Mit fliegenden Haaren

Zahra Mahyari lenkt Güterzüge mit bis zu 30 Waggons durch Deutschland.
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Dass ein einzelner Mensch so viel Materie bewegen kann, begeistert Zahra Mahyari jeden Tag aufs Neue. Sie lenkt Güterzüge mit bis zu 30 Waggons durch ganz Deutschland. Sie liebt das Leben „auf der Schiene“, wie sie sagt, vielleicht auch, weil sie damit ihr eigenes Leben aufs richtige Gleis gesetzt hat.

Mit 21 Jahren wird Zahra im Iran von ihrer strenggläubigen Familie zwangsverheiratet, sie bekommt eine Tochter. Sechs Jahre hält sie die „Ehe“ aus, ihr Wunsch auf Scheidung wird nicht akzeptiert, nicht von ihrem Ehemann, schon gar nicht von ihrer eigenen Familie. Als ihr Leben unerträglich wird, flüchtet sie 2014 mit ihrer sechsjährigen Tochter nach Deutschland. „Ich wollte ein anständiges Leben für uns, eines in Freiheit“, sagt die heute 40-Jährige mit fester Stimme.

Mutter und Tochter landen in einer Geflüchteten-Unterkunft bei Königswinter. Zahra, die von Beruf eine ausgebildete Religionslehrerin ist, legt ihr Kopftuch ab, bricht mit ihrer Herkunftsfamilie, ihrer Religion und alle Brücken in die Heimat ab. Sie meldet ihre Tochter in der Grundschule in Stieldorf an, übernimmt Gelegenheitsjobs und macht einen Deutschkurs. Kurzzeitig werden Mutter und Tochter obdachlos, ihnen wird die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. Sie kommen bei Nachbarn unter. MitarbeiterInnen des „Forums Ehrenamt“ greifen ihnen unter die Arme. Der Gitarrenlehrer der Tochter, der von ihrem Talent begeistert ist, hilft ihnen schließlich, eine kleine Wohnung in Königswinter zu finden.

Zahra will ein „solides“ Leben. Im Deutschkurs drückt ihr jemand einen Flyer in die Hand. „Triebfahrzeugführer gesucht!“ Sie mag Züge, fährt gern selbst damit. Und sie sagt: „Ich wollte einen richtigen Job, der gut bezahlt wird, der Verantwortung bedeutet und in dem ich meinen eigenen Raum habe. All das habe ich im Güterverkehr gefunden. Da bin ich meine eigene Chefin.“

Sie bewirbt sich, wird eine von 130 AbsolventInnen eines Integrationsprogramms der NRW-Bahnbranche. Während der einjährigen Ausbildung ist sie die einzige Frau in der Klasse. „Was willst du hier als Frau?“ fragen ihre deutschen Mitschüler, „du bist doch viel zu schwach, um einen Güterwaggon abzukuppeln!“, glauben sie. „Ich habe schon gegen ganz andere Frauenbilder gekämpft“, lacht Zahra – und besteht die Prüfung als Jahrgangsbeste.

Schon einen Tag nach der Prüfung startet ihr Job als Lokführerin. Wenn sie in der Führerkabine sitzt, ist sie hochkonzentriert, hat immer das Gleisbett im Blick. Anfangs schauten Gleisarbeiter manchmal ungläubig, wenn Zahra mit ihrem Güterzug anrauschte, mittlerweile grüßen sie sie freundlich. Hilfe beim An- und Abkoppeln der Waggons braucht Zahra übrigens nicht.

„Frauen sind so stark wie Männer“, sagt die Deutsch-Iranerin, „Wir müssen uns diese Männerdomänen erobern und uns insgesamt mehr zutrauen!“ Den Willen dazu hat sie auch an ihre Tochter
weitergegeben. Die hat es nicht nur aufs Gymnasium geschafft, sondern hat 2021 auch den ersten Preis bei „Jugend musiziert“ für Gitarre abgeräumt. Der Apfel …

Ob Zahra ihre Heimat nicht doch manchmal vermisst? „Nein, nein“, sagt sie entschieden, schon gar nicht mit Blick auf die aktuellen Ereignisse im Iran. „Es ist furchtbar. Wie viele Frauen müssen denn noch sterben? An der Freiheit der Frau sieht man, was mit einem Land los ist!“

Zahra will nicht zurückblicken, sondern nach vorn, auf „ihre Schiene“. „Deutschland ist unsere Heimat geworden, hier leben wir in Freiheit und sind glücklich. Meine Tochter hat ein sicheres Leben, wird sich ebenfalls um einen vernünftigen Job bemühen. Vielleicht können wir uns irgendwann eine eigene Wohnung kaufen oder ein kleines Häuschen. Das wäre mein Traum.“ Nur eines funktioniert im Iran ihrer Meinung nach besser: „Die Bahn ist dort pünktlich“.

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