"Ich habe in die Hölle geschaut"

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Der Wiener Gürtel ist eine der meist befahrenen Straßen Wiens. Tagsüber donnert der Berufsverkehr fünfspurig an den Gründerzeithäusern vorbei, abends beziehen auf den Gehsteigen vor den rot blinkenden Bars Prostituierte ihre Posten. Gleich daneben liegt die Großbaustelle für den neuen Wiener Westbahnhof.

Es ist also kein versteckter, verschwiegener Winkel, in dem das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch zu Hause ist, sondern ein exponierter Ort. Hier herrschen Lärm, Bewegung und großstädtische Anonymität. "Das passt gut", sagt Christian Fiala (Foto), der Gründer des Museums, der gleich daneben seine Praxis samt Abtreibungs-Ambulatorium hat. "Wir verstecken uns nicht, wir sind mitten drin. Das ist unsere Botschaft an die Patientinnen, die hierher kommen, und es ist auch ein politisches Signal. Anders kann man es nicht machen, wenn man ein Tabu aufbrechen will."

Hell und transparent: So lautete denn auch der Auftrag des Arztes an die Architekten, die er beauftragte. Heimlichkeit in finsteren Hinterzimmern gab es, wenn es um Verhütung und Abtreibung ging, in der Geschichte schließlich schon zur Genüge. Und das Museum liefert allen, die daran noch zweifeln mögen, die historischen Belege, wie verheerend das war: Je mehr Tabu, je mehr Heimlichkeit, desto schlechter ging es für die Frauen und deren Gesundheit normalerweise aus.

Es ist drei Uhr nachmittags, eine sechsköpfige Gruppe Jugendlicher hat sich für eine Führung angemeldet. Die Kids kommen oft über Vermittlung von Schulen hierher, erzählt Anna Pichler, die für das pädagogische Konzept verantwortlich ist. Der Zulauf ist groß, berichtet sie: Denn immer mehr Lehrer und Lehrerinnen freuen sich über die Gelegenheit, einen Teil des Aufklärungsunterrichts auslagern zu können; die Kids freuen sich ohnehin über jeden Ausflug, der sie aus dem Schulgebäude führt. Meistens gibt es bei der Begrüßung in der Garderobe ein paar Momente der Unsicherheit, Gekicher, Geflüster und verschämtes Schweigen. Aber das lege sich rasch, wenn man mit den Mädchen und Jungs ganz normal rede, sagt die Pädagogin.

Die Jugendlichen setzen sich nebeneinander auf Hocker, vor ihnen steht ein Bidet. "Zum Füßewaschen und Sektkühlen ist das sehr praktisch. Zum Verhüten bringt es nichts", erklärt Pichler, das bringt den ersten befreienden Lacher. Rundherum ist viel helles Holz und Licht. Auf einem Bildschirm im Hintergrund flackert ein rätselhafter Film, der Rhythmus verrät Kopulationsbewegungen. Es sind tatsächlich die inneren Organe von einem Mann und einer Frau beim Sex, aufgenommen mit einer Röntgenkamera. Pornographisch gibt das nicht viel her – und doch geben die Bilder, in ihrer enthüllenden, aber doch schlichten Explizitheit den Grundton vor, der die beiden Museumsräume durchzieht.

Folgt man der historischen Linie, die die Exponate erzählen, offenbart sich, dass die Sache mit dem heterosexuellen Sex und der Fortpflanzung im Prinzip einer sehr einfachen, aber umso unbarmherzigeren Logik folgt: Seit Beginn der Kulturgeschichte kämpfen Menschen gegen den Fluch ihrer permanenten Fruchtbarkeit. Seit Beginn der Kulturgeschichte versuchen sie, die Natur zu überlisten und ungewollte Geburten zu verhindern; und seit Beginn der Kulturgeschichte waren es die Frauen, die die schmerzhaften sozialen und körperlichen Folgen ertragen mussten, wenn sie ungewollt schwanger wurden und abtreiben mussten.

Das Normalprogramm, das die Natur früher für ein Frauenleben vorsah, bietet wenig Raum für romantische Idealisierungen. Fiala umreißt es so: "15 Schwangerschaften, 10 Geburten, um schließlich sechs bis acht Kinder durchzubringen und jedes zwei Jahre lang zu stillen. Was wir heute ‚natürlich‘ nennen, war eine recht brutale Angelegenheit." Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt, Infektionen nach Abtreibungsversuchen und im Wochenbett waren für Frauen jahrtausendelang die häufigsten Todesursachen. Erst wenn es eine Frau bis zur Menopause schaffte, hatte sie Chancen, alt zu werden.

"Es wäre einer der größten Triumphe der Menschheit, wenn es gelänge, die Kinderzeugung von einer willkürlichen zu einer beabsichtigten Handlung zu erheben", formulierte Sigmund Freud den großen Menschheitstraum, der vor hundert Jahren noch illusorisch war.

