Wahrlich, wir leben in erstaunlichen Zeiten. Selten hatten wir Frauen so viel Grund, stolz zu sein. Stolz auf unser freies Denken und Handeln, auf unsere Einmischung ins Weltgeschehen. Stolz auch darauf, nicht länger Frauen von Männergnaden zu sein, sondern den aufrechten Gang zu gehen. Gleichzeitig aber stehen wir ohnmächtig vor dem eskalierenden Männlichkeitswahn an allen Fronten, ob in Mölln oder Bosnien. Diese Jungs in ihren Springerstiefeln hassen einfach alles, was „anders" ist. Anders als sie, anders als Er. Türken oder Schwarze sind anders für den neudeutschen Herrenmenschen, Juden oder Behinderte, Homosexuelle oder Frauen.
Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den Frauen und all den anderen „Untermenschen" - wir Frauen sind den Herrenmenschen nahe: wir teilen als Mütter, Schwestern oder Geliebte ihr Leben. Und trotzdem trifft uns derselbe, ja sogar ein noch größerer Hass. Die deutsche Bilanz 92: Rund ein Dutzend Fremdenhass-Morde - und Empörung darüber. Plus einige hundert Frauenhass-Morde (meist Sexualmorde genannt) - und Schweigen darüber. Fremdenhass ist heute in aller Munde, Frauenhass wird als solcher noch nicht einmal wahrgenommen, ist bisher keine politische Kategorie. Der Frauenhass ist die Mutter allen Hasses. Auf diesem früh eingeübten und alltäglich gelebten Hass vor der fremden Nächsten wuchert der Hass vor allem Anderen. Warum sollte der Herrenmensch nicht auf Fremden herumtrampeln, wenn er gewohnt ist, seine Nächsten unterm Stiefel zu haben? Wer Frauen schlägt, der schlägt auch Fremde. Frauenhass und Fremdenhass haben mehr als eine Wurzel: der eine baut auf dem anderen auf. Es ist der Wahn, etwas Besseres zu sein als der/die Andere. Es ist der Wahn, Herr zu sein über Leben und Tod. Es sind Faustrecht, Enthemmtheit und Rammelroutine. Vollgestopft bis an die Haarwurzeln mit sexistischen und rassistischen Parolen und zugedröhnt mit Gewalt/Porno-Videos ziehen sie los: Jeder einzelne eine tickende Zeitbombe.
Doch dass der pathologische Frauenmörder von Beelitz auch Hitlers Geburtstag zu feiern pflegt, hält der „Spiegel" auf fünf Seiten noch nicht einmal für erwähnenswert. Dass die Jungs in den Springerstiefeln sogar die Mädchen in ihren eigenen Reihen vergewaltigen -wird nur in Boulevardblättern berichtet. Und dass in Bosnien erstmals nicht etwa marodierende Fremde die Frauen in Vergewaltigungslagern internieren, sondern ehemalige Schulkameraden und Nachbarn sie zum Foltern aus den Häusern zerren - das wird nur wie zufällig erwähnt.
Es passt in dieses Klima, wie eine Handvoll Dunkelmänner in Karlsruhe es wagt, die so zäh und so demokratisch beschlossene 218-Reform zu stürzen -und damit Frauen auch für die Zukunft eines der elementarsten Menschenrechte abzusprechen: eine selbstgewählte Mutterschaft. Und das ausgerechnet in Deutschland - dem Land, das vor gar nicht so langer Zeit für Abtreibung noch mit Todesstrafe drohte und für Geburten Mutterkreuze verlieh. Wahrlich, wir leben in erstaunlichen Zeiten. Trotz Arbeitslosigkeit und dank Feminismus waren im Westen Deutschlands noch nie so viele Frauen berufstätig wie heute (im Osten ist das leider umgekehrt). Sogar der Ruf nach Quoten wird laut, wenn auch von einer Männermehrheit verächtlich belächelt. Gleichzeitig aber steigt die Sexualgewalt, und ihre Propagierung, die Pornographie, dringt via TV in alle Wohnzimmer.
Jedes dritte Mädchen Opfer sexuellen Missbrauchs, jede dritte Frau Opfer von Vergewaltigung - die subtileren Übergriffe, die Demütigung durch Blicke und Worte nicht gezählt. Ja wer will sich denn da wundern über Hass und Gewalt gegen Fremde, wenn die Demütigung der Nächsten so selbstverständlich ist? Aber vielleicht leben wir ja auch gar nicht in erstaunlichen Zeiten. Vielleicht greifen die verunsicherten Männer gerade wegen des steigenden Selbstbewusstseins der „Anderen" zum bewährten Mittel der Gewalt, um ihre so liebgewordene Herrschaft nicht zu gefährden. Und vielleicht sind die gröhlenden Jungmänner in Springerstiefeln nur das sichtbare Ende einer langen Kette von Männermacht, an deren Anfang wie immer die Schreibtischtäter sitzen. Diese neue EMMA gibt Antworten, analysiert Hintergründe und ermutigt zum Widerstand.
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