„Ich will Frau sein und Mann zugleich!"

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Vor 30 Jahren starb Simone de Beauvoir. Tausende begleiteten ihren Sarg an den Friedhof Montparnasse, in dessen unmittelbarer Nähe sie ihr Leben verbracht hatte: Sei es als „Tochter aus gutem Hause“ auf dem Boulevard Montparnasse, sei es in ihrer zweiten ­Lebenshälfte in dem Atelier in der Rue Schoelcher, die an die Mauer des Friedhofs angrenzt. Hinter ihrem Sarg gingen wir in der ersten Reihe: ihre Freundinnen, die „neuen Feministinnen“, von Kate ­Millett über Anne Zelensky bis zur mir.

Ihr ging damals ein saftiger Ruf als Lesbe voraus

Beauvoir war ihr Leben lang abenteuerlustig und arbeitsam zugleich gewesen, glamourös und bescheiden, provokant und mitfühlend. „Mein Leben ist mein Werk“, hat sie einmal gesagt. Und dieses Werk ist bis heute von einer frappanten Modernität: in der Theorie wie in der Praxis. Simone de Beauvoir wollte alles vom Leben. Sie wollte „eine Frau oder auch ein Mann sein“. Das war ein Risiko. Sie hat es gewagt.

Nach dem Tod von Simone de Beauvoir schrieb Kate Millett: „Wer hätte je ein Buch geschrieben, das das Schicksal aller Menschen verändern würde?“ In der Tat, der 1949 erschienene Essay, der in dem Kernsatz gipfelt: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“, hat die Frauen auf der ganzen Welt erreicht. Die Tatsache, dass der Vatikan das Buch ebenso verbot wie die Kommunisten in ihrem Herrschaftsgebiet oder der faschistische Diktator Franco in Spanien, konnte den Siegeszug dieses Buches nicht aufhalten.

„Das andere Geschlecht“ erschien zwischen zwei Frauenbewegungen (der historischen bis zum Ersten Weltkrieg und der neuen ab 1970) und steht in der Tradi­tion von Feministinnen wie Olympe de Gouges (1748–1793), Mary Wollstonecraft (1759–1797) oder Virginia Woolf (1882–1941). Auf sie beruft Beauvoir sich auch. Doch sie geht weit darüber ­hinaus. Beauvoirs umfassende Abhandlung der Lage der Frauen in einer männerdominierten Welt ist der radikalste und visionärste Beitrag zur Emanzipation der Frauen im 20. Jahrhundert – und bleibt auch im 21. Jahrhundert visionär.

Die Verbindung von Theorie und Praxis, von Werk und Leben, die Freiheiten, die die Autorin sich auch praktisch nahm, verstärkte die Wirkung des Buches sowie die Polarisierung der Reaktionen. Von nun an wurde Simone de Beauvoir, die bis dahin als Philosophin und Roman­cière in fortschrittlichen Kreisen geachtet gewesen war, in erster Linie als Frau wahrgenommen – was bekanntermaßen nicht unbedingt zum Vorteil einer Schriftstellerin gereicht. Und sie wurde als Person zum öffentlichen Skandalon.

Sie war glamourös und bescheiden zugleich

1976 sagte Beauvoir in einem Interview mit mir: „Mir ging damals ein saftiger Ruf als Lesbe voraus. So ist das eben: Eine Frau, die es wagt, solche Dinge zu sagen, die kann ja nicht ‚normal‘ sein.“ Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Beauvoir ausgerechnet in der Zeit, in der sie „Das andere Geschlecht“ schrieb und veröffentlichte, eine leidenschaftliche Affäre mit Nelson Algren hatte – und es ihr Lebensgefährte Sartre gewesen war, der den letzten Anstoß zum Schreiben dieses Jahrhundert-Essays gegeben hatte: „Sie (sind) nicht so erzogen worden wie ein Junge!“, hatte er gesagt. „Das muss man genauer untersuchen.“ Beauvoir ­untersuchte es genauer.

Über ihre Arbeitsmethode beim „Anderen Geschlecht“ schrieb sie Jahre später in „Der Lauf der Dinge“: „Als ich von mir sprechen wollte, merkte ich, dass es sich nicht umgehen ließe, die Lage der Frau zu schildern. Zuerst untersuchte ich die Mythen, welche die Männer in der Kosmologie, in der Religion, im Aberglauben, in der Ideologie, in der Literatur geschaffen haben. (…) In jedem Fall tritt der Mann als Subjekt auf und betrachtet die Frau als Objekt, als das Andere (…). Aus der Geschichte leitete ich einige ­Gedanken ab, die ich noch nirgends ­angetroffen hatte: Ich verknüpfte die ­Geschichte der Frau mit der des Erbrechts, das heißt, sie erschien mir als eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung der Männerwelt (…). Ich habe die Möglichkeiten untersucht, die diese Welt den Frauen bietet, und die Möglichkeiten, die sie ihnen vorenthält, ihre Begrenzungen, ihr Glück und Unglück, ihre Ausflüchte, ihre Leistungen.“

Das Erscheinen vom „Anderen Geschlecht“ löste einen ungeheuren Skandal aus, zunächst in Frankreich, dann weltweit. Beauvoir: „Eines der Missverständnisse, die mein Buch ausgelöst hat, besteht darin, dass man glaubte, ich leugnete jeden Unterschied zwischen Mann und Frau. Ganz im Gegenteil. Beim Schreiben wurde mir klar, was die Geschlechter trennt. Ich behauptete lediglich, dass diese Verschiedenheiten nicht natur-, sondern kulturbedingt sind.“

Ihr Werk löste einen unge-
heuren Skandal aus

Im zweiten Teil, in der „Gelebten ­Erfahrung“, spricht sie tabulos über Sexualität und Mutterschaft. Letztere ist für Beauvoir „kein schöpferischer Akt“, sondern ein „körperlicher Vorgang“. Im vorletzten Kapitel, den „Rechtfertigungen“, geißelt sie scharf die Kollaboration von Frauen im Patriarchat via Identifikation mit Unterwerfung und Schmerz, also den weiblichen Masochismus. Das Finale, „Die unabhängige Frau“, ist eine mitreißende, strahlende Vision von der Gleichheit der Geschlechter.

Es ist erstaunlich und erschreckend zugleich, dass Simone de Beauvoirs Worte klingen, als seien sie eben erst geschrieben worden. Treten wir Frauen also auf der Stelle? Oder war Beauvoir eine so visionäre Vordenkerin? Beides trifft wohl zu.

Alice Schwarzer

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