Tosin hat Boko Haram überlebt

© Jo Roettgers
Artikel teilen

Der Rauch. Die Flammen. Die Menschen, die wild durcheinanderlaufen. Die sie festhalten, sie fernhalten wollen. Die das Schulmädchen hindern wollen, dorthin zu gehen, wo der Rauch herkommt. Dorthin, wo die Flammen hochschlagen und wo heute Morgen noch ihr Elternhaus stand, als sie unbeschwert in die Uni aufbrach. Diese Bilder holen Tosin Johnson immer wieder ein. Auch im Flüchtlingsheim in Cannstatt, wo sie seit zwei Jahren lebt. „Ich muss ­darüber reden, meint meine Therapeutin, das hilft“, sagt sie.

„I survived“, sagt Tosin als sei sie selbst überrascht

Tosin Johnson ist eine freundliche Frau, die gerne lacht, stattlich, weder zu übersehen noch zu überhören, wenn sie spricht mit dieser vollen, resoluten Stimme. Deren Mund sich zu einem glücklichen Lächeln biegt, wenn sie von ihrem zweijährigen Jungen erzählt, von David, der mit ihr in dem kleinen Zimmer im Flüchtlingsheim lebt und heute im Kindergarten ist. Doch das Strahlen erlischt, wenn die 27-Jährige berichtet, wie die muslimische Terrormiliz Boko Haram an diesem Tag ihr Dorf im Nordosten Nigerias überfallen hat, die Kirche anzündete und das Haus des Pastors, ihres Vaters, ihr Elternhaus.

„Sie sind alle verbrannt, du musst weg, Tosin, die suchen dich, die Tochter des Pastors, schnell“, drängten die Nachbarn. Es war die schrecklichste Entscheidung, die die damals 18-jährige junge Frau treffen musste. Nicht wissend, was mit den Eltern, dem Bruder passiert ist, ob sie vielleicht noch leben, versklavt von der gefürchteten Boko Haram, sich vielleicht doch retten konnten. Tosin, die am ­Morgen noch eine fröhliche Studentin war, die in einem behüteten Elternhaus aufwuchs, Business Management studierte und von einem Job in Kanada träumte, ist am Abend eine Frau auf der Flucht.

Es war die Entführung der nigerianischen Schulmädchen von Chibok, die Boko Haram weltweit bekannt machte. Im April dieses Jahres jährte sich die Entführung der 276 Mädchen, die bis heute nicht befreit wurden. Zum Jahrestag ist auch Tosin Johnson auf die Straße gegangen. Sie hat David im Kinderwagen durch Stuttgarts Straßen geschoben, eine Hand am Kinderwagen, die andere am Megafon: Keine Abschiebung nach Nigeria! Lasst die Mädchen frei!

Doch Boko Haram hatte den Nordosten Nigerias schon lange vor der spektakulären Entführung terrorisiert. Was dort 2002 als soziale Bewegung begann, mit Mikrokrediten und Unterstützung der armen Bevölkerung, degenerierte schon bald zu einer terroristischen Gruppe, die Anschläge auf Polizisten und Behörden verübte. Warnungen von Imamen vor der Gefährlichkeit dieser Sekte wurden von den Behörden zunächst ignoriert. Doch in die Dörfer im Nordosten Nigerias war sie da schon längst eingesickert.

Sie erinnert sich genau an die anfangs subtile Schreckens-
herrschaft

Tosin erinnert sich genau an die anfangs subtile Schreckensherrschaft. Die Mutter schickte sie aufs Feld, um Gemüse fürs Essen zu holen. Drei Männer folgten der 14-Jährigen, sie waren Muslime, sie gehörten zu Boko Haram, das wussten alle im Dorf, in dem viele Mädchen nicht mehr in die Schule gingen, aus Angst vor Entführungen. Sie ging schneller, die gingen auch schneller. Sie lief, die liefen auch. Da rannte Tosin zum ersten Mal um ihr Leben. Ihr Glück war, dass sie als Kind auf dem Farmland ihrer Familie ­gespielt hatte und alle Verstecke kannte, sie duckte sich am Wegesrand. Sie hörte, wie die Männer vorbeikamen, direkt vor ihr beratschlagten, ist sie da vorne oder doch noch hier. Sie hielt den Atem an, schlug sich die Hand vor den Mund, „So“, demonstriert sie, erstickt fast an der Erinnerung. Erst um Mitternacht traute sie sich nach Hause. Im Nordosten Nigerias sind Frauen Freiwild für die Gotteskrieger von Boko Haram.  

Frauen und Männer fliehen vor Bürgerkriegen. Aber Frauen fliehen auch vor Zwangsheirat, Genitalbeschneidung, vor häuslicher Gewalt, vor Menschenhandel, der in der Prostitution endet. Solche frauenspezifische Fluchtgründe werden im Vergleich zu „traditionellen“ Fluchtgründen selten als Asylgrund anerkannt, obwohl sie 2005 ins Einwanderungsgesetz aufgenommen wurden. Dort ist zu lesen: „Eine Verfolgung wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe kann auch dann vorliegen, wenn die ­Bedrohung des Lebens, der körperlichen Unversehrtheit oder der Freiheit allein an das Geschlecht anknüpft.“ Doch die ­Praxis sieht anders aus.

Das weiß auch Doris Köhncke. „Es ist ein Drama, dass die wirklichen Fluchtgründe von Frauen oft in den Mühlen des Asylverfahrens zermahlen werden“, sagt die Leiterin des Stuttgarter Fraueninformationszentrums (FIZ). Doris Köhncke unterstützt Tosin bei ihrem Asylantrag. Sie weiß, wie schambehaftet es für viele Frauen ist, über die erlittene sexuelle Gewalt zu berichten. Oder wie sie in die Hände von Menschenhändlern fielen und in die Prostitution gezwungen wurden. Wenn sie dies auf Englisch tun sollen, das nicht ihre erste Sprache ist. Wie misstrauisch sie sind, wenn der Übersetzer ein männlicher Nigerianer ist, der zwar ihre Sprache versteht, aber nicht die Probleme der Frauen. „Frauenspezifische Fluchtgründe sind subtil“, sagt Köhncke, „sie brauchen Raum, Zeit und Vertrauen.“ Doch beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge müsse es schnell, schnell gehen, da bleibe kein Raum für diffizile Einzelschicksale. Dabei brauchen traumatisierte Frauen wie Tosin Johnson ganz besondere Unterstützung und Beratung im Asylverfahren.

Doris Köhncke hat Tosin zur Anhörung begleitet. Sie hat sich um den kleinen David gekümmert, während die Mutter über zwei Stunden ihre Fluchtgründe darlegte. „Wie sollen denn Frauen über sexuelle Gewalterfahren erzählen, wenn ihre Kinder dabei sind“, fragt Doris Köhncke.

Tosin floh nach dem Tod ihrer Familie über die nächste Grenze, in den Norden, nach Niger. Sie schloss sich anderen Flüchtlingen an, hatte dort aber als alleinstehende Frau und Christin in einer mus­limischen Gesellschaft keine Chance, beschloss, nach Libyen zu fliehen, dort gebe es Arbeit, sagten die anderen. Sie hatte kein Geld, sie wartete mit vielen anderen auf Lastwagen, die nach Tripolis fuhren, wie die Flüchtlinge in Calais auf den Eurostar nach England. Sie wurden entdeckt und verjagt. Sie gingen zu Fuß weiter, wurden überfallen. Zwei Wochen dauerte die Flucht durch die Wüste, sie sah Menschen und Tiere sterben. „Und ich überlebte wieder, I survived“, sagt sie. Tosin hat viele Leben.

Sie arbeitete bei einer reichen libyschen Familie. Dann wurde Gaddafi gestürzt, die Familie floh ins Ausland und Tosin vor dem Bürgerkrieg aufs Meer. Fünf Tage treiben sie auf dem Mittelmeer, Hunderte Menschen dicht gedrängt auf einem kleinen Boot, kaum Wasser, nichts zu essen, die Sonne verbrennt Haut und Mut, und manche sprangen vor Hunger, Durst und Verzweiflung ins Meer, um dem Leiden ein Ende zu machen. „Da sprang auch eine schwangere Frau“, sagt Tosin. Sie stockt, sie sieht sich um in ihrem kleinen Zimmer, als wolle sie die Bilder abschütteln. Die Therapeutin hat gesagt, dass sie über die Vergangenheit reden muss. 

Auch über diesen Moment, als sie ein italienisches Patrouillenboot sahen. Als Hunderte Menschen vor Freude hochsprangen und jubelten und das Boot kenterte. Es war der Moment, in dem Tosin ihr Gedächtnis verlor. Sie weiß nicht, wie sie ins Krankenhaus gekommen ist, wo sie einen Tag später aufwachte. Sie weiß nur, dass nur die Hälfte der Bootsflüchtlinge gerettet werden konnten. Tosin mit den vielen Leben war dabei. „I survived“, sagt sie als sei sie selbst überrascht. 

Heute lebt Tosin auf neun Quadratmeter Deutschland

Vom Krankenhaus ins Lager nach ­Salerno, und als das zugemacht wurde, Neapel. Dort versuchten Menschenhändler sie in die Prositution zu zwingen. Sie floh mit einem Nigerianer, den sie kennen und lieben gelernt hatte, nach Turin. Die Beziehung zerbrach, als sie schwanger wurde, sie wollte das Kind, er nicht. Da erinnerte sich Tosin an ihren Jungmädchentraum von Kanada, sie bettelte das Geld für ein Ticket zusammen und setzte sich hochschwanger ins Flugzeug. Die Italiener haben nicht so genau hingesehen, die Deutschen schon. Beim Zwischenstopp in Frankfurt beantragte Tosin Asyl, sie kam nach Karlsruhe, dann nach Stuttgart.

Doris Köhncke vom FIZ hat der ­traumatisierten Frau zugehört, ihr einen Therapieplatz besorgt, sie zur Anhörung begleitet, hilft ihr auch beim Einrichten in der Unterkunft in Cannstatt. 

„Warum werden sie mit ihren Kindern nicht im Erdgeschoss untergebracht, wo sie ihren Kinderwagen nicht hochtragen müssen?“, fragt sie. Warum denkt keiner daran, dass Männer zur Anhörung selbstverständlich alleine gehen, Frauen aber meist ihre Kinder dabei haben und sich schwer auf ihre eigene Geschichte konzentrieren können? Und nicht nur in den Gemeinschaftsunterkünften gilt eine junge schwarze Frau als Freiwild.

Heute lebt Tosin, die Nigerianerin mit den vielen Leben, auf neun Quadratmetern Deutschland. Das Zimmer ist vollgestellt wie ein Setzkasten. Und wenn in St. Martin gleich gegenüber Flüchtlingstag gefeiert wird, predigt die Pastorentochter Tosin Johnson schon mal in der deutschen Kirche. Auf Italienisch oder auf Englisch.

Die ist ein Beitrag aus der aktuellen EMMA, in der es auf 22 Seiten um Hilfe für Flüchtlinge, sowie den dringend nötigen besonderen Schutz für weibliche Flüchtlinge und Kinder geht. 

Artikel teilen

Flüchtlingsfrauen auf Bustour!

"Women in Exile"-Gründerin Elisabeth Ngari. - © Anja Weber
Artikel teilen

Sie haben in den letzten Wochen viele Flüchtlingsheime besucht und dort mit den geflohenen Frauen gesprochen. Was haben die berichtet? 
Viele Frauen haben Angst. Angst davor, zurückgeschickt zu werden oder Angst vor der Zukunft: Wie sollen sie es schaffen, hier wieder ein ganz neues Leben anzufangen? Und sie haben Angst in den Heimen. Die Unterkünfte sind überfüllt, die Verhältnisse total beengt. Wir waren zum Beispiel in einem neuen Heim in Templin. Dort leben Familien in einem Raum, die voneinander nur durch einen Schrank getrennt sind. In einem Heim in Eisenhüttenstadt sind ganze Flure ohne Licht. Da trauen sich die Frauen nicht, zur Gemeinschafts-Toilette zu gehen. Die Frauen müssen sich Toiletten, Waschräume und Küchen mit vielen anderen Bewohnern teilen. Da gibt es Konflikte zwischen den Bewohnern, Gewalt und sexuelle Belästigung. „Women in Exile“ prangert das im übrigen schon seit Jahren an.

Bei Belästigung sagt die Security: "Dann bleiben Sie halt in Ihrem Zimmer!"

Mit welchen Konsequenzen? 
Es ist schonmal ein Fortschritt, dass endlich darüber gesprochen wird. Journalisten kommen zu uns und wollen mit Frauen sprechen, die in den Heimen sexuelle Übergriffe erlebt haben. Aber die Frauen berichten uns, dass in den Heimen niemand eingreift. Wenn sie zur Security gehen, sagt man ihnen: „Halten Sie sich eben von den Männern fern, die Sie belästigen!“ Oder: „Bleiben Sie halt in Ihrem Zimmer und schließen sie es ab!“ Selbst die Polizei sorgt nicht dafür, dass die Frauen geschützt werden. Letzte Woche haben wir eine Frau auf die Polizeiwache begleitet, die von einem Mann angegriffen worden war. Die Polizei war zwar freundlich zu uns und hat den Täter wohl auch vernommen, aber die Frau sagte mir, sie habe ihn kurz darauf wieder im Heim gesehen.

Wie könnten die Frauen effektiv geschützt werden? 
Solange es keine klare Policy für den Umgang mit der Gewalt gegen Frauen in den Heimen gibt, will niemand etwas damit zu tun haben. Es muss also klare Richtlinien geben. Das Problem ist auch, dass die Frauen ihre Rechte nicht kennen. Die nehmen das einfach so hin. Die meisten sprechen ja noch nicht mal über die Übergriffe, unter anderem auch deshalb, weil sie Angst haben, dass sich ihre Chancen auf Anerkennung ihres Asylantrags verringern, wenn sie „Ärger machen“.

Die Frauen haben Rechte. Darüber müssen sie aufgeklärt werden!

Und nun?
Die Politik müsste zunächst zur Kenntnis nehmen, dass Asylbewerberinnen von Gewalt betroffen sind, natürlich auch durch ihre eigenen Ehemänner. Sie müsste in einem solchen Fall genauso in ein Frauenhaus gehen können wie jede andere Frau in diesem Land. Das ist wegen der „Residenzpflicht“ leider nicht möglich. Und den BetreuerInnen in den Heimen muss vermittelt werden, dass sie im Falle einer Belästigung oder Vergewaltigung genauso handeln sollten, als wenn die Tat einer anderen Frau in unserer Gesellschaft passiert wäre. Es gibt in Deutschland Gesetze zum Schutz von Frauen gegen Gewalt. Diese Gesetze gelten bei Flüchtlingsfrauen aber selten, sie werden einfach ignoriert, von allen Instanzen. Die Frauen müssen systematisch über ihre Rechte aufgeklärt werden. Sie müssen zum Beispiel wissen, dass es nichts mit den Erfolgsaussichten ihres Asylantrags zu tun hat, wenn sie sich gegen einen Übergriff wehren. Auch sollten Frauen und ihre Kinder so schnell wie möglich in Wohnungen untergebracht werden.

Nehmen die Frauen die Sprach- und Integrationskurse an?
Das würden sie, aber oft haben die Anbieter die Frauen nicht auf dem Schirm. Wenn man will, dass sie in einen Kurs kommen, muss man gleichzeitig Kinderbetreuung anbieten, so dass die Mutter sich vier oder sechs Stunden auf ihren Kurs konzentrieren kann – genau wie der Vater. Sonst passiert das, was wir oft beobachten: Die Frauen sind schon jahrelang im Land, sprechen aber kaum Deutsch. Es kommen nun viele Männer ins Land und in die Flüchtlingsheime, die ein sehr rückständiges Frauenbild haben. Darum muss man beiden, Männern wie Frauen, von Anfang an klar machen, dass Frauen Rechte haben! Das muss Teil der Sprach- und Integrationskurse sein: Frauenrechte sind Menschenrechte.

Hier geht es zur Internetseite von Women in Exile

Weiterlesen