Es ist eine Galerie beinahe rührender, erratischer Vergeblichkeit, die diesen Traum illustriert. Die alten Ägypter verhüteten mit in Honig gelöstem Krokodilsdung. Später führten sich Frauen in Säure eingelegte Gräser oder Zitronenhälften ein oder spülten die Scheide mit Coca-Cola. Als Kondome dienten die Blasen von Stören oder die Blinddarme von Schafen; die waren allerdings so teuer, dass man sie so oft wie möglich wiederverwenden musste.

Ging dabei etwas schief, griffen Frauen zu härteren, verzweifelteren Methoden. Es gibt kaum eine Substanz, die im Lauf der Jahrhunderte nicht ausprobiert wurde, um absichtliche Fehlgeburten herbeizuführen: Chinin und Cyankali, Blei und Strom, Kreide und Schimmelpilze, Seife, Salpetersäure, Terpentin und Frostschutzmittel. Die einen legten sich zwanzig Kilo schwere Steine auf den Bauch, andere stürzten sich absichtlich die Treppen hinunter, oft mehrmals hintereinander. Am gängigsten war die Methode, im vierten bis fünften Monat eine Stricknadel oder den Draht eines Kleiderbügels in die Gebärmutter einzuführen, um die Fruchtblase zu öffnen.

Bloß eines blieb Jahrhunderte lang unmöglich: Verhütungs- und Abtreibungsmethoden systematisch zu erforschen, zu verbessern, um sie schonender und sicherer zu machen. Denn der zweite Strang, der die Geschichte der Familienplanung durchzieht, ist jener von Zwang, Kontrolle und absichtlicher Desinformation durch die Obrigkeit. "Die Herrschenden hatten stets ein Interesse daran, dass so viele Kinder wie möglich auf die Welt kommen", sagt Fiala. "Staaten brauchten Menschenmaterial, je mehr Kriege sie führten, desto mehr. Hinzu kam: Menschen über ihre Fortpflanzung in Unwissenheit und ständiger Angst zu halten, war ein sehr wirksames Machtmittel. Wir sind erst im Zuge der Recherchen draufgekommen, wie dominierend dieses Motiv stets war."

Die Geschichte des Kärntner Gynäkologen Hermann Knaus, im Museumsarchiv ausführlich dokumentiert, ist hierfür symptomatisch. Zeitgleich mit dem Japaner Ogino entdeckte er die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im weiblichen Zyklus. 1929 stellte er seine Berechnungsmethode samt Menstruationskalender vor und warb öffentlich für dessen Verbreitung. Frauen verschaffte das zunächst Erleichterung – sie durften sich, mit dem ausdrücklichen Segen der Kirche, nun an ihren unfruchtbaren Tagen dem Geschlechtsverkehr verweigern, da dieser ja, zeugungstechnisch gesehen, "sinnlos" sei.

Vom medizinischen Establishment wurde Knaus jedoch ebenso massiv bekämpft wie von der Politik. Unter den Nazis wurden Menstruationskalender zunächst verboten. Bis 1942 ein Gesinnungswandel einsetzte – und das Regime erkannte, dass man die Kenntnis der fruchtbaren Tage auch zur gezielten arischen Menschenzucht einsetzen konnte.

An der Frontlinie dieses Konflikts zwischen den Frauen und der Obrigkeit standen stets die Ärzte und Ärztinnen. Einerseits gebot ihre Standesethik, die Gesundheit ihrer Patientinnen zu erhalten; andererseits verlangten Gesetze oft, ihnen ihr Wissen vorzuenthalten. Beim Verhüten durften sie nur Frauen helfen, die so krank waren, dass sie eine Schwangerschaft nicht überleben würden. Allen anderen musste der Ratschlag genügen, den Mann auf dem Dachboden schlafen zu lassen.

Die schrecklichen Folgen heimlicher Abtreibungen bekamen Ärzte meistens erst zu Gesicht, wenn es schon fast zu spät war. Christian Fiala sagt heute, er habe dabei "in die Hölle geschaut". Sein Turnusjahr leistete er in Thailand, später arbeitete er in Uganda und Malawi. Dort ist, wie in fast allen Ländern der Dritten Welt, Abtreibung bis heute strikt verboten.

"Die Frauen, die sich ins Spital schleppten, waren zwischen halb und fast tot", erzählt er. "Dort strickt man selten, deswegen verwenden sie Äste oder Draht. Erblindung, Nierenversagen, Blutvergiftung – das ist der normale Verlauf. Es war fürchterlich. ‚So muss Krieg sein‘, hab ich mir gedacht. Doch wenn Sie mit älteren Ärzten reden, kommen Sie drauf, dass das auch hier bei uns ganz normal war. Bis 1975 hatte jedes Spital eine große septische Abteilung, da lagen lauter junge Frauen drin."

