.“ Mehr hatte er nicht zu sagen. Sein Pflichtverteidiger spricht für ihn: Er will sich bessern; außerdem war er selbst ein Opfer von Gewalt und kommt aus schwierigen Verhältnissen. Sein Bewährungshelfer attestiert ihm gutes Benehmen und betont, dass er an einem Anti-Gewalt-Kurs teilgenommen hat. Man wisse schließlich, wie es in muslimischen Familien zugehe und deswegen könne man dem Angeklagten sein Verhalten auch nicht vorwerfen.

Wie ist die weit über Berlin hinaus so heftig diskutierte Richterin eigentlich zu ihrem Beruf gekommen? Die 48-Jährige erzählt: „Ich war acht Jahre alt, als ich im Fernsehen zum ersten Mal ‚Ehen vor Gericht’ sah. Als ich den Richter im Fernsehen in seiner schwarzen Robe in der Mitte sitzen sah und miterlebte, wie er die zerstrittenen Ehepaare beruhigte und zum Schluss eine Entscheidung traf, die beide zu akzeptieren hatten, beeindruckte mich das sehr.“ Das Kind hätte sich so klare Worte auch für die eigenen Eltern gewünscht, deren Streitereien Kirsten sehr belasteten. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Juristin Jugendrichterin wurde: engagiert auf der Seite von Kindern und Jugendlichen.

Kirsten Heisig wurde in Krefeld geboren, ging zunächst dort zur Schule und kam als Achtjährige zur Großmutter in Berlin-Wedding. „Dort habe ich die ersten Erfahrungen mit muslimisch-türkischen Kindern gemacht. Wir hatten in der Grundschule einen Jungen, der hieß Aydin. Er konnte kein Deutsch, genau wie ich als rheinische Frohnatur nicht berlinern konnte. Also war er wie ich fremd in der Klasse. Die Lehrerin setzte uns zusammen, damit wir uns gegenseitig stützen konnten. So habe ich nachmittags mit Aydin Schularbeiten gemacht. Seine Eltern waren aufgeschlossen und sehr freundlich. Aydin lernte schnell Deutsch und kam auch gut in der Schule mit.“

Das Abitur legte das hin- und hergeschobene Mädchen dann in Kempen auf einem altsprachlichen Gymnasium ab, das mit ihrem Jahrgang zum ersten Mal in seiner Geschichte Mädchen aufgenommen hatte. Bei der Zeugnisübergabe fragte der Schuldirektor, ob sie sich denn nun auf ihre Aufgabe als Hausfrau und Mutter gut vorbereitet fühle.

Jetzt isst die Richterin endlich ihren Salat und erzählt weiter. Ihr Studium begann sie 1981 in Berlin. „Heute üben fast 50 Prozent Frauen den Beruf der Staatsanwältin oder Richterin aus, darauf können wir Frauen stolz sein“, sagt sie. Auch sei ihr Beruf, so die Mutter von zwei jugendlichen Töchtern, sehr familienfreundlich. „Ich kann Arbeiten mit nach Hause nehmen und so auch mit den Kindern den Alltag gut organisieren“.

Seit 1993 ist Kirsten Heisig Jugendrichterin. „Wir hatten nach der Wende in den Ostbezirken wie Pankow oder Lichtenberg vor allem mit Rechtsradikalismus zu tun.“ Danach kam sie für ein paar Jahre in den Ostbezirk Friedrichshain, hier war angesagt: Schwarzfahren, Autodiebstahl oder Vandalismus. Also Jugendsünden, die nicht unbedingt der Beginn einer kriminellen Karriere sein müssen.

In dem von Friedrichshain durch die Spree getrennten Westbezirk Kreuzberg bzw. Neukölln sah es dann schon ganz anders aus. Hier hat die Richterin es nicht mehr mit Einzeltätern, sondern mit Gangs und Familienclans aus dem arabisch-kurdisch-türkischen Milieu zu tun. Jugendliche Täter aus Familien, bei denen schon die Eltern oft über ein Dutzend Strafverfahren in der Akte haben.

