Trans: Teuer für Therapeuten
Fox Varian war 16, als im Dezember 2019 ihre Brüste amputiert wurden. Ihr Psychologe, Dr. Kenneth Einhorn, hatte ihr immer wieder versichert, es würde ihr danach definitiv besser gehen. Ohne Mastektomie aber bestehe die Gefahr, dass sie sich umbringen würde. Das erklärte der Psychologe auch Foxʼ skeptischer Mutter Claire, einer Krankenschwester, die am Ende einknickte und die Einverständniserklärung unterschrieb. Dem Chirurgen, der dem Mädchen die Brüste abnahm, hatte Einhorn zur Überweisung der Patientin einen knappen Dreizeiler geschrieben. Dr. Simon Chin amputierte trotzdem.
Jetzt müssen beide Ärzte der heute 22-Jährigen zwei Millionen Dollar Schmerzensgeld zahlen. Das entschied das Gericht in White Plains, einem Ort rund 50 Kilometer nördlich von New York, am 31. Januar 2026 nach einem dreiwöchigen Prozess. Es ist in den USA der erste Fall, in dem Ärzte dazu verurteilt wurden, einer Jugendlichen, die ihre „geschlechtsangleichende Operation“ bereut, Schadenersatz zu zahlen. Aber es ist ganz sicher nicht der letzte. 30 weitere Fälle sogenannter „Detransitionierer“ liegen schon jetzt vor amerikanischen Gerichten. Sie alle werfen den Ärzten vor, was auch Fox Varian beklagt: „Ich war 16 und hatte sehr ernsthafte psychische Probleme. Ich war ganz offensichtlich nicht reif genug, die Ent scheidung für eine solche Operation zu treffen. Und ich war ganz sicher nicht reif genug, mit den Folgen zurechtzukommen.“
Nach der OP ging es der 16-Jährigen nicht etwa besser, sondern schlechter. „Sie hatte immer noch Angstzustände, war immer noch depressiv und hatte die gleichen Probleme wie vorher“, berichtete Mutter Claire Deacon dem Gericht. Dazu kamen neue Probleme. Das Mädchen, das „die Operation schon bereute, als die Bandagen ent fernt wurden“, begann sich zu ritzen. Jetzt war Fox Varian wirklich suizidal. Der Fall Varian sollte „ein Weckruf“ sein, erklärte nach dem Urteil die Psychologin Laura Edwards-Leeper. Sie gehört zu den bekanntesten Gender-Medizinerinnen des Lan des und hatte 2007 die erste pädiatrische Gender Klinik der USA in Boston gegründet. Heute ist sie eine der engagiertesten Warnerinnen vor einer Trans-Medizin, die aus dem Ruder gelaufen ist. „Wenn wir nicht sofort Kurskorrekturen vornehmen, prophezeie ich, dass wir entweder anhaltende Rechtsstreitigkeiten und Tragödien im Zusammenhang mit Detransitionen oder zunehmende Verbote von Behandlungen erleben wer den.“ Beides ist schon jetzt der Fall.
Sie war nach der OP noch immer depressiv, hatte die gleichen Probleme wie vorher
Immer mehr junge Menschen, meist Frauen, verklagen ihre BehandlerInnen. Außer den 30 anhängigen Klagen, die der Öffentlichkeit bekannt sind, dürfte es schon jetzt zahlreiche weitere geben, die (noch) unter dem medialen Radar laufen. Laut dem Journal of the American Medical Association wurden allein zwischen 2016 und 2020 in den USA 3.215 Mädchen zwischen 12 und 18 die Brüste amputiert und 405 Genitaloperationen durchgeführt. Inzwischen hat die Hälfte der US-Bundesstaa ten solche Operationen an Minderjährigen ebenso verboten wie die Gabe von Pubertätsblockern und gegengeschlechtlichen Hormonen. Mehrere Gen der-Kliniken mussten ihre Pforten schließen, nachdem ihnen das Gesundheitsministerium nach Trumps Wahlsieg die öffentlichen Gelder gestrichen hatte. Gleich zwei große medizinische Fachgesellschaften zogen selbst die Reißleine.