Die Ohnmacht, die den jungen Arzt damals befiel, hat er bis heute nicht vergessen. Sie brachte ihn zu dem Entschluss, sich mit all seiner professionellen Expertise jenen Frauen zu widmen, die ungewollt schwanger werden. Denn obwohl der Abbruch in Österreich heute bis zum dritten Monat straffrei ist, also die Fristenlösung gilt, ist es keineswegs selbstverständlich, dabei auch die bestmögliche Behandlung zu bekommen. "Unterschwellig schwingt stets mit, dass man es den Frauen nicht allzu leicht machen darf", sagt Fiala. "Dass sie, wenn sie schon abtreiben, dabei etwas spüren sollen. Und zumindest ein bisschen leiden."

Der Arzt zieht gegen diese Doppelmoral seit Jahren ins Feld – und gibt zu, er könne sich das emotional nur leisten, "weil ich selbst keine Familie habe und daher weniger erpressbar bin". Fiala war der erste Arzt in Österreich, der anonyme Geburten durchführte, und der erste, der die wild umstrittene Abtreibungspille RU 486 einsetzte. Als sich im Bundesland Salzburg, trotz des ausdrücklichen Wunsches der Landeshauptfrau Gabriele Burgstaller, kein einziger Arzt fand, der im örtlichen Landeskrankenhaus Abtreibungen anbieten wollte, sprang der Wiener Arzt kurz entschlossen ein und eröffnete dort eine Filiale seines Ambulatoriums.

Dieser Tage ist Fiala viel in Deutschland unterwegs, um Pro Familia in der Auseinandersetzung um die geplante Verschärfung des § 218 zu beraten. Auch in der aktuellen deutschen Debatte sieht er nämlich ein lange etabliertes Grundmotiv am Werk: "Verbote haben katastrophale Folgen, immer und überall. Verbote bedeuten, dass der Staat die Frau für unfähig hält, die Entscheidung selbst zu treffen. Außerdem hatten Verbote noch nie einen Einfluss darauf, wie häufig Abtreibungen vorkommen. Sondern bloß auf die Umstände, unter denen sie stattfinden."

Im Verhütungsmuseum hängt denn auch ein leuchtend rotes Plakat in der Vitrine. Es stammt von 1975, "Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren", steht drauf, mit geballter Faust und kämpferischer Geste. Im Prinzip, meint Fiala, sei die Problemlage in der aktuellen deutschen Debatte nicht viel anders als damals. Denn rund 600 deutsche Frauen, die einen Fötus mit schwerer Behinderung in sich tragen, fahren auch derzeit jedes Jahr nach Holland, um einen Abbruch nach der 13. Woche durchführen zu lassen.

"Das ist ein Fünftel der Betroffenen, und es bedeutet, dass die Versorgung mit Spätabbrüchen in Deutschland heute schon überhaupt nicht funktioniert. Falls eine Verschärfung des Paragraphen kommt, und wenn wir diese Frauen in einer schwierigen Situation allein lassen, werden eben noch mehr von ihnen über die Grenze fahren."

Auch die Gruppe Jugendlicher ist mittlerweile bei den Schautafeln angekommen, die den Kampf um die Straffreiheit der Abtreibung illustrieren. Sie haben Modelle des weiblichen Unterleibs studiert und darüber gestaunt, wie klein so eine Gebärmutter eigentlich ist. Sie haben sich erklären lassen, wie eine Vasektomie funktioniert und mittlerweile ihre Scheu abgelegt.

Aber leben wir denn nicht in einer Gesellschaft, in der alle längst alles wissen? Was kann den Kids hier noch neu sein? Pichler wiegt den Kopf. Seltsam sei es manchmal, das Ungleichgewicht, auf das sie in den Gesprächen stößt; das Ungleichgewicht zwischen den Detailkenntnissen aus den Pornos und dem großen Unwissen über die lebensnächsten Dinge. Über die Menstruation zum Beispiel. Was da eigentlich genau passiert. Und warum. "Manche Burschen schneiden erst groß damit auf, wie oft sie angeblich schon bei Prostituierten waren. Und dann wollen sie ganz schüchtern wissen, wie sich das anfühlt, wenn Blut aus einem herausrinnt."

Ob sie es denn gern mal ausprobieren würden, in den Körper einer Frau zu schlüpfen? Die Jungs lächeln verlegen, die Blicke tasten über die Stricknadeln und Pillenschachteln, über die Diaphragmas, den Menstruationskalender und all die rätselhaften Instrumente, mit denen jahrhundertlang die weibliche Anatomie traktiert wurde. "Doch, interessieren würd's mich schon", sagt einer dann. "Einen Tag lang, okay. Länger nicht."

www.muvs.org

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