Jugendrichterin Heisig versucht, mit den Kindern schon in der Schule Kontakt aufzunehmen, um so bei den Eltern Aufklärungsarbeit zu betreiben. Zuhause lernen diese muslimischen Jugendlichen nur Gehorchen. Auf der Straße sind die Jungen sich selbst überlassen, schließen sich mit anderen Jugendlichen zusammen oder sind kriminellen Banden ausgeliefert. Der Hass und die Verachtung gegenüber Schulen, Jugendämtern, Polizei und Justiz wird systematisch geschürt. Die Mutter wird idealisiert und die Schwestern werden auf der Straße kontrolliert. Anerkennung und Aufmerksamkeit kriegen diese Jungen nur über Gewalt.

Der entscheidende Unterschied gegenüber deutschen Jugendlichen sei, erklärt Heisig, dass sie Gewalt als Mittel der Erziehung akzeptieren und gar keine Unterstützung von den Eltern erhalten, um sich im Bildungssystem und der deutschen Gesellschaftsordnung zurechtzufinden. „Wenn wir einen arabischen jungen Mann als Zeugen vorladen, ist er häufig gar nicht bereit auszusagen“, erzählt sie. „Auch wenn er selbst Opfer ist, sagt er nicht wahrheitsgemäß aus, um nicht in den Verdacht zu geraten, ein ‚Verräter’ der eigenen Gruppe zu sein. Die jungen Männer wehren sich gegen ‚die Deutschen’ und merken nicht, dass sie sich nur selber damit schaden.“

Die enge Zusammenarbeit der Jugendrichterin mit der Polizei gehört zum „Neuköllner Modell“. Sobald ein Jugendlicher eine Tat begangen hat, die noch nicht so schwerwiegend ist, dass dafür eine Jugendstrafe verhängt werden müsste, kann die Staatsanwaltschaft auf Vorschlag der Polizei das Verfahren ohne Einhaltung von Förmlichkeiten der Richterin vorlegen.

In nicht so komplizierten Fällen, wie zum Beispiel einer Körperverletzung, die der Angeklagte zugibt, kann so eine Hauptverhandlung schon drei Wochen nach der Tat stattfinden. „Das beeindruckt die jungen Täter, die es gewöhnt sind, dass alles immer unheimlich lange dauert“, erklärt Heisig. „Auch die in der Verhandlung festgelegte Maßnahme – ein Anti-Gewalt-Seminar oder ein Arrest bis zu vier Wochen – wirkt besser, wenn der junge Mensch noch einen inneren Bezug zu seiner Tat hat.“

Richterin Heisig sieht ihre Aufgabe allerdings keineswegs immer als beendet an, wenn sie ihr Urteil gesprochen hat. „Sie können sich nicht vorstellen, wie erstaunt die jungen Männer sind, wenn ihre Richterin sich bei ihrem Lehrer erkundigt, ob alles in Ordnung ist. Das mache ich dann, wenn ich die Jugendlichen per Urteil angewiesen habe, regelmäßig die Schule zu besuchen. Sie sollen lernen, dass die Institutionen zusammenwirken. Ich mische mich ein, handele zügig und das ist im Sinne der Jugendlichen.“

Zu Heisigs Abendveranstaltungen in den Schulen kommen türkische wie arabische Eltern. „Leider immer noch zu wenige Väter, meist Mütter.“ Die Mütter sind ihre Hoffnung. “Wenn ich ihnen erzähle, wie schnell ihre Söhne kriminell werden können und was sie dafür tun können, damit es nicht soweit kommt, erlebe ich oft Verständnis und Dankbarkeit.“

Und wenn Richterin Heisig vor fünf Jahren den jungen Mann, den sie heute verurteilen musste, nach der ersten Anzeige in der Schule rasch auf der Anklagebank gehabt hätte, wäre vielleicht das zwölfjährige Mädchen nicht in seine Hände gefallen, das er auf den Strich geschickt hat.

„Richterin Gnadenlos“, wie ihre Kritiker Heisig nennen, schlägt die Akte des Mannes auf. Es war nicht das erste Mal, dass der 20-Jährige vor Gericht stand. Mit 15 hatte er zusammen mit einen „Kumpel“ ein zwölfjähriges deutsches Mädchen brutalst vergewaltigt. Sein damaliger Richter verurteilte ihn zu 20 Monaten auf Bewährung und ermahnte ihn, sich zu bessern. Obwohl er inzwischen mehrfach auffällig geworden ist, hat er bisher keinen Tag seiner Strafe abgesessen.

Jetzt ist er angeklagt wegen Zuhälterei. Er hatte für türkische Zuhälter kleine Jungen angelockt, ihnen Geschenke gemacht und Geld versprochen und sie zu Päderasten gebracht. „Ich schäm mich, echt“. Das ist das Einzige, was der Angeklagte dazu zu sagen hat. Richterin Heisig spricht ihr Urteil: sechs Monate auf Bewährung. Sie erklärt ihm, dass er bei dem Mädchen und den Jungen kaputte Seelen hinterlassen hat, und: „Wenn ich damals Ihre Richterin gewesen wäre, wäre das Urteil anders ausgefallen. Ich hoffe, ich sehe Sie hier nicht wieder.“ Die Chance allerdings, dass sie ihren „Intensivtäter“ wiedersieht, ist groß. Denn nicht zuletzt auf ihre Initiative hin ist die Berliner Jugendgerichtsbarkeit neu organisiert worden.

Bevor sie etwas isst, muss sie mir schnell noch ihr „Neuköllner Modell“ erklären: Bisher war es so, dass drei oder vier Richter für mehrere Polizeiabschnitte zuständig waren. Das ist jetzt anders. Jeder Jugendrichter ist für einen bestimmten Bezirk zuständig und bekommt alle Fälle auf den Tisch. Die Täter können also sicher sein, dass die Richter spätestens beim zweiten Delikt wissen, wen sie vor sich haben. Die Richter können selbst entscheiden, welche Fälle sie mit Priorität verfolgen. Das Ziel ist bei bestimmten Delikten nicht erst nach Monaten oder Jahren zu verhandeln, sondern innerhalb von wenigen Wochen. Es hat vorbeugende Wirkung, wenn „früh, konsequent und deliktsbezogen“ reagiert wird.

„Konsequent“ bedeutet bei Richterin Heisig zum Beispiel auch, dass ein Angeklagter, der unentschuldigt einem Verfahren fernbleibt, umgehend von der Polizei verhaftet wird und auch schon mal ein bis zwei Wochen in U-Haft sitzen muss, damit er den nächsten Termin nicht versäumt. Zuerst war das Geschrei groß, Mütter saßen vor ihrem Büro und jammerten um ihre Söhne. Inzwischen kommen die meisten Angeklagten pünktlich. Der „Buschfunk“ im Kiez funktioniert.

Die Jugendrichterin ist zuständig für den Polizeibezirk 55, das Rollbergviertel in Berlin-Neukölln. Einer der „Problemkieze“ schlechthin. „Wenn schon, denn schon“, sagt sie. Sie kennt ihre Pappenheimer, die Intensivtäter, ihre Familien und Clans. Sie veranstaltet Elternabende, trifft Lehrer, Quartiersmanager und Sozialarbeiter. Dass ein Richter so etwas macht, ist ungewöhnlich und wird auch unter Kollegen nicht überall gern gesehen.

Lange waren Jugendrichter so etwas wie der ultimative Versteher, der letzte in einer langen Reihe von Sozialarbeitern. Heisig aber will nicht immer nur alles entschuldigen, sondern verhindern, dass die 12- oder 13-Jährigen, die vor ihr stehen, noch einmal bei ihr auftauchen.

Jetzt hofft Richterin Heisig, dass er seine Taten wenigstens begreift und lernt, dass er für sein Handeln selbst verantwortlich ist. „Das müssten unsere Sozialarbeiter und Jugendpsychologen endlich auch begreifen!“, sagt Heisig und ihre Verärgerung darüber, dass es so oft nicht der Fall ist, ist deutlich spürbar. Die Kritik an Heisigs Arbeit kommt selten von Migranten, sondern meist aus den Kreisen, die immer alles „verstehen“.

Zuguterletzt hat Kerstin Heisig doch wenigstens die Hälfte des Couscous gegessen. Sie sieht auf ihre Uhr - und ist in Gedanken schon längst wieder in ihrem „Kiez“.

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