Vier Tage nach dem Urteil von White Plains ver kündete die „American Society of Plastic Surgeons“: Brustamputationen und Genitaloperationen sollen nicht länger vor dem 19. Lebensjahr durchgeführt werden. Die Fachgesellschaft, in der 90 Prozent der Plastischen Chirurgen der USA und Kanada organi siert sind, begründet die neue Position mit der „zunehmenden Unsicherheit über den Nutzen medizinischer und chirurgischer Maßnahmen“. Die Studienlage sei schlecht, die Langzeitfol gen kaum erforscht. Es sei nicht belegt, dass „der Nutzen dieser Eingriffe bei Minderjährigen mit Geschlechtsdysphorie die potenziellen Risiken überwiegt“.
Außerdem zeigten Studien, dass viele Jugendliche ihre Geschlechtsdysphorie auch ohne medizinische Maßnahmen überwinden, wenn man ihnen Zeit lasse. Diese Zeit hatte Fox Varian nicht. Dabei lag auf der Hand, dass das Mädchen unter einer Vielzahl psychischer Störungen litt: Depressionen, Angst störungen, Sozialphobie, Autismus, Essstörungen, Körperbildstörungen. Fox’ Eltern hatten sich getrennt, als sie sieben war, es folgte ein dreijähriger Krieg um das Sorgerecht. Mit 15 wollte die Tochter offensichtlich dem Psycho-Desaster entkommen, indem sie ver suchte, eine andere Person zu werden. Fox, die ursprünglich Isabella hieß, nannte sich zunächst Gabriel, dann Rowan. Ihr Psychologe Kenneth Einhorn gab vor Gericht zu, den Transitions wunsch seiner Patientin gefördert zu haben.
„Ich stelle es nicht in Frage, wenn Leute diesen Weg gehen wollen“, erklärte er. Aber er ging weiter. Der Psychologe setzte Tochter wie Mutter regelrecht unter Druck. „Ich hatte unfassbare Angst angesichts der Dinge, die Dr. Einhorn mir und meiner Tochter immer wieder so voller Überzeugung erklärte“, sagte Claire Deacon dem Gericht. „Hätte er mich nicht immer wieder gedrängt und mir versichert, die OP würde meine Tochter ‚heilen‘ und alles in ihrem Leben besser machen, hätte ich diese Entscheidung niemals getroffen.“ In dem dreizeiligen Überweisungsschreiben an den Chirurgen stand nicht einmal die Dia gnose „Gender Dysphorie“. Bei Dr. Simon Chin, dem Chirurgen, hätten sämtliche Alarmglocken läuten müssen.
Studien zeigen, dass Jugendliche ihre Geschlechtsdysphorie überwinden
Taten sie aber nicht. Er kontaktierte den Psychologen nicht ein einziges Mal und entfernte der 16-Jährigen die Brüste. Das Urteil der Richter war eindeutig: Sowohl der Psychologe als auch der Chirurg hatten gegen sämtliche Behandlungsrichtlinien verstoßen und jede Sorgfaltspflicht vermissen lassen. „Dieses Urteil ist ein Schuss vor den Bug aller Ärzte und deren Haftpflichtversicherungen, die jetzt sehen, dass es reale finanzielle Risiken und eine Reputation zu verlieren gibt“, erklärte Charles LiMandri nach dem Urteil. Der Rechtsanwalt vertritt die bekannteste Detransitioniererin der USA, Chloe Cole. Die 22-jährige Kalifornierin ist heute Detrans-Aktivistin und kämpft für ein Verbot medizinischer Maßnahmen für Minderjährige mit „Geschlechtsdysphorie“. Sie selbst sei schlicht ein „Tomboy“ gewesen, der nicht ins soziale Raster gepasst habe.
Chloe bekam mit 13 Pubertätsblocker, kurz darauf Testosteron. Mit 15 wurden ihr die Brüste amputiert. Der Erfolg von Fox Varian vor Gericht sei „ein riesiger Schritt für die Detransitionierer-Bewegung“, kommentierte Chloe Cole das Urteil. „Diese Ärzte haben eine Verantwortung, Kinder und ihre Familien in Richtung Realität zu lenken und nicht, sie dauerhaft zu verstümmeln. Ihre Fehlverhalten darf nicht ungestraft bleiben.“
Tatsächlich ist es nicht übertrieben, von einer „Bewegung“ derjenigen zu sprechen, die ihre Transition bereuen und jetzt dafür kämpfen, dass der Wahnsinn gestoppt wird. Seit 2021 begehen sie am 12. März den „Detrans Awareness Day“. In diesem Jahr versammelten sich unter dem Dach von „Genspect“, einem Netzwerk von MedizinerInnen und TherapeutInnen für eine behutsame Gender-Medizin, zum ersten Mal über 70 Detransitionierer in Washington.
Dort berichteten sie PolitikerInnen, MedizinerInnen und JuristInnen über ihre Erfahrungen. Kein Zweifel: In den USA, die lange Vorreiter der „gender affirmative care“ waren (ein zyni scher Euphemismus für die extrem lukrative Verstümmelung Tausender gesunder Kinder und Jugendlicher) formiert sich massiver Widerstand.
Und mit dem Erfolg der Klage von Fox Varian wird er jetzt in einer Sprache kommuniziert, die man in den USA besonders gut versteht: Geld. Und in Deutschland? „Wir können nur hoffen, dass das Urteil auch hier eine Signalwirkung hat“, erklärt Anna Weber von der Eltern-Initiative „Transteens Sorge berechtigt“ (TTSB).
Weber, selbst Mutter einer mittlerweile erwachsenen trans-identifizierten Tochter, sieht allerdings gleich mehrere Hindernisse für eine Schadenersatzklage nach US-Vorbild. Erstens: Die knappen Verjährungsfristen von nur drei Jahren. „Zwischen den letzten medizinischen Maßnahmen und einer Detransition liegen erfahrungsgemäß und auch laut Studien zwischen vier und 20 Jahre.“ Zwei tens: „Die Betroffenen müssten sehr viel Geld in die Hand nehmen.“ Drittens: „Viele Detransiti onierer schämen sich.“
Deshalb sei es „gut, dass Genspect sie in den USA als Gruppe zusammen bringt, in Selbsthilfegruppen und einmal im Jahr zum Detrans Awareness Day.“
Entschieden zuversichtlicher ist Rechtsanwalt Jonas Jacob. Der Jurist hat gerade ein bedeutendes Verfahren gewonnen: Ein 17-Jähriger hatte geklagt, um seinen Eltern das Sorgerecht entzie hen zu lassen. Mit 14 hatte der Junge erklärt, er sei „trans“ und wollte sofort Pubertätsblocker nehmen. Die Eltern verweigerten die Zustimmung, weil der sehr sportliche Sohn vormals noch nie ein Anzeichen von Geschlechtsdysphorie gezeigt hatte und „medizinisch noch gar nichts abgeklärt war“, erklärte die Mutter, die selbst Pharmakologin ist.
Folge: Der Sohn ließ sich vom Jugendamt aus der Familie nehmen und verklagte schließlich seine Eltern. Das Familiengericht Wiesbaden wies die Klage ab. Wermutstropfen: In wenigen Wochen wird der Junge 18 und kann dann selbst entscheiden, ob und welche medizinischen Maßnahmen er an sich vornehmen lassen will.
„Wir haben die Behandlung mit Hormonen in diesem Fall ver hindert“, sagt Jonas Jacob. „Wäre die Behandlung erfolgt, hätten sich aus meiner Sicht erhebliche haftungsrechtliche Fragen gestellt. Denn bei einer solchen Maßnahme ist eine sorgfältige Differen tialdiagnostik unerlässlich. Wird sie nicht vorge nommen, kann das einen Klagefall begründen.“ Bis die ersten TherapeutInnen und ChirurgIn nen auch in Deutschland vor Gericht landen, dürfte also nur eine Frage der Zeit sein.


