SEXUALITÄT & IDENTITÄT
Sind Frauen masochistisch?
Es haben sich viele Kontroversen daran entzündet, ob der Masochismus eine typisch weibliche Eigenschaft sei. Im Zusammenhang mit männlicher Gewalt gegen Frauen, im besonderen der sexuellen Vergewaltigung von Frauen, ist oft die Behauptung aufgestellt worden, die Frauen seien an solchen Handlungen selbst schuld, sie würden - aufgrund ihrer masochistischen Wünsche nach sexueller Unterwerfung - die Gewalttätigkeit der Männer geradezu herausfordern.
Wie dann Prozesse aussehen, in denen über Vergewaltigung an Frauen zu Gericht gesessen wird, darüber ist in EMMA wiederholt berichtet worden. Es ist auch bekannt, welchen Demütigungen und Verdächtigungen in der Regel Frauen ausgesetzt sind, wenn sie sich nach einer Vergewaltigung dazu entschlossen, Anzeige zu erstatten. Deshalb bleiben Vergewaltigungen in den meisten Fällen ununtersucht und ungesühnt.
Die Glaubwürdigkeit der Frauen wird oft um so mehr in Frage gestellt, je betroffener sie auf erniedrigende Untersuchungsmethoden reagieren. Unerschüttert halten nach wie vor die meisten Männer an der Meinung fest, die Frauen provozierten durch ihr Verhalten ihre eigene Vergewaltigung. Auch an der generellen Gewalttätigkeit mancher Männer Frauen gegenüber wird ihnen nicht selten die Schuld zugeschoben.
Freuds Theorie
Schon Freud - so heißt - es habe dargestellt, dass die Frauen typischerweise Phantasien entwickeln, in denen sie lustvoll erleiden, von Männern vergewaltigt zu werden. Es ist wahr, in der Psychoanalyse ist oft die Theorie vertreten worden, dass Frauen von Natur aus masochistisch seien, das heißt eine Tendenz zur Selbstquälerei und zur Lust am Leiden zeigten. Freud meinte, dass Erziehung, Haltung der Gesellschaft und psychische Folgen ihres biologisch-anatomischen Schicksals eben der Frau gar nichts anderes übrig ließen, als die Aggression gegen sich selbst zu wenden und dabei masochistische Leidenslust zu entwickeln. Darüber hinaus sei ihr Masochismus die Vorbedingung dafür, dass sie den Geschlechtsverkehr überhaupt genießen könne.
Diese Behauptungen zeigen, dass Freud in seiner Zeit sich nicht genügend klar vorstellen konnte, wie tiefreichend gesellschaftliche Verhältnisse, speziell sexuelles Verhalten der Geschlechter zueinander, sich ändern können. Inzwischen wurden die "typisch masochistischen" Verhaltensweisen der Frauen als psychische Verarbeitungen von pathologischen sozialen Verhältnissen erkannt.
Noch für Helene Deutsch, eine bekannte Psychoanalytikerin der 30er und 40er Jahre, die mehrere Bücher über die weibliche Psychologie schrieb, war es selbstverständlich, dass der Masochismus eine spezifisch weibliche Eigenschaft sei, die der Frau zu ekstatischen Erlebnissen verhelfe. Konsequenterweise bezeichnete sie den Akt des Gebarens dann auch als masochistische Ekstase, als den Höhepunkt im Leben der Frau, für den sie gern jede andere kreative Betätigung aufgebe.
Der Masochismus wurde in der Psychiatrie zunächst als Perversion verstanden, in welcher die sexuelle Befriedigung an Schmerz und Demütigung gebunden ist. In der psychoanalytischen Theorie fand eine Erweiterung dieses Begriffes statt. Er umfasste jetzt auch den sogenannten "moralischen Masochismus", in ihm lösen unbewusste Schuldgefühle das Bedürfnis nach Strafe aus. Das führt dazu, dass ein moralischer Masochist die Tendenz zeigt, sich in für ihn ungünstige Situationen zu bringen. Er neigt dazu, sich selbst zu schaden.
