Silvester: Und die Gefühle der Opfer?!

Ⓒ Robert Lohse
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Tag 26 nach den Geschehnissen der Silvesternacht. Tag 22 seitdem die großen Leitmedien erstmals darüber berichteten. Exakt seit diesem Zeitpunkt häufen sich die Meldungen über Asylbewerber, die sich offenbar auch ohne Alkohol und an anderen Tagen als Silvester nicht benehmen können. Dies lässt nur zwei mögliche Schlussfolgerungen zu: Entweder es gibt diese Vorfälle von sexueller Belästigung wirklich erst seit Silvester oder die hiesige Presselandschaft hat vorher schlicht und ergreifend nicht darüber berichtet.

Sehr wahrscheinlich trifft Letztgenanntes zu, sodass wir uns wohl oder übel an den Gedanken gewöhnen müssen, dass man uns bewusst Informationen vorenthalten hat und dass diese Dinge nicht erst seit Köln passieren, dass sie, wenn auch nicht in der Intensität wie jetzt, vielerorts schon seit Jahren vorkommen. Und dennoch ist man fast gewillt, der ganzen Sache etwas Positives abzugewinnen. „Endlich wird darüber berichtet!“ hört man sich in Gedanken sagen. Oder: „Jetzt ändert sich etwas.“

Ich will mich als Frau frei und selbstbestimmt bewegen können!

Weshalb sich trotz neu gewonnener Offenheit der Presselandschaft im Umgang mit Flüchtlingen und den kulturellen Problemen, die dieser massive Zustrom mit sich bringt, vermutlich dennoch kaum etwas ändern wird, zeigt sich schon an der Schwerpunktsetzung der Berichterstattung. So offenbart die Debatte nicht zuletzt auch unsere eigenen Unzulänglichkeiten in Bezug auf den Feminismus.

Man liest in den letzten Tagen zwar allerhand über angebliche Zwischenfälle mit Asylbewerbern in Clubs und Schwimmbädern, darüber wie rassistisch und unfair es sei, wenn man ganze Personengruppen mit einem Hausverbot belegt, nicht aber – und da bleibt man der eigene Linie treu – was das eigentlich mit den Frauen macht.

Wenn wir einmal wirklich über uns Frauen und unsere Gefühle reden, dann geht es primär nicht um Diskussionen über eine besser ausgestattete Polizei, um mehr Security-Personal in den Clubs und Schwimmbädern. Es geht nicht darum, von Männern vor anderen Männern beschützt zu werden. Es geht darum, sich selbst und auch ganz alleine an diesen Orten nicht unwohl fühlen oder gar fürchten zu müssen. Darum, sich als Frau selbstbestimmt und frei bewegen zu können. Egal, ob wir einen Bikini im Schwimmbad anhaben oder einen kurzen Rock beim Feiern. Und es geht um den erniedrigenden Moment an sich. Den Ekel, den man spürt, wenn fremde Hände ungefragt die eigene Haut berühren oder wie im Fall Köln noch deutlich weiter gehen. Es geht um das Gefühl, in den Augen des anderen nichts wert zu sein, nicht das geringste Fünkchen Respekt zu verdienen, ein Stück Fleisch und sonst nichts zu sein.

Man liest viel über Rassismus, aber nichts über die Gefühle der Frauen

Es geht um das, was in dieser Debatte bisher so vernachlässigt wurde. Denn am allermeisten war man darauf erpicht, über die Täter und ihre Gefühle zu reden, ihren kulturellen Hintergrund zu verstehen und vor allem die Menschen dazu zu erziehen, Flüchtlinge jetzt nicht kollektiv zu verurteilen. Worum es nie wirklich ging, waren die Gefühle der Frauen. Sowohl der Opfer selbst, die akut betroffen waren als auch der Frauen hierzulande insgesamt, die mit einem Mal in einem nie geahnten Ausmaß mit einer kulturellen Prägung konfrontiert werden, die sie zu ehrlosem Freiwild erklärt. Damit hat der Erziehungsjournalismus eine neue Dimension angenommen. Im Bestreben, die Menschen bloß nicht gegen Flüchtlinge aufzubringen, wird der Tanz ums goldene Kalb veranstaltet. Was man dabei vergisst, sind die erheblichen Konsequenzen für die Frauen. Einmal mehr offenbart sich, was man in Bezug auf den Feminismus auch schon vorher beobachten konnte: Er wird nicht allzu wichtig genommen.

Das Absurde daran? Es sind, abgesehen von den verharmlosenden Aussagen des Luxuslinken Jakob Augstein, vor allem Frauen, die sich darum bemühen, den Feminismus wahlweise als verschrobene Angelegenheit von Männerhasserinnen oder gleich als komplett unwichtig abzutun. Was beiden Strömungen gemein ist, ist die eigene falsch verstandene kulturelle Toleranz, die ihnen in dieser Debatte auf die Füße fällt und dazu führt, dass man sich für keine absurde Erklärung zu schade ist. Weil man unter den vermeintlichen Feministinnen eine Pauschalisierung in Richtung Flüchtlinge aus islamisch geprägten Regionen fürchtete, pauschalisierte man kurzerhand selbst und subsumierte alles direkt unter dem Begriff „Männergewalt“. Die #ausnahmslos-Kampagne – ein von Öffentlich-Rechtlichen, also vom gebührenfinanzierten Fernsehen - breit gestütztes Unterfangen, das sogleich dankbar von grünen und linken Spitzenpolitikerinnen übernommen wurde. Puh – da hat man den Crash der eigenen Weltansichten gerade noch einmal abwenden können. Aber was will man auch von einem Land erwarten, in dem die in Kleidersack und Kopftuch gehüllte Kübra Gümüsay als Feministin bezeichnet wird.

Den Crash der eigenen Weltansichten gerade nochmal abgewendet

Andere Frauen gehen noch einen Schritt weiter und sprechen erst gar mehr über die Gewalt, die gegen Frauen verübt wird, sondern nur noch darüber, wie rassistisch es sei, Personengruppen den Schwimmbadbesuch zu verbieten. Fast hat es schon etwas Niedlich-naives an sich, wenn beispielsweise Barbara Vorsamer in der Süddeutschen davon spricht, dass es doch einfach nur Baderegeln bräuchte, die über das  „Bitte nicht von der Seite einspringen“ hinausgehen und den Flüchtlingen erklären, dass Frauen zu respektieren seien, selbst wenn sie einen Bikini tragen. Man muss sich wundern, wer so alles seine geistigen Ergüsse in der Süddeutschen zum Besten geben darf.

Auch sonst geht es vor allem um die Gefühle derer, die jetzt mit Vorurteilen zu kämpfen haben. Und ja, zweifelsohne ist das eine traurige und unfaire Entwicklung, wenn jeder, der nur ein bisschen dunkler ist, ab sofort unter Verdacht steht, ein Grabscher mit mittelalterlichem Weltbild zu sein. Es darf nicht passieren, dass wir in blinden Hass verfallen und anfangen, selbst jene zu verurteilen, mit denen wir seit Jahren und Jahrzehnten friedlich zusammenleben. Ich kann die Wut verstehen, wenn man sich hier etwas aufgebaut, sich längst bewiesen und dann das Gefühl hat, noch einmal von vorne anfangen und gegen Vorurteile ankämpfen zu müssen. Und auch die Menschen, die aus Krieg und Elend zu uns kommen, verdienen eine faire Chance. Ein kategorischer Ausschluss bestimmter Personengruppen erinnert zweifelsohne an düstere Zeiten, wobei manch einer gerade auch in dieser Debatte nur allzu gerne zu Übertreibungen neigt. Schnell landet man dann bei einer Xavier Naidoo und Ken FM-Rhetorik, die in den Muslimen die neuen Juden sehen wollen. Nein, das sind sie ganz sicher nicht und die meisten Menschen können auch immer noch ganz gut differenzieren.

Zweifelsohne verstehe ich also die Gefühle all jener, die sich nun einem Generalverdacht ausgesetzt fühlen. Aber bei all dem Bestreben von Medien, Politik und anderen Migranten, die sich jetzt beleidigt fühlen, Schaden von der Gruppe der Flüchtlinge, den Migranten an sich abzuwenden, muss es auch und vor allem um die direkten Opfer dieser Taten gehen. Was macht es mit Frauen, wenn sie Opfer solcher Taten werden und was macht es mit jenen, die jetzt fast tagtäglich von diesen Übergriffen lesen müssen? Wenn wir darüber nicht reden, wenn die Gefühle der Opfer außen vor gelassen werden, werden wir riesige Rückschritte im Leben insbesondere junger Frauen hierzulande erleben. Dann werden wir künftig Frauen haben, die sich überlegen, heute Abend vielleicht lieber nicht wegzugehen oder morgen lieber nicht ins Schwimmbad zu gehen. Wenn wir hier nicht ansetzen, werden nicht wenige zur Selbstbeschränkung greifen, weil sie den Eindruck gewinnen, dass es letztlich nicht um ihre, sondern immer nur um die Gefühle der anderen geht.

Was macht es mit Frauen, wenn sie Opfer solcher Taten werden?

Vor diesem Hintergrund nerven mich Frauen wie die Soldatin Nariman Reinke entsetzlich. Wie gesagt, ich kann die Wut verstehen, die einen erfasst, wenn man sich grundlos verurteilt fühlt. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass man sich in einer Debatte, wo es zuvorderst um Frauen und die Bedrohung ihrer Selbstbestimmung und Freiheit durch junge islamisch geprägte Männer gehen sollte, derart mit seinen persönlichen Befindlichkeiten als Deutsche mit marokkanischen Wurzeln in den Vordergrund schieben muss. Ja, es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird, aber in der Intensität, in der wir schon fast pathologisch dazu neigen, diese Dinge zu besprechen, wird der eigentliche Diskurs um die Rechte und Freiheiten und schlicht die Gefühle von Frauen verdrängt. Da passt es nur zu gut, dass sich jetzt sogar der Tatort-Schauspieler Fahri Yardim äußert und ebenfalls noch einmal seine Sorge bezüglich eines Generalverdachtes kundtut. Jetzt will halt jeder noch einmal etwas dazu sagen – man kennt das ja. Dass man damit den eigentlichen Kernpunkt wegdrängt, ist den meisten dabei völlig egal.

Dabei sind die Folgen solcher Taten nicht nur aus der Sicht zunehmender Fremdenfeindlichkeit zu betrachten. Sie sind auch und vor allem vor dem Hintergrund, was solche Übergriffe mit der weiblichen Seele machen, wahrzunehmen. Jede Frau, die schon einmal eine fremde Hand auf ihrem Hintern gespürt hat, weiß wie ekelhaft und demütigend dieses Gefühl ist. Jede Frau, die schon einmal einen viel zu langen Schmatzer auf die Wange, eine zu tief gewanderte Hand eines schmierigen Kerls ertragen musste, weiß, wie unangenehm das ist, wie hilflos man sich in solchen Situationen mitunter fühlt und wie wütend man gelegentlich auf sich selbst ist, wenn man es nicht geschafft hat, schnell genug zu schalten und den Typen in seine Schranken zu weisen.

Aber das sind alles Kleinigkeiten in Anbetracht dessen, was in Köln und anderen Städten passiert ist und was sich regelmäßig wohl auch immer wieder in deutschen Clubs ereignet. Hände an und in jeder Körperöffnung wie von den Opfern in Köln beschrieben, Männer, die einem bis auf die Damentoilette im Club folgen, alles begleitet durch ein unendliches Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Kann man dem Arschgrabscher in der Disco vielleicht noch eine Ohrfeige geben, hatten die Opfer von Köln nicht die geringste Chance, sich zu wehren. Insofern war das auch keine Form von sexueller Belästigung, sondern nichts anderes als eine Massenvergewaltigung.

Die "jungen Feministinnen" haben die Frauen im Stich gelassen

Sicherlich, mehr Polizei an Silvester, mehr Security-Personal in den Discos hätte zumindest gegen diese Ohnmacht helfen können, das Gefühl der unerlaubten Berührung, des Eingriffes in die eigene Intimsphäre hätte das aber nicht verhindert. Ferner sorgt mehr Sicherheitspersonal nicht unbedingt für ein größeres Sicherheitsgefühl und erst recht nicht für mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Wer sich nur durch mehr Schutz von außen frei bewegen kann, der ist am Ende nicht wirklich frei.

So lange wir dies nicht erkennen, die kulturellen Hintergrunde und die Gefühle von Frauen nicht benennen, werden wir weiter zu Mitteln greifen, die unsere Freiheit und Selbstbestimmung einschränken, statt präventiv gegen das vorzugehen, was diese Freiheit und Selbstbestimmung bedroht.

Der Weg zu einem solchen Diskurs scheint indes immer noch entsetzlich lang zu sein. Unmensch ist in Deutschland nämlich immer noch nicht der, der Frauen kollektiv sexuell belästigt und vergewaltigt, sondern wer ausspricht, dass diese Menschen ihr Gastrecht mit solchen Taten verwirken. Unmensch ist , wer von seinem Hausrecht Gebrauch macht und Personengruppen ausschließt, weil immer mehr Übergriffe seine Existenz gefährden, nicht der, der seine Landsleute und andere diesem Kollektivverdacht aussetzt. Unmensch ist letztlich der, der kulturelle Hintergründe solcher Taten benennt und nicht der, der aufgrund seiner Kultur Frauen als ehrloses Freiwild ansieht.

Einzig Alice Schwarzer und den aktuellen Beiträgen in ihrer Zeitschrift EMMA ist es zu verdanken, dass diese Aspekte überhaupt an einer Stelle medial aufgegriffen wurden. Dass sie es ist, die letztlich die neue alte Hoffnung des Feminismus in dieser Debatte ist, ist bezeichnend. Die "jungen Feministinnen" indes haben sich selbst ad absurdum geführt. Da ist schade. Den Preis dafür zahlen die vielen Frauen hierzulande, denen einmal mehr durch diese Debatte vor Augen geführt wird, wie wenig hoch ihre Freiheit und Selbstbestimmung wirklich geschätzt wird.

Anabel Schunke
 

Der Text erschien zuerst auf www.rolandtichy.de

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