Mit dem Ausdruck "femininer Masochismus" schließlich bezeichnete Freud eine Haltung, in der sich das Bedürfnis nach Geschlagen- und Vergewaltigtwerden im erotischen Sinne mit einer Neigung zur Unterwürfigkeit und zum mehr oder weniger demonstrativen passiven Erdulden verbindet. Diese Form des Masochismus als feminin zu bezeichnen, ist wiederum Ausdruck eines typischen Vorurteils, denn die klinische Erfahrung lehrt, dass sie auch beim Mann anzutreffen ist. (Dieser Widerspruch wurde übrigens durch die Theorie der Bisexualität erklärt, von der man annahm, dass sie bei der psychischen Entwicklung aller Menschen eine Rolle spielt.)
Nur: Bei der Frau wurde Masochismus als natürlich angesehen, beim Mann galt er als Perversion.
Den praktizierenden Psychoanalytikern begegnen bei Frauen nicht selten Vergewaltigungsphantasien, die für sie sexuell stimulierend sind. Die genauere Beobachtung hat jedoch gezeigt, dass es sich dabei um qualitativ unterschiedliche Vorgänge handelt; denn die real erlebten Vergewaltigungen werden so gut wie nie als lustvoll empfunden. Sie ziehen häufig bleibende psychische Schäden nach sich.
Phantasierte und real erlebte Vergewaltigung lassen sich einander nicht gleichsetzen. Phantasien über sexuelle Vergewaltigungen sind weder so brutal wie die Wirklichkeit, noch so einfühlungslos wie diese. Sie machen auch im Gegensatz zur tatsächlichen Vergewaltigung nicht hilflos, im Gegenteil. Wer phantasiert ist kein Opfer, er ist Schöpfer und Beherrscher der Situation, die er phantasiert. Das heißt: eine Frau, die Vergewaltigungen phantasiert, wünscht sich deswegen noch lange nicht real, auch vergewaltigt zu werden!
Soziale Fesselung
Die Tatsache, dass masochistische Phantasien so zahlreich bei Frauen anzutreffen sind, muss auf ihre jahrhundertelange soziale und familiäre Fesselung zurückgehen. Nur in Gesellschaftsordnungen, in denen die Herrschaft des "starken" Mannes als Naturgesetz unbefragt hingenommen wurde, konnten Vorstellungen von der Eroberung und Überwältigung sich wehrender Frauen als sexuell besonders anregend wirken und sich entsprechend auch in den Phantasien und Verhaltensweisen beider Geschlechter niederschlagen.
Gegen die Verinnerlichung und die damit verbundene Hilflosigkeit solcher gesellschaftstypischen Haltungen konnten sich die Frauen oft nur zur Wehr setzen, indem sie wie mancher Schriftsteller - mit Hilfe der Phantasie aus passiv unterdrückten Wesen zu aktiven Schöpferinnen ihres Leidens wurden.
Moralischer Masochismus
Übertrieben sich aufopferndes Verhalten - zum Beispiel die Frau als demütige Dienerin etc., die Neigung, als Mutter für alle in der Familie stets "da zu sein", wodurch die übrigen Familienmitglieder unselbständig und infantil bleiben solche Haltungen oder Charakterzüge sind die Konsequenz falscher Ideale, wie sie der Frau unserer Kultur seit Jahrhunderten aufgezwungen worden sind. Letztlich haben sie ihr aber mehr Verachtung als Bewunderung eingetragen. Sie stellen generationenalte Identifikationsketten dar, die so leicht nicht zu durchbrechen sind.
Der Kampf um neue Ich-Ideale ist darum unvermeidbar. Die Frauen müssen sich um Bewusstmachung stereotyper masochistischer Verhaltensweisen bemühen, wie die, sie seien von Natur aus, besonders den Männern unterlegen, besonders intellektuell.
Die Psychoanalytikerin Anni Reich spricht dann von einer narzisstischen Objektwahl, wenn bei Frauen, die zu einer starken unbewussten Überschätzung alles Männlichen neigen, der Mann ihrer Wahl das Gefühl eines eigenen Mangels beheben soll. Die Trennung von einem Partner, der eine Ergänzung des als mangelhaft empfundenen eigenen
Ich darstellt, kann nur als unerträglich empfunden und muss deshalb mit allen Mitteln verhindert werden. Die ökonomische Abhängigkeit, unter der die Frau in unserer Gesellschaft besonders dann leidet, wenn sie Kinder hat oder in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit als erste ihre Stellung verliert, wird durch solche psychische Abhängigkeit vom Mann oft ins Unerträgliche gesteigert.
Wenn Ehescheidung nicht nur ökonomische und gesellschaftliche Unsicherheit bedeutet, sondern darüber hinaus quasi als Selbstverlust erlebt wird, muss eine Frau sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern. Masochistische Verhaltensweisen sind dann die unausweichlichen Folgen.
Das unbewusste Strafbedürfnis des moralischen Masochisten, der die Neigung hat, für ihn schädliche Situationen herzustellen, finden wir bei beiden Geschlechtern in gleichem Maße. Seine Wurzeln sind in der frühen Kindheit zu suchen. Insbesondere die als allmächtig empfundene Mutter der ersten Kinderjahre wird für unvermeidbare Enttäuschungen verantwortlich gemacht. Die Abhängigkeit von ihr wird als Unterdrückung erlebt, weshalb sie entsprechend Gehasst wird.
Da sie aber gleichzeitig geliebt wird und man in hohem Maße innerlich von ihr abhängig geblieben ist, muss der Hass verdrängt werden. Als Reaktion darauf entwickeln sich angstvolle Schuldgefühle. Sie tauchen als Strafbedürfnis im Leben des moralischen Masochisten wieder auf.
Die als sexuell lustvoll erlebten Vergewaltigungs-, Unterwerfungs- oder Erniedrigungsphantasien haben eine andere psychische Funktion. Sie sind, wie es schon dargestellt wurde, ein Versuch, auf initiative Weise bisher passiv erlittene Befehlssituationen in kontrollierbare Situationen zu verkehren und aus Unlust Lust zu machen. Hilflosigkeit wird schrittweise überwunden, indem die Phantasien dem Ich, der eigenen Kontrolle unterstehen.
Die Rollenerwartungen der Frau haben sich im Laufe dieses Jahrhunderts wesentlich geändert. Für Freud, der glaubte, dass das kleine Mädchen als Ersatz für seine genitale Minderwertigkeit ein Kind vom Vater wolle, war es noch selbstverständlich, dass der Wunsch nach sexuellem Verkehr und der Wunsch nach einem Kind zusammengehörten.
Auch den Psychoanalytikern wurde zunehmend klar, wie groß die Lern- und Wandlungsfähigkeit der Triebe ist. Sie werden in unserer Gesellschaft erst durch die Interaktion von Mutter und Kind strukturiert. Die Destruktivität, sei sie nun gegen die eigene Person oder gegen andere gerichtet, ist wie die Liebesfähigkeit von der Qualität früher mitmenschlicher Beziehungen abhängig, die wiederum durch gesellschaftliche Rollenerwartungen und durch zeitspezifische Erziehungsmethoden und Idealvorstellungen geprägt sind.
Zeitbedingter Wandel
Auch die klinischen Erfahrungen zeigen, dass die masochistischen Verhaltensweisen der Frau wie ihre hysterischen Symptome einem zeitbedingten Wandel unterworfen sind. Sie stellen komplizierte psychische Antworten auf gesellschaftliche Bedingungen und den ihnen entsprechenden Erziehungsmethoden dar und sind keine angeborenen "typisch weiblichen" Charaktereigenschaften.
In der masochistischen Aufopferungshaltung der Frau ein weibliches Idealbild zu sehen, wie uns traditionelle Wertnormen glauben machen wollen, ist absurd. Für Psychologen ist es klar, dass es einen psychischen Masochismus ohne die andere Seite der Medaille, den psychischen Sadismus, nicht geben kann. Jeder einigermaßen sensible Mensch wird den weiblichen Masochismus deswegen eher als abschreckend empfinden und unter den Schuldgefühlen leiden, die ihm durch solche Aufopferungs- oder Demutshaltungen aufgezwungen werden.
Über die Sensibilität des Durchschnittsmannes unserer Gesellschaft sollte man sich jedoch keine Illusionen machen. Für ihn ist es nach wie vor selbstverständlich, dass die Frauen ihre eigenen Interessen zurückstellen und Mann und Familie dienen. Den Befreiungsversuchen der Frau steht er im besten Fall hilflos, meist aber aggressiv gegenüber.
Margarete Mitscherlich, EMMA September 